Es war Mittag und Lenas Magen knurrte. Sie ging in die kleine Küchenzeile nebenan und öffnete den Kühlschrank. Bis auf eine Flasche Wein und ein einsames Stück Kuchen war nichts zu finden. Sie entschied sich, im Supermarkt nebenan einkaufen zu gehen. Carsten war bei einem Termin und sie hatte die Akten der letzten Woche abgearbeitet. Ihr Chef teilte sich die Kanzlei mit zwei weiteren Anwälten. Ab und an half Lena auch ihnen, in dem sie Anrufe weiterleitete oder Termine vereinbarte. Zurzeit war das nicht der Fall. Herr Böhm war gerade in einer Reha, nachdem er sich beim Skifahren mehrfach das Bein gebrochen hatte und Herr Andres war viel im Ausland unterwegs.
Als sie gerade den Schlüssel vom Schreibtisch holen wollte, erschrak sie innerlich. Oh Mist, ich habe Lisa ja ganz vergessen, die weiß noch von gar nichts.
Lisa ist Lenas beste Freundin und ist seit drei Wochen in Prag. Lisa ist Visagistin und vertreibt Kosmetikprodukte. Sie ist gerade auf einer Schulung.
Ich bin über Handy gar nicht erreichbar, bestimmt hat Lisa schon mehrfach versucht mich anzurufen. Aber sie hätte doch spätestens nach ein paar Tagen auf dem Festnetz angerufen oder Alexa eine SMS geschickt? Ich schreibe ihr einfach schnell eine E-Mail.
Sie verwarf ihren Plan einkaufen zu gehen und setzte sich wieder an den Computer. Als sie ihren Posteingang öffnete, scrollte sie ein weiteres Mal durch die eingegangenen Mails und entdeckte wirklich eine E-Mail ihrer Freundin. Die hatte sie gestern bestimmt übersehen, als sie voller Sorge ihren Kontostand überprüfte.
Hey Lenchen,
warum ist dein Handy aus? Und vor allem, warum gehst du zu Hause nicht an dein Telefon? Muss ich mir etwa Sorgen machen oder wurdest du jetzt doch entdeckt und räkelst dich schon vor den Kameras auf den Malediven? Melde dich doch mal bei mir, Schatz. Ich bin in zwei Wochen wieder da und dann gehen wir ordentlich Cocktails trinken. Die Schulung ist soweit in Ordnung, der Leiter ist etwas monoton , aber ein Leckerbissen. Es lässt sich also aushalten.
Drück dich Lisa
PS: Was ist mit dir und Carsten? Baggert er immer noch so charmant an dir rum?
Lena konnte ein Lachen nicht unterdrücken. Lisa steckte vermutlich mit ihrem Vater unter einer Decke. Sie und ihr Dad konnten es einfach nicht lassen, den beiden ein Techtelmechtel zu unterstellen. Wobei ihr Vater es sich ernsthaft wünschen würde, er sagt immer: „Kind, so einen guten Mann darf man nicht einfach gehen lassen! Und außerdem verstehe ich mich wirklich gut mit ihm!“ Aber Lisa ärgert sie damit nur ein wenig, sie findet Carsten selber sehr sympathisch, gibt das aber nur unter Alkoholeinfluss zu.
Lisa Zimmermann ist 31 Jahre alt und somit ganze zwei Jahre älter als Lena. Auf die sie in guten Zeiten besteht und in schlechten Zeiten ungern angesprochen wird. Die beiden kennen sich seit knapp acht Jahren und haben schon viel zusammen erlebt, auch die Folgen des schrecklichen Autounfalls von Lisa, der sie vor drei Jahren fast das Leben kostete, meisterten sie zusammen. Lisas Art ist es, mit allem schnell abzuschließen und weiterzumachen. Trotz leichtem Hang zur Theatralik kann man viel mit ihr Lachen, oder vielleicht gerade deshalb.
Hi Lisa,
es tut mir leid, aber ich muss dich enttäuschen, die Malediven waren es nicht, die mich aufgehalten haben. Es war eher ein sterilerer Ort, an dem ich festsaß. Es ist so viel passiert und ich hatte noch gar keine Zeit, mich bei dir zu melden. Ich bin heute den ersten Tag wieder arbeiten und habe gerade Mittagspause. Mir wurde mein Handy geklaut, deswegen habe ich es sperren lassen und die Anzeige auf dem Festnetzapparat habe ich völlig vergessen zu kontrollieren.
Ich würde dir gerne alles in Ruhe erzählen, aber ich weiß, wenn ich nicht mit ein paar Infos rausrücke, bist du beleidigt. Also, ich wurde vor einer Woche überfallen.Beruhige dich, es geht mir gut! Die Polizei ist bereits dabei, den Angreifer zu ermitteln. Ich weiß, du als CSI Junkie brauchst Fakten, aber wie du dir vorstellen kannst, wird das nicht so einfach, vor allem, weil der Täter eine Maske trug. Ich bitte dich, bleib in Prag und breche die Schulung nicht ab. Ich kenne dich. Meine Familie ist für mich da und Carsten auch!
Ich habe noch kein neues Handy, hatte noch keine Zeit mir eins zu kaufen, aber ich bin um 17 Uhr wieder zu Hause.
Vielleicht bis später.
Küsschen Lena
Lena klickte auf Senden und hoffte darauf, dass Lisa nicht vom Stuhl kippen würde, wenn sie diese E-Mail las. Deswegen verschwieg sie auch die Sache mit der Schnittwunde, sonst würde Lisa noch heute in den Flieger steigen.
Die Tür ging auf und Carsten kam voll bepackt mit Tüten ins Foyer.
„Ich war einkaufen und habe uns was Gesundes zum Mittag mitgebracht.“
„Hast du meinen Magen knurren hören? Ich wollte auch gerade etwas einkaufen gehen. Zeig her, was gibt es denn Schönes?“
Lena befingerte die Tüte und ihre Pupillen weiteten sich vor Freude.
„Sushi! Eine sehr gute Idee, Chef! Ich räum‘ nur schnell den Rest in den Kühlschrank, dann machen wir uns an die leckeren Röllchen.“
Carsten nickte zustimmend und balancierte die Plastikschachteln in sein Büro. „Beeile dich, sonst wird das Essen kalt!“ rief er spöttisch durch den Raum. Lena verzog das Gesicht zu einer Grimasse und gab sarkastisch zurück:
„Na pass nur auf, dass du dich nicht daran verbrennst.
„Ja, ich bin doch gleich da!“
Lena fingerte ihren Ersatzschlüssel aus der Handtasche. In der Eile fand der Schlüssel nicht sofort das Loch. Als sie die Tür dann endlich aufgeschlossen hatte, verstummte das Telefonklingeln. Eine sehr sorgenvolle und doch wütende Stimme besprach ohne Punkt und Komma den Anrufbeantworter, den Lena heute früh aus Gewohnheit wieder angeschaltet hatte:
„Es ist 17:23 Uhr, ich rufe schon das vierte Mal an, wo bist…“
„Ich bin da! Sorry, der Bus kam später.“
„Oh Gott, Lena, endlich- seit deiner E-Mail hab´ ich hier Blut und Wasser geschwitzt. Was ist los, erzähl mir alles. Wie geht es dir? Haben sie den Typen schon? War es überhaupt ein Typ, vielleicht war es ja auch eine Frau? Letztens hab ich eine Folge CSI geschaut, da war es auch eine Frau und alle dachten es wäre ein Kerl gewesen, totales Klischee. Das musst du der Polizei mal erzählen, die sollen unbedingt auch in Betracht ziehen, dass es eine Frau sein könnte.“
„STOOOP!“ unterbrach Lena ihre Freundin.
„Lass mich erst mal reinkommen.“ Lena pellte sich aus ihrem Mantel und schlüpfte aus ihren Lieblingspumps.
„Oh Lena, es ist nur so schön deine Stimme zu hören, soll ich nicht doch in den nächsten Flieger steigen? Die doofe Schulung ist mir egal, ich bin deine Freundin und du brauchst mich jetzt.“
„Lisa, es geht mir gut, wirklich! Ich bin doch nicht alleine, ich kann jederzeit zu meinen Eltern. Bitte glaube mir, du musst dir keine Sorgen machen.“
Lisa gab ein missmutiges Schnauben von sich.
„Hrrr, ich weiß nicht so recht, bist du dir sicher? Erzähl mir doch bitte erst mal, was genau passiert ist!“
Erneut schilderte Lena den gesamten Überfall, musste hier und da erneut ansetzten und beantwortete ganz sachlich Lisas Fragen. Die Polizei war ein Scheißdreck dagegen. Lisa wollte Einzelheiten wissen, die nur aus Hollywood-Serien kommen konnten. Haben seine Hände nach Nikotin gerochen? Hast du das Parfüm riechen können? Welche Augenfarbe hatte er? Kam dir die Stimme bekannt vor? Aber die beste Frage war: Gibt es jemanden, der dich hasst?
„Lisa, jetzt übertreibst du aber. Das war ein Überfall. Der wollte sicher mein Geld und mein Handy. Jemand, der mich hasst? Ich bin nur die Tippse in einer Anwaltskanzlei und nicht der Anwalt, der die Leute verklagt!“
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