Ich musste folgen und ich durfte nicht widersprechen.
Tat man es doch einmal, gab es sofort Ohrfeigen, je nach Laune auch mal drei oder vier. Habe ich dann geheult, folgten noch ein paar hinterher. Oder ich wollte ein bestimmtes Kleid nicht anziehen, weil es am Hals so eng war, da hat sie mich so verhauen, meine Großmutter wollte einlenken, aber sie lies sich von ihr nichts sagen.
Und meine Großmutter lag im Bett und war auf die Hilfe ihrer Töchter angewiesen und deshalb dann still.
In den Unterricht bin ich gern gegangen. Ich lernte viel Neues und konnte in den Pausen mit anderen Kindern spielen. Nach der Schule wurde ich sofort erwartet, denn für mich gab es auch immer Arbeit. Mein Onkel meinte, wer am Tisch sitzt und isst, muss auch arbeiten.
Holz aufschichten und Abfallholz bündeln.
Unser Lehrer hat uns in der ersten Klasse auf den Muttertag vorbereitet. Wir mussten ein Gedicht lernen und er hat uns geraten, es noch vor dem Frühstück aufzusagen. Es wäre auch noch schön, wenn wir der Mutter ein paar Blumen überreichen würden. Sie würde sich bestimmt sehr freuen. Natürlich habe ich die Anweisungen des Lehrers befolgt. Zum einen wollte ich auch einmal etwas richtig machen. Zum anderen wollte ich auch einmal von meiner Mutter gelobt werden und ich malte mir schon aus, dass sie mich anlächeln und in den Arm nehmen würde.
Also stand ich schon ganz früh auf, ging an den Bach und holte Dotterblumen und Gräser. Daraus habe ich einen schönen Strauß gebunden. Meine Tante Irma gab mir noch ein Stück Seife aus ihrem Wäscheschrank. Seife war damals etwas sehr Kostbares. Mit diesen beiden Geschenken wartete ich in der Wohnküche auf meine Mutter. Ich stand neben dem Bett meiner Großmutter, das auch in der Küche stand. Ich war schon ganz aufgeregt. Denn ich wollte das Gedicht, das wir in der Schule gelernt haben, aufsagen. Dann kam meine Mutter zur Tür herein. Ich trat gleich vor sie hin, habe ihr die Blumen in die Hand gedrückt und alles Gute zum Muttertag gewünscht. Als ich gerade mit dem Gedicht beginnen wollte, hat sie die Blumen auf die breite Fensterbank geschmissen. »Scheiß Muttertag, den braucht keiner und ich schon gar nicht«, schrie sie und hat die Küche verlassen und die Tür hinter sich zugeknallt. Ich stand wie erstarrt. Hatte ich mir das doch so schön ausgemalt und hatte keine Ahnung warum sie so reagiert hat. Meine Großmutter hat mich zu trösten versucht. Alle im Haus haben ihr dann die Meinung gesagt, dass das nicht richtig ist wie sie mit mir umgeht, aber geändert hat sich dadurch nichts. Die kommenden Muttertage habe ich immer gefürchtet. Wenn ich an Muttertag denke, sehe ich immer noch die hingefeuerten Blumen auf der Fensterbank liegen. Seitdem habe ich eine sehr geteilte Einstellung zu diesem Tag.
Heute feiere ich keinen Muttertag mehr, obwohl ich Mutter bin.
Ich habe immer dann Muttertag, wenn meine Kinder mich besuchen.
Bei den Hausaufgaben hat mir niemand geholfen und sie wurden auch nicht kontrolliert. Ich habe gern gelernt und ich war wissbegierig. Als dann immer das Zeugnis kam, ich hatte ein sehr gutes. Meine schlechteste Note, eine Drei in Schrift. Denn ich schrieb in der Schule einen Text an die Tafel, den die anderen Kinder ins Heft schreiben mussten. Da ich den Text auch noch in mein Heft schreiben musste, hab ich halt schnell schreiben müssen. Das ergab halt kein schönes Schriftbild. Bei den Hausaufgaben habe ich »aus Zeitmangel« halt auch geschmiert. Meine Mutter ist dann stets ausgerastet und hat mich geschlagen. Daraufhin meinte meine Großmutter: »Mach doch mit ihr die Hausaufgaben. Du kannst dann den Haushalt führen und dich um deine Tochter und um mich kümmern.« Aber das wollte meine Mutter nicht. Sie hat lieber im Sägewerk gearbeitet. Und ich bin immer hinter meiner Tante hergelaufen. Mit der ich mich gut verstand. Sie hat mir manches gezeigt und wenn ich es nicht richtig machte, wurde ich von ihr auch nicht geschimpft.
Auf meinem Schulweg musste ich so vierhundert Meter am Wald entlang gehen und dann an der Mühle mit Bauernhof vorbei und noch ca. fünfhundert Meter bergauf bis an den Ortsanfang. Dort stand die Schule. Vom Klassenzimmer aus konnte ich auf das Sägewerk blicken. An der Mühle vorbeigehen, das mochte ich nicht so gerne weil meist der große Schäferhund am Straßenrand lag. Vor ihm habe ich mich sehr gefürchtet. Leider konnte ich nicht ausweichen, denn es gab keinen anderen Weg zur Schule. Direkt an der Mühle musste ich über den Bach. Ich bin ganz ängstlich vorbei gegangen und immer nach dem Hund geschaut oder ich habe gewartet bis jemand aus dem Stall kam, dann bin ich schnell vorbei gegangen. Die Nachbarn haben mich nur ausgelacht und gemeint. »Der Hund ist ganz brav und tut dir nichts.« Jahrelang bin ich immer mit dieser Angst an der Mühle vorbei geschlichen. Jeden Tag. Das war der Horror. Meiner Tante Irma habe ich davon erzählt. Sie hat mit den Nachbarn gesprochen, sie sollten doch den Hund anketten bis ich in der Schule wäre. Ein paar Mal hat es geklappt, dann war es wieder dasselbe. Ich glaube sie haben sich köstlich über meine Ängstlichkeit amüsiert. Mein Großvater hat deswegen vorgesprochen, aber es hat nichts genützt.
Eines Tages auf dem Heimweg von der Schule, ich war schon fast am Hof vorbei, ist der Hund plötzlich hinter mir hergesprungen und hat mich in den Oberschenkel gebissen. Mein Kleid und meine Unterwäsche waren zerrissen und das Blut ist mir über die Beine gelaufen. Heulend lief ich nach Hause. Mein Großvater hat sofort den Arzt geholt und ich bekam eine Spritze und bin verbunden worden. Dann ist er zu unseren Nachbarn gegangen und hat von dem Vorfall berichtet. Einige Zeit war der Hund an der Leine, aber ich habe mich trotzdem gefürchtet, als ich da vorbei gehen musste.
Dann haben sie einen neuen Hund bekommen und das Spiel ging wieder von vorne los. Der Hund tut nichts und ich wäre jetzt ja schon groß, ich soll mich nicht so anstellen.
Im Frühsommer sind dann die Maurer zu uns gekommen, denn es wurde ein Stall gebaut.
Bisher standen die Kühe im Hausanbau mit Zugang zum Flur. Nur durch eine Doppeltüre getrennt. Eine Türe führte direkt vom Stall ins Freie zum Misthaufen, der sich mitten im Hof befand. Jetzt ist hinter dem Stall eine Jauchegrube betoniert worden und es wurde ein neuer Misthaufen außer Sichtweite angelegt. Die Kühe bekamen eine Selbsttränke montiert und Abstandsgitter an den Futtertrögen. Das Futter musste man jetzt nicht mehr zwischen den Rindern vorbei in die Raufe heben. Sie bekamen einen durchgehenden Trog an dem man bequem vorbeigehen konnte. Das Futter wurde von vorne in den Trog gespießt. Wo früher der Mist lag, ist ein betonierter Autowaschplatz mit Gulli entstanden. Wir haben ein neues Waschhaus, ein Spülklosett und ein Bad bekommen.
Das Bad mit einer Emaille – Wanne und einem mit Holz beheizten Warmwasserboiler. Der alte Stall ist grundsaniert worden und daraus wurde ein Büro. Schreibtische standen darin, Regale mit Ordnern und eine Schreibmaschine, die mich magisch anzog. Doch leider durfte ich darauf nicht üben. Wenn ich es einmal doch probierte, wurde ich fürchterlich ausgeschimpft und auf die Finger geklopft. Unnötig Papier- und Farbbandvergeudung nannten sie das. Nur wenn meine Cousine aus der Stadt zu Besuch kam, die durfte damit üben. Sie könnte es ja Mal beruflich brauchen. Ich habe sie sehr beneidet.
Einmal im Jahr bin ich mit meiner Tante Linda zum Zahnarzt gegangen. Als ich das erste Mal mitgehen musste, haben sie mir alle wahre Schauermärchen erzählt. Von dem Stuhl, in dem man sich setzen musste, und von den großen Zangen, mit denen der Zahnarzt die Zähne reißt. Nach einem siebeneinhalb Kilometer langen Marsch sind wir endlich in der Praxis des Zahnarztes angekommen. Im Wartezimmer setzten wir uns auf die gepolsterten Stühle, solange bis wir in den Behandlungsraum gebeten wurden. Termine sind damals nicht gemacht worden. Man ist einfach hingegangen und hat gewartet bis man an der Reihe war. Ich hatte solche Angst, aber als wir in das Sprechzimmer gebeten wurden, war ich so müde, dass es mir egal war was auf diesem Stuhl mit mir passieren würde. Außerdem hat sich meine Tante vor mir behandeln lassen, es schien nicht sehr schmerzhaft zu sein. Jedenfalls hat sie nicht geschrien.
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