Betty Zehner - Wolfsengel

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Die Geschichte handelt von Alessandra, einer jungen Prinzessin. Sie ist eine der Wolfsherzen, ein friedliebendes, naturverbundenes Volk, das eine besondere Beziehung zu den Wölfen des Rothwaldes besitzt. Als Thronerbin wurde sie zwar in allen wesentlichen Dingen ausgebildet, jedoch ist Alessandra extrem behütet auf dem Schloss ihrer Eltern aufgewachsen.
Als sich für sie die Gelegenheit bietet, eigene Entscheidungen zu treffen und ihr Leben selbst zu bestimmen, begibt sie sich auf einen gefährlichen Weg voller Missgunst und Lüge, aber vor allem voller Liebe.
Die Liebe begegnet ihr in Form von Baldur, einem Fürst der Steinengel. Ein Volk, das ihr als blutrünstig und gefährlich beschrieben wird, und von dessen Existenz sie zuvor noch nie etwas gehört hatte, obgleich die Steinengel ebenso lange existieren wie die Wolfsherzen.
Während sie Entscheidungen trifft und Gefahren meistert, reift sie vom kleinen Mädchen zu einer jungen erwachsenen Frau. Diese Entwicklung wird sie schließlich von ihrem Weg als Thronfolgerin abbringen und sie fort von ihrer Familie führen.
Doch nicht nur Alessandra macht eine innere Entwicklung durch. Auch Baldur verändert sich unter ihrem Einfluss von einem egozentrischen, zügellosen und melancholischem Jungen zu einem verantwortungsbewussten Mann, dem Werte wie Liebe, Güte und Freundschaft wieder wichtig sind.

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Das Feuer im Kamin war fast herunter gebrannt und leuchtete dunkelrot. Durch die Verwendung des Holzes aus den umliegenden Wäldern war der ganze Raum von einem leicht süßlich-harzigen Duft erfüllt. Aus diesem Grund waren die Fenster im ganzen Haus geschlossen, denn die ansonsten entstehende Rauchentwicklung konnte richtig benommen machen. Ein weiterer war der, dass die fest verriegelten Fenster unerwünschte Eindringlinge abhalten sollten. Alessandra hielt dies jedoch für Schwachsinn. Kreaturen, die in eine hoch auf einem Felsen liegende Burg ohne Eingang gelangen konnten, würde ein geschlossenes Fenster nicht aufhalten. Und sie liebte es bei offenem Fenster zu schlafen, den Geräuschen der Nacht zu lauschen, das Rauschen des Waldes und der Felder zu hören, die das Schloss in Rothwald umgaben. Aber vor allem beruhigte sie das Heulen der Wölfe. Sie hatte Heimweh. Schon nach kurzer Zeit sehnte sich die Prinzessin nach der Geborgenheit der ihr vertrauten Umgebung.

Alle anderen schliefen bereits. Sie konnte leise das gleichmäßige Atmen der zwei jungen Soldaten vor der Tür zu ihrer Kammer hören, die dort als Wächter postiert worden waren. In Ermangelung einer ausreichenden Anzahl von Möbelstücken hatten sie es sich dort so gut es ging ein Lager aus Decken gemacht. Sie lehnten mit dem Rücken an den harten Wänden oder machten es sich auf dem Boden einigermaßen bequem. Die Prinzessin wusste, dass es, sollte einer der Steinengel in die Hütte eindringen, wohl wenig nutzen würde, dass die beiden vor ihrer Tür schliefen. Doch hatte sie nichts gesagt, denn hier drinnen war es trotzdem für die beiden weitaus angenehmer, als draußen in der eisigen Kälte zu schlafen.

Ein tiefer Seufzer entrang sich ihrer Brust. Sie dehnte und streckte ihren Nacken. Der Kopf drauf fühlte sich an, als würde er eine Tonne wiegen. Sie konnte einfach keine Ruhe finden. Sie war angespannt, verspannt und nervös. Ihr Herz schlug heftig gegen ihre Brust. Das intensive Klopfen spürte sie ihm ganzen Körper und verstärkte ihre Nervosität noch zusätzlich. Sie nahm ihren wollenen Mantel von einem wackeligen Stuhl und zog ihn sich über. Dann öffnete sie vorsichtig die schmale Tür und stieg so leise wie möglich über die Soldaten hinweg. Sie schlich durch den kurzen dunklen Flur hinüber in die Küche, in der noch Licht brannte. Sie vermutete, dass das Feuer des Ofens, der ordentlich angeschürt worden war, um den vielen Gästen eine ausreichende Mahlzeit kochen zu können, noch nicht herunter gebrannt war. Sie stellte fest, dass sie recht hatte, als sie in die Küche trat.

Doch dann erschrak sie.

Im Schein einer dünnen Kerze in einer ansonsten kaum erleuchteten Ecke saß der Doktor. Sein Gesicht wirkte im Flackern bleich und ausgezehrt.

„Hab ich Euch erschreckt“, fragte Arigon mit sanfter Stimme und ein freundliches Lächeln erschien auf dem Gesicht.

„Ja“, sie schluckte, „ich dachte hier wäre niemand mehr, alle würden schlafen.“

Er saß auf einer Bank und rutschte zur Seite, während er mit einer Hand eine einladende Geste machte.

Alessandra zog den Mantel enger um sich und setzte sich neben ihn.

„Könnt Ihr nicht schlafen?“

„Ja“, sie blickte verlegen nach unten. Ihr war es unangenehm neben ihm zu sitzen, nur mit einem Nachthemd unter dem Mantel.

„Wollt Ihr einen Becher heiße Milch mit Honig?“

„Das soll bei Schlafstörungen helfen?“

Sie sah ihn verwundert an, als er ohne eine Antwort aufstand, auf den Herd einen Topf setzte und Milch hineingoss.

„Lernt man das im Studium des menschlichen Körpers“, fragte sie amüsiert und allmählich wich ihre Anspannung in dieser ungezwungeneren Atmosphäre.

„Nein, das habe ich von meiner Mutter. Wenn ich als kleiner Junge nicht einschlafen konnte, hat sie mich fest in meine Decke gepackt, war kurz verschwunden und mit einer Tasse heißer Honig-Milch wiedergekommen. Sie blieb, bis ich sie restlos geleert hatte, dann nahm sie die Tasse, strich mir noch mal über das Haar und bevor sie mein Zimmer verlassen hatte, war ich schon eingeschlafen.“ Er grinste.

Doch dann verschwand das Lächeln und sein Gesicht bekam einen bekümmerten Ausdruck. Alessandra traute sich nicht nachzufragen, denn es war offensichtlich, dass er seine Mutter bereits verloren hatte.

Sie schaute ihm zu, wie er mit neben dem Herd aufgestützten Händen in den Topf blickte und darauf wartete, dass die Milch heiß wurde. Immer wieder pustete er prüfend in die weiße Flüssigkeit. Schließlich goss er sie in einen großen tönernen Becher, nahm ein großes, verschmiertes, klebriges Glas von einem Regal und gab einen großen Löffel Honig in den Becher. Ein süßer, angenehmer Duft stieg auf, der an Geborgenheit, Wärme und Kindheit erinnerte.

Vorsichtig reichte er der Prinzessin den Becher.

„Das tut gut“, sagte sie, nachdem sie vorsichtig einen Schluck des heißen Getränks genommen hatte.

Er lächelte und sein hartes Gesicht nahm wieder einen freundlichen Ausdruck an.

„Wollt Ihr auch“, fragte sie alle Distanz und Sitte vergessend und hielt ihm den Becher hin.

Er schüttelte den Kopf und aus Verlegenheit trank sie selbst.

„Ich glaube nur nicht, dass es wirklich hilft“, sagte sie schließlich in die Stille hinein.

Arigon hob den gesenkten Kopf und blickte sie verwundert an. Seine Augen leuchteten im Schein des Kerzenlichts. Sie hatten eine extrem dunkle Färbung und schienen einen rötlichen Rand um die Iris zu haben. Sein Haar fiel in dunkelblonden Locken ungezähmt über seine Stirn bis zu seinen Ohren und verdeckte ein wenig die tiefe Narbe, die sich von der Mitte seiner Stirn in gezackter Linie bis zu seinem Wangenknochen hinunter zog. Eigentlich wirkte er gar nicht, wie ein Doktor. Aber musste ein Doktor immer das ausstrahlen, was er war? Musste er denn unbedingt ein hohes Alter haben, um zu verdeutlichen, welches Wissen er besitzt? Trotzdem, die Prinzessin stellte sich einen Hofrat immer älter vor mit einem weißen Bart. Auch hatten Mediziner in ihrer Vorstellung immer Falten. Sie schmunzelte bei dem Gedanken, dass ein langes, intensives Studium diese Veränderung der Haut bewirken sollte. Mit seinen wilden Locken und der Narbe über der Stirn wirkte dieser Arzt jedoch eher wie ein Soldat oder ein Ritter. Wie war ihm diese Wunde im Gesicht wohl zugefügt worden? Vielleicht hatte sie ja etwas mit seinem Wissen über die Steinengel zu tun?

Arigon musterte Alessandra ebenfalls neugierig und seine Haltung verriet deutlich, dass er auf eine Erklärung wartete. Sie fühlte sich ertappt.

„Ich … ich habe Angst, naja das ist vielleicht nicht unbedingt der richtige Ausdruck… auf jeden Fall traue ich mich nicht die Augen zu schließen und einzuschlafen.“

Der Arzt schien über ihre Antwort amüsiert. Er lehnte sich zurück, legte bequem den Unterschenkel auf das Knies des anderen Beins und verschränkte die Arme vor der Brust. Sein Gesicht lag so im Schatten und Alessandra konnte nicht erkennen, welche Regung ihre Geschichte nun bei ihm auslösen würde.

„Seit einiger Zeit habe ich seltsame Träume, sehr seltsame. Aber ich würde nicht unbedingt sagen, dass sie mich ängstigen…“

„Es sind also keine Alpträume?“

„Nein, das sind sie nun wirklich nicht. Es sind eher … erotische Träume. Sexuelle Phantasien…“

„Aber nicht meine“, fügt sie schnell hinzu.

„Ihr habt erotische Träume einer anderen Person“, hakte er nach, „das ist allerdings äußerst merkwürdig.“

Sie konnte, obwohl sie sein Gesicht nicht erkennen konnte, deutlich hören, dass er sich ein Lachen verkneifen musste.

„Es ist nicht das, wofür Ihr es halten mögt. Und ich weiß genau, dass Euch meine sexuelle Naivität amüsiert. Aber gerade das ist es ja, was die Träume so seltsam macht.“

Die Prinzessin machte eine Pause. Es war ihr unangenehm mit einem Fremden über solche Dinge zu sprechen. Doch hatte sie zu dem jungen Doktor Vertrauen, seit sie ihn kannte, und sie war sich sicher, dass er alles, was sie ihm erzählte, für sich behalten würde. Denn verschwiegen war er allemal.

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