1 ...7 8 9 11 12 13 ...53 Er holte tief Luft und maß beide Männer mit einem Blick, der sie erstarrten ließ. »Ich stelle Euch hiermit unter den Schweigeschwur. Kein Wort wird diesen Raum verlassen, weder von Euch, Vater Peadar, noch von Euch, Strahan. Wir werden nicht zögern, jeden zu töten, der uns verrät. Das meine ich ernst, und Ihr werdet auch gleich erfahren, warum.« Currann hatte sich, ohne es zu merken, von Siri entfernt und vor den beiden Männern aufgebaut. Sie wichen vor ihm zurück, aber nur solange, bis Currann zu sprechen begann.
»Die Königskinder sind nicht tot. Sie wurden in Sicherheit gebracht. Jemand hat versucht, die Königsfamilie auszulöschen.«
»Was sagt Ihr da?« Peadar rutschte das rote Buch aus den Händen. Es fiel mit einem lauten Knall zu Boden. Er starrte Currann fassungslos an.
»Es ist wahr.«
Strahan mochte ihm nicht glauben, obwohl sein Bruder in seinem Brief bereits so etwas angedeutet hatte. »Was habt Ihr mit der ganzen Sache zu tun?«
Currann wandte den Kopf in seine Richtung. »Wir haben ihre Flucht gedeckt. Ihre Verfolger stammten aus den Reihen des Einen Tempels, und wir haben sie besiegt. Deshalb suchen sie nach uns.« Die beiden Männer wechselten einen schnellen Blick. Wieder hatte Currann das Gefühl, dass auch sie einiges zu verbergen hatten. »Ich sehe, das überrascht Euch nicht«, beschloss er, offen zu sein.
»Nun ja..«
»Ihr werdet mir alles berichten, was Ihr darüber wisst«, unterbrach Currann sie bestimmt.
»Das geht doch etwas zu weit, junger Mann! Wer denkt Ihr eigentlich, wer Ihr seid?«, rief Strahan.
»Ich bin Soldat«, entgegnete Currann schneidend, »und meine Kameraden haben einen Eid geschworen. Sie werden alles tun, um die Königskinder weiter zu beschützen.« Plötzlich spürte er Siris raue schmale Hand in seiner. Sie sah zu ihm auf, ihr Blick war ernst. ›Nun sag es ihnen schon‹, schien sie zu drängen.
»Und Ihr, Ihr habt keinen Eid geschworen?« Die Fragen von Strahan wurden immer schärfer.
»Nein, das habe ich nicht. Ich brauchte es nicht.«
»Ihr brauchtet es nicht?! Ja, warum das denn nicht? Habt Ihr es nicht nötig oder..«
Currann hörte nicht weiter zu. Eine Bewegung lenkte ihn ab. Der Mönch war plötzlich bis an die Wand zurückgewichen. Sein Gesicht war bleich wie ein Leintuch, seine Augen geweitet, und ihm standen förmlich die wenigen verbliebenen Haare zu Berge. Currann nickte knapp. Peadar hatte die Wahrheit lange vor dem Schulmeister erkannt, der sich immer weiter in Rage redete. Ihm entfuhr ein erstickter Laut. »Der Himmel stehe uns bei!«
»Peadar, geht es Euch gut?« Strahan unterbrach seinen Redeschwall, um seinem Freund zu helfen. Dieser holte keuchend Luft. Er brachte keinen Ton heraus. »Ihr seht aus, als hättet Ihr einen Geist gesehen.«
»D..das habe ich auch«, keuchte Peadar und rutschte an der Wand nach unten. Strahan war nun gänzlich verwirrt. Fragend drehte er sich zu seiner Tochter um.
»Currann, nun sag es ihm endlich«, flehte Siri.
Wie von einer Nadel gestochen fuhr Strahan auf. »Wie.. wie hast du ihn da gerade genannt?!«
»Sie haben den Eid mir geschworen, Strahan. Ich bin Currann. Und den Rest wisst Ihr.«
Strahan sagte nichts mehr. Er konnte nur noch starren. Dann verdrehte er die Augen und sank in sich zusammen. »Vater!« Siri schrie auf.
»Hol Karya!« Currann drehte den Schulmeister auf den Rücken. Siri riss die Tür auf und rief sie.
Das brachte den Mönch wieder zu sich. »Armer Strahan.« Er half ihm.
»Es tut mir leid. Ich wollte Euch gewiss nicht erschrecken, aber Ihr seht, wir hatten unsere Gründe zu schweigen«, flüsterte Currann eindringlich, denn hinter sich hörte er die erschrockenen Ausrufe der Leute und sah Karya mit wehenden Röcken den Gang heruntereilen. Er packte den Mönch am Arm. »Habe ich Euer Wort?«
»Selbstverständlich.. Hoheit.« Plötzlich schien Peadar vor unterdrückter Heiterkeit zu vibrieren. Er gluckste in sich hinein: »›Und da werden Bauern zu Königen und Könige zu Bauern, wenn das Ende der Welt naht und der Eine Herr Gericht hält über alle Sterblichen..‹ Heißt es nicht so im roten Buch?«
Currann überlief es kalt. »Was sagt Ihr da? Scherzt nicht darüber, Ihr wisst nicht, was geschehen ist.«
Peadars Heiterkeit verflog augenblicklich. Das Gesicht des jungen Mannes hatte sich zu einem Ausdruck verfinstert, der ihm einen kalten Schauder über den Rücken jagte. Er hatte da an etwas gerührt, das er nicht deuten konnte. So gleichmütig wie möglich sagte er: »Verzeiht mir, das war äußerst taktlos. Ah, Karya, kommt und helft uns! Euer Bruder hat wohl doch etwas mehr abbekommen, als wir dachten.« Siri schloss augenblicklich die Tür hinter ihnen und sperrte die Blicke der übrigen Bewohner aus.
»Du meine Güte, Strahan!« Karya wollte ihn untersuchen, doch da rührte sich der Schulmeister schon wieder.
Er setzte sich stöhnend auf. »Was.. was ist geschehen?« Er sah verwirrt um sich. Dann fiel sein Blick auf seine Tochter und den jungen Mann neben ihr. Ihm entfuhr ein Laut des Schreckens, und er zuckte zurück. Keuchend schüttelte er den Kopf.
»Vater, bitte..« Siri kniete sich neben ihn und nahm seine Hand. Eindringlich sah sie ihn an. ›Verrate bloß nichts‹, flehte sie innerlich, laut sagte sie jedoch: »Was ist so schlimm daran?«
»Ich.. das..«
»Strahan, was geht hier vor?« Karya sah verständnislos von einem zum anderen.
»Althan hat um Siris Hand gebeten«, klärte Peadar sie auf, seinen Namen nachdrücklich betonend. Er half ihr, Strahan zu stützen, der keine Luft mehr zu bekommen schien.
Karya dagegen war nicht im Mindesten erstaunt. »Nuria hat so etwas schon geahnt. Ich halte es für klug, Kleines. Ihr seid doch Freunde, oder?«
»Ja, das sind wir.« Currann trat zu Siri, wagte sie aber nicht zu berühren. Sie sah ihn nicht an. »Es war für Strahan wohl etwas zu viel auf einmal.«
Strahan setzte zum Protest an, doch Karya schnitt ihm das Wort ab: »Vater Peadar, ein Schluck Eures kostbaren Weines wäre nicht schlecht, damit mein Bruder wieder zur Besinnung kommt. Hörst du, Strahan? Du willst doch nicht etwa ablehnen? Dies ist das Beste, was Siri passieren kann!«
»Ha, das Beste!«, keuchte Strahan, bekam einen Becher an die Lippen gesetzt und wurde gezwungen zu trinken. Er verschluckte sich, hustete, und dann war sein Blick plötzlich wieder klar. Er starrte Currann an, als hätte der sich soeben wirklich in einen Geist verwandelt.
»Es tut mir leid, Strahan. Ich wollte Euch gewiss nicht erschrecken, doch die Dinge sind nun einmal, wie sie sind. Bekomme ich nun Eure Erlaubnis, Siri zur Frau zu nehmen?«
Lange Zeit herrschte Stille. Niemand sagte etwas. Schließlich richtete sich Strahan auf. Er rieb sich über das Gesicht, warf Currann einen forschenden Blick zu, schüttelte immer noch ungläubig den Kopf. Karya stieß ihn an. »Nun mach schon, Bruder!«
»Wie.. wie könnte ich ablehnen? Das bringt sie in Sicherheit. Aber dann..« Er sann kurz über etwas nach und nickte schließlich. »Dann möchte ich aber auch, dass mein Enkel gleich getauft wird und Ihr nicht, wie bei den anderen Kindern, bis zur großen Versammlung im Frühjahr wartet. Damit es keinerlei Zweifel daran gibt, dass er bleiben wird.«
Currann nickte. »Einverstanden. Karya, würdet Ihr wohl Mari und den Kleinen nach vorne holen? Passt aber auf, dass Kedar nicht an ihn herankommt.«
»Natürlich. Eure Kameraden weichen uns nicht von der Seite. Komm, Strahan, steh auf. Das sollen sie nicht sehen.« Sie half ihrem Bruder auf den nächsten Stuhl und eilte hinaus.
Peadar hob unterdessen das rote Buch auf. Auch wenn er noch völlig fassungslos war, er ging das Ganze pragmatisch an und beschloss zu handeln. »Siri, hast du schon einen Namen für dein Kind?«
Sie atmete schwer aus. Jetzt war es wirklich soweit. Ein ganz kleiner Teil von ihr hatte immer noch gehofft, dass ihr Vater ablehnen würde. Das war reines Wunschdenken, und ihr Verstand sagte ihr, dass es so gewiss besser war, doch sie hatte Angst. Angst davor, ihr Zuhause aufzugeben, in eine fremde Umgebung zu gehen, mit Currann und seinen Kameraden allein zu sein.. »Ich.. wenn du nichts dagegen hast«, sie sah ihn kurz an, dann floh ihr Blick wieder zu Boden, »dann soll er Nathan heißen. Das bedeutet › Geschenk Gottes ‹.«
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