Ich verzog die Nase, besser gesagt, ich wollte die Nase verziehen und bekam mein Gesicht nur sehr begrenzt unter Kontrolle. Ein dickes Fragezeichen machte sich in meinem Gehirn breit. Ich machte den schlimmsten Fehler des Tages und öffnete die Augen, die seltsamerweise fast genauso schwer aufgingen, wie in meinem Traum …
Ein 3-D-Flachbildschirm hing über mir an der Decke. An sich nicht schlecht, es war eines der neuesten Modelle mit einer Diagonale von etwa 120 Zentimetern. Genau genommen nicht nur einer dieser gewöhnlichen 3-D-Flachbildschirme , sondern ein Hybrid 3-D, mit dem man wahlweise ein 3-D-Bild auf dem Schirm anschauen oder sich über die Mikro-Projektoren im Gehäuserahmen eine lebensechte Holografie zeigen lassen konnte.
Ich hatte schon seit Längerem mit dem Gedanken gespielt, solch ein Prachtexemplar an die Decke meines Schlafzimmers zu hängen. Tanja hatte jedoch immer etwas dagegen gehabt. Jetzt stellte ich mit erschrecken fest: Das war nicht mein Schlafzimmer! Wo zum Henker war ich!
Meine Bar-Versackungs-Theorie ging mir nochmals durch den Kopf, ich begann mich zu fragen, wie ich das nur Tanja erklären sollte. Dann fiel mir auf, dass circa 2,5 Meter rechts neben dem 3-D-Hybrid-Flachbildschirm über mir der nächste Bildschirm an der Decke hing. Ein weiterer folgte und danach in gebührendem Abstand eine Wand, die den Raum begrenzte. Zur Linken befanden sich vier weitere Bildschirme an der Decke, der Raum wurde durch eine Fensterreihe begrenzt. War ich über Nacht in ein Möbelhaus eingestiegen, in dem über den Testbetten Flachbildschirme an der Decke hingen?
Ich registrierte nur unbewusst, dass ich lediglich meine Augen nach links bewegt hatte, mein Kopf der Blickrichtung jedoch nicht gefolgt war.
Mein Blick ging zurück zu dem Monitor über mir und ich entdeckte in der linken oberen Ecke ein kreisrundes Symbol mit einem senkrechten Strich darin. Das inzwischen international gültige Zeichen für den Einschalter. Mich interessierte die grafische Umsetzung des Symbols und ich fokussierte meinen Blick darauf.
Mit einem leisen Sirren ging der Bildschirm an. Ich stutzte einen Moment, bis ich begriff. Wow, neuester Stand der Technik, Fernbedienung via Eye-Tracking . Es dauerte einen Augenblick, bis sich die Zeilen aufgebaut hatten und die Mikropixel sich zu einem gestochen klaren Bild sortierten.
Begleitend zur angezeigten Textzeile ertönte eine Frauenstimme aus den Monitorlautsprechern: »Guten Morgen Nr. 5 , wir freuen uns, dass Sie den beschleunigten Strafvollzug mit Sozialisierungsprogramm gewählt haben.«
»Hä?! Was soll ich gewählt haben? Und wer ist Nr.5 ?!«
Ein Stuhl wurde quietschend über den Linoleumboden zurückgeschoben. Jemand stand auf und Schritte näherten sich, begleitet vom Geruch des bereits erschnupperten billigen Automatenkaffees. Als Erstes erschien ein Pappbecher in meinem Gesichtsfeld. Ich folgte neugierig den knochigen Fingern, die ihn hielten, folgte der dürren Hand, die in einen Arm überging … Der Klassiker Dry Bones von The Delta Rhythm Boys aus den 30er Jahren drängte sich in mein Gedächtnis, das ihn auf die Situation hin ummünzte.
The finger bone is connected to the hand bone
the hand bone is connected to the forearm bone
the forearm bone is connected to the upper arm bone
the upper arm bone is connected to the shoulder bone
the shoulder bone is connected to the neck bone
the neck bone is connected to the head bone
Oh Lord, we`re here in the world of the bones
Oh, Lord – Oh, Lord.
Dann beugte sich das Gesicht eines schlanken, geradezu ausgemergelten Mannes über mich. Kurze, blonde, mit Frisiercreme nach hinten gekämmte Haare und tiefe, scharf eingekerbte Mundwinkel nahm ich als Erstes wahr. Dann eine kleine Nickelbrille mit starken Gläsern, welche die kalten Augen unnatürlich groß wirken ließen.
Mein Herz blieb stehen, ich kannte den Mann! Mosquito … Unwillkürlich wollte ich den Namen laut aussprechen, aber aus meinem Mund drang nur ein jämmerliches Wimmern: »Mmo-ihooo.«
Ich konnte nicht mehr sprechen! Der Versuch, mich aufzusetzen, scheiterte kläglich. Mein Körper machte keinen Mucks! Ich war nicht nur vor Entsetzen wie gelähmt … Was hatten diese Schweine mit mir gemacht?!
Es durchlief mich ein heißer Schauer, als ob flüssiges Blei durch mich hindurchfließe. Meine Augen weiteten sich. Das war vermutlich das klare Signal für Mosquito, mit seinem Auftritt fortzufahren.
»Na, also«, sagte er betont jovial. »Du erkennst mich. Wie schön! Dies ist sicherlich der Beginn einer wunderbaren Freundschaft. Du wirst schon sehen, wir werden viel Spaß miteinander haben … Aber entschuldige, ich habe mich noch gar nicht richtig vorgestellt. Mein richtiger Name ist …«, er beugte sich mit seinem weißen Kittel über mich, damit ich sein Namenschild am Revers sehen konnte, »Mengele«.
Er überprüfte mit raschem Blick, ob sich meine Augen noch mehr geweitet hatten. Offenkundig zufrieden mit dem Ergebnis zupfte er sich den Kittel zurecht und fuhr fort: »Doktor Joseph Mengele!«
Ich hatte keine Ahnung, was dieser kranke Psychopath von mir wollte, aber eine Scheißangst hatte er mir eingejagt. Ein weiterer Stuhl quietschte über das Linoleum. Das musste das frische Brötchen sein, das ich vorhin gerochen habe.
Dann donnerte das frische Brötchen los: »Jetzt hör endlich mit diesem Scheiß-Nazi-Arzt-Getue auf, da kommt einem wirklich das Kotzen. Du magst ja Mengele mit Nachnamen heißen, aber in Deinem Bewerbungsschreiben habe ich gesehen, dass Du nicht Joseph, sondern Jonas heißt. Außerdem kennt Dich eh jeder bloß als Mosquito und Doktor bist Du erst recht nicht!«
»Aber hast Du gesehen, es funktioniert! Bei den Studierten funktioniert das immer mit Doktor Mengele. Ich sag’s ja schon immer – Bildung macht Angst!«
Ganz unrecht hatte er nicht, mit weniger Wissen hätte ich mir den Schrecken erspart. Aber mich beschäftigte eine andere, mindestens ebenso philosophische Frage: Was war real? Befand ich mich immer noch in einem furchtbaren Alptraum oder war das die Realität? Und wenn ja, welche Realität? Hatte mich irgendein unglücklicher Zufall in eine Art Paralleluniversum geschleudert? Ich hatte jedenfalls das starke Gefühl, definitiv nicht hierher zu gehören. Ja, ich wusste ja nicht einmal, wo »hier« eigentlich sein sollte.
Ich versuchte der Sache also analytisch auf den Grund zu gehen: »Wenn ich mit zwicke, wache ich auf und alles ist gut! Wenn ich mich allerdings im Traum zwicke, baue ich das in meinem Traum ein und träume weiter …«
Ich beschloss es dennoch zu versuchen, war aber nicht in der Lage, auch nur den kleinen Finger zu bewegen. Dies konnte grundsätzlich drei Dinge bedeuten: Ich war tot und schmorte gerade in der Vorhölle. Oder ... ich träumte lediglich, dass ich mich nicht bewegen kann. Oder aber … Folgenschwere Wahrheiten scheinen immer besonders bedächtig durch die Synapsen zu schleichen. Oder aber ich konnte mich tatsächlich nicht bewegen! Querschnittsgelähmt?!
Ich hatte ein wirklich ernst zu nehmendes Realitätsproblem und habe es bisweilen immer noch. Was war real? Wie viele Realitäten gab es? Und welche davon konnte und welche davon sollte ich akzeptieren? In meiner Erinnerung war ich Teilhaber einer Film- und Event-Agentur, der ein mehr oder minder glückliches Leben führte. Andererseits lag ich hier wie einbetoniert in einem Körper, den ich nicht einmal sehen konnte. Ich ging davon aus, ein Mann zu sein, konnte es aber in meiner Verwirrung und Desorientierung nicht beschwören. Und dann waren da noch diese komischen Leute, die ich, um ihnen den Schrecken zu nehmen, »Kaffee« und »Brötchen« nennen wollte. Wieso quälten sie mich? Und wieso nannten sie mich den Regenschirm-Mörder oder Nr.5? Nach Chanel duftete ich gerade bestimmt nicht! Ganz im Gegenteil! Ich roch muffig, krank und mein Schweiß hatte die Ausdünstung von Medikamenten in sich. So langsam wurde ich wirklich neugierig, welche Rolle ich eigentlich spielte und spielen sollte. Ich beschloss mein Identitätsproblem zuerst einmal beiseite zu schieben, um das erste Problem zu lösen. Vielleicht würde ich sich dadurch auch mein Identitätsproblem klären. Also beschloss ich, rein hypothetisch, meine Umgebung als »wahre« Realität zu akzeptieren. Ich hatte die leise Hoffnung, dass ich durch das Erkunden meiner Umgebung entweder ein Fluchtloch in meinem Traum finden oder ich sonstige Aufschlüsse bekommen würde.
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