Frau Schäfer beendete Ihre freie Rede mit den Worten, die mir bis heute lebendig geblieben sind: „Ich bin über all das, was hier heute über mich berichtet wurde, tief gerührt. Hätte man mir in meiner Vergangenheit doch nur hier und da ein bisschen von dem Lob zu teil werden lassen, was mir heute zu teil geworden ist, was hätte mir das über manche schwere Zeit hinweggeholfen, was hätte mir das einfach nur gut getan, was hätte mir das vieles einfach viel leichter gemacht.“
Seither bemühe ich mich, ein Schatzfinder zu sein und die Schätze, die jeder Mensch in sich trägt, auch zu benennen. Ich hoffe, dass es mir immer besser gelingen wird.
Matthias Doebel
Schulleiter, Bruchköbel
1975
Sein Grab, mit einer viel zu großen Trauerweide bepflanzt, bringt ihn mir immer wieder in Erinnerung. Nur wenige Meter entfernt von dem meiner Eltern gelegen, ist es vom Efeu nahezu überwuchert. Manchmal ist sogar sein Name auf dem großen Naturstein kaum zu lesen: Hermann Menzel. Seit 29 Jahren liegt er hier begraben. Ob noch viele seiner ehemaligen Schülerinnen und Schüler an ihn denken? An den Deutsch- und Englischlehrer, den passionierten Regisseur und Schauspieler…
1970 kam ich als Schüler in die 5. Klasse der Albert-Schweitzer-Schule Hofgeismar. Und seitdem war er mein Englischlehrer, dann, zwei Jahre später, übernahm er auch die Klassenleitung. Er war eine Persönlichkeit, jemand mit Autorität, der auf seine Schüler wirkte, der sie nicht nur unterrichten, sondern auch erziehen wollte. Ausgestattet mit klaren Grundüberzeugungen, die wir als Schüler zwar nicht immer verstanden, aber deren Vorhandensein wir spürten. Er war ein hervorragender Fachlehrer, der uns – durchaus nicht zu aller Freude – mit seinen Leistungsansprüchen konfrontierte. Die erste „6“ meines Lebens habe ich bei ihm geschrieben – die Logik der „Umschreibung mit to do“ hatte sich mir damals eindeutig nicht erschlossen! Geliebt haben wir ihn nicht, dazu war er zu streng, aber geachtet – jedenfalls die meisten von uns. Was mich angeht v.a. deshalb, weil ich ihn als ein echtes Gegenüber erlebt habe, das sich befragen ließ auf das, was ihm wichtig und wertvoll war für sein Leben. Gerade auch mit dem, was sperrig an ihm war, hat er seinen Beitrag dazu geleistet, dass wir pubertierende Jugendliche anfingen, eigene Maßstäbe und Überzeugungen auszubilden und uns nicht alles „gleichgültig“ blieb. Wenn ich an ihn zurückdenke, dann ist er für mich auch ein glaubwürdiges Beispiel dafür, dass es keine Alternative sein muss, einerseits einen fachlich anspruchsvollen und guten Unterricht zu machen, der Schülerinnen und Schülern auch etwas abverlangt, und andererseits ihre Lebenswirklichkeit im Blick zu behalten und sich von ihr auch berühren zu lassen.
Es war im Sommer 1975, die Zeugnisausgabe stand an. Für mich damals ein schwerer Tag. Denn schwarz auf weiß bekam ich am Ende des 8. Schuljahres attestiert, dass meine Leistungen nicht nur in Mathe mangelhaft waren, sondern auch in meinem Lieblingsfach Deutsch dieses Mal für nicht mehr als eine „3“ reichten. Für mich – gefühlt – eine Katastrophe! Instinktiv sorgte ich mich darum, dass für meine Eltern nicht nur mein Zeugnis nicht „ansehnlich“ genug sein könnte, sondern womöglich ich selbst für sie nicht mehr „vorzeigbar“ wäre. Also half ich ein bisschen nach... Der Erfolg war allerdings nur von kurzer Dauer. Zwar hatten meine Eltern zunächst tatsächlich nichts gemerkt, aber spätestens, als Hermann Menzel meine Nachkorrekturen im Zeugnis entdeckte, da dämmerte mir, dass auch kein noch so guter Tintenkiller aus einer 5 dauerhaft eine 3 machen kann. Ich weiß nicht, ob ich mich in meinem Leben noch einmal so klein und beschämt gefühlt habe. Bis heute erinnere ich mich an die Aufregung und die Hilflosigkeit meiner Eltern und der Schulleitung. Die einen waren maßlos enttäuscht über das Verhalten ihres Sohnes und sanktionierten es mit kleinlichen Maßnahmen. Die anderen sahen offenbar elementare Grundregeln des Anstandes und des Zusammenlebens in der Schule bedroht, so dass nicht viel fehlte, und ich „geflogen“ wäre. Dass dies nicht geschah, verdanke ich ihm, meinem Klassenlehrer Hermann Menzel! Als konservativer Oberstudienrat an einem traditionellen Gymnasium war er weit davon entfernt, meinen Regelverstoß nicht als solchen wahrzunehmen oder ihn gar zu entschuldigen. Aber er reduzierte mich nicht auf das gefälschte Zeugnis, sondern wusste als überzeugter Christ ganz offenbar, dass jeder Mensch mehr ist als bloß die Summe seiner Taten und Untaten. Und so durfte ich bleiben, weil er sich für mich einsetzte. Auch bei meinen Eltern.
Später wurde zumindest meine Deutsch-Note wieder deutlich besser. Nicht weil Hermann Menzel seine Ansprüche an mich senkte, im Gegenteil – die Leistungsorientierung seines Unterrichts war mit ihm nicht verhandelbar. Wohl aber, weil er meine innere Not verstanden und mir noch einmal eine Chance gegeben hatte. Vielleicht weil er wusste, dass Kinder zuerst und vor allem die Wertschätzung und das Zutrauen der Erwachsenen brauchen, und zwar unabhängig davon, wie ihr Zeugnis aussieht. Und dass Schülerinnen und Schüler auch – nein: gerade! – dann förderungswürdig sind, wenn sie durch ihr konkretes Tun nicht immer den Regeln bürgerlicher Wohlanständigkeit entsprechen.
Dr. Michael Dorhs
Referent für Schule und Unterricht der Evangelischen Kirche von Kurhessen-Waldeck, Kassel
Die Übergabe der Abiturzeugnisse stand vor der Tür. Neu an unserer Schule in den 70er Jahren war, dass überhaupt die Frage einer offiziellen Abiturfeier wieder aufkam. Jahrelang wurden die Abiturzeugnisse mit der Post verschickt. Warum sollte es jetzt anders sein? Diese steifen Feiern zur Übergabe der Abiturzeugnisse, belehrende Reden über das Leben, wir hatten das schon für uns abgehakt. Den Jahrgängen vor uns fehlte ja ohne Abiturfeier auch nichts Wesentliches für das Leben.
Im Musikkurs sprach unser beliebter junger Lehrer plötzlich von einer Idee, wie man es anders gestalten könnte. Dass es vielleicht auch ohne kammermusikalische Aufführungen von Haydn, Mendelssohn-Bartholdy oder ähnlichen Komponisten ginge, aber wie? Die Hälfte unseres Musikkurses war neugierig geworden. Wie wäre eine Abiturfeier zu gestalten, bei der wir uns wiederfinden und auch so etwas wie Freude erleben könnten über den Ausblick nach vorne.
Wir hielten eine Ideenbörse ab und spürten, es ist nicht einfach Neues zu finden. Unser Blick richtete sich auf das Atrium unserer noch jungen Gesamtschule mit einer guten Medienausstattung. Unser Musiklehrer brachte ein, dass es vielleicht eine Performance werden könnte, ein Kunstereignis, das sozusagen einmalig von uns nur zu diesem Anlass aufgeführt werden würde. Und schon sprudelten die Ideen nur so aus uns heraus. Nur, was war davon durchführbar? Wir wollten etwas mit Klang, Tanz und Bewegung machen. Das Atrium schien uns schon mal eine gute Bühne. Schließlich kam die Idee auf, den wunderschönen Flügel der Schule zu nehmen, ihn zu öffnen, das Pedal für den Nachhall auf Dauer zu stellen und in einer tanzenden Bewegung um den Flügel herum hunderte von Tischtennisbällen auf die Saiten zu werfen.
Bei der ersten Probe staunten wir, welch ein Klang von diesem Flügel ausging durch die Tischtennisbälle, die auf die von den Filzdämpfern befreiten Saiten einschlugen. Es war manchmal nicht ganz fern von den zarten Klängen einer Harfe. Es konnte aber, wenn man die Saiten für die tiefen Töne gut traf, auch den Charakter eines Grollens in der Ferne bei einem nahenden Gewitter entwickeln.
Читать дальше