„An einem schönen Morgen des Monats Mai ritt eine elegante Amazone auf einer glänzenden Fuchsstute durch die blühenden Alleen des Bois de Boulogne“, zitierte er.
„Was ist?“, fragte Krischa, der so verständnislos auf Thomas schaute wie die beiden Frauen.
Thomas genoss die Verwirrung: „Das ist der erste Satz.“
„Deines Romans?“, fragte Charly.
„Nein, eines Typs aus der „Pest“ von Camus.“
„Entschuldige!“, sagte Charly verwirrt. „Was hat das mit deinem Roman zu tun?“
„Das ist der erste und einzige Satz, den der Typ zustande bringt. An diesem Satz feilt er sein Leben lang herum, weil er meint, er könne erst weiterschreiben, wenn dieser erste Satz vollkommen wäre. Er hat sich nämlich vorgenommen, einen Roman zu schreiben, bei dem der Verleger einfach hin und weg ist und nur noch seinen Hut ziehen kann.“
„Der Satz ist aber schön“, meinte Anne.
„Was ist sein Problem?“, fragte Charly.
„Er hat kein Thema“, sagte Thomas.
„Und du auch nicht“, stellte Krischa zufrieden fest.
„Die Welt ist doch voller Probleme“, meinte Charly.
„Uns geht es zu gut“, sagte Thomas. „Uns geht es einfach zu gut. Wir haben keine Not und keine richtigen Probleme, Krischa an erster Stelle. Und du hast auch einen Beruf, der dich interessiert, und Anne liebt ihren Beruf, auch wenn er ein bisschen zu schlecht bezahlt wird.“
„Und was ist mit dir?“, fragte Charly.
„Ich führe das perfekte Spießerleben: Ich habe ein ordentliches Einkommen, viele Ferien und ich liebe meine Schüler, zumindest die meisten, und sogar die, die ich nicht mag, mag ich auch ein bisschen. Und ich liebe es, vor der Klasse zu stehen und so zu tun, als hätte ich den Schülern ein paar Weisheiten zu verkaufen. Wir haben keine richtigen Probleme. Das reicht nur für eine alberne Liebesgeschichte oder einen Krimi.“
„Das war Krischa nun doch zu viel Thomas. Es reizte ihn, ihm ein bisschen die Schau zu stehlen:
„Und alberne Liebesgeschichten und Krimis will Thomas nicht schreiben. Wenn unser Thomas einen Roman schreibt, dann muss es ein großer Roman sein. Können wir jetzt?“, fragte er.
Also gingen sie noch einmal schwimmen, plantschten aber eigentlich mehr oder weniger auf der Stelle herum und sahen einigen Campern zu, die sich recht ungeschickt im Wasser einen Gummiball zuspielten. Als die genug von ihrem Sport hatten, fragte Charly, ob sie ihr den Ball ausleihen könnten. Beim Spiel zeigte sich Anne besonders geschickt, schließlich hatte sie einige Jahre in einer Volleyballmannschaft gespielt; aber die drei anderen hatten es auch mal in der Schule gelernt, sodass es kein Wunder war, dass sie den Ball lange im Spiel halten konnten, bis Charly anfing, den Ball so zuzuspielen, dass der Angespielte ihn kaum noch erreichen konnte. Das regte nun auch die Männer an, den Ball zu weit, zu kurz oder so scharf zu spielen, dass er kaum zu returnieren war und sich alle rückwärts und vorwärts werfen mussten, um an den Ball zu kommen.
„Typisch Männer“, kommentierte Charly, „sie müssen aus einem Spiel gleich einen Wettkampf machen.“
„Ich erkläre euch den Krieg!“, rief Krischa, „aber du hast damit angefangen.“
Der Krieg machte aber allen schreienden Spaß, sodass sie sich bis zur Erschöpfung austobten.
Auf der Heimfahrt überfiel alle die Müdigkeit, auch Krischa, der aber im Gegensatz zu den anderen die Augen offen halten musste.
„Sag was!“, rief er nach hinten zu Charly, „sonst schlaf´ ich noch ein.“
Er bekam aber nur ein müdes Lalala zu hören. Er stellte das Radio an. Es gab gerade Sportmeldungen. Der HSV hatte gewonnen, das hob seine Stimmung. Er fuhr gleich schneller und wollte einen Schleicher auf der kurvenreichen Straße überholen, musste aber abrupt abbremsen, weil plötzlich ein Auto entgegenkam. Damit weckte er alle auf.
“Jetzt bin ich wach“, sagte er.
„Hoffentlich“, sagte Charly, „sonst sind wir bald alle tot. Ich wollte aber vorher noch den Roman lesen, den mir Thomas empfohlen hat.“
Sie fuhren zuerst zur Wohnung von Thomas, weil Charly den Portnoy gleich mitnehmen wollte. Thomas bot an, das Buch hinunterzubringen; aber Charly wollte mit nach oben, und als Anne sich anschloss, sah sich Krischa gezwungen einen Parkplatz zu suchen und hinterherzustapfen.
„Wow!“, sagte Charly, als sie in die Wohnung kamen, eine kleine Nationalbibliothek“. Das Wohnzimmer wurde dominiert von Bücherregalen, die zwei Wände bedeckten. Thomas war froh, dass er am Freitag vorsichtshalber schon einmal aufgeräumt hatte. Nur der Schreibtisch war etwas ungeordnet mit Stapeln von Schülerheften, was ihm aber nun auch gelegen kam, weil es zeigte, dass er ab und zu auch arbeitete.
Angesichts der vielen Bücher meinte Charly, das könne aber dauern, bis er den Portnoy gefunden habe.
„Kein Problem“, lachte Thomas, „wenn alles so geordnet wäre in meinem Leben wie mein Bücherregal, wäre ich glücklich“, und gab ihr den gewünschten Roman.
„Und könnte ich den mit dem langen Titel haben?“, fragte Anne. Sie bekam ihn.
Charly schaute gleich auf die letzte Seite ihres Romans und stellte zufrieden fest, dass der von Thomas genannte Satz wirklich dort stand.
„Können wir dann?“, fragte Krischa ungeduldig.
Anne, die ihr Buch noch ehrfürchtig in der Hand hielt, fragte zögernd: „Kann ich noch etwas bleiben? Ich will noch ein bisschen mehr über das Buch wissen. Ich geh´ dann zu Fuß nach Hause. Es ist ja nicht weit.“
„Gerne“, sagte Thomas.
Charly schaute etwas erstaunt auf Anne, Krischa grinste: „ Ja, dann viel Spaß!“
„Die Liste will ich trotzdem haben“, rief Charly noch im Hinausgehen.
Als Charly und Krischa gegangen waren, fragte Thomas Anne, ob sie noch etwas trinken möchte. Er habe Durst auf einen Kaffee. Anne fragte, ob sie auch einen Tee haben könne.
„Dann setz´ dich mal!“, sagte Thomas, zeigte auf das Sofa und verschwand in der Küche. Als er mit den Getränken zurückkam, wollte Anne wissen, was das denn für Frauen seien, von denen Krischa gesprochen habe. Soweit er sich erinnere, sagte Thomas, heiße die eine Frau Teresa, die andere Sabina. Sabina, die mit der Melone, sei eine Künstlerin und seit Jahren mit Tomas befreundet – die Hauptperson des Romans heiße zufälligerweise auch Thomas wie er – und die andere, Teresa, sei eine Kellnerin, die Tomas mal irgendwann bedient habe und dann eines Tages mit dem Koffer in der Hand bei ihm auftauche.
„Und welche liebt er?“, fragte Anne.
„Er liebt beide und noch ein paar andere Frauen; aber dann bleibt er doch mit Teresa zusammen. Aber am besten liest du das Buch zuerst.“
„Ja, klar.“
„Und jetzt habe ich Hunger“, sagte Thomas. Möchtest du nicht auch etwas essen?“
„Ja, gerne. Was hast du denn?“
„Wollen wir mal sehen!“
Also gingen beide in die Küche. Im Kühlschrank fanden sie eine Salami-Pizza.
„Ich mag aber keine Wurst“, sagte Anne.
„Kein Problem“, meinte Thomas, „Dann schaffen wir die Wurstscheiben auf meine Hälfte.“
Im Kühlschrank fanden sie auch noch Gurken, Tomaten und Feta für einen Salat, den sie zusammen zubereiteten, während die Pizza im Backofen war.
Während der ganzen Zeit überlegte Thomas, wie er Annes Verhalten interpretieren sollte. War ihr Wunsch, noch bei ihm zu bleiben, ein eindeutiges Angebot oder war sie so naiv, an so etwas gar nicht zu denken? Würde sie überrascht sein, wenn er sie ins Schlafzimmer führen würde, oder wäre sie eher enttäuscht, wenn er es nicht täte? Vielleicht würde sie ihn für impotent oder verschroben halten; aber dieses Urteil würde sich später leicht revidieren lassen, und es wäre auf jeden Fall besser, als wenn sie ihn für einen Draufgänger hielte, der gleich die erste Gelegenheit nutzen würde, um über sie herzufallen. In dem Fall wäre eine Beziehung ganz bestimmt von vorneherein zum Scheitern verurteilt. Außerdem wollte er eigentlich gar nicht mit ihr schlafen, sondern sie nur streicheln. Das aber konnte er unmöglich sagen. Das würde als eine besonders kuriose Anmache rüberkommen. Er wartete also ab, ob sie ihm deutliche Signale geben würde. Die kamen aber nicht. Anne plauderte nämlich recht unbefangen über die Erlebnisse des Tages und einige Vorfälle in ihrem Krankenhaus, während sie doch sonst eher still war und wenig redete. Obwohl er genau hinhörte, konnte er aus ihren Worten nichts entnehmen, was irgendeine Anspielung auf einen sexuellen Kontakt enthielt. Das Einzige, was sich aus ihren Reden ergab, war, dass sie sich offenbar in seiner Gegenwart wohl fühlte; denn ihre Plaudereien hatten nichts von Hektik an sich.
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