Ein besonderes Ereignis bzw. Geschehnis bleibt mir in diesem Zusammenhang in lebendiger Erinnerung:
Nach Abschluss der zweijährigen Förderstufe (5. und 6. Schuljahr) bekam ich eine Empfehlung für die Realschule. Die Nachricht darüber erschütterte mich sehr. Alle meine Träume zerbrachen in wenigen Minuten. Zu Hause bei meinen Eltern brach ich in Tränen aus und litt sehr. Diese wussten sich zunächst einmal nicht zu helfen, da ihnen das deutsche Schulsystem unbekannt war. Darüber hinaus waren sie aufgrund ihrer Sprachschwierigkeiten sehr unsicher, meinen Lehrern zu begegnen und mögliche Alternativen zu besprechen. In der Schule wirkte ich womöglich sehr verschlossen und traurig, denn eines Tages sprach mich meine Klassenlehrerin, Frau Mann, darauf an. Da ich ihr sehr vertraute, brach alles aus mir heraus und ich fühlte mich befreit. Sie erzählte mir von der Möglichkeit, an einer „Probewoche“ an einem Gymnasium in unserer Stadt teilzunehmen und mich prüfen und beobachten zu lassen. Ich war nicht besonders davon begeistert, denn nach der Realschulempfehlung zweifelte ich an meinen Fähigkeiten. Mit einem ausgeprägten Einfühlungsvermögen sprach sie damals auf mich ein. Ihre Empathie, ihre Sensibilität und ihre motivierende Art ließen mich wieder Vertrauen in meine Fähigkeiten fassen. So erklärte ich mich schließlich mit ihrem Vorschlag einverstanden. Es fand ein Gespräch mit meinem Vater statt, in welchem sie ihn über das Schulsystem bzw. die Probewoche aufklärte. Außergewöhnlich war die Tatsache, dass sie sich die Zeit nahm, meinen Vater bei den Behördengängen zu begleiten. Sie setzte sich konsequent für unser Anliegen ein und glaubte an mich. Ich bestand die Probewoche und kam aufs Gymnasium.
Ihr Glaube und ihre Zuversicht bleiben mir unvergesslich. Ihr Engagement für mein Anliegen war ein ausschlaggebender und tragender Faktor, den schulischen Weg einzuschlagen, der meinen Zielen entsprach und mich erfolgreich bis zum Abitur führte.
Sofia Bruchhäuser
M.A., Lehrerin, Rüsselsheim
Zeit zu leben und Zeit zu sterben
1967-1970
Frau Dietrich, meine Geschichtslehrerin in der Oberstufe, hat mich innerhalb meiner Schulzeit stark beeinflusst, so dass ich heute noch gerne an sie zurückdenke. Sie hat es im Gegensatz zu vielen anderen Lehrerinnen und Lehrern verstanden, Themen in den Geschichtsunterricht einzubringen, die uns als junge Menschen beschäftigten und interessierten. Ende der sechziger Jahre war das natürlich das Thema der Aufarbeitung des Nationalsozialismus in Deutschland.
Die Zugänge, die Frau Dietrich uns in dieser Zeit zu diesem schwierigen und auch heute noch aktuellen Thema ermöglichte, waren ungewöhnlich und nicht nur an die Geschichtsbücher gebunden. So empfahl sie uns im Rahmen des Unterrichts die Lektüre des Buches „Zeit zu leben und Zeit zu sterben“ von Erich Maria Remarque. Das Beeindruckende an diesem Buch und der Arbeit damit im Unterricht war für mich, dass das Thema Verständnis im Vordergrund stand und nicht das Verdammen. Auf diese Weise konnten viele von uns den Bruch zur eigenen Elterngeneration überwinden.
Frau Dietrich hat durch ihre sensible und aufmerksame Art des Unterrichtens mein Interesse am Lernen geweckt und ich habe innerhalb kürzester Zeit meine Leistungen verbessern können. Tatsächlich habe ich dann nach der Schule Geschichte studiert und mich intensiv mit dem Thema des Nationalsozialismus in Deutschland befasst. Diese kritische Aufarbeitung der Vergangenheit war für meine Generation äußerst wichtig.
Später als ich selbst Lehrerin wurde, war Frau Dietrich ein Vorbild für mich in dem Sinne, dass ich eine besondere Wahrnehmung für die Interessen meiner Schülerinnen und Schüler entwickelt habe. Ich sage bis heute den Menschen gerne, was sie gut können und wo ihre Stärken sind. Frau Dietrich sah ich das letzte Mal bei unserer Abiturfeier. Wenn ich ihr heute noch einmal begegnen würde, so würde ich ihr mitteilen, welch wichtige Rolle sie in meinem Leben gespielt hat und wie dankbar ich ihr dafür bin.
Ursula Christ
Referatsleitung Grundschule im Hessischen Kultusministerium, Wiesbaden
Ludwig-Uhland-Schule, Gießen 1978
Mein Sportunterricht in den ersten vier Jahren der Grundschule war geprägt von sehr strengen Regeln. Ich mochte Sport immer gerne, aber wenn man sich als Schüler im Unterricht nicht an entsprechende Vorschriften hielt, bekam man einen Eintrag in das Notenbuch.
Mit 10 Jahren wechselte ich auf Grund eines Umzuges von der kleinen Dorfschule auf die Ludwig-Uhland- Schule in Gießen, eine größere Grundschule mit angegliederter Förderstufe.
Plötzlich erlebte ich einen völlig anderen Sportunterricht. Unser Sportlehrer kam jedes Mal mit neuen Herausforderungen in den Unterricht. Wir wurden gefordert und gefördert. Ich freute mich immer sehr auf seinen Unterricht.
Leider hatte ich in seinem Unterricht einen schweren Sportunfall, den ich trotz aller Widrigkeiten gut überstand. Er besuchte mich in dieser Zeit im Krankenhaus und verhalf mir dazu, dass ich wieder am Sportunterricht ohne Angst dabei sein konnte. Nachdem ich wieder aktiv beim Sport mitmachte schlug er mir vor, auch am Förderunterricht Geräteturnen teilzunehmen. Geräteturnen entwickelt vor allem die koordinativen und konditionellen Fähigkeiten und ist für junge Menschen sehr gut. Trotzdem traute ich mir dies überhaupt nicht zu. Ich konnte eigentlich keinen Handstand, der Felgaufschwung klappte nur mäßig und das bisschen Bodenturnen war nicht überragend.
Aber Ulrich Arnold war der Sportlehrer, der mir Mut machte und an meine Fähigkeiten glaubte. Seine Hilfestellungen und Aufbauten waren so genial, dass mir nach einiger Zeit der Handstand mit Trampolinabsprung auf dem Kasten gelang, dass aus dem Felgaufschwung auch der –umschwung wurde. Obwohl mein Handstand sicher nicht immer gerade war, ich beim Felgumschwung ab und zu noch eine kleine Unterstützung brauchte, fühlte ich mich toll und war stolz. Wir traten als Gruppe auf, wir durften mit Freude unser Können zeigen. Im gleichen Zusammenhang zeigte Uli Arnold uns, wie stolz er auf uns war und lobte unser Können.
Hauptsächlich vermittelte er durch seine Art des Sportunterrichts uns Schülern ein hohes Maß an Zutrauen in unsere Fähigkeiten und er lehrte uns dadurch Selbstvertrauen. Die Genauigkeit und Perfektion waren nicht ausschlaggebend, sondern das Gefühl des eigenen Könnens.
Dieses Vertrauen und diese Wertschätzung haben mir viel Mut gegeben und dafür bin ich diesem Lehrer sehr dankbar. Ich war sicher keine Fabian Hambüchen, aber meine Fähigkeiten wurden wertgeschätzt und ich als Schülerin wurde für meine Fertigkeiten gelobt.
Susanne Dittmar
Regierungsoberrätin, Hessisches Kultusministerium, Wiesbaden
Die Kunst, ein Schatzfinder zu sein
Hanau 2003
In der Vorbereitung für meinen Beitrag sind mir in meiner Erinnerung Menschen begegnet, die für mein Leben von zentraler Bedeutung gewesen sind. Mit manchen verbindet mich noch heute eine tiefe Freundschaft.
Am nachhaltigsten im Kontext des Themas „Lehrer loben“ ist mir folgender Tag in Erinnerung geblieben.
Meine Schulamtsdirektorin Ursula Schäfer hatte mich im Jahr 2003 als jungen und unerfahrenen Schulleiter an meiner Schule eingesetzt und ich war froh, sie als Dienstvorgesetzte zu haben, die mir oft mit Rat und Tat zur Seite stand. Entsetzt nahm ich daher zur Kenntnis, dass Sie im Jahr 2003 in die Phase der Altersteilzeit eintreten wollte.
Bei Ihrer bewegenden Verabschiedungsfeier, in der Gebeschuss-Schule in Hanau, wurden ihr Lebenswerk, Ihre hervorragenden Leistungen als Schulleiterin und Schulamtsdirektorin gewürdigt. Kleine Fahnen, auf einer 3x4 Meter großen Landkarte angebracht, dokumentierten ihre zahlreichen Wirkungsbereiche. Das Rahmenprogramm ließ keine Wünsche offen.
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