Als es zehn war, sagte sie auch ohne Hektik, sie müsse jetzt aber nach Hause. Schließlich habe sie gesehen, dass er noch eine Menge Arbeit auf dem Schreibtisch liegen habe, und sie selbst sei auch recht müde und sie müsse am nächsten Morgen schon um fünf aufstehen, weil sie Frühschicht habe.
Hatte er nun seine Chance vertan, ihre sicherlich noch sonnenwarme Haut zu streicheln? Hatte er sie beleidigt, als er nicht auf ihr Angebot eingegangen war? Es hätte nicht wenig gefehlt und er hätte sie recht eindeutig aufgefordert, die Nacht bei ihm zu verbringen, wenn ihm nicht durch den Kopf gegangen wäre, dass die beiden Frauen noch am späten Abend miteinander telefonieren und dabei feststellen würden, so seien eben die Männer. Auch die Vorstellung, dass Krischa ihn bei nächster Gelegenheit fragen würde, wie es denn mit Anne gewesen sei, gefiel ihm nicht. Schließlich hatte Krischa ja schon beim Hinausgehen wissend gegrinst. Es wäre Thomas peinlich gewesen, wenn sein Verhalten so berechenbar gewesen wäre, also sagte er sich „Locker bleiben!“ und unterließ die Aufforderung, die ihm durch den Kopf gegangen war. Ganz aber wollte er den Abend auch nicht abschreiben und verschob, wie es seine Art war, die Entscheidung, indem er Anne anbot, sie nach Hause zu fahren. Anne wollte aber lieber noch ein wenig durch die Stadt laufen. Das tue nach dem Essen gut, und es seien ja nur zehn Minuten bis zu ihrer Wohnung. Dann wolle er sie unbedingt begleiten, bot Thomas an. Auch er könne einen Spaziergang vertragen und er wolle sie auch nicht in der Nacht alleine durch die Straßen laufen lassen. So hatte er weitere zehn Minuten, in denen er bei ihr sein und auf eindeutige Signale warten konnte. Vor ihrem Haus aber kam es zu einem kurzen Abschied. Anne bedankte sich bei Thomas für den schönen Tag und besonders den schönen Abend, gab ihm einen Kuss auf den Mund und verschwand. Thomas war damit zufrieden. Offenbar hatte er nicht viel falsch gemacht.
Wie von Thomas vermutet beschäftigte der Verbleib von Anne die Phantasie Krischas, während Charly sich darüber zunächst keine Gedanken machte. Sie wurde aber, kaum dass sie im Auto saßen, von Krischa darauf angesprochen:
„Das hat mich ja doch gewundert“, sagte er, „dass Anne einfach dageblieben ist.“
„Wenn sie weiß, dass es der Richtige ist, kann sie auch entschlossen sein.“
„Glaubst du denn, dass er der Richtige ist?“
„Ich glaube ja.“
„Ob die schon auf der Matratze liegen?“
„Was geht das dich an?“
Charly hatte natürlich recht. Das war klar. Eine andere Frau als Charly hätte seine Frage vielleicht als Beleidigung empfunden und wäre eifersüchtig geworden, zu Unrecht natürlich. Krischa ging es ja nicht um Anne, ihm ging es um Thomas. Anne hatte ihn nie besonders interessiert. Die Frage, welche von beiden Frauen er vorziehen würde, wäre lächerlich gewesen. Aber was Thomas mit Anne anstellen würde, beschäftigte seine Phantasie. Würde er zurückhaltend, vielleicht sogar passiv sein und die Frau so verrückt machen, dass sie ihm total verfallen würde, oder packte er alle Liebeskünste aus, die er in irgendwelchen sonderbaren Büchern kennengelernt hatte, oder bevorzugte er perverse Praktiken? Das war bei Thomas alles möglich. Auf jeden Fall würde Thomas dafür sorgen, dass Anne ihren Verstand verlieren und sich an ihn klammern würde wie eine Ertrinkende. Hatte er nicht schon durch sein passives Verhalten bewirkt, dass Anne über ihren Schatten gesprungen war und etwas getan hatte, was man ihr nie zugetraut hätte?
Er hätte sich gerne mit Charly darüber unterhalten. Sie hatte als Frau sicher einen besseren Sinn für das, was von Thomas zu erwarten war. Sie hatte ihn aber so schroff zurückgewiesen, dass er es vorzog, den Mund zu halten. Erst beim Abendessen – es gab Steak mit Kartoffelsalat, der noch im Kühlschrank war, und Bier, eine Flasche für sie, zwei für ihn – wagte Krischa wieder, das Thema anzusprechen:
„Ruf doch mal Anne an! Ob sie immer noch bei Thomas ist?“
„Ruf du doch Thomas an!“
„Männer reden nicht über so was – jedenfalls kein Thomas. Ihr redet doch sonst immer über alles.“
„Wenn Anne nicht anruft, wird sie ihre Gründe haben, und ich habe genügend Gründe, es genau jetzt nicht zu tun. Ich zieh mich mal ins Schlafzimmer zurück, ich will lesen.“
Krischa schaltete den Fernseher ein. Es gab eine Liebeskomödie; aber Krischa war nicht in der Lage, irgendetwas komisch zu finden. Er schaltete zum Sport: Es gab ein Basketballspiel zwischen zwei süddeutschen Vereinen, die ihn nicht interessierten. Er suchte weiter und blieb bei einer Frau in mittleren Jahren hängen, die auf der Bühne stand und von ihren Krampfadern erzählte. Das Publikum lachte Tränen. Danach kam eine jüngere Komödiantin, die über ihre vergeblichen Diäten berichtete, was durchaus glaubhaft war, weil sie deutlich zu viele Pfunde auf den Rippen hatte. Die dritte Frau schließlich, eine ältere Frau mit schriller Stimme, sorgte sich um ihre Falten und machte sich lustig über ihren impotenten Gatten, der jungen Frauen nachstarrte. Das Publikum brüllte vor Lachen. Was daran so witzig sein sollte, leuchtete Thomas nicht ein. Alle Drei beschäftigten sich mit ihren körperlichen Defiziten. In der Stimmung, in der er war, gönnte Krischa allen Dreien ihre Probleme. Er hatte inzwischen die Flasche Wein, die er sich schon beim Basketballspiel genommen hatte, zur Hälfte ausgetrunken, und während er diesen Komikerinnen zuhörte, entwickelte er einen Hass auf Anne und Charly. Anne hatte sich einfach Thomas an den Hals geworfen und ließ sich jetzt von ihm ganz sicher nach allen Regeln der Kunst durchvögeln, und Charly weigerte sich, das als Skandal anzuerkennen, und zog sich auch noch mit einem Buch von diesem Typen ins Schlafzimmer zurück. In seinem Suff – inzwischen hatte er schon wieder nachgegossen – hörte er schon gar nicht mehr, was die nächste Kabarettistin zu beklagen hatte, weil seine Vorstellungen davon, was Thomas mit der blöden Anne anstellte, immer groteskere Formen annahm: Thomas fickte Anne nun nicht mehr nur in alle möglichen Körperöffnungen, sondern bohrte mit seinem Penis überall Löcher in sie, sodass sie schon wie ein Schweizer Käse aussah. Er schaltete den Fernseher aus und wankte ins Schlafzimmer. Charly lag auf dem Bett und las im Schein der Nachttischlampe.
„Der Typ ist wirklich krank“, sagte sie, „aber witzig.“
Sie sagte es, ohne vom Buch aufzusehen und Krischa anzuschauen, der breitbeinig und schwankend zur Tür hereingekommen war.
„He“, sagte der in einem Ton, dass Charly sich nun doch zu ihm umdrehte.
„Du bist ja besoffen.“
„Tschuldigung!“, brachte Krischa hervor.
Er legte sich neben Charly und schaute ihr zu, wie sie weiterlas. Langsam kam er wieder zur Besinnung und ging ins Bad, um sich die Zähne zu putzen. Zu seiner Überraschung war Charly sogar bereit, mit ihm zu schlafen. Sie war ja doch eine bezaubernde Frau, fand er. Dann kam ihm aber doch wieder Thomas in den Sinn und er wurde so heftig, dass Charly ihn fragte, was das denn solle. Er grunzte mal wieder „Tschuldigung“ und wurde wieder ruhiger. Als er erneut heftig zu atmen anfing, stieß Charly ihn von sich und rollte sich in ihre Decke ein.
Gegen drei Uhr wachte Krischa aus einem grässlichen Traum auf. Er war mit Thomas beim Schwimmen, und Thomas tauchte in das Geflecht der Wasserpflanzen hinab, kam aber nicht mehr hoch. Das Einzige, was hoch kam, waren Luftblasen ungefähr da, wo Thomas sein musste. Plötzlich waren Anne und Charly da und schrien „Thomas! Thomas!“ „Das ist doch Show“, rief Krischa ihnen zu. „Das ist doch nur Show.“ Anne und Charly schrien aber weiter und zeigten auf die Luftblasen: „Da! Da!“ Krischa tauchte in die Tiefe und sah Thomas, wie er vergebens versuchte sich aus den Wasserpflanzen, die ihn umschlungen hatten, zu befreien. Und unablässig stiegen Luftblasen aus Thomas´ Mund nach oben. Eigentlich hatte Krischa Angst, in das Gewirr der Pflanzen hineinzuschwimmen, aber er hörte auch unter Wasser die Schreie von Anne und Charly. Also schwamm er in dieses Dickicht hinein und fasste Thomas an der Hand. So fest er auch zog, die Wasserpflanzen hielten Thomas fest. Sie kringelten sich nun sogar um ihn wie Efeu um einen Baumstamm. Krischa selbst bekam Atemnot und wollte wieder auftauchen, um Luft zu holen, als er feststellen musste, dass die efeuartigen Gewächse Thomas losließen und nun ihn allein umklammerten. Er konnte gerade noch sehen, wie Thomas nach oben schoss, während er selbst nun Wasser einatmete. In dem Moment schreckte er hoch und schnappte nach Luft wie ein Fisch an Land. Charly schlief.
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