»Von einem Ring!«, riefen die Kinder. »Man fällt darin um.«
»Und..?«
»Althea läuft einfach hindurch. Sie trägt das Licht in sich. Und sie nimmt Noemi mit!«, rief ein Mädchen.
»Genauso ist es. Es versetzt die Priester in helle Aufregung, denn sie können nicht durch den Ring gehen ohne besondere Weihen. Die Mädchen finden sich von den Priestern umzingelt. Bajan und Phelan versuchen, ihnen beizustehen, scheitern aber an der Macht des Ringes. In der Not greift sich Bajan einen Priester und zwingt ihn, sie hindurchzubringen. Er begeht damit unwissentlich denselben Frevel wie Phileas vor vielen Hundert Jahren. Voller Zorn nehmen die Priester Bajan und Phelan gefangen, verhängen einen Bann über sie und vertreiben sie aus Temora. Sie gehen nach Saran ins Exil.
Althea und Noemi sind plötzlich auf sich allein gestellt. Althea kann Meister Anwyll, den alten Lehrmeister ihres Vaters, unter den Priestern nicht entdecken. Dafür spürt sie unter ihnen einen Träger der bösen Macht, einen Diener. Und er spürt auch sie. Sie ergreift die Flucht und versteckt sich mit Noemi in den Felsen Temoras. In der Nacht beobachten die Mädchen den Diener, wie er sich über eine regungslose Gestalt beugt und diese quält. Es ist Meister Anwyll, er wurde vom Diener überwältigt. Althea befreit ihn, und gemeinsam bringen sie den Diener vor den versammelten Priestern zur Strecke. Nun hätte eigentlich alles gut werden können: Sie lernt ihre Großmutter Aislinn kennen, und die Mädchen schließen Freundschaft mit vier Novizen, die auch erst seit kurzem in der Gemeinschaft sind. Aber..«
»Aber sie wird geprüft!«, rief die Älteste der Kinder dazwischen.
»Willst du weitererzählen?« Die Großmutter zwinkerte. »Unversehens findet sich Althea in derselben Lage wie in Gilda wieder. Anwyll führt sie vor den Rat, um sie wegen ihrer Flucht zu befragen. Dabei wird sie unwissentlich einer Prüfung unterzogen und läuft wieder völlig ahnungslos durch den Ring. Da packt Aislinn der Zorn. Sie hat seinerzeit mit ihrem Sohn gebrochen und vermutet nun falsches Spiel hinter Altheas Gabe.
Mit Gewalt versuchen die Priester, hinter ihr Geheimnis zu kommen, durchsuchen sie bis auf den letzten Fetzen, den sie am Leibe trägt. Althea steht unter Schock. Sie begreift nicht, was ihre Großmutter und die anderen Priester von ihr erwarten, denn ihr Vater hat über seine Heimat stets geschwiegen und ihr nichts, aber auch gar nichts über Temora erzählt. In der Not läuft sie mit Noemi fort aus Temora, tief hinein in die Wälder. Dort werden sie von einer armen alten Frau aufgelesen. Sie ist eine aus Temora Gebannte, eine alte Freundin von Altheas Vater, die sich nun als Heilerin im Volke verdingt.«
»Das ist Chaya!«, rief eines der Kinder. »Der Schatten!«
»Ja, genau. Sie nimmt Althea und Noemi bei sich auf und verspricht, sie vor den Priestern zu verbergen und die Kunst des Heilens zu lehren. Bei ihr finden die Mädchen ein liebevolles Zuhause und fassen langsam wieder Mut. Nur, Chaya ist arm, sehr arm. Spätestens jetzt ist das behütete Leben für beide Mädchen vorbei. Sie müssen sich durch ihrer eigenen Hände Arbeit ernähren, sonst werden sie den Winter nicht überstehen. Aber Althea und Noemi sind stark, viel stärker, als es äußerlich den Anschein hat. Sie lernen in Windeseile, mit dieser neuen Lage zurechtzukommen. Nach einigem Zögern nimmt Chaya Althea auch mit hinaus in die Siedlungen und lehrt sie, den notleidenden Menschen zu helfen. Sie hat nämlich herausgefunden, dass die Menschen in Althea einen Sklavenbastard sehen, wegen ihrer dunklen Haut, stellt euch das vor. Niemand erkennt in ihr das Königskind aus Gilda.«
»Für eine Mischung aus einer Ethenierin und einem Saraner?«, fragte eines der Mädchen.
»Das hast du gut erkannt«, nickte die Großmutter und erzählte schnell weiter, bevor noch Fragen in eine ganz andere Richtung aufkommen konnten.
»Für Althea ist es eine Berufung. Sie lernt, ganz für die Menschen da zu sein. Doch so schnell sich beide Mädchen äußerlich dem neuen Leben anpassen, innerlich tragen sie schwer an den Ereignissen. Besonders Althea steckt im Zwiespalt: Was soll sie Chaya über die Umstände ihrer Flucht sagen, über ihre Träume, ihre Gabe? Nach ihrer Flucht hatte sie sich geschworen, diese nie wieder jemanden sehen zu lassen, aber kann sie das auf Dauer verbergen? Und was ist mit den Priestern, mit Meister Anwyll, dem sie vertraut und der dann zugelassen hat, dass sie gequält wurde? Zudem hadert sie mit ihrem Vater, weil er über seine Heimat geschwiegen und damit die unglücklichen Ereignisse in der Gemeinschaft ausgelöst hat.
Althea weiß nicht, wie sie sich verhalten soll. In ihrer Not greift sie zu Feder und Pergament und bittet Phelan um Rat, in der Hoffnung, dass dieser sicher in Saran angekommen ist.
Bajan ist es in der Tat gelungen, Phelan nach Saran zu bringen. Dort erwartet sie bereits Altheas Brief und ein zweiter von Meister Anwyll. Voller Zorn liest Phelan, was den Mädchen widerfahren ist, denn Anwyll verschweigt die Ereignisse. Er will sie glauben machen, dass die Mädchen nach wie vor in der Gemeinschaft sind. Da begreift der kluge Phelan, dass etwas mit dieser Gemeinschaft nicht stimmt. Warum sonst sollten sie Althea vor dem Rat durchsucht haben? Er zieht sehr schnell die richtigen Schlüsse: Die Priester müssen etwas bei sich tragen, das sie befähigt, durch den Ring zu gehen. Von wegen besondere Weihen! Nur so macht ihr Verhalten Sinn. Und genau deshalb ist Althea in größerer Gefahr als je zuvor, denn ein solches Geheimnis wie das ihre wird sich die Priestergemeinschaft nicht entgehen lassen.
Bajan hat noch eine andere Sorge: Wie weit reicht die Hand ihrer Häscher? Deshalb wird Phelan als Bajans Sohn in die saranische Gesellschaft eingeführt, ein Schutz vor den Verfolgern. Bajan selbst dient sich Fürst Roar als Berater an, denn die Saraner werden wiederholt von den Bergstämmen überfallen und von einem fremden Seefahrervolk bedroht.
Phelan trifft ihren alten Freund Jeldrik wieder und findet ihn völlig verändert. Aus dem aufgeweckten, freundlichen Jungen ist ein launischer, in sich gekehrter Jüngling geworden. Er verweigert sich allem und jedem, weil er auf der Expedition ins Lir-Delta bei dem Versuch, Currann das Leben zu retten, so schwer verwundet wurde, dass er nicht mehr kämpfen kann. Zudem macht er es Phelan zum Vorwurf, dass dieser ihm nichts über die Umstände ihrer Flucht erzählt hat. Versteht ihr, es geht um Vertrauen. Immerhin haben Jeldrik und Phelans Bruder Currann viel miteinander durchgemacht. Das merkt Phelan jedoch nicht, denn es ist seine große Schwäche, oft nicht zu merken, was in seinem Gegenüber vorgeht. Deshalb geht er Jeldrik aus dem Weg. Er treibt sich herum und gerät im Hafen mit einem grausamen Seeräuber aneinander. Es ist Altheas Großvater Regnar. Der ist über seine unversehens aufgetauchte Verwandtschaft nicht gerade begeistert. Eine Enkeltochter in Not macht ihn abhängig, etwas, das er mehr als alles andere hasst. Trotzdem will er nach Temora reisen, um sie kennen zu lernen und ihr beizustehen.
Phelan befindet sich in eben jenem Zwiespalt wie Althea: Kann er Regnar trauen? Was soll er ihm erzählen? Er beschließt, dass Althea ihn erst prüfen muss, bevor sie ihm die Hintergründe ihrer Flucht anvertrauen können.
Altheas erste Freude, einen Verwandten gefunden zu haben, wird sehr schnell von Regnars undurchschaubarem Wesen überschattet. Besonders Noemi spürt, dass hinter dem Großvater, wie er sich bei Chaya gibt, ein grausames und gefährliches Wesen lauert.«
»Natürlich!«, platzte die Älteste heraus. »Er ist ein Seeräuber! Wie kann sie nur so dumm sein, etwas anderes bei ihm zu erwarten!«
Die Großmutter schüttelte nachsichtig den Kopf. »Wenn dir deine gesamte Familie geraubt wird, du auf der Flucht bist, dann greifst du nach jedem Halt, den du bekommen kannst, und wenn es ein Seeräuber ist. Glaubt mir, in eine solche Lage wollt ihr niemals geraten.« Stumm nickten die Kinder.
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