„Sie sind so real, als hätte ich sie bereits erlebt. Es fühlt sich vertraut an, obwohl es das nicht sein dürfte und es sind Dinge, die ich wohl in meinem Leben niemals tun würde.“
„Darf ich es dann so verstehen, dass es die Träume einer…“ Er überlegte, ob er es aussprechen sollte, „… einer Dirne sind.“
Obwohl Arigon sich bemühte, die Prinzessin ernst zu nehmen, kam ein leiser Gluckser aus seiner Kehle, als es versuchte sein Lachen zu unterdrücken. Alessandra funkelte ihn wütend an. Vielleicht war sie doch zu weit gegangen und hatte einen Fehler gemacht, als sie dachte, sie könnte sich ihm anvertrauen. Er verspottete und beleidigte sie sogar.
Der Arzt war weder in der Stimmung, noch der Verfassung für solche Gespräche. Eigentlich war er müde, ausgelaugt und wollte am liebsten seine Ruhe haben. Daher hatte er sich mitten in der Nacht in diese Küche zurückgezogen und jetzt kam die Prinzessin mit ihren Problemen zu ihm. Krampfhaft unterdrückte er ein Gähnen und versuchte sich damit abzulenken, indem er sie eingehend betrachtete. Sie hatte wunderschöne Augen, dass konnte er sogar in dem sanften Schein der fast herunter gebrannten Kerze sehen. Sie waren von einem sehr dunklen Grün, in dem sich die Farbe der Wälder ihrer Heimat wiederspiegelte, die Iris umrandete ein grauer Ring. Ihre Haut war sehr hell, an manchen Stellen so durchscheinend, dass er die Adern erkennen konnte, und wenn sie sich aufregte, bekam sie zarte rote Flecken auf den Wangen. Aufgrund der dunklen Ringe unter ihren Augen vermutete er schließlich, dass die Träume vielleicht doch ernster waren, als es sich im Moment anhörte.
„Es tut mir leid“, entschuldigte er sich, „aber Ihr müsst zugeben, dass sie sich schon recht komisch anhört, Eure Geschichte.“
Sie schmollte immer noch. Ihre Augen verengten sich kritisch, während sie versuchte, ihn zu mustern. Im Halbdunkel, in dem sein Gesicht lag, konnte sie seine Miene ja nicht erkennen.
„Aber erklärt es mir doch genauer, vielleicht kann ich Euch helfen. Oder ich weiß einen Trank dagegen, den ich Euch brauen kann, wenn ich Näheres weiß“, überlegte er.
Alessandra seufzte.
„Nun gut, den ersten dieser Träume hatte ich nach dem Benedictus-Fest. Dort waren die mir Fremden, die wohl Steinengel gewesen sein mussten, ebenfalls aufgetaucht. Und einer von ihnen hat mit mir getanzt. Als ich später im Bett lag, konnte ich erst nicht einschlafen und dann … dann hatte ich diesen Traum, der sich so real anfühlte …“
Sie hielt in der Erzählung inne und überlegte, wie sie dem Hofrat den Traum berichten sollte ohne ins Detail gehen zu müssen. Langsam trank sie aus ihrer Tasse.
„Ich wurde geküsst und … gestreichelt und … und ich hatte das Gefühl, dass wir nicht allein waren.“
Unbedarftheit und Naivität sprachen aus ihren Worten.
„Nicht allein?“, hakte Arigon sogleich nach.
Die Prinzessin wurde noch verlegener. „Ich weiß es nicht genau, aber ich meinte, es wären noch mehr Frauen und vielleicht Männer im Zimmer …“
„Wie bei einer Orgie?“ Sein Tonfall hatte sich verändert, offensichtlich schien ihm nun nicht mehr nach Scherzen zumute zu sein.
„Hmm … ja, so könnte man es nennen.“ Sie wurde rot.
„Und wie häufig hattet oder habt Ihr diese Träume?“
„Noch zwei oder drei Mal … manchmal kann ich mich nicht mehr richtig erinnern und habe nur das Gefühl beim Aufwachen, dass ich wieder einen solchen Traum gehabt hab. Aber ich bin nicht sicher, ob ich mir das nur einbildete.“
„Es ist nicht das erste Mal, dass mir von derartigen Träumen berichtet wird. Ihr müsst auch nicht weiter sprechen. Ich denke, ich kenne Euer Problem.“
„Das heißt, Ihr könnt mir helfen.“ Die Aussicht auf diese Möglichkeit befreite die Prinzessin von ihrer Last. Der dunkle Schleier verschwand von ihrem Gesicht. Sie stellte ihre Tasse auf den Tisch, die sie verlegen zwischen ihren Händen gehalten hatte. Doch der Doktor stand abrupt auf und wandte sich zur Tür, hielt jedoch im Gehen kurz inne.
„Nein, Hoheit. Das kann ich leider nicht. Dazu fehlen mir die Mittel. Aber lasst Euch eines sagen: Ihr solltet auf der Hut sein. Lasst Euch nicht auf diese Träume ein.“
Er bedachte sie mit einem ängstlichen Blick, der sie erst recht verunsicherte.
„Es ist gefährlich“, fügte er hinzu und ließ sie allein in der fast stockfinsteren Küche. Einige Minuten, nachdem der Arzt sie verlassen hatte, rührte sie sich aus ihrer erstarrten Haltung. Nach dieser Reaktion von Arigon ängsteten sie ihre Träume tatsächlich, aber nicht aufgrund ihres Inhalts. Es war offensichtlich, dass er mehr wusste und es absichtlich verschwieg. Aber warum? Sein Verhalten weckte die Vermutung in ihr, dass er ihr sehr wohl helfen konnte, es aber nicht wollte oder konnte. Was für ein Geheimnis umgab die Steinengel und welcher Zusammenhang bestand zu ihren Träumen?
Ihr war kalt und ihr Herz schien nun nur noch heftiger gegen ihre Brust zu schlagen. Sie griff noch einmal nach der Tasse, doch die Milch war mittlerweile kalt und so stellte sie sie zurück auf das Holztischchen. Da die Kerze bald ausgehen würde, beschloss sie zurück in ihre Kammer zu gehen. Es war egal, ob sie dorthin gehen oder hier bleiben würde, zu dieser Stunde war sie sowieso allein, denn alle schliefen und sie wollte niemanden wecken wegen eines merkwürdigen Traums. Einem, der anscheinend gefährlich werden konnte.
Schweißgebadet wachte sie auf. Ihr Nachthemd klebte am Rücken und die Locken an ihrer Stirn fühlten sich feucht an. Ihr Atem ging immer noch schwer von dem Schrecken, den ihr der Traum eingejagt hatte. Ein Blick zum Fenster verriet ihr, dass es bereits später Morgen sein musste. Helles Licht drang gedämpft unter den schweren Stoffvorhängen hervor.
Langsam stand sie aus dem Bett auf. Mit wackeligen Beinen ging sie hinüber zum Waschtisch und goss Wasser in die porzellanene Schale. Während sie sich das Gesicht wusch, versuchte sie sich an Details des Traumes zu erinnern, der allmählich vor ihrem inneren Auge verblasste. Es war nicht jener gewesen, sondern ein ganz anderer. Agiron war darin vorgekommen. Er hatte verzweifelt versucht, sie vor irgendetwas zu warnen. Aber da war noch jemand gewesen. Angestrengt versuchte Alessandra, sich zu erinnern. Doch es gelang ihr nicht. Das einzige, was es verursachte, waren Kopfschmerzen.
Ihr Gesicht im Spiegel enthüllte die kurze Nacht und die Nachwirkung des Alptraums. Die Ringe unter ihren Augen waren noch dunkler geworden. Sie musste endlich dahinter kommen, warum sie all diese Dinge träumte und sie musste hinter das Geheimnis von Arigon kommen. Entschlossen schraubte sie den Tiegel mit der Creme ihrer Mutter auf, den sie ihr gegeben hatte, weil sei meinte, es würde die Haut glätten und einen strahlenden Teint zaubern. Doch Alessandra glaubte nicht daran, auch wenn sie es an diesem Morgen gern getan hätte. Sie benutzte die Creme eigentlich nur ihrer Mutter zuliebe. Danach bändigte sie ihre Locken, indem sie sie zu einem dicken Zopf zusammen flocht. In ein langes, weißes Hemd gekleidet mit einer braunen, ledernen Weste darüber und Pumphosen aus dem gleichen Material verließ sie schließlich ihre Kammer.
Eron, ihre zwei Wächter und die Tänner, deren Hütte sie bewohnten, saßen am Tisch in der Küche. Die Familie bestand aus den Eltern und den beiden Töchtern, die sich sehr ähnlich sahen und nur ein Jahr auseinander waren. Spiegeleier und Speck waren reichlich auf Tellern verteilt worden. Daneben stand eine große Schüssel mit dem für diese Gegend typischen Brei aus Haferflocken, Milch und Honig.
„Guten Morgen, Eure Hoheit“, grüßte der Forstarbeiter mit seiner brummigen Stimme und deutete einladend auf den Stuhl, den seine jüngere Tochter frei machte.
„Guten Morgen.“
Ihr war nicht wirklich nach Essen zumute. Der Traum hatte ihr auch auf den Magen geschlagen und sie wollte viel lieber ihren Plänen nachgehen.
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