»Ich habe Euch gestern Nachmittag beobachtet. Als Cohen und Desiderius im Hof gemeinsam übten. Das Duell ging in ein Raufen über, sie lachten, rangelten und küssten sich. Ihr habt zugesehen und gelächelt. Aber verbietet der Glaube nicht die Liebe zwischen zwei Männern? Ich wundere mich schon länger, weshalb Ihr bei uns bleibt, obwohl ich doch in den Augen der Kirche so viel Sünde in meinem Haus zulasse.« Nicht, dass Eagle je vorhätte, es wirklich als Sünde zu sehen. Ehe würde er die Kirche niederbrennen, als Desiderius und Cohen zu verbieten, sich zu lieben, oder es auch nur heimlich als falsch zu empfinden.
»Ich kann mir nicht erklären, wer dieses Gesetz ernannte, und zu welchem Zweck, doch ich bin der festen Überzeugung, dass einvernehmliche Liebe niemals etwas Falsches sein kann.«
Eagle lächelte verkniffen. Er war kein frommer Mann, war er nie gewesen. Sein Glaube an die Götter hatte sich darauf beschränkt, dass er ihre Existenz anerkannte, jedoch nicht ihre Macht über alles was sterblicher Natur war. Deshalb hatte er nie verstanden, wie sich ein ganzes Volk von einer Horde fetter, nach Reichtum gierender Priester zum Massenmord anstiften lassen konnte. Eagle gab offen zu, die Kirche nicht gemocht zu haben, dennoch hatte sein Weg ihn in die Kapelle geführt, als sein Herz innerlich zerrissen war und er einfach nicht mehr weiterwusste. Er verstand mehr denn je, weshalb Sterbliche einen Glauben nötig hatten. Und Alliqua der Mönch, hatte ihm gegeben, wonach sein Herz sich gesehnt hatte. Rat, der ihn tröstete. Dies war es, was ein Glaube ausmachen sollte, nicht der Krieg draußen auf den Feldern.
»Es gibt Hoffnung für uns alle«, hörte er sich sagen. »Hoffnung für die Kirche, Hoffnung für das Land, Hoffnung für die Krone. Alles kann erneuert werden, um im neuen Glanz zu erstrahlen.« Eagle sah sich langsam um und lächelte leicht. »Wie diese Kapelle hier nach zwanzig Jahren wieder erstrahlt.«
Alliqua lächelte bescheiden. »Es ist wohl eher ein schwacher Schimmer.«
»In der Dunkelheit erstrahlt jedes Licht so hell wie der Vollmond in finstere Nacht«, sinnierte Eagle gedankenverloren vor sich hin. Er selbst hatte das Licht seines Lebens noch nicht gefunden, er glaubte aber zu spüren, dass das Licht in seinem Leben die Krone seiner Vorväter sein würde.
»Mein Prinz?«
»Ja?« Eagle sah Alliqua wieder in die Augen. Die Ernsthaftigkeit, die ihm entgegenstrahlte, nahm ihm Atem und Sprache.
»Die Götter haben Euch geschickt«, sagte der Mönch mit einem entschlossenen Nicken, »und sie waren es, die Eure Hand führten, um den Bann von der Armee zu nehmen, damit sie Frieden schaffen kann. Ihr tragt die Schuld für den Tod Eurer Mutter also nicht allein.«
Eagle lächelte amüsiert. »Das hören die Götter gewiss nicht gerne.«
»Wenn sie mich dafür bestrafen, lasse ich es Euch wissen, denn dann hätte ich mich geirrt.«
Tief im Inneren hoffte Eagle, dass dies nicht nur leere Worte waren. Denn wenn das Schicksal es so vorherbestimmte, wer war dann er, es zu hinterfragen?
Ja, er würde bis ans Ende seiner Tage mit der Schuld leben, denn er konnte nicht ändern, seine Mutter ermordet zu haben. Doch wenn es ihm allen Widrigkeiten zum Trotz gelang, Nohva in eine Zeit des Friedens zu führen, war er nicht umsonst zum Mörder geworden. Wenn er ein guter König wurde und sich das Recht zu herrschen verdiente, war dies jeden bezahlten Preis wert gewesen. Er war es Nohva schuldig. Seine Mutter hatte dafür gesorgt, dass es in seiner Pflicht stand, dass zu einen, das sie geholfen hatte, zu spalten.
Er atmete tief durch, spürte, wie ein Teil der Last, die ihn seit Wochen niederdrückte, von ihm abfiel, gerade genug, damit er damit aufrecht stehen konnte, und klatschte die Hände auf die Schenkel. »Nun denn, es ist spät, ich möchte Euch nicht vom Schlafen abhalten. Gewiss habt ihr viel zutun, als einziger Mönch unter Zweiflern.«
Alliqua stand ebenfalls auf und verneigte sich kurz vor Eagle. »Es war mir eine Freude, mit Euch zu sprechen, Eure Hoheit. Ich habe stets ein offenes Ohr – und gelegentlich einen mehr oder weniger hilfreichen Rat für Euch. Zögert nicht, mich aufzusuchen. Dafür schloss ich mich Euch an.«
Eagle lächelte dankbar. »Ihr habt mir aufgeholfen, als ich gerade am Boden lag. Ich danke Euch dafür. Jetzt muss ich aber gehen und versuchen, Schlaf zu finden. Ihr ahnt ja nicht, welch erbarmungsloser Kampflehrer unser Cohen sein kann. Ich kann nur hoffen, schnell Schlaf zu finden, sonst werde ich morgen ein ungenügender Schüler sein.«
Alliqua schmunzelte zurück. »Ich hörte, die kleine Schenke bei den Mannschaftsunterkünften bereitet einen recht wirkungsvollen Schlaftrunk zu, mein Prinz.«
»Danke für den Rat, Freund«, lachend und kopfschüttelnd ging Eagle an dem seltsamen Mönch vorbei, »doch Wein finde ich auch in meiner Küche.«
»Aber auch Gesellschaft?«
Eagle drehte sich verwundert zu Alliqua um, der die Augenbrauen vielsagend hochzog.
»Lasst nicht zu, dass die Schuld Euch in Einsamkeit zurücklässt «, sagte der Mönch. »Freundschaft und Liebe ist für den Einsamen wie der warme Honig für eine wunde Kehle.«
Eagle atmete kopfschüttelnd aus. »Wenn Ihr hier noch vor unserer Abreise eine Vermählung erhofft zu feiern, muss ich Euch bitter enttäuschen. Es gibt viele schöne Frauen hier, gewiss, und viele würden ihr Leben geben, um auch nur eine Nacht meine Frau sein zu dürfen, doch die Liebe fand ich bisher noch nicht. Es scheint nicht für mich vorgesehen, die wahre Liebe zu finden. Das überlasse ich meinen Freunden – und freue mich für die beiden, selbst wenn wir alle gelegentlich zwei Kissen über den Ohren brauchen, um ihre Liebe zu ertragen.«
Der Mönch lächelte nicht über Eagles Scherze. Er sah den jungen Erben ernst in die Augen und erwiderte nachdenklich: »Vielleicht habt ihr in den falschen Ecken gesucht, mein Prinz, oder Eure Augen waren zu fest verschlossen. Es gibt für jeden die wahre Liebe, vielleicht ist Euch Eure Zukünftige noch nicht begegnet, aber der Tag wird kommen.« Plötzlich lächelte er, als käme ihm ein Gedanke, der durchaus Sinn für ihn ergab. »Oder Eure Frau ist noch nicht erblüht.«
»Ich bevorzuge meine … Liebschaften in meinem Alter«, lehnte Eagle sofort ab. Die Vorstellung, seine zukünftige Gattin wäre zu diesem Zeitpunkt noch ein Kind, behagte ihm nicht. Was sollte er mit einem Kind anfangen? Er wünschte sich eine starke, kluge und schöne Frau. Bisher hatte keine Frau, die er verführen konnte, genug Charme, um ihn zu verzaubern. Sein Problem war vielleicht auch, dass er eine zu genaue Vorstellung von seiner Zukünftigen hatte. Sie sollte nicht nur liebende Ehefrau sein, sondern auch seine engste Freundin, seine Gefährtin, Partnerin, Kameradin, Seelenverwandte. Er wollte die Liebe, wie Desiderius und Cohen sie hatten. Er wollte diese stillen und tiefen Blicke, die keiner Worte bedurften. Er wollte diese Leidenschaft, die alles verbrannte. Wollte tiefes Vertrauen, im Kampf und in Friedenszeiten. Eagle wollte mehr als eine gewöhnliche Gattin, er wollte eine Frau, die ihn verstand, und an die er sich lehnen konnte, wenn er, so wie in jener Nacht, verzweifelte.
Doch solch eine Frau gab es nicht für ihn. Das stimmte ihn nachdenklich. Selbst ein unsympathischer Barbar wie Großkönig Melecay hatte die Liebe seines Lebens gefunden. Vielleicht lag es allein an Eagle, dass es mit der Liebe nicht klappen wollte.
Wieder frustriert drehte er sich um und ging aus der Kapelle, wissend, dass er auch die nächsten Jahre allein im Bett verbringen würde. Er tröstete sich damit, dass er vermutlich so viel an Arbeit hatte, dass es ihm nicht auffallen würde. Und lieber war er allein, als einer dieser Könige zu sein, der eine viel zu junge Frau zur Gattin nahm. Was brachte ihn ein gebärfreudiger Körper, wenn er mit der Dame nichts gemein hatte. Er unterhielt sich nun mal gerne, und bezweifelte, dass er durch mehrere Jahrzehnte Altersunterschied viel mit einer jüngeren Frau zu bereden hatte.
Читать дальше