Durch Siri ging ein Ruck. »Nein, nicht!«, sagte sie zu den drei Kameraden, die sich schon wieder auf Kedar stürzen wollte. Hoch aufgerichtet trat sie zwischen sie, Curranns starke Präsenz hinter sich und Sinan und Kiral zu ihrer Seite. »Dieses kleine Scheusal ist mein Sohn , mein Kind! Und ich habe es bekommen, weil ich ein anderes beschützt habe, was eigentlich deine Aufgabe gewesen wäre, nicht wahr, Kedar?« Ihre Stimme war eisig, das Zittern verschwunden. Voller Verachtung spie sie seinen Namen aus, nannte ihn nicht Onkel, sah ihn nicht mehr als Teil ihrer Familie. Noch hatte sie die Kraft dazu, sich ihm zu widersetzen.
»Lass Siri in Ruhe, Vater!«, rief eine helle Stimme dazwischen. Mari hatte es endlich geschafft, sich durch die Menschen nach vorne zu arbeiten, dicht gefolgt von ihrem Bruder, der sie aufhalten wollte, aber nicht schnell genug war. Sie wollte zu ihrer Cousine, doch Kedar fing sie ab.
Er verpasste ihr eine harte Ohrfeige. Mari ging mit einem Schrei zu Boden. »Wer hat dir erlaubt, das Haus zu verlassen? Wenn du..«
»Vater!« Goran stand fassungslos vor ihm und wollte seiner Schwester aufhelfen.
»Du hältst dich da raus!«, brüllte Kedar. Er trat zwischen sie. Sein Sohn zog die Schultern ein und wehrte sich nicht. Niemand wagte, sich zu rühren. Kedar fuhr erneut zu Siri herum. »Niemand hier wird es wollen, dass ein Goi Bastard in unserer Mitte aufwächst. Glaub ja nicht, dass du ihn behalten kannst!«, drohte er mit der Faust in ihre Richtung.
»Das zu entscheiden steht dir nicht zu, Kedar! Ich werde mein Kind behalten, und wenn du an der angeblichen Schande krepierst, wird es nicht nur einen geben, der dann ein Dankgebet spricht!«, fauchte Siri. Currann war stolz auf sie, wie sie sich verteidigte, doch seine Sorge um sie stieg. Nur weil er hinter ihr stand, konnte er sehen, dass ihre Arme zitterten. Hatte sie Schmerzen? Unauffällig rückte er näher an sie heran.
Kedar war äußerst erbost darüber, dass sie sich ihm derart widersetzte, ja, sogar zum Gegenangriff überging. »Dann wird hier für dich kein Platz sein!«, bellte er. »Ist es nicht so?« Er drehte sich zu den Menschen um. Betretendes Schweigen war die Antwort. Niemand mochte Kedar oder Siri anblicken. Die Menschen schienen noch gar nicht begriffen zu haben, was hier vor sich ging.
Doch plötzlich entstand Bewegung zwischen ihnen. Siris Freundin Nuria drängte sich nach vorne. »All dies sagst du, obwohl du weißt, dass Siri für unseren Belan gelitten hat? Was bist du nur für ein Mensch?!« Sie stemmte wütend die Arme in die Hüften.
Kedar wich einen Schritt zurück, sodass er fast auf seine Tochter Mari trat, die immer noch im Schnee lag. Doch so leicht gab er sich nicht geschlagen. »Ja, da spricht die Richtige. Wenn es nach mir gegangen wäre, wärest du nicht wieder in unseren Tempel aufgenommen worden und mit der Mutter meiner Kinder fortgegangen! Aber eines ist sicher: Ich dulde keinen Goi Bastard in dieser Siedlung, und du..«, er drohte so plötzlich in Siris Richtung, dass sie sich gut sichtbar für Currann zusammenreißen musste, nicht zurückzuweichen, »dich werde ich aus dem Tempel verbannen lassen! Wie kannst du es wagen, dich dem Willen deiner Familie zu widersetzen?!« Siri zog unmerklich die Schultern ein. Sie stand völlig still.
»Der wesentliche Teil ihrer Familie ist praktischerweise nicht anwesend, Vorsteher, um dieser Ansicht zu widersprechen!«, rief da eine Stimme von der Seite. Alle fuhren herum. Tamas trat mit vor Wut bleichem Gesicht und gezücktem Schwert zwischen den Hütten hervor, gefolgt von Ouray und Yemon. Sie waren schweißüberströmt und schneebestäubt. Sofort kreisten sie Kedar ein und erreichten, dass er endlich ein paar Schritte Abstand von seiner Tochter nahm.
Tamas stellte sich zwischen sie und nahm ihn sich erneut vor: »Ich glaube nämlich, dass sie gänzlich anderer Meinung sind. Und Strahan ist es, der zu entscheiden hat, nicht Ihr!« Er mochte nicht hinter sich sehen, wo Mari immer noch im Schnee lag, weil er ahnte, dass er dann seine Beherrschung verlieren würde.
Currann wusste, was in ihm vorging, hatte er es doch eben selbst erst erlebt. Er hielt ihn mit einem unmerklichen Kopfschütteln zurück. ›Zeig Kedar nicht, wie es um dich steht‹, befahl er stumm. »Was hat er mit deinem Vater gemacht?«, raunte er stattdessen Siri zu.
»Eingesperrt. Vater Peadar und Karya auch. Damit sie mir nicht helfen können!«, rief sie laut. Erstickt fügte sie hinzu: »Er wollte meinen Kleinen im Schnee aussetzen, bis.. bis..«
»Siri, nicht!« Nuria trat zu ihr und nahm sie behutsam in die Arme. Dankbar lehnte Siri ihren Kopf an ihre Schulter.
›Sie sieht erschöpft aus‹, ging Currann auf, so kurz nach der Geburt kein Wunder. Die Kapuze des kleinen Schlafsackes rutschte ein wenig nach unten, und er erspähte einen dunklen, flaumigen Haarschopf. Was auch immer der Vater dieses Kindes war, der Kleine war gänzlich unschuldig. Mitleid überkam ihn, und der Beschützerinstinkt, der bisher Siri gegolten hatte, übertrug sich auch auf ihr Kind, das er nun zum ersten Mal als eigenständiges Wesen wahrnahm. Grimmig nahm er sich Kedar vor: »Wie kommt es nur, dass Ihr Euch stets an den Wehrlosen und Unschuldigen vergreift? Braucht Ihr das, um Eure Stärke zu beweisen? Erbärmlich, das ist es, was Ihr seid!«
Kedar gab sich nicht so leicht geschlagen. Er zückte eine andere Waffe, packte die Menschen bei ihren Ängsten. »Ich lasse nicht zu, dass unsere knappen Vorräte durch ein Kind der Schande geschmälert werden. Es ist mein Recht, das zu entscheiden, nicht Eures!«, rief er.
Er hatte sich verrechnet. Nun regte sich erstmals Protest in den Reihen. »Das kannst du doch nicht machen!«
»Sie hat den Jungen beschützt!«
»Es wird schon reichen.«
Kedars Miene verfinsterte sich. Er verschränkte die Arme. Currann hatte auf einmal den Eindruck eines bockigen Kindes. »Das zu entscheiden obliegt mir, und ich sage, dass ich niemanden dulde, der gegen die Regeln des Einen Tempels verstößt.«
»Danach hat er aber nicht gefragt, als er sich an Yorrans Tochter vergriffen hat«, brummte Kiral verächtlich neben ihnen und so laut, dass es nicht nur der Vorsteher hörte.
Von Siri kam ein gequälter Laut. »Mich hat auch niemand gefragt!«
Currann sah, dass ihr die Tränen herunterliefen. Sie war am Ende ihrer Kräfte. Auch Kedar hatte es entdeckt, und sein Blick bekam etwas Triumphierendes. Curranns kaum unterdrückte Wut brach sich wieder Bahn, als er das sah. Er stellte sich zwischen sie, schützte Siri mit seinem breiten Rücken vor den hämischen Blicken. »Tut, was Ihr wollt. Siri und der Kleine unterstehen unserem Schutz, und wir werden sie auch versorgen. Und ihre Familie gleich mit!« ›Und im Frühjahr, da werden wir dafür sorgen, dass Ihr die längste Zeit Siedlungsvorsteher gewesen seid!‹, fügte er in Gedanken hinzu, während er Ouray beobachtete. Dieser hatte die Stirn gerunzelt ob seiner Behauptung. Currann ahnte, dass er rechnete, und er war mehr als erleichtert, als Ouray ihm schließlich kurz zunickte. Es würde schon reichen.
In Kedars Augen erschien ein bösartiges Glitzern. »Oh ja, tut das. Dann kann sie es Euch gleich mit dem Dienst als Hure vergelten!«
Alle zuckten zusammen. Für Siri war es zu viel. Ihre Knie knickten ein, sodass nicht nur Nuria, sondern auch Currann zupacken musste, damit sie nicht in den Schnee schlug. Im gleichen Moment trat Tamas dem Ortsvorsteher die Beine weg, sodass dieser schmerzhaft auf seinem Hinterteil landete. Als er aufsah, hatte er eine Schwertspitze vor seinem Gesicht. Sein Sohn stürzte vorwärts, um ihm zu helfen. Blitzschnell fing Ouray ihn ab und drängte ihn zurück in Richtung der Menge.
»Was sollen wir mit ihm machen?«, rief Tamas über die Schulter, ohne Kedar einen Moment aus den Augen zu lassen.
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