1 ...8 9 10 12 13 14 ...21 „Nein“, entgegnete er und trank einen weiteren Schluck, „Es ist dein Blut.“
Das Glitzern in ihren Augen wurde stärker und der Ausdruck in ihrem Gesicht nahm eine prüfende Miene an. Überlegend zupfte sie an ihrer Unterlippe. Dann, blitzschnell, hatte sie ein Bein hoch geschwungen und sich auf seinen Schoß gesetzt. Ihre Lippen suchten im Halbschatten die seinen, fanden sie und fordernd begann sie ihn zu küssen. Ihre Zunge suchte begierig zu bekommen, was sie ersehnte. Doch Baldur stellte den Becher weg und hielt sie mit einem Arm zurück. Er ließ ihren Saft seine Kehle hinunter rinnen und blickte sie streng an.
„Das wäre nicht gut für dich. Du wirst anderes bekommen und es zu schätzen lernen. Aber dein eigenes würde dich jetzt, da du für alle Ewigkeit davon getrennt bist, nur verbrennen.“
Er griff nach einer Karaffe, die auf einem hölzernen Tischchen neben ihm stand, schenkte daraus eine dunkelrote Flüssigkeit in einen zweiten Becher und reichte ihn Lysinia. In die Platte des kleinen Tischs waren zahlreiche Figuren und sogar ganze Szene hinein geschnitzt worden. Mit großem Interesse betrachtete das Mädchen diese und trank währenddessen gierig aus dem Becher. Menschen oder Wesen von fast überirdischer Schönheit waren dort abgebildet, ausgelassen tanzend und feiernd. Das Ganze schien in einen nicht enden wollende Strudel aus Leidenschaft und Wollust überzugehen.
„Was ist das?“
„Das sind wir“, antwortete er und strich ihr eine Locke aus dem Gesicht. „Es ist unser Dasein. Und jetzt auch deines.“
Ein Funkeln erschien in ihren Augen. Die Darstellung schien ihr zu gefallen. Genießend nahm sie einen weiteren Schluck. Die Flüssigkeit brannte in ihrem Hals, jedoch war es kein unangenehmes, sondern eher ein erlösendes Brennen.
„Wer bin ich“, fragte sie schließlich.
„Du bist nun eine von uns. Gestorben und doch lebendig. Was du vorher warst, liegt weit hinter dir und ist nicht mehr von Belang. Vielleicht hast du schon von uns gehört. Wir sind les Anges noirs, die schwarzen Engel oder auch Steinengel genannt.“
Aufmerksam folgte sie seinen Worten. Das Blut durchströmte ihren kalt gewordenen Körper und weckte unzähmbare Leidenschaft und Kraft in ihr. Erneut begann sie ihn zu küssen, zunächst vorsichtiger als zuvor, dann allmählich heftiger und fordernd. Heiß brannten ihre Berührungen auf seiner eisigen Haut. Suchend tasteten sie sich seinen Körper entlang. Normalerweise hätte Baldur es genossen, einmal verführt zu werden und nicht selbst zu verführen. Doch er empfand nichts dabei, gar nichts. Er wollte sie nicht und das verwunderte ihn. Wenig lustvoll erwiderte er ihre Küsse und ihre Berührungen. Da hielt sie in ihrem Tun inne und blickte ihn mit einer Mischung aus Enttäuschung und Wut an.
„Was bin ich für dich?“
„Du wirst meine Gefährtin sein und mein Werkzeug. Du hast eine Gabe, die mir und natürlich auch dir von Nutzen sein wird.“
Sie richtete sich auf. „Es hat sich gerade überhaupt nicht angefühlt, als wäre ich deine Gefährtin“, der Ton in ihrer Stimme war vorwurfsvoll und trotzig.
Baldur hob sie von sich herunter und stand auf. Das konnte er jetzt gar nicht gebrauchen. Eine Serva, die meint, sie müsse sich als Herrin aufspielen. Vielleicht war es doch keine so gute Idee gewesen.
„Wir müssen uns beide ausruhen. Schon morgen werden wir von hier in den Süden aufbrechen.“
Diese Erklärung stimmte sie offensichtlich milde.
„Wohin werden wir gehen“, fragte sie schmeichelnd.
Doch Baldur war schon zur Tür hinaus.
Eine Seuche oder Plage wäre nicht schlimmer für die Bewohner der nördlichen nordischen Wälder gewesen. Seit einigen Wochen hatten sie fast jede Nacht Verschwundene oder Tote zu beklagen. Es schien, als gäbe es keine Möglichkeit, das Unheil aufzuhalten. Die Älteren konnten sich durch Erzählungen ihrer Eltern oder Großeltern noch erinnern, dass es vor unzähligen Jahren solche Schrecknisse bereits gegeben hatte. Damals waren es die Könige der Wolfsherzen und der Spitzohren gewesen, die das Töten beendet hatten. Seither waren die Erinnerungen zu bloßen Schauermärchen geworden und schließlich fast verstummt. Niemand hatte damit gerechnet, dass sie das gleiche Schicksal wieder ereilen könnte. Besonders bitter war, dass die Tänner, so wurden die Bewohner dieser Landes-Teile gerufen, in ihrer Heimat zwar geschützt, aber gleichzeitig in Gefahr waren. Denn die Dörfer waren in dieser Gegend sehr verstreut und zählten nur wenige Gehöfte. Die Wälder waren beinahe undurchdringlich, die Fichten standen dicht an dicht. Erst weiter südwestlich wurden sie lichter mit mehr Farnen und Laubbäumen. So konnten die Dörfer oft nur über schmale ringsherum stark bewachsene Pfade erreicht werden. Manche Ansiedlung war auf einer so kleinen Lichtung entstanden, dass sie nur ein oder zwei Anwesen zählte. Daher war ein Zusammenschluss gegen die Bedrohung nicht möglich und die einzelnen Dörfer auf sich allein gestellt.
Es traf ausschließlich junge Frauen und Mädchen, deren Eltern diese sicher und geschützt allein schlafend in ihren Zimmern vermuteten. Doch obwohl niemand etwas bemerkte und die Fenster mit Gittern versehen waren, verschwanden immer mehr oder wurden tot in ihren Betten aufgefunden. Dies dezimierte die Anzahl der weiblichen Nachkommen ungemein und stellte nicht nur ein persönliches, emotionales, sondern auch ein grundsätzliches Problem des Überlebens dar. Da sie dem Ganzen also nicht mehr Herr wurden, schickten die Bewohner der nördlichen nordischen Wälder Botschaft an den König der Wolfsherzen und baten um Hilfe. Zusammen mit einer 30 Mann starken Truppe Soldaten reisten schließlich ein Dutzend der kundigsten Akademiker in diese Gegend, um herauszufinden, was in den Wäldern vor sich ginge. Unter ihnen befanden sich auch Prinz Eron und Prinzessin Alessandra.
„Eine Krankheit oder gar Seuche ist auszuschließen“, verkündete Doktor Arigon und zog sich die Handschuhe von den Fingern. „Sie ist vollkommen blutleer. Die langgezogene Schnitte an ihrem Hals und ihrem Unterarm sind dafür die Ursache.“ Er deutete auf die genannten Stellen. Die anderen Ärzte räumten bereits ihre Utensilien und Gerätschaften zusammen, sie hatten sie nicht einmal zum Einsatz gebracht.
„Im Prinzip hätten wir uns den Weg sparen können“, fügte er hinzu und warf einen mitleidsvollen Blick auf den starren Mädchenkörper. „Aber die Tänner wollten wohl gern andere Nachrichten und haben sich mit aller Macht an die Hoffnung geklammert, es sei bloß eine Krankheit.“
„Hoffnung?“ Eron runzelte zweifelnd die Stirn.
„Ja, genau“, antwortete der Doktor und wandte sich den Geschwistern zu, „die andere Variante, die, die sich jetzt bestätigt hat, ist viel schlimmer als irgendeine Seuche. Denn so wie wir das sehen…“
Er hatte den Plural bewusst betont, weil nicht nur er zu dem erschreckenden Ergebnis gekommen war, sondern auch alle seine Kollegen. „…so wie wir das sehen, haben wir es mit den Kaltblütern zu tun, mit den schwarzen Engeln.“
Auf den Gesichtern von Alessandra und Eron zeigte sich der gleiche unverständige und ungläubige Ausdruck. Der Arzt dagegen machte einen fast amüsierten Eindruck, als er mit einer Erklärung begann.
„Ihr seid noch zu jung, Majestäten. Aber Eure Vorfahren haben sich vor langer Zeit diesem…“, er machte einen Pause, um nach dem richtigen Ausdruck zu suchen, „… diesem Problem annehmen müssen und eine Lösung dafür gefunden. Seitdem hatten wir Ruhe, doch jetzt…“
Arigon blickte erneut voller Mitleid auf den bleichen, toten Mädchenkörper.
„Könntet Ihr bitte deutlicher werden“, Eron wurde langsam ungeduldig. Er war von Anfang an nicht sonderlich begeistert gewesen, dass er Aufpasser für einen Haufen Doktoren spielen musste, die alle dachten, sie seien aufgrund ihrer Profession etwas Besseres und daher ständig mit unverständlicher Fachsprache kommunizierten. Bereits fünf Tage waren sie in dieser öden, verlassenen Gegend und anscheinend sollte sich nun auch noch herausstellen, dass sie völlig umsonst die vielen Ärzte hierher begleitet hatten. Das steigerte seine Laune ungemein.
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