Beth war ein echtes Original. Sie kam aus einer Hippie-Familie. Die ersten sieben Jahre ihres Lebens verbrachte sie mit ihren Eltern und ihrem zwei Jahre jüngeren Bruder Jakob in einem Wohnwagen. Sie reisten erst durch Großbritannien und dann durch halb Europa, bis sie sich dazu entschlossen, sich in Bradford-on-Avon niederzulassen. Seitdem waren sie praktisch Nachbarn, sie wohnte nur eine Straße weiter. Beth war witzig und hatte immer eine schlagfertige Antwort parat. Sie tanzte gerne aus der Reihe und konnte auch einfach mal verrückt sein. Aber sie war auch eine loyale Freundin, der man alles anvertrauen konnte. Kate war froh, sie zu haben.
Kate wollte Beth gerade von ihrem Geschenk erzählen, als Ms. Grey, die Geschichtslehrerin hereinkam. Na schön, sie wollte ja sowieso bis zur Pause warten.
„Guten Morgen Ms. Grey“, raunte die Klasse in einem etwas halbherzigen Ton so früh am Morgen.
„Guten Morgen, setzt euch“ erwiderte Ms. Grey, auffallend gut gelaunt. „Heute geht es um ein sehr spannendes Thema meine lieben, habt ihr schon einmal von Napoleon gehört?“
Die plötzliche Stille im Klassenzimmer war schon fast unangenehm.
„Keiner?“, Ms. Grey tat so, als ob sie wirklich überrascht war. „Kommt schon Leute. Nicht alle auf einmal!“
Obwohl Kate Ms. Grey sehr mochte und sie sich auch für Geschichte interessierte, fiel es ihr heute unglaublich schwer, sich zu konzentrieren. Aus irgendeinem Grund musste sie ständig an ihre Oma Gwen und das Amulett denken. Sie hatte ein flaues Gefühl im Magen, konnte es aber nicht genau beschreiben. Vielleicht war sie ja nur aufgeregt wegen ihres Geburtstags. So ging es mit ihr bis zur Pause. Von Geschichte, Mathe und Englisch bekam sie herzlich wenig mit. Dann war es endlich soweit.
„Hey Beth, rate mal was ich zum Geburtstag von meinen Eltern bekommen habe. Da kommst du nie drauf!“, fragte Kate herausfordernd.
„Ähm, lass mich mal überlegen, vielleicht einen Gutschein für Fallschirmspringen?“, fragte Beth mit einem frechen Grinsen im Gesicht.
„Ernsthaft!“, erwiderte Kate schmunzelnd. Beth wusste ganz genau, dass sie nicht gerade die Abenteuerlustige war.
„Okay, jetzt weiß ich es. Ein One-Way-Ticket nach Australien!“, platzte Beth heraus und konnte sich das Lachen kaum verkneifen.
Ha!“, rief Kate laut. Beth schaute etwas irritiert. „Echt jetzt?“, fragte sie verwundert.
„Natürlich nicht. Aber so ähnlich!“, jetzt musste Kate grinsen.
„Wie jetzt! Du reist nach Australien?“, hakte Beth nach.
„Nein. Aber ich habe etwas aus Australien bekommen! Schau her!“ Voller Stolz zeigte sie ihr nun das Sonnen-Amulett.
„Oh – mein – Gott“, hauchte Beth, während sie das Amulett begutachtete. „Die sieht ja sündhaft teuer aus. Wo haben deine Eltern die Kette denn her?“, flüsterte Beth voller Bewunderung für das schöne Stück.
„Meine Oma hat sie für mich aus Australien mitgebracht. Sie wollte, dass ich sie heute bekomme“, erwiderte Kate.
„Jetzt brauch ich wohl mit meinem Geschenk für dich gar nicht mehr ankommen“, sagte sie etwas enttäuscht.
„Ach Quatsch! Was hast Du denn für mich?“, fragte Kate neugierig.
Beth kramte für einige Sekunden in ihrer Tasche herum und holte eine etwas zerknautschte, bunt gestreifte Geschenktüte heraus.
„Hier, für dich!“ sagte sie in erwartungsvollem Ton.
Kate war nun wirklich neugierig geworden. So wie sie Beth kannte, war es bestimmt etwas Ausgefallenes. Sie langte mit ihrer Hand hinein, es fühlte sich irgendwie weich an, hatte aber auch etwas Drahtiges. Dann zog sie es heraus und schaute es sich an. Irgendwo hatte sie sowas schon mal gesehen, konnte es aber gerade nicht zuordnen. Beth hatte den fragenden Blick bemerkt und gab eine schnelle Antwort.
„Das ist ein Traumfänger! Den habe ich selbst für dich gemacht!“ Kate war auf einmal sehr nachdenklich geworden, während sie das kunstvolle Objekt studierte. „Gefällt er dir nicht?“, fragte Beth etwas verunsichert.
„Doch, doch! Er ist wunderschön! Vielen Dank!“, erwiderte Kate geistesabwesend.
„Du weißt doch was das ist, oder? Also ich frische mal dein Gedächtnis auf: Laut den Indianern wird der Traumfänger über dem Schlafplatz aufgehängt. Die bösen Träume bleiben im Netz hängen, die guten Träume kommen durch. So einfach!“ erklärte Beth strahlend.
„Das ist echt lieb von dir. Eine coole Idee! Wie bist du darauf gekommen?“, fragte Kate, wieder mehr gegenwärtig.
„Ach, ich war doch in den Sommerferien mit meinen Eltern auf dem Festival in Glastonbury. Meine Mama hat sich ewig mit dieser Frau unterhalten, ich glaube sie hieß Heather. Sie hatte einen kleinen Stand dort und verkaufte Kristalle, Sachen aus Filz und eben diese Traumfänger. Ich fand die so faszinierend und dachte, das wäre ein passendes Geschenk für dich. Ich hätte einen kaufen können, aber ich dachte es ist schöner, dir einen zu basteln. Ich habe übrigens auch einen in meinem Zimmer über dem Bett hängen. Ich finde, dass ich seitdem viel weniger Alpträume habe. Vielleicht ist es ja auch nur Einbildung, aber ist doch egal, solange es hilft!“ sagte Beth beschwingt.
„Da hast du recht!“ sagte Kate. „Ich hänge ihn gleich auf, sobald ich Heim komme.“
Nachdem sie mit ihrer Familie ausgiebig ihren Geburtstag gefeiert hatte, war sie nun wieder auf ihrem Zimmer. Sie fühlte sich immer noch sehr unruhig. Sie hatte das unbestimmte Gefühl, dass etwas anders war. Wahrscheinlich war es die Aufregung und – sie hatte eindeutig zu viel Kuchen gegessen. Da fiel ihr der Traumfänger ein. Sie hatte ihn nach der Schule ihren Eltern gezeigt, die ihn toll fanden, und ihn dann auf ihren Schreibtisch gelegt. Bevor sie schlafen ging, nahm sie ihn in die Hand, betrachtete ihn eindringlich und hing ihn über ihr Bett, direkt vor das Fenster, damit die einfallenden Sonnenstrahlen ihn am Morgen trafen. Früher hatte sie oft Alpträume gehabt. Sie wachte dann schreiend oder weinend auf und es dauerte manchmal einige Minuten, bis sie sich wieder gefangen hatte. Sie konnte sich immer nur an Bruchstücke erinnern, es ging meistens darum, dass sie vor irgendetwas oder irgendjemand eine panische Angst hatte und flüchten musste. Ihre Eltern hatten sich damals schon Sorgen gemacht. Sie hatten versucht herauszufinden, woher die Alpträume kamen. Da sie sehr behütet aufwuchs, konnten sie sich das wirklich nicht erklären. Ihre Mutter las einige Bücher zum Thema Psychologie und Traumdeutung und fand heraus, dass Verfolgungsträume sehr häufig waren und dahinter oft das Gefühl der Überforderung steckte. Ihre Eltern entschieden dann, dass sie ein „Sensibelchen“ war und packten sie noch mehr in Watte als sie es sowieso schon taten. Irgendwann hörten die Alpträume einfach auf. Die letzten Jahre konnte sie sich kaum erinnern, überhaupt etwas geträumt zu haben.
Das Amulett behielt sie an, dann ging sie ins Bett. Sie musste sofort in einen tiefen Schlaf gefallen sein, denn als sie aufwachte, fühlte sie sich hellwach. Sie war etwas irritiert, da es draußen noch stockdunkel war. Sie stand auf und wollte Licht machen, aber sie konnte den Lichtschalter nicht finden. Da bemerkte sie plötzlich eine Lichtquelle von draußen. Sie sah aus dem Fenster. Dort saßen zwei Leute vor dem Haus an einem offenen Feuer! Wie war das denn möglich? Nun war sie sich sicher, dass sie noch träumen musste. Dennoch war sie neugierig und ging in ihrem Nachthemd die Treppe hinunter. Obwohl es wirklich unheimlich war, verspürte sie aus einem unerklärlichen Grund überhaupt keine Angst. Und warum auch, es war doch nur ein Traum. Sie öffnete leise die Haustür und bewegte sich mit nackten Füßen auf die beiden zu. Sie konnte schon die Wärme des Feuers spüren. Das fühlte sich aber sehr realistisch an. Jetzt konnte sie die beiden Gestalten erkennen. Es handelte sich um einen Mann und eine Frau. Der Mann sah sehr alt aus, er trug einen schweren, dunklen Mantel, der wie Leder aussah, und auf dem Kopf war eine Art mit Federn besetzter Kopfschmuck. War er sowas wie ein Stammeshäuptling? Sie hatte sowas in der Art schon in Cowboy-Filmen gesehen. Schon verrückt, was einem das Unterbewusstsein so vorgaukeln kann. Die andere Person war eine Frau. Ihr Haupt bedeckte eine Art Turban, der wie eine Spirale spitz nach oben zulief. Sie trug ein langes, weiß-silbriges Gewand, eingehüllt in einen transparenten Schleier aus einem feinen Stoff, der silbern schimmerte. Sie hatte große, fast schwarze Augen, in denen sich das offene Feuer wiederspiegelte.
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