»Althan! Kommt schnell!« Plötzlich stand Nuria in der Gasse.
Currann sprang auf. »Siri, was sagst du? Bitte..«, flüsterte er eindringlich.
Siri wandte den Kopf in Nurias Richtung, sah die Angst in ihrem Gesicht, sah auf den Kleinen in ihrem Arm und nickte ergeben. »Also gut«, sagte sie tonlos, richtete sich auf und ging Nuria entgegen. Sie sah ihn nicht mehr an, während sie ihr Kind an sich nahm.
Currann starrte ihr hinterher. Warum kam er sich auf einmal vor wie ein mieser Schuft? Er verdrängte den Gedanken, denn jetzt hörte er Gebrüll. Schleunigst kehrte er zu den anderen zurück, während Nuria ihm mit Siri langsamer folgte. Als er um die Ecke kam, sah er gerade noch, wie Kiral Tamas von dem Siedlungsvorsteher fortzerrte, während dieser von Yemon mit dem Schwert zurückgehalten wurde.
»Lass mich los!«, brüllte Tamas.
»Ruhe!« Currann brauchte nicht die Stimme zu heben. Ihr Erscheinen genügte. Alle wandten sich zu ihnen um.
»Oh nein, was hat er mit Mari gemacht?«, flüsterte Siri, die zu ihm aufgeschlossen war. Goran kniete im Schnee und hielt seine bewusstlose Schwester in den Armen. Currann ahnte, dass Kedar sich auf Mari gestürzt hatte und dass Tamas sich nicht hatte beherrschen können. Besser sie sorgten dafür, dass schleunigst etwas anderes geschah, sonst wusste Kedar sofort bescheid. Wenn es dafür nicht schon zu spät war. Er wechselte einen fragenden Blick mit Siri, und sie nickte ergeben. Currann atmete tief durch. »Treibt sie in den Tempel, allesamt, und haltet sie dort fest! Ouray, sieh nach Siris Familie und Vater Peadar. Bitte sie dorthin.«
Er sah Kiral die Augen zusammenkneifen. Tamas stellte alle Gegenwehr ein. Sinan sah schnell zwischen ihm und Siri hin und her und begriff. Er starrte Currann offenen Mundes an. Currann nickte ihm zu. Sinan schluckte. »Also los, ihr habt ihn gehört!«
Die Bewohner wichen mit erschrockenen Ausrufen zurück, als die Kameraden mit gezückten Schwertern ausschwärmten. Tamas kümmerte sich höchstpersönlich um Kedar, stieß ihn grob vorwärts, fort von dessen Sohn und Tochter. Der Einzige, der zurückblieb, war Goran, der Mari gerade half, sich aufzusetzen, doch Currann wollte ihn nicht in Siris Nähe dulden. »Ihn auch!«, nickte er Kiral zu. Augenblicklich wurde Goran gepackt und von seiner Schwester fortgezerrt.
Im selben Moment kamen Nurias Mann Evan und der Schmied Yorran schwer atmend zwischen den Häusern hervor. Evans Atem rasselte regelrecht, wie sooft in letzter Zeit. Er ging sofort zu seiner Frau und stellte sich schützend neben sie. »Es tut mir leid«, sagte er an Siri gewandt. »Wir waren in der Schmiede und haben es zu spät mitbekommen.« Sie brachte keinen Ton heraus. »Siri, geht es dir gut?«
»Natürlich nicht, so kurz nach der Geburt«, rügte Nuria und nahm Siri beim Arm. »Komm, ich bringe dich schnellstens in Warme und dann..«
»Nein!« Siri machte sich los. »Nein, wir haben noch etwas zu erledigen. Jetzt gleich.« Hoch erhobenen Hauptes ließ sie alle stehen. Sie ging zu Mari, half ihr mit ihrer freien Hand auf und umarmte sie. Zitternd hielt sich das Mädchen an ihr fest.
Currann sah ihr betroffen hinterher. Er seufzte und holte tief Luft. »Gehen wir.«
Siris Vater Strahan und ihre Tante Karya kamen ihnen schon auf dem Tempelplatz entgegen. Etwas weiter hinten folgte Vater Peadar, der sich humpelnd auf Ouray stützte. Strahan hatte ein blaues Auge, das langsam zu schwoll. »Siri, Mari, bei allen Heiligen!« Karya stürzte zu ihren Mädchen. »Was hat er mit euch gemacht?!« Sie nahm besorgt die Verletzungen ihrer Tochter in Augenschein. »Hat er dich geschlagen, Mari?«
»Ist nicht schlimm, Mutter.« Mari ließ sich mit geschlossenen Augen in ihre Arme ziehen. Siri stand regungslos daneben. Sie reagierte nicht auf die besorgten Ausrufe ihres Vaters, wiegte nur ihr Kind.
»Wo sind sie nur alle hin?«, keuchte Peadar, als er es endlich zu ihnen geschafft hatte.
Currann überflog die Gruppe mit finsterem Blick. »In den Tempel«, erwiderte er knapp. »Was hat Kedar mit Euch gemacht?«
»Nicht nur Kedar, sondern auch mein Sohn. Sie haben uns von Siri getrennt und uns im Haus eingesperrt«, antwortete Karya bitter und bestätigte damit Curranns Verdacht.
Ihr Tonfall ließ Siri wieder zu sich kommen. Sie straffte sich. »Vater Peadar, würdet Ihr uns wohl einen Moment in Eurem Bekenntnisraum gewähren?«
Die drei starrten sie verwundert an. »Ja, aber warum..?«, brachte Strahan endlich hervor.
»Bitte«, sagte Currann und deutete zum Tempel.
»Was habt Ihr vor?!«, rief Karya.
»Das werdet Ihr gleich erfahren.« Er wartete, bis Siri nickte. Sie ging voraus, ohne eine weitere Antwort seitens des Mönches abzuwarten, und Currann folgte ihr. Den anderen blieb nichts anderes übrig, als ihnen zu folgen.
»Nuria, was soll das?«, zischte Karya ihr zu, unhörbar für die beiden.
»Keine Sorge. Lass sie nur machen«, beruhigte Nuria sie und unterdrückte ein Lächeln.
Im Tempel schallte ihnen aufgeregtes Stimmengewirr entgegen. Die von Kedar war am lautesten. Er beschimpfte die Kameraden, allen voran Kiral, die sich mit gezückten Schwertern im Raum verteilt hatten.
»Ruhe!«, donnerte Peadar, der dicht hinter Siri und Currann eintrat. Alle fuhren zu ihm herum. »In meinem Tempel hält nur einer Predigten, und das bin ich. Schweigt still, zurück mit Euch! Haltet Frieden. Und steckt sofort die Schwerter fort!« Er war äußerst erbost über ihr aller Verhalten. Die Leute verstummten betreten und taten, was er sagte, die Kameraden jedoch warteten auf das Nicken ihres Kommandanten.
Currann hielt sich dicht neben Siri, spürte er doch, wie sie sich unter den Blicken der Menschen zusammenkrümmte. Sie sah starr geradeaus, sodass sie gar nicht merkte, dass Entsetzen, gepaart mit Mitgefühl, in den meisten Augen zu sehen war. Selbst Goran sah sie nicht mehr so finster an. Currann beobachtete ihn verwundert, er wusste immer weniger, was er davon halten sollte. In Gorans Augen stand ein Ausdruck, als wäre er tief getroffen.
»Wollen wir?« Peadar sah sich zu ihm um.
»Ja, gehen wir«, nickte Currann und wandte sich an Strahan. »Darf ich Euch bitten, mit uns zu kommen?« Die Leute sahen nicht minder erstaunt drein wie der Schulmeister. Was hatte der Kommandant vor? Er nickte vorsichtig.
Siri hatte unterdessen, ohne es zu wollen, Kedar angeblickt. Hass stand in seinen Augen. Es machte sie vollends rebellisch, und sie fasste einen Entschluss. »Mari«, sie wandte sich zu ihrer Cousine um, »würdest du mein Kind halten? Bis ich wieder da bin?«
»Fass das Scheusal ja nicht an!« Kedar war vorgesprungen und wollte zu ihr, doch eine Hand packte ihn an der Schulter und drängte ihn zurück in die Menge.
»Vater Peadar sagte, gebt Ruhe«, grollte Kiral. Er wandte sich verächtlich ab und ging schnurstracks zu den Frauen hinüber. Mit verschränkten Armen pflanzte er sich hinter ihnen auf. Die Kameraden folgten seinem Beispiel und bildeten einen schützenden Ring um sie.
»Wir passen auf den Kleinen auf, hab keine Angst«, sagte Karya. Sie sah wohl, wie schwer es Siri fiel, ihr Kind zurückzulassen.
»Ich danke euch«, flüsterte Siri und ließ sich von dem Mönch die Gasse hinunterführen, welche die ungläubig dreinschauenden Bewohner ihnen freimachten. Currann folgte mit Strahan. Er behielt Kedar genau im Auge, besonders, als sie sich dicht an ihm vorbeibewegen mussten. Plötzlich beugte sich sein Sohn zu ihm herüber und flüsterte ihm etwas zu. Kedar riss die Augen auf. Sein Gesicht wurde rot, und er holte Luft, um etwas zu rufen.
»Nein, Ihr gebt jetzt Ruhe! Zurück mit Euch!«, donnerte der Mönch. Der Vorsteher klappte seinen Mund zu, und Currann beeilte sich, Siri sicher an ihm vorbeizubringen.
Siri sank auf einen der Stühle, kaum dass die Tür hinter ihnen zugefallen war. »Siri, mein Kind..« Ihr Vater umarmte sie. Sie ließ es erschöpft über sich ergehen, erwiderte es jedoch nicht. Currann lehnte sich an die geschlossene Tür. Seine Wut war so plötzlich verraucht, wie sie hierhergelangt waren. Was hatte er da eigentlich vor? Noch dazu gehen ihren Willen? Und auf immer und ewig? Schmerzhaft kehrte er auf den Boden der Tatsachen zurück. Sie wollte das alles nicht! Was sollte er tun? Er brauchte einen Moment, um in sich zu gehen, und verharrte mit geschlossenen Augen.
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