Mit dem Umkleiden waren die beiden Männer früher fertig als die Frauen und so standen sie denn in Erwartung ihrer Begleiterinnen vor dem Gebäude. Sie hatten genügend Zeit, noch eine Zigarette zu rauchen. Die beiden Frauen kamen zusammen aus dem Umkleideraum, Charly springlebendig in ihrem gelben Bikini, Anne etwas zögerlich in ihrem blauen Badeanzug. Thomas gefiel, dass Anne keinen Bikini trug. Er hielt Bikinis für eine modische Verirrung, die nur bei schlanken Mädchen und zierlichen Personen wie Charly verzeihlich war. Nacktheit machte eine Frau nicht automatisch attraktiver, ein wenig Geheimnis sollte bleiben. Außerdem teilte ein Bikini eine Frau in zwei erogene Zonen, während ein Badeanzug den ganzen Körper dazu machte. Besonders Frauen mit größerem Busen wie Anne wirkten im Badeanzug entschieden erotischer. Angesichts ihres beachtlichen Busens machte Krischa auf Brüderle:
„Du könntest auch ein Dirndl ausfüllen.“
Anne wurde verlegen.
„Ist das nun ein Kompliment oder Anmache?“, fragte Thomas.
„Das kommt darauf an, wer es sagt“, bemerkte Charly.
„Ich nehme das mal als Kompliment“, sagte Anne brav.
Damit war die Verlegenheit der ersten Begegnung überwunden. Die Frauen hatten es eilig, zum Wasser zu kommen. Die Männer kamen hinter ihnen her, was Krischa Gelegenheit gab, Thomas zu fragen, ob er ein Dankeschön hören könne.
„Wofür?“, fragte Thomas scheinbar begriffsstutzig.
„Na, dafür, dass ich dich mit Anne bekannt gemacht habe.“
Thomas verbeugte sich: „Meinen verbindlichsten Dank. Ich werde dir ewig verbunden sein und immer an dich denken, wenn ich ihr näher kommen sollte.“
„Dann ran an den Speck!“, forderte Krischa.
„Wie redest du von meiner künftigen Freundin?“, empörte sich Thomas grinsend.
„Ich wusste gar nicht, dass du so schnell bist. Weiß sie schon von ihrem Glück?“
„Blödmann!“
„Ach, ja, du wartest ja gerne, bis die Frau dich anmacht.“
Der See war noch recht kühl, aber das Wasser war weich und nach einigen Prustern und Strampeleien war es zu ertragen. Thomas machte den Vorschlag, den See zu überqueren, obwohl er an dieser Stelle etwa einen Kilometer breit war. Das war eine alte Leidenschaft von Thomas: Er konnte keinen See in Ruhe lassen, er fühlte sich immer herausgefordert, ihn zu besiegen. Ähnlich erging es ihm in den Bergen. So sehr er ihre Schönheit bewunderte, er musste die Berge auch besteigen, statt sie in ihrer majestätischen Ruhe einfach hinzunehmen.
„Wenn du mich rettest, falls ich einen Krampf kriege“, stimmte Krischa zu.
Also machten sie sich auf den Weg.
Als sie zurückkamen, lagen die beiden Frauen schon auf der Wiese und schauten aufs Wasser, bis Charly sagte: „Nicht hinschauen!“
„Warum nicht?“
„Die wollen bewundert werden.“
Die Männer kamen Arme schüttelnd aus dem Wasser und näherten sich lässig.
Da keine bewundernden Kommentare kamen, sagte Krischa schließlich:
„Es lässt sich aushalten.“
„Da habt ihr es uns aber gezeigt“, lästerte Charly.
„Wir wollten es nur dem See zeigen“, sagte Thomas entschuldigend.
„Und ich musste mitschwimmen, um ihn zu retten, falls er einen Krampf bekommt, oder war es umgekehrt?.“
„Du bist ein Schatz“, schloss Charly das Thema ab.
„Jetzt hätte ich Lust auf einen Kaffee“, schlug Thomas vor.
Also begaben sich die Vier zum Empfangsgebäude und nahmen auf der Terrasse Platz.
Sie wurden von einem hübschen, etwa 15 Jahre alten Mädchen bedient. Sie war die Tochter von Benni und hieß Caro, wie Krischa erklärte. Sie brachte Kaffee und Apfelstrudel. Thomas gefiel, dass das Mädchen trotz intensiver Nachfragen von Krischa vorgab, sich partout nicht an ihn erinnern zu können, und zurückhaltend höflich antwortete, als Krischa sie weiter mit Fragen nach der Schule und ihren Berufswünschen belästigte. Thomas sah das vergebliche Bemühen seines Freundes mit stillem Vergnügen. Krischa fiel alles im Leben so leicht zu, dass er ihm die kleine Niederlage gönnte. Ihm gefiel das so gut, dass er ausrief:
„Wie schön kann das Leben sein! Wozu in die Ferne reisen? Es gibt nichts Schöneres auf der Welt als diesen See!“
„Willst du uns unsere Namibia-Reise vermiesen?“, fragte Charly. „Ich freue mich drauf.“
„Das sei mir fern!“, entschuldigte sich Thomas, „aber auch in Namibia gibt es nichts Schöneres, höchstens Anderes.“
„Und das will ich sehen“, beharrte Charly.
„Wir machen eine Safari mit einem Kleinbus von Lodge zu Lodge, Wüste und wilde Tiere“, erklärte Krischa. „Ihr solltet mitfahren.“
„Nein, danke!“, lehnte Thomas das Angebot ab.
„Wir übernachten auch einmal in der Wüste“, warb Charly, „übernachten unter dem südlichen Sternenhimmel. Das wird eine Entdeckung.“
„Es gibt keine Entdeckungen mehr“, widersprach Thomas. „Es gibt nur noch Konsum.“
Charly wurde ärgerlich:
„Was für ein gewaltiger Satz! Den kann man sich ins Buch der Sprüche eintragen. Wenn es auch keine neue Entdeckung ist, dann ist es eine neue Erfahrung für mich, und die will ich machen.“
Thomas war von Charlys Heftigkeit betroffen. Es war ihm peinlich, dass ihm dieser Satz herausgerutscht war. Es war das Wort Entdeckung, das ihn reflexartig hatte reagieren lassen. Die Reklamesprüche der Tourismusindustrie, die sogar bei Reisen auf die Balearen oder in die Karibik Entdeckungen anpriesen, hatten ihn in letzter Zeit immer mehr aufgeregt. Er wollte aber keineswegs als Weltverbesserer auftreten und suchte den Schaden wiedergutzumachen.
„Entschuldige!“, sagte er, „ich habe das nicht so gemeint.“
Krischa schaltete sich sein: „Du musst dem alten Mann verzeihen. Er hat schon alles gesehen, und was er nicht gesehen hat, das kann er sich vorstellen. Er hat die Welt im Kopf.“
Thomas war Krischa dankbar, dass er durch diese flapsige Übertreibung die Situation zu entspannen versuchte und fuhr in diesem Sinne fort:
„Ich habe einen Fernseher.“
Alle lachten. Anne aber fragte doch einmal nach:
„Machst du überhaupt keine Urlaubsreisen.“
Krischa nahm Thomas die Antwort ab, um die Sache endgültig ins Lächerliche zu ziehen:
„Nein, Thomas sitzt in seiner Bude und macht nur noch Reisen in seinem Kopf. Siehst du nicht, wie dick sein Kopf schon geworden ist?“
Anne blieb trotzdem beim Thema:
„Machst du wirklich keine Reisen? Ich dachte, Lehrer reisen immer. Die haben doch dauernd Ferien.“
Krischa, der Thomas von weiteren Statements abhalten wollte, übernahm wieder die Antwort:
„Früher, als der alte Mann noch kein alter Mann war, sind wir einmal durch die Sahara gefahren und auf den Kilimandscharo gestiegen.“
„Wow!“, rief Charly aus. Sie hatte das blöde Statement von Thomas anscheinend vergessen. Das löste denn auch bei ihm wieder die Zunge:
„Das war schon sehr eindrucksvoll: eine Woche lang durch die verschiedenen Klimazonen zu wandern, zuerst Urwald, dann Savanne und schließlich die Tundra.“
„Ich war ganz schön platt, als wir oben waren“, fiel Krischa ein. „Die Luft wird ja immer dünner.“
„Aber erinnerst du dich auch an die Enttäuschung, als wir oben ankamen?“, fragte Thomas.
„Und ob!“, stimmte Krischa zu. „Wir haben doch, als wir mit unserem Führer da hochstiegen sind, das Gefühl gehabt, wir sind Pioniere und Entdecker. Aber als wir oben ankamen, waren noch viele andere Gruppen mit ihren Führern da, und es war so voll wie auf der Mönckebergstraße am Samstagnachmittag. Da muss ich Thomas Recht geben: Es ist alles Tourismus, egal ob du auf den Kiliman steigst oder nach Machu Pichu fährst.“
„Mir ist das egal“, sagte Charly entschieden, „ich muss kein Pionier sein. Mir ist egal, ob andere Leute das auch machen. Ich freu´ mich trotzdem auf Namibia.“
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