Solche Räume waren mir fremd, als ich klein war. Mein innerer Raum aber ist geblieben, sowohl in Korea als auch in Deutschland. Ich fange wieder an zu schreiben, auf meinem Schreibtisch, der viel höher ist als damals in meinem Zwischenraum neben den Schlafmatten.
Mal koreanisch.
Mal deutsch.
Die äußeren Begebenheiten sind nicht die, die mich verändern. Meine eigene Wahrnehmung ist es, die mich verändert in meinem Denken.
Egal wo.
Ein gelebtes Leben zu reflektieren ist einfacher als sich auszumalen, wie es werden könnte. Der Zeitpunkt des Reflektierens bestimmt die jeweilige Sichtweise. Es wird gefiltert, was einem wichtig erscheint. Vieles ist in Vergessenheit geraten, weil es für das weitere Leben keine Rolle spielt. Manches vergisst man einfach.
Dankbar nehme ich an, was geblieben ist in meinem Gedächtnis, was die eigene Auswahl bewahrt hat. Es ist nicht immer die leichte Seite des Lebens, an die man sich erinnert, aber überwundenen Schmerz fühlt man meistens als Erleichterung. Die vergangene Zeit kehrt zurück durch Ereignisse, die mit der Vergangenheit noch in Verbindung stehen und man erlebt sie deshalb sehr nah. Manchmal so lebendig, dass das Leben im Zeitraffer einem erschreckend kurz vorkommt.
Die Frage nach dem Sinn des Lebens kommt auf. Die Zeitspanne, die Farbigkeit und die Bewegtheit der Gefühle werden wieder ins Bewusstsein geholt.
Tief atmen.
Das Leben spüren.
Die Gefühle werden wieder lebendig.
Schreiben ist rein menschlich. Einzig darin unterscheidet sich das Tier Mensch von anderen Tieren. Den übrigen Tieren genügt es einfach zu leben und sie folgen ihrem Weg.
Ich beschreibe mich mit Buchstaben. Ich spiele mit ihnen, seit ich schreiben gelernt habe. Seitdem sind viele Jahre vergangen. Ich betrachte mich in meinem jetzigen Zustand. Welche Lichtverhältnisse der jeweiligen Zeit haben meine Erscheinung beeinflusst, welche Erlebnisse mein Denken?
Meine Gefühle durch die Musik auszudrücken kam später. Das Erlernen eines Instruments bedarf viele Jahre Beschäftigung mit den motorischen und geistigen Fähigkeiten. In jedem Moment des Musizierens sucht man die Übereinstimmung mit sich selbst und mit dem Klang. Ein ganzes Leben lang eine Bemühung mit sich ins Reine zu kommen.
Betrachte ich ein Bild, richte ich mein Auge auf das, was ich sehen will oder auch nicht. Aber der Klang durchdringt uns, und es ist nicht möglich meinen Körper der Bewegung der Schallwellen zu entziehen. Ich bin selber ein Teil der Resonanz. Schreiben ist viel intimer.
Meine Gedanken kann ich selbst heimlich zurechtschneiden, wie ich es für richtig halte. Geschriebene Buchstaben kann man wieder löschen, wenn sie für einen selbst keine Bedeutung mehr haben.
So spiele ich immer mit meinen Buchstaben. Zuerst auf koreanisch, später auch auf deutsch. Und inzwischen auch viele Male in beiden Sprachen, mit kleinen Zeitverschiebungen. Ich übersetze die beiden Sprachen von der einen in die andere, um den Sinn in der anderen Kulturebene wiederzuerkennen.
Dort treffe ich meistens mich selbst.
Es gibt bei bestimmten Wörtern, wie Geburt, Leben, Freude, Trauer, Abschied und Tod, kein Missverständnis der richtigen Übersetzung. Es gibt nur einen Unterschied in der Intensität der Gefühlsebene. Geschriebene Wörter helfen, unsere Erinnerung wieder ins Leben zu holen.
Meine viel zu früh verstorbene Schwester gab mir von ihr geschriebene Zeilen als Abschiedsgeschenk, als sie wieder nach Korea flog, nachdem sie mich in Deutschland besucht hatte.
Diese Zeilen trage ich immer und überall bei mir. So lebt meine Schwester in mir, ganz lebendig.
„Dort, wo wir verweilten“ Wir sprachen nur mit unseren Augen . E s war trotzdem so warm, wie ein kommender Frühling.
Am Ende der kalten Wintertage grüssen uns Forsythienblümlein .
In uns den Abschied tragend,
nahmen wir das Lachen der Kinder auf.
Wir teilten unsere Haut und unser Blut , deshalb wagten wir nicht zu sprechen .
Um die schlaflose Nacht des Reisenden kreist die Liebe ganz zäh – Wie der ruhig fließende Fluss hinter dem Haus
schreiten Du und Ich weiter unsere Wege .
Manchmal gewollt gegen die Strömung , manchmal gewollt festhaltend die Zeit . Machtlos stehen wir vor dem Geschehen . L ass uns nicht an den Abschied denken.
Mit dem Licht des Morgens,
das uns ein Wiedersehen verheißt,
verlasse ich Dich mit einem Lächeln.

Ich vergaß den Schmerz des Abschieds, weil ich die Nähe spürte durch ihre geschriebenen Worte.
Es schmerzt, wenn eine Familie geteilt wird und nicht mehr miteinander spricht. Es ist unverständlich wie es dazu kommen konnte, wo die Familie doch die gleiche Sprache spricht und fast vierzig Jahre lang für dieselbe Freiheit gekämpft hat, für die gemeinsame Freiheit und Identität. Und letztendlich stehen sich nun beide Teile als Feinde gegenüber, mit einem gepanzerten Gesicht.
Als ich die Grundschule besuchte, sangen wir viel. Da es kein vernünftiges Musikinstrument gab, sangen wir, denn eine Stimme hatten wir alle. Ich kann mich noch ganz genau an den Text erinnern, den ich vor mehr als 50 Jahren gesungen habe als kleines Schulmädchen.
„Unser Wunsch ist unsere Vereinigung.
Selbst im Traum wünschen wir unsere Einigung.
Lasst uns schnell w iedervereinigen!
Lasst uns schnell w iedervereinigen!“
Nun, viele Jahre sind vergangen, ohne dass unser Traum in Erfüllung ging. Es wird immer schlimmer mit unserer Feindschaft.
Die Nordkoreaner wollen den eigenen Bruder im Süden vor den USA und aus dem Kapitalismus retten und die Südkoreaner möchten keine Kommunisten werden wie die Nordkoreaner und sich schon gar nicht der Diktatur Kim unterordnen. Aus lauter Pflicht und Überzeugung, den eigenen Bruder zu retten, kauften die Nordkoreaner Waffen, und dafür hungern sie, wenn es sein muss, auch bis zum Tod. Südkoreaner arbeiteten Tag und Nacht und schafften mit Namen wie Samsung oder Hyundai reiche Menschen im Lande, und sie haben den Arbeitern das Wort „Urlaub“ vorenthalten.
Ich persönlich habe bis jetzt keinen Krieg erlebt. Aber die Erzählungen von den Menschen, die ihn erlebt haben, reichen aus, tiefstes Glück zu empfinden, nicht daran beteiligt gewesen zu sein.
Meine Oma erzählte: „Ich habe deine Mutter geschützt vor einem amerikanischen Soldaten, der nach Frauen gejagt hat, um sie zu vergewaltigen, mit einer Waffe in der Hand. Sie war krank und lag im Bett und als der Soldat ins Zimmer kam, habe ich ein blutgetränktes Tuch vor ihre Unterhose gehalten.“ Als ich dann fragte: „Wo hattest du so schnell das Blut her?“, antwortete meine Oma: „Ja, ich habe ganz schnell eins meiner Hühner getötet als ich von Nachbarn hörte, dass Soldaten unterwegs sind, Frauen zu jagen. Es war Hühnerblut. Wir hatten ein paar Hühner gehalten hinter unserem Haus. Nach 40 Jahren Ausbeutung durch die Japaner und dem anschließenden Koreakrieg war man schon sehr reich, wenn man ein paar eigene Hühner besaß.“
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