„Danke sehr“, sagte sie deshalb, „aber ich möchte nicht essen.“
An den Gesichtern von Mutter und Töchtern konnte sie ablesen, dass sie enttäuscht waren. Sicher hatten sie, wie jeden Morgen seit ihrer Ankunft, mit viel Fleiß aus den kärglichen Mitteln, die ihnen zu Verfügung standen, dieses Frühstück bereitet.
Der Boden in den nördlichen nordischen Wäldern war zwar nicht hart, denn die Nadeln der Tannen und der viele Regen lockerten die Erde stets auf. Trotzdem war der Platz zu gering, um große Felder anlegen zu können. Dafür müsste eine große Menge an Bäumen gefällt werden und das würde Erdrutsche und schließlich schwerwiegende Veränderung der Natur nach sich ziehen. Daher mussten die Tänner kleine Beete auf natürlichen Lichtungen anlegen. Diese waren allerdings nicht sehr groß, da sie dort auch ihre Hütten und Ställe errichten mussten. Tiere konnten sie nur wenige halten. Für Kühe und Schafe gab es nicht genug Gras. So hatten die meisten Familien wenige Ziegen und einige Hühner. Manche konnten sich sogar Schweine leisten, mussten dann allerdings aufgrund des geringen Platzes auf Ziegen verzichten. Das hatte den Nachteil, dass sie sich von anderen oder aus den Dörfern im Tal Milch kaufen mussten. Ins Tal gingen die Tänner aber nur sehr selten und dazu auch noch ungern. Der Rückweg mit schwer beladenen Körben und Säcken war extrem kräftezehrend. Und der Weg war weit. Man musste für Hin- und Rückweg drei Tage einplanen. Das bedeutete eine teure Übernachtung, die sich die meisten nicht leisten konnten oder wollten. Daher nahmen nur diejenigen den beschwerlichen Weg auf sich, die Bekannte oder Verwandte im Tal hatten, bei denen sie für eine Nacht unterkommen konnten.
Es war ein hartes Leben und die Prinzessin hatte großes Mitleid mit diesen Menschen. Vor allem da sie selbst ein sehr luxuriöses Leben führen durfte. Ihre Begleiter, die ebenfalls privilegiert und daher andere Speisen gewohnt waren, aßen die sorgsam bereiteten Mahlzeiten nur verächtlich. Dazu zählte auch ihr Bruder, obwohl er gerade eine große Schüssel Brei in sich hinein schaufelte. So tat es ihr leid, das Essen heute abzulehnen.
„Wo ist Doktor Arigon“, fragte sie, denn groß war ihr Wunsch, erneut mit ihm zu sprechen.
„Er wird bei den anderen Ärzten sein“, antwortete Eron mit vollem Mund.
Die Doktoren waren in der benachbarten, größeren Hütte untergebracht, die einige hundert Meter entfernt war. Ein schmaler Pfad führte vom Eingang am Stall entlang und dann durch einige eng beieinander stehende Tannen hindurch. Dort war er so schmal, dass zwei Menschen nebeneinander nicht hindurch passten.
Obwohl die Sonne schien, war der Wind empfindlich kalt, der Alessandra um die Ohren pfiff, als sie die Hütte verließ. Die Bäume, die den Berg hinauf standen, waren fast 50 Meter hoch und schwankten ordentlich hin und her. Bevor sie loslief, schaute sie in den Stall hinein, in dem ihr Pferd untergebracht worden war. Hier standen auch das von ihrem Bruder, und die der zwei Soldaten und so waren die Ziegen der Familie vorüber gehend ausquartiert worden. Durch das viele Stroh und die niedrige Decke war es mollig warm. Die Pferde fanden gerade so darin Platz. Sie scharrten mit den Hufen und schnaubten, als sie eintrat. Ganz offensichtlich waren sie ungeduldig und vor allem nervös. Dazu trugen sicher auch die Hühner bei, die noch im Stall herum flatterten und sich immer wieder frech auf die Rücken der Tiere setzten. Alessandra ging zu ihrem dunkelbraunen Hengst hinüber und streichelte sanft seinen Hals. Auf der Stirn besaß er ein sternförmiges weißes Fellbüschel und im Dämmerlicht der Hütte wirkte sein Fell fast schwarz. Allzu gern hätte sie ihn jetzt gesattelt und wäre mit ihm ein Stück geritten. Er war ein muskulöses, kräftiges Tier und liebte die Bewegung. Es musste für ihn eine Qual sein, schon seit Tagen einfach nur herum zustehen, das wusste die Prinzessin. Sie legte ihre Wange an seine und flüsterte beruhigend auf ihn ein.
„Die Ärzte haben die Sache geklärt und wenn wir Glück haben mit unserem Plan, dann können wir schon bald wieder nach Hause zurück. Ich habe auch Hoffnung, dass ich hinter das Rätsel meiner Träume kommen kann.“ Sie drückte ihr Gesicht gegen seine Stirn und genoss für einen kurzen Moment die Nähe mit dem Tier. Dann tätschelte sie ein letztes Mal seine Wange. Sie ging wieder hinaus in die Kälte und lief schnellen Schrittes hinüber zur anderen Hütte.
Fünf Soldaten standen dort in einer Gruppe zusammen und diskutierten lautstark mit zwei Tännern. Etwas abseits standen zwei der Doktoren und unterhielten sich leise. Sie wurden unterbrochen, als Alessandra zwischen den Bäumen hervorkam. An den Mienen der Männer konnte sie gleich erkennen, dass etwas nicht stimmte.
„Zwei Frauen sind letzte Nacht verschwunden“, begann Leutnant Caron und ging auf sie zu. Er war noch jung, so wie alle Soldaten, die dem Befehl der Prinzessin unterstanden, groß gewachsen und muskulös. Sein dunkles Haar trug er sehr kurz geschnitten, dazu einen gestutzten Vollbart. Seine hellen, blauen Augen strahlten stets, ob er fröhlich, wütend oder traurig war. Geschätzt wurde er für seine Zuverlässigkeit und seine Ehrlichkeit. „Wie befohlen, haben immer zwei Männer Wache gehalten die ganze Nacht hindurch. Abe wir haben nichts bemerkt. Heute morgen dann haben diese beiden ihre Frauen als vermisst gemeldet. Sie sind unauffindbar.“
„Meine liebe Elisabetha“, mischte sich einer der Tänner ein, er war ungefähr 30 Jahre alt, „sie hat neben mir geschlafen und ich habe nichts bemerkt. Wie kann das nur sein?“
Der Mann war völlig verzweifelt. Seine Augen waren rot, Schweiß stand ihm auf der Stirn und beim Sprechen fuchtelte er wild mit den Händen. Er machte den Eindruck, als stünde er kurz vor einem Nerven-zusammenbruch.
„Auch ich habe erst heute morgen bemerkt, dass meine Frau nicht da ist“, der zweite Tänner rang ebenfalls mit der Fassung. Ihre Blicke und Stimmen waren flehend. „Wie kann das nur sein? Wir haben uns sicher gewähnt, seit Ihr hier angekommen seid. Es ist ja auch niemand mehr verschwunden… bis letzte Nacht.“ Die Prinzessin fühlte sich extrem hilflos. Sie konnte den Männern auch nicht mehr sagen, als das, was sie selber wussten. Und jetzt sprach auch noch der Leutnant eindringlich auf sie ein. Wenn Arigon nur alles sagen würde, was er wusste.
„Die Doktoren wollen so schnell wie möglich abreisen. Sie sagen, sie können hier sowieso nichts mehr tun und fürchten um ihre eigene Sicherheit. Sie haben ihre Sachen bereits zusammen gepackt.“
„Wieso? Die Opfer sind doch alle Frauen. Sie haben nichts zu befürchten“, mischte sich ein anderer Soldat ein. „Oder sind sie etwa verkleidete Damen?“
Alessandra war nicht nach solchen Scherzen zumute. Sie ließ den Leutnant stehen und trat zu den Ärzten hinüber.
„Ihr könnt sofort losziehen, wenn Ihr das wünscht. Eure Arbeit ist hier getan. Wir brauchen höchstens einen Doktor für Notfälle und ich hätte gern Arigon dafür, wenn es ihm recht ist. Wo ist er denn?“
Die beiden sahen sie verwundert an.
„Arigon ist bereits vor zwei Stunden fort geritten. Er sagte, er hätte mit Euch gesprochen und Ihr hättet ihm gestattet nach Kapitall zurück zu kehren.“
„Nein, das habe ich nicht. Wir haben uns letzte Nacht noch unterhalten und da hat er davon nichts gesagt.“
Sie legte die Stirn in Falten. Die ganze Sache mit dem Doktor wurde immer mysteriöser. Die Prinzessin vermutete, dass die Geschichte von ihrem Traum die Erklärung dafür war, dass er so plötzlich verschwunden war. Nur das konnte ihrer Meinung nach der Grund für seine Abreise und die Notlüge sein. Durch seine Handlungen wurde sie nur mehr in ihrer Vermutung bestätigt, dass er etwas verheimlichte. Die Sache mit den zwei Frauen gefiel ihr ebenfalls nicht. Offensichtlich hatten sie das Ganze unterschätzt, wenn nicht einmal Wachposten und der direkt daneben schlafende Ehemann die Entführungen und das Morden verhindern konnten. Und ob die beiden letzte Nacht verschwundenen Frauen tot waren, war unbestätigt. Bislang fehlte von ihnen jede Spur. Sie konnten ebenso gut noch am Leben sein.
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