Bei der sechzigsten Geburtstagsfeier, „HANGAB 한갑“, stellt man viele Speisen auf den Tisch, die man mit Familienangehörigen, Freunden und Nachbarn teilt.
Viele meiner gleichaltrigen Freunde aus Korea hatten dasselbe Problem wie ich mit ihren Geburtstagen. Wir lachten eines Tages gemeinsam, als wir feststellten, dass wir mit unserem Schicksal der vielen Geburtstage nicht ganz allein dastanden. Wir hatten bis dahin alle geschwiegen, weil wir uns für unsere Eltern schämten, dass sie versäumt hatten, unsere Geburt rechtzeitig anzumelden.
Und da war auch die Angst ein „Brücken-Kind“ zu sein. Es gab viele Waisenkinder nach dem Koreakrieg, die unter der Brücke lebten. Waisenhäuser gab es ja nicht. Einige der Kinder waren so klein, dass sie nicht einmal sagen konnten, wer ihre Eltern oder Geschwister waren. Sie konnten bei mitfühlenden Menschen bleiben, die den weinenden Kindern am Straßenrand ihre Hand reichten.
Das Leben trägt viel Kraft in sich.
Aber die gegenseitige menschliche Zuwendung ist es, die unser Leben lebenswert macht.
Der Tag an dem ich meinen deutschen Pass bekam, ist mein dritter Geburtstag. Auch wenn ich auf dem Papier nun Deutsche bin, fühle ich mich Korea nicht weniger zugehörig. Sich zugehörig zu fühlen hat nichts damit zu tun, bei welcher Behörde man gemeldet ist. Mein Name und Geburtsdatum, wo ich geboren bin, wo ich zurzeit lebe und wie mein Geburtsname war, steht alles in meinem Pass.
Dennoch fand ich in meinem Inneren Raum für eine veränderbare Identität. Dies ermöglicht es mir, mich in der Fremde heimisch zu fühlen.
Die Namensgebung nehmen die meisten Koreaner sehr ernst. Da unsere Namen aus der chinesischen Bildersprache gewählt, aber koreanisch ausgesprochen werden, schreiben wir auch das chinesische Symbol neben unseren koreanischen Vornamen, um die Bedeutung in der richtigen Übersetzung zu verstehen.
Manchmal holen sich Eltern den Rat einer Schamanin ein, damit sie auf keinen Fall einen Fehler machen bei der Festlegung der Deutung. Ein Traum der Mutter während ihrer Schwangerschaft, kann auch eine große Bedeutung für das neugeborene Kind haben. So werden für manche Kinder die Namen festgelegt, bevor sie geboren werden, weil die Eltern an die höhere Macht der Träume glauben. Es gibt viele Traumdeuterinnen in Korea, meistens ältere Frauen, die über das Leben Bescheid wissen. Erscheint im Traum ein Drache, soll es ein Junge mit großer Macht werden. Träumt eine schwangere Frau von einer schönen Blumenwiese, ein Mädchen mit anmutigem Gesicht.
Bei der Benennung der Söhne spielen auch die Namen der Ahnen eine Rolle. Zum Beispiel verwendet man die mittlere oder die letzte Silbe aus dem Namen des Vaters. So kann man erraten zur wievielten Generation der Neugeborene gehört.
Da der Name der Töchter nach der Heirat aus dem ursprünglichen Familiendokument entfernt wird, ist man in ihrer Namensgebung freier. Die Frauen werden nach der Heirat der neuen Familie zugesprochen. Dadurch wird ihnen ihre alte Identität genommen.
Nach meiner Heirat mit einem deutschen Mann wurde mein Mädchenname aus dem Stammbuch meiner Familie gestrichen, aber meines Mannes Name wird im Dokument meiner Familie registriert, als hinzugekommenes männliches Familienmitglied.
Es soll inzwischen ein anderes Gesetz geben. Gesetze, die Frauen betreffen, werden von dem augenblicklichen Gedankengut ständig verändert. Meistens von Männern.
Mein Name bedeutet „männlicher Baum“, obwohl ich eine Frau bin. Ich habe etwas darunter gelitten, als ich noch zur Schule ging. Viele andere Mädchen hießen „wertvolle Perle“ oder „schöne Lotusblüte“.
Meine Eltern haben sich meinen Namen überlegt, bevor ich geboren wurde. Sie haben so eine Sehnsucht nach einem Jungen gehabt, nach vier Mädchen vor mir. Meine Mutter hat bestimmt von einem übergroßen Drachen geträumt. Wie schön, dass es damals Raum für Träume gab. Es gab kein Ultraschallgerät zur Erkennung des Geschlechts. Und es gab auch kein „Ein-Kind-Gesetz“, wie es in China jahrzehntelang üblich war.
So bin ich glücklich geboren, als fünftes Mädchen.
Meine Großeltern väterlicherseits besaßen große Ländereien und als die Japaner diese nicht mehr als gestohlenes Besitztum für sich in Anspruch nahmen, litt die Familie meines Vaters keinen Hunger mehr. Wir konnten unsere eigene Sprache wieder sprechen. Meine Eltern mussten mir keinen japanischen Vornamen geben.
Dem Lebenswillen und der Weltoffenheit meiner Eltern habe ich es zu verdanken so ein freies Leben zu führen. Alles war da. Die nötige Liebe und Hoffnung, das Haus mit Garten und genügend zu essen. Wir hatten kaum ein besonderes Möbelstück, aber seitdem ich denken kann, hatten wir immer ein Klavier zu Hause, weil mein Vater Musik liebte. Meine älteren Schwestern spielten Klavier und noch andere Instrumente.
Eines Tages saugte ich gerade an der Brust meiner Mutter, als meine Schwester auf dem Klavier Mozart spielte. Da hörte ich auf zu saugen und weinte ergriffen. Meine Mutter hielt ihren Zeigefinger vor den Mund und sagte, „ganz leise weinen“ und ich weinte dann lautlos.
Das erzählte mir meine Mutter kurz vor ihrem Tod, als ich fragte: „Mama erzähl mir von meiner Kindheit, an die ich mich nicht erinnern kann.“
Ich habe ganz früh gelernt, wie man lautlos weint.
In meiner Kindheit stillte ich meinen Durst mit dem Wasser aus unserem Brunnen, der im Innenhof stand.
Eines Tages reiste ich nach Korea, um diesen meinen Brunnen wiederzusehen. Das schönste und größte Haus, wie ich es in Erinnerung hatte, war nach mehr als fünfzig Jahren schonungslos heruntergekommen. Neben großen Hochhäusern und breiten Straße wirkte das Haus klein und hilflos. Aber es war noch da.
Ich war überglücklich.
Ich berührte die Wände, erst nur mit meinen Fingerspitzen. Ein paar Meter ging ich so an der Mauer entlang, dann berührte ich sie mit der ganzen Hand. Ich spürte genauso wie damals, dass meine Haut die Vibration der Bewegung aufnahm und in mir eine Lust des immer wieder Berührens auslöste. In den Garten konnte ich nicht hineinschauen. Er war durch eine Steinmauer verdeckt. Mein Paradiesgarten, in dem ich mit meinem kleinen nackten Körper den Duft einer Lilie aufgenommen und dem zitronengelben Schmetterling angeboten hatte auf meiner Schulter zu ruhen. Ich bewegte mich damals nicht und wartete stundenlang auf einen vorbeifliegenden Schmetterling.
Meistens vergeblich.
Ich klebte Erde auf meine Haut. Die Erde war viel brauner als meine Haut. Wenn die Erde zu trocken war, mischte ich meine Spucke hinzu, damit sie klebrig wurde und besser auf meiner Haut haften konnte. Ich verschmolz mit der Erde und ruhte in ihr. Dort lernte ich die vier Jahreszeiten kennen. Die Jahreszeiten eines Kindes, dessen Wahrnehmung nur deren angenehmen Duft in der Erinnerung eingraviert hatte.
Mit meinen erwachsenen Augen sah ich mein riesiges Schloss aus der Kindheit, ein Haus mit drei kleinen Zimmern, einer Küche, und einem Bad für die Eltern, sechs Kinder und die Oma. Als das Haus gebaut wurde, kurz nach dem Krieg, gab es kein Baumaterial wie Fliesen oder gutes Holz. Unsere Küche war nicht nur zum Kochen da, sondern auch der zentrale Heizraum. Wenn frühmorgens gekocht wurde, wurden allmählich auch die Schlafräume warm, weil die Zimmer durch Hohlräume unter dem Fußboden mit der Feuerstelle verbunden waren. Wegen nicht vorhandenem Brennholz war dann Reisstroh, das im Herbst geerntet wurde, das einzige Brennmaterial. Einer musste ständig Stroh nachlegen, damit das Feuer nicht ausging, bis der Reis gar war.
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