Auch die Suche nach Wahrheit und Sinn ist meine Sache nicht, dafür könnt ihr aber eine Menge über den gezielten Einsatz alkoholischer Getränke von mir lernen.
Um euch ein Bildvon meiner Person zu machen und in der Hoffnung, bei euch damit ein wenig Verständnis für meine Bahnfahrliebhaberei zu erzeugen, sollte ich euch noch schildern, wie ich später auch in beruflicher Hinsicht mit viel Umsicht und etwas Cleverness jedes Ziel zu meiden suchte.
Doch vorher genehmige ich mir eine kleine alkoholische Stärkung. Dazu müsste ich euch vielleicht noch erklären, dass ich in vielfältigen Selbstversuchen herausgefunden habe, dass der Genuss von Alkoholika einerseits eine stärkende Wirkung hat, andererseits aber auch sehr geeignet ist, den menschlichen Geist in der Vermeidung von Zielsetzungen jedweder Art zu unterstützen. Pharmazeutisch gesprochen kann Alkohol (wenn richtig, also mit mannhaftem Schluck dosiert) auch als Nahrungsergänzungsmittel bezeichnet werden - steht genügend zur Verfügung, könnte man auch von einem Nahrungsersatzmittel sprechen.
Eine dritte, mir jedoch weitgehend unangenehm erscheinende Wirkung mancher prozenthaltiger Getränke, liegt in der Unterstützung bei Grübeleien und Sinnsuchen verschiedenster Art (Sinn der Arbeit, Sinn der Liebe, Sinn des Lebens, Sinn von Bausparverträgen …). Da ich jede Sinnhaftigkeit genauso wie alle Arten von Zielen konsequent ablehne, ist mir dieser Effekt des Alkohols höchst unangenehm. Aber fatalerweise kann es schon mal bei einer unbedachten Verkostung dazu kommen, dass es nicht zu der erwünschten Wirkung der Stärkung und Zielvermeidung kommt, sondern dass sich plötzlich quasi durch die Hintertür des Hirns sinnsuchende Gedanken einschleichen. Dann ist höchste Wachsamkeit angesagt!
Als sofortige Gegenmaßnahme ist ein beherztes Wegspülen mit Hochprozentigem unbedingt und ohne Zeitverzögerung angezeigt. Dabei darf in dieser Notsituation auf persönliche Geschmackspräferenzen keine Rücksicht genommen werden – egal was gerade greifbar ist, ob Weinbrand, Wodka oder Jägermeister, in dieser akuten Gefahrensituation ist jedes Mittel recht, sofern es in ausreichender Menge zur Verfügung steht.
Hat sich dann eine ausreichend stabile alkoholinduzierte Immunität gegen Sinnfragen jedweder Art eingestellt, ist eine gründliche Ursachenforschung angezeigt. Welches Getränk erzeugte diese fatale unerwünschte Nebenwirkung? Aus akribisch geplanten und durchgeführten Versuchsreihen habe ich den Schluss gezogen: hütet euch vor Rotwein! Ganz besonders vor dem französischer Provenienz. Jedes Getränk soll mir recht sein, der stärkende Obstler genauso wie das gelassen machende Starkbier, der milde stimmende Weinbrand wie der fidele Jagertee – aber um Gotteswillen, lasst die Finger vom Rotwein! Er macht euch zu Sinnsuchern, er benebelt euren Geist derart, dass ihr nicht davor zurückschrecken werdet, den Sinn eurer Ehe oder von Bundestagswahlen verstehen zu wollen. Wenn ihr dem Roten verfallt, werdet ihr mit dem Sinnsuchen nicht eher aufhören, bis ihr in der Gosse oder in einem Vereinsvorstand landet.
Ihr merkt, dass ich mich langsam selbst in Rage schreibe – dabei ist das eigentlich das Letzte, was ich möchte. Gut, dann also von mir aus: trinkt was ihr wollt, ich werde euch sowieso nicht daran hindern können und manche Erfahrung muss wahrscheinlich jeder selbst machen, ist nicht mein Problem. Ich für meinen Teil werde mich jetzt erstmal mit einer Flasche Doppelbock erden. Diese kleine Achtsamkeitsübung hat mir schon so manches Mal geholfen, der Macht der überschäumenden Emotionen einen Riegel vorzuschieben.
Ich gehe zum Kühlschrank, nehme eine gut gekühlte Flasche, schenke mir das erste Glas ein, nehme einen Schluck und schon stellt sich augenblicklich die gewünschte Gelassenheit ein. Wie albern war es, euch von der schädlichen Wirkung des Rotweins überzeugen zu wollen. Niemanden will ich von nichts überzeugen (oder war das jetzt eine doppelte Verneinung? – aber ich denke ihr seid intelligent genug, dass ihr schon wisst, was ich sagen möchte), denn eins ist nun mal klar und für den hellsichtigen Geist unbestreitbar: jeder Überzeugungsarbeit haftet unweigerlich der üble, ja pestilenzartige Beigeschmack von Sinn und Ziel an.
Nein, das Überzeugen ist meine Sache nicht. Ich möchte nur ganz schlicht von meinen Beobachtungen und Erfahrungen berichten und zwar ausschließlich deshalb, weil es mir Freude macht. Es bereitet mir einfach viel Vergnügen, wenn ich daran denke, wie ihr mit weit geöffneten Augen und Ohren meine Berichte lest und mit gerötetem Hals und weichen Knien merkt: so hängt das also in Wahrheit alles zusammen – und ich dachte immer das wäre alles ganz anders .
Ja, die Wahrheit ist manchmal wie ein fetter Schweinsbraten, man stopft und stopft gierig davon in sich hinein, kann gar nicht genug bekommen und muss sich erbrechen. Ist dann auch das letzte Stückchen Wahrheit wieder hinausgewürgt, geht es einem besser. Man fühlt sich leichter und unbeschwert, nimmt sich vor, dass einem das sobald nicht wieder passieren soll, das mit der Wahrheitsschlingerei. Denn ohne diese schwer verdauliche Kost lebt es sich doch entschieden leichter.
Wo ich gerade von dem leidigen Thema Wahrheit spreche, fällt mir ein, dass diese sich bisweilen geradezu penetrant aufdrängt, auch wenn man eigentlich wenig Interesse an ihr hat. Ich werde euch dazu in der nächsten Folge noch eine ganz erstaunliche Begebenheit erzählen – und seid bitte nicht ungeduldig, in Kürze wird auch unsere Bahnfahrt beginnen. Da fällt mir noch etwas ein: von meinem beruflichen Werdegang wollte ich euch eigentlich in dieser Folge berichten, aber so kann es gehen, kaum hat man sich ein Ziel gesteckt, hat man es auch schon wieder vergessen. Jedoch aufgeschoben ist nicht aufgehoben, darüber werde ich später noch Außerordentliches zu berichten wissen!
Über die Unheil stiftende Wirkung der Wahrheit am Beispiel eines schönheitschirurgischen Eingriffes.
Wie angekündigt nun alsonoch rasch eine Anekdote zum leidigen Thema Wahrheit , die mir eine Dame während einer Bahnfahrt von Szolnok nach Debrecen erzählte. Für die geografisch Ungebildeten: die Orte liegen in Ungarn – aber den Geografiebanausen unter euch dürfte das leider wie alle interessanten geografischen Zusammenhänge ziemlich Wurscht sein. Und so möchte ich die Tatsache, dass es eine ausgezeichnete Wurstspezialität, die nach dem Ort Debrecen benannt ist, auch gar nicht erwähnen und Wissenswertes über Szolnok werdet ihr von mir auch nicht erfahren.
Dieser Dame, sie war vielleicht Mitte der Dreißiger und zierte durch ihr gefälliges Aussehen jedes noch so muffige Zugabteil, dieser Dame also hatte sich die Wahrheit einmal mit einer derartigen Penetranz aufgedrängt, dass auch ihr sagen werdet: das ist ja schier unglaublich!
Sie lebte wie leider viele Zeitgenossen in dem Wahn, dass sie ihren Körper durch chirurgische Eingriffe perfektionieren lassen sollte, um so eine noch liebreizendere Erscheinung abzugeben. Insbesondere ihr Steiß war ihr ein Quell dauernden Verdrusses. Kurz, sie hielt ihn für eindeutig überdimensioniert. Auch der Hinweis eines katholischen Geistlichen, dass unser Schöpfer hin und wieder mal einen sehr freigiebigen Tag hat und beherzt in die Kiste mit Modelliermasse greift, um große Brüste, dicke Hintern oder üppige Wampen zu erschaffen und so die Artenvielfalt auf der Erde ein wenig aufzupeppen, war ihr kein Trost.
Nein, der Umfang ihres Arsches (verzeiht die Ausdrucksweise, aber so nannte sie den ungeliebten Körperteil) musste um jeden Preis reduziert werden. Also suchte sie einen sogenannten Schönheitschirurgen auf und schilderte diesem ihr Anliegen. Der Mediziner nahm das Objekt des Anstoßes in Augenschein, schaute den Steiß aus allen möglichen Perspektiven an, vermaß beide Backen, unangenehmerweise auch den Spalt zwischen diesen, machte sich Notizen, zog Tabellen zu Rat, stellte komplizierte Berechnungen an, bat die Dame einige Schritte durch den Raum zu machen, um die dynamische Wirkung ihres Hinterns zu prüfen und kam schließlich nach gut einer halben Stunde zu einem verblüffenden Ergebnis.
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