„Ich kann mich an fast alles erinnern, ich glaube, mir fehlt nur die Zeit, in der ich bewusstlos war, es ging alles so schnell.“ Lenas Blick an die Decke verfestigte sich kurz, als ob sie sich angestrengt erinnern wollte.
„Dieser Typ trug eine Maske, ich konnte nichts erkennen. Aber sage mal wie, konnten die mich denn eigentlich identifizieren? Ich kann mich schwach erinnern, dass mir der Typ zwar die Schnittwunde mit irgendetwas abdrückte. Ich dachte im ersten Moment, dass er mich erwürgen wolle, aber dann ist er hektisch aufgesprungen. Kurze Zeit später zerrte etwas an mir und ich befürchte, dass er mir in dem Moment meine Handtasche geklaut hat.“
„Lena, man hat deinen Personalausweis in deiner Manteltasche gefunden. Weißt du nicht, wie er dort hingekommen ist?“
Lena runzelte die Stirn und mit einem etwas zu lauten ´Na, klar´ fiel es ihr wieder ein. „Ich hatte mich bei der Post ausweisen müssen und habe den Ausweis dann schnell in die Manteltasche gesteckt. Naja, selbst wenn der auch weg gewesen wäre, ich leide ja zum Glück nicht an Amnesie und kenne meinen Namen.“ Alexa legte sich zu ihr in das Krankenhausbett und kuschelte sich an sie, auch wenn ihre Schwester wie immer die Starke spielte, wusste sie, dass ihr das guttun würde. Es dauerte nicht lange und Lena schlief ein.
„Gut Frau Große, dann erzählen sie mir bitte noch einmal genau, was passiert ist. Ich bitte sie, alles genau zu erklären und egal, ob sie denken, es wäre unwichtig, jede Kleinigkeit könnte uns weiter helfen.“ Der Polizist zückte seinen Stift und strich das erste Blatt seines Blocks glatt. Lena schaute zögernd zu ihrem Vater, der ihr beruhigend zunickte.
„Naja, ich weiß nicht genau, ob ich ihnen überhaupt weiterhelfen kann, der Mann trug eine Maske!“
„Frau Große, alles was sie uns erzählen, kann dazu beitragen, dass wir diesen Kriminellen erwischen. Fangen sie einfach von vorne an und wenn es ihnen zu viel wird, dann machen wir selbstverständlich eine Pause.“
„Also gut…“
Lena erzählte und wurde von Wort zu Wort nervöser. Peter nahm die Hand seiner Tochter und unterstützte sie, in dem er hier und da ihre Erinnerung ein wenig auffrischte. Lena hatte ihrem Vater den Ablauf mehrmals erzählen müssen, deshalb konnte Peter seiner Tochter bei der Schilderung des Überfalls helfen. Lena konnte sich an einige Dinge gar nicht erinnern und an andere nur sehr vage, da sie zeitweise bewusstlos war. Aber sie hörte, wie ihr Retter mit dem Notruf telefonierte und bekam sehr wohl mit, wie ihr Angreifer seinen Schal auf die Wunde drückte.
„Frau Große, eine unserer Theorien ist, dass der Schnitt mit dem Messer eventuell nur ein Unfall war. Ich denke, dass der Täter sie ursprünglich ´nur´ überfallen wollte. Aber leider ist im Eifer des Gefechts das Messer vielleicht ´ausgerutscht´.
„Ausgerutscht, dass ich nicht lache“, mischte sich Peter in das Gespräch ein. „Wie können sie sich da so sicher sein, meine Tochter könnte tot sein.“
Lena schaute ins Leere und bekam die Diskussion nur am Rande mit. In Gedanken war sie immer noch in der verlassenen Straße und ging immer wieder sämtliche Szenen durch. Die panische Angst, die sie hatte, als sie losrannte, steckte ihr noch ganz schön in den Knochen.
„Herr Große, sicherlich hatte ihre Tochter großes Glück und wir sind heilfroh, dass nichts Schlimmeres passiert ist. Nur müssen wir alle Fakten zusammenfügen, um überhaupt nach jemanden zu fahnden. Ein Mann mit Maske, keine Tatwaffe, nur ein einfacher Schal, den wir sicherstellen konnten, das ist leider viel zu wenig, um einer Spur zu folgen.“ Peter wurde wieder etwas kleiner in seiner Körperhaltung und beruhigte sich. „Ich weiß, sie tun ihr Bestes, es ist alles nur so furchtbar.“
Es klopfte und alle drei blickten zur Tür. Ein hoch gewachsener Mann stürzte durch die Tür, ohne ein ´Herein´ abzuwarten und prasselte auch sofort los:
„Oh Gott, Lena, wie geht es dir, ach, was für eine Frage, haben sie den Mistkerl gekriegt? Ich werde dich vor Gericht natürlich verteidigen! Ich habe hier Blumen, oh Mann, ich habe mir solche Sorgen gemacht.“ „Carsten, mir geht es schon wieder besser. Setze dich doch bitte erst mal.“
Carsten Scholz ist Lenas Chef, er ist ein strebsamer junger Mann Ende 30 und die beiden haben ein freundschaftliches Verhältnis. Lena arbeitete schon seit fünf Jahren in der Anwaltskanzlei, Carsten und sie sind ein eingespieltes Team.
„Entschuldigung“, mischte sich der Polizist in das Gespräch ein. „Wer sind sie genau?“
„Oh, aber natürlich“, Carsten streckte dem Beamten die Hand entgegen und redete erneut hektisch drauf los.
„Scholz…, also Carsten Scholz und ich bin der Chef von Lena…äh Frau Große. Entschuldigen sie, ich bin immer noch völlig durcheinander.“ Er schaute bedrückt in die Augen von Lena und dann in die ihres Vaters.
Carsten war schon länger ein Freund der Familie und ihre Eltern sahen ihn immer gerne, ihr Vater vielleicht zu gerne, vor allem an Lenas Seite. Aber Carsten war erstens nur ein sehr guter Freund und zweitens ihr Chef. Das sahen sie beide so und nahmen die kleinen Sticheleien ihres Vaters spaßig auf. Schon bevor Lena in seiner Kanzlei zu arbeiten anfing, war er ein gern gesehener Gast. Carstens Eltern sind vor knapp 20 Jahren nach Südafrika ausgewandert, Carsten aber wollte in Deutschland Jura studieren. Da haben es sich Rita und Peter zur Aufgabe gemacht, ein Auge auf den jungen Mann zu werfen. Er wandte sich Lena zu und beugte sich zu ihr herunter, um ihr einen sanften Kuss auf die Stirn zu geben.
„Es tut mir so leid, Lena, aber jetzt sag doch mal, wie fühlst du dich? Haben sie den Kerl geschnappt?“ Lena rappelte sich etwas auf und berichtete in groben Zügen erneut die Geschichte.
Es war Sonntag und Lena saß an ihrem Computer, um ihre Mails zu checken. Seit drei Tagen war sie wieder zu Hause und erholte sich von diesem schrecklichen Erlebnis. Es ging ihr schon viel besser, nur in der Nacht war es noch nicht so einfach. Sie wurde immer wieder wach und brauchte lange, um wieder einzuschlafen. Der Therapeut, der sie im Krankenhaus betreute, prophezeite so eine Reaktion bereits. Er sagte, es sei ganz normal, dass sich die Gedanken in der Nacht auf diesen Vorfall fokussieren und dass es etwas Zeit brauchen wird, das Erlebte zu verarbeiten. Er empfahl ihr eine regelmäßige Therapie um zu lernen, damit umzugehen. Ein Trauma ist zwar schwer zu beheben, aber mit verschiedenen Übungen ist es möglich, das Erlebte nicht dauernd vor Augen zu haben. Lena empfand die Hilfe sehr nett, aber sie ging davon aus, dass sich das wieder von alleine regulieren würde. Ihre Familie war in den letzten Tagen immer für sie da. Alexa und ihre Mutter Rita waren im Wechsel zu Besuch oder riefen an, um zu hören, ob alles in Ordnung sei. Eine Woche war vergangen seit dem Überfall und morgen würde sie wieder zur Arbeit gehen. Endlich wieder unter Leute kommen und wieder etwas zu tun haben. Die paar Tage im Krankenhaus und in ihrer Wohnung haben gereicht. Das schreckliche Mittagsprogramm im Fernseher trieb einen förmlich vor die Haustür. Auch wenn ihr Vater es für „zu früh“ hielt, versicherte sie ihm, dass sie auf sich aufpassen und nicht zu viel arbeiten würde. Carsten war darüber bereits persönlich von Lenas Vater instruiert worden.
Die Mailliste war lang, wobei der größte Teil nur Werbung war.
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„So ein Mist, das habe ich ja vollkommen vergessen!“ Lena wurde etwas blass. „Ich muss meine Karten sperren lassen, mein Handy, meine Geldbörse, alles weg.“ Lena reagierte völlig überrascht, als ob ihr jetzt das erste Mal bewusst wurde, dass sie beklaut wurde. Sie hatte in der letzten Woche weder ihr Handy vermisst, noch Geld gebraucht. Entweder hatte ihre Mum oder ihre Schwester etwas zu essen mitgebracht oder sie hatten ihr Geld auf dem Küchentisch liegen lassen. In der aufkommenden Hektik rief sie ihre Schwester an und kramte dabei in ihren Schränken, um die Ordner ausfindig zu machen, in denen diverse Unterlagen zu finden waren. Mit dem Telefonhörer zwischen Ohr und Schulter klemmte sie sich zwei Ordner unter die Arme und ging zurück zum Computer. Sie warf die beiden Ordner unsanft auf den Boden und öffnete die Homepage ihrer Bank.
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