„Oh, verzeiht“, entschuldigte er sich mit hochrotem Kopf, „Ich wollte nur kurz nach Euch sehen und Bescheid sagen, dass für morgen alles vorbereitet ist.“
„Danke, Caron.“
„Und… ich werden… werde persönlich die Nacht über Wache halten vor der …Eurer Tür.“
Die Prinzessin konnte sich ein leises Lachen aufgrund der Verlegenheit des Leutnants nicht verkneifen.
„Gute Nacht.“ Dann verschwand er mit einem etwas zu energischen Schließen der Tür.
Eigentlich war ihr nicht nach Lachen zumute. Sie hatte Angst. Angst vor ihrem Traum und Angst vor den Steinengeln. Vor dem einen konnte sie sich schützen und beschützt werden, aber vor dem anderen war sie machtlos. In die Kissen gelehnt, begann sie zu grübeln. Sie hatte nicht vor zu schlafen, zumindest würde sie versuchen, wach zu bleiben und wenn sie doch einschlafen würde, hoffte sie zu müde zum Träumen zu sein. Sie saß daher ziemlich aufrecht im Bett und blickte hinüber zum Kamin, der sich gegenüber an der Wand befand. Das Feuer wurde schon schwächer, und in der Hütte wurde es stiller und stiller. Irgendwann konnte sie sogar den Schnee fallen hören. Ebenso wie die Welt langsam ruhiger wurde, kam auch die Müdigkeit über sie. Es war doch ein anstrengender Tag gewesen. Die Prinzessin hatte beim Fertigen der Gitter geholfen, Werkzeuge geholt und gereicht und den Soldaten ihre Aufgaben zugewiesen. Sie hatte den ganzen Tag mit herum gewerkelt und sich keine Pause gegönnt. Schließlich hatten sie bis zum Abend fertig sein wollen und das hatten sie auch gerade so geschafft. Ihr Kopf wurde schwer und nickte immer wieder nach vorne. Die letzten züngelnden Flammen des Feuers verschwammen mehr und mehr vor ihren Augen. Schließlich schlossen sie sich wie von selbst und ihr Kopf fiel zur Seite gegen eines der Kissen. Ihr Körper entspannte sich und hob sich in langsamen, gleichmäßigen Atemzügen. Unter der dicken, weichen Decke fühlte sie sich wie auf einer Wolke schwebend. Arme und Beine waren wunderbar leicht.
Ein sanfter Hauch spielte mit ihren Locken. Der Wind ließ das Kleid wehen, das sie trug. Millionen Sterne funkelten vor einem tintenblauen Himmel. Weiße dicke Kerzen auf goldenen Kandelabern warfen warmes Licht auf ihr Gesicht und ihren Körper. Sie strich sich die Locken zur Seite und lief langsam los. Wie in Trance, als zöge ein unsichtbares Band sie vorwärts. Von irgendwoher kam leise Musik. Suchend blickte sie sich in dem traumhaften Raum um. Dort wo im Halbschatten das Licht noch hell genug schien, waren silbrig glänzende Gesteinswände zu erahnen. Unendlich hoch schien die Decke zu sein, die sich hinauf zu einem funkelnden Sternenhimmel erstreckte, doch vereinzelt hingen wie Stalakmiten kristallene Tropfen herunter. An ihnen glitzerten Perlen, die daran hinab glitten und auf den Boden tropften. Dort verbanden sie sich miteinander und bildeten einen flachen See. Auf seinem Grund blühten silberne Seerosen und üppig roséfarbene Anemonen. Als sie ihren nackten Fuß vorsichtig auf die Wasseroberfläche setzte, sank er nicht ein. Er war nicht einmal nass, aber hinterließ sich verflüchtigende Kreise auf der ansonsten spiegelglatten Fläche. Voller Verwunderung lief sie bedächtig über den See weiter, blickte staunend umher.
Und sie spürte, sie war nicht allein.
Aus dem Dunkel traten sechs Frauen. Sie trugen lange, voluminöse Kleider aus weißem, durchsichtigem Stoff, der ihre schlanken Körper einhüllte. In sanften Wellen fielen ihre glänzenden Haare hinunter über ihre Brüste. Elfengleich bewegten sie sich auf sie zu, umkreisten sie spielerisch, streiften dann die Träger ihres Hemdes die Arme hinunter bis es hinab fiel. Die Prinzessin beobachtete neugierig, aber ansonsten ungerührt, wie es auf den Grund des Sees schwebte.
Plötzlich lag sie wieder auf dem Bett. Die Köpfe der Frauen tauchten hinter den bauschigen Kissen und Decken auf. Sanft näherten sie sich ihr von allen Seiten. Katzenartig wandten sie sich über das Bett. Sie versuchte, sich zu rühren, doch schaffte sie es nicht. In Panik presste sie ihre Augen fest zusammen und riss sie im nächsten Moment auf.
Das Feuer warf noch kurze Schatten an die Wände. Lange konnte sie nicht geträumt haben. Sie versuchte sich zu beruhigen. Doch dann meinte sie, in der einen Ecke undeutlich jemanden stehen zu sehen. Sie erschrak.
Ihr Herz schlug heftig gegen ihre Brust. Sie konnte das Klopfen im ganzen Körper spüren. Ihr Atem ging nur noch stoßweise. Sie wagte nicht, sich zu bewegen, saß statuengleich im Bett. Wie hypnotisiert starrte sie hinüber in die Ecke. Als sich ihre Augen schließlich an die Dunkelheit gewöhnt hatten, konnte sie die Gestalt dort deutlicher erkennen. Mit verschränkten Armen lehnte ein groß gewachsener Mann an der Wand, das eine Bein locker angewinkelt, den Fuß gegen die Wand gestellt.
„Wer seid Ihr?“ Ihre Stimme war kaum mehr als ein krächzendes Flüstern. Es erforderte ihren ganzen Mut, ihren Mund zu öffnen und zu sprechen.
Seine Bewegungen waren schnell, als er aus dem Schatten hervor trat in den flackernden Lichtschein. Sein Blick war eine Spur aus Verwunderung und Belustigung.
„War dein Traum nicht schön genug“, entgegnete er schließlich.
„Wer seid Ihr?“ Beharrlich wiederholte sie ihre Frage. Keinesfalls wollte sie sich von der Erinnerung an diesen Traum verunsichern lassen.
Provozierend langsam kam er näher, ein breites Grinsen auf dem Gesicht.
Auf dem kleinen Tisch neben ihrem Bett lag ihr Schwert. Es würde sie nur eine schnelle Bewegung bedürfen und sie konnte sich gegen ihn wehren. Vorsichtig lehnte sie ihren Körper zur Seite, so dass sie in die Nähe der Waffe gelangen konnte. Sie war in diesem Augenblick dankbar dafür, dass das Bett nicht gerade breit war.
„Du hast Angst vor mir“, stellte er trocken fest.
Langsam tastete sich ihre rechte Hand weiter. Und er kam näher. Und in diesem Moment, in dem seine Aufmerksamkeit ein wenig nachließ, umgriffen ihre Finger den Schwertknauf und im nächsten schwebte die Spitze vor der Brust des Mannes. Er blieb ruhig. Regungslos stand er da, das Schwert auf Höhe seines Herzens.
„Nur zu! Tötet einen Unbewaffneten, Prinzessin.“
Seine Augen blitzten herausfordernd. Das Grinsen war immer noch nicht verschwunden. In dieser veränderten Situation, in der Alessandra nun die Oberhand zu haben schien und sich dadurch sicherer fühlte, nahm sie sich die Zeit, ihn nun genauer zu betrachten. Er trug schwarze enge Hosen aus Leder, die in ebenfalls schwarzen Stiefeln steckten. Sein Oberkörper war nur von einem weißen Hemd verhüllt aus dicker, glänzender Baumwolle mit einem kurzen Stehkragen. Es besaß keine Knöpfe und der Ausschnitt entblößte seine muskulöse Brust zu einem großen Teil. Unterhalb der breiten Manschetten mit schwarz-silbernen Knöpfen schauten lange, schlanke Hände heraus.
Ihr wurde immer klarer, dass sie ihn kannte.
Es war der Mann aus ihren Träumen.
Langsam ließ sie das Schwert sinken.
Vergeblich versuchte sie eine Regung in seinem Gesicht zu erkennen.
„Wenn du mit einer so tödlichen Waffe auf mich losgehst, hat dir dein Traum wohl wirklich nicht gefallen“, seine Stimme war ruhig, angenehm… verzaubernd schön.
Er war jetzt ganz nah, setzte sich zu ihr aufs Bett und legte das Schwert vorsichtig beiseite, das sie neben sich auf der Decke abgelegt hatte.
Seine Blicke zogen sie in seinen Bann. Er hatte wunderschöne, leuchtende Augen. Süße Worte versetzten sie zurück in die Traumwelt. Plötzlich waren die Frauen wieder um sie herum, streichelten ihr Arme, Schultern und Rücken. Eine setzte sich neben ihn, ihr Kleid, auf einer Seite herunter gerutscht, entblößte ihre nackte Brust. Mit ihren langen Fingern strich sie über seinen weißen Hals. Schließlich beugte er sich über Alessandra und drückte sie hinunter in die Kissen. Sie fühlte sich, als würde sie fliegen. Das Bett begann sich zu drehen, weiter und weiter nach ob zu schweben. Langsam kam sein Gesicht ihrem näher. Sie wusste, dass er sie gleich küssen würde. In ihrem Bauch begann es zu kribbeln. Zu ihrer Verwunderung ersehnte sie den Kuss, die Berührung seiner Lippen.
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