Das Märchen "Bakhtyar und Badbakht" handelt von der Gesellschaft bzw. dem hierarchisch geordneten Leben der Tiere. Sie betrachten den Menschen als ihren offensichtlichen Feind, und ihr Oberhaupt lässt sich vom Fuchs einen Rapport über die Neuigkeiten vorlegen. Baxtiyâr, der ein gutes Herz hat, nimmt einer Maus behutsam Goldstücke ab, mit denen sie spielt, gelangt dadurch zu großem Reichtum und bewirtet davon in seinem Haus alle Bedürftigen. Obwohl sich sein Bruder sehr niederträchtig gegen ihn verhalten hat, bewahrt er ihm noch immer einen Platz in seinem Herzen und in seinem Haus. Als dieser endlich ganz verarmt und heruntergekommen seinen Palast betritt, will Bakhtiyâr mit ihm sein Vermögen teilen. Badbakhts Gier aber ist groß, und er schleicht zu dem Versammlungsort der Tiere, um dort zu Geld zu gelangen. Die Tiere sind empört über den schon begangenen Raub. Sie suchen nach einem weiteren mutmaßlichen Lauscher, finden dabei den habgierigen Badbakht und zerreißen ihn.
Viele Märchen und Fabeln sind mit kurdischen Sprichwörtern und Gedanken verbunden. Den Sinn eines Sprichwortes illustriert die Geschichte von "Scheich Homars Schlange". "Şêx Homar"(11), der sehr liebevoll zu allen Lebewesen ist, rettet die Schlange mit seinem Stock vor dem Verbrennungstod. Die Schlange jedoch greift ihn an und will ihn töten. Homar kann sie dazu bewegen, einige Tiere über d e n Fall entscheiden zu lassen. Alle verurteilen das Benehmen der Schlange, sie aber will sich nicht fügen. Zuletzt kann der schlaue Fuchs die Schlange überlisten und sie mit dem Stock Homars töten. Er sagt zu dem Scheich: "Sei zu Schlangen niemals freundlich, richte Schlangen immer mit dem Stock!"(12).
"Mâraka-y Şêx Homar" (Scheich Homars Schlange) zitiert man in Kurdistan als Beispiel für Undankbarkeit. Dieses Märchen hat eine Ähnlichkeit mit einem indischen Märchen: Ein mitfühlender Brahmane befreit einen Tiger aus seinem eisernen Käfig. Dieser, kaum in Freiheit, will den Menschen fressen. Man ernennt fünf Tiere zum Richter über ihn, vier davon wollen den Mann töten, weil die Menschen sehr grausam gegen die Tiere sind. Zuletzt befreit der Fuchs den Inder und bringt den Tiger wieder in den Käfig. Die Ähnlichkeit, die man einerseits bei kurdischen und andererseits bei indischen Märchen findet, ist kein Zufall und stellt m.E. auch keine Übernahme dar, sondern hat ihre Wurzeln in der indoiranischen Gemeinsamkeit.
Erwähnenswert ist, dass die kurdische Volksliteratur sehr oft in Gedichtform geschrieben ist. Das gilt insbesondere für die Volkserzählungen. Die Kurden haben ihre Epen, Erzählungen, auch manche Märchen, wie Dramen gestaltet. Es sind auch einige Sprichwörter und Redensarten in Reimform überliefert (13). Die in dieser Sammlung enthaltenen Volkserzählungen sind allerdings weitgehend reimlos nacherzählt. Anders als bei den Märchen, die oft auch von Geistern, Dämonen oder Tieren handeln, stehen bei den Volkserzählungen die menschlichen Gefühle, Probleme und Leidenschaften im Mittelpunkt. Sie behandeln Liebe und Leid, Treue und Tapferkeit. Ein gutes Beispiel für diese Kategorie ist die Liebesgeschichte "Mam û Zîn", das sogenannte kurdische "Romeo und Julia", das alle kurdischen Charakteristika enthält. Der Stoff ist, wie auch Professor Oskar Mann bestätigte, sehr alt und ist fast als einzige Erzählung in ganz Kurdistan bekannt(14). Meiner Ansicht nach ist der Inhalt an eine andere Volkserzählung namens "Mam-ê Âlân"(15) angelehnt. Trotzdem besteht durchaus die Möglichkeit, dass sich eine ähnliche Liebesgeschichte tatsächlich abgespielt hat, die der kurdische Dichter und Gelehrte Ahmad-î Xânî (1650-1706) dann als Grundlage für sein Liebesdrama benutzte(16). Dieses Drama wurde durch die mündliche Überlieferung noch vielfach ausgestaltet. Noch heute gibt es ein Grab in Botân(17), das als Grab von "Mam û Zîn" bekannt ist, ebenso wie das Grab der Brüder "Nâsir û Mâlmâl"(18) in Gâgaš(19).
Auch wenn sich eine derartige Tragödie wie die von "Mam û Zîn" nach Ansicht mancher Forscher (wie z.B. Sacâdî)(20) zu Ende des 13. Jahrhunderts n.Chr. zugetragen haben mag, besteht kein Zweifel darüber, dass die ethischen Begriffe in eine frühere Epoche zurückgehen. Durch den Volksmund wurde die Erzählung "Mam û Zîn" dank ihrer Popularität zu einem Märchen umgestaltet(21).
Nicht nur Liebesgeschichten sind Inhalt von Volkserzählungen. Es gibt in der kurdischen folkloristischen Literatur ebenso Satiren und scherzhafte Erzählungen. Die kurdische Geschichte verzeichnet Komiker wie Aha-y Kur̂nû(22), Mâma Khama (Xama), Awlâ Mâmaš (Mâmash) und viele andere. Der Naturkomiker Bashîr Mushîr (1893-1963), dessen Name schon einen Reim bildet, hatte eine Überfülle von Phantasie und Einfällen. Ich kannte ihn sehr gut und wusste schon damals seinen Witz zu schätzen.(23)
Von seinen phantasievollen Gedankengängen will ich nur folgende kleine Geschichte erzählen:
Ich war einmal in seinem Geschäft in Bagdad. Herein kam ein Bekannter, der von Istanbul nach Teheran mit dem Auto gefahren war und begann, über die schlechte Straße zu klagen. Bashîr hörte sich das an und sagte dann: "Ich bin einmal denselben Weg per Schiff gefahren und das war sehr angenehm". Als ich einwandte: "Mâmostâ (d.h. Professor oder Gelehrter, wie alle ihn nannten), es gibt doch keinen Fluß zwischen Teheran und Istanbul", kam er überhaupt nicht in Verlegenheit. Gelassen erwiderte er: "Doch, als ich jung war, gab es einen großen Fluß zwischen den beiden Städten". Als ich fragte, wohin der Fluß verschwunden sei, antwortete er mit einem Seufzer: "Ach! Die bösen Engländer transportierten ihn nach dem Ersten Weltkrieg nach England und verwandelten alles in Öl. Diese Schweinehunde sind klug! Sie sind nicht so dumm wie wir Kurden ...".
In die Reihe "Satiren und scherzhafte Erzählungen" gehört die Erzählung "Die Schlauheit der Frauen". Hier macht sich eine kluge, aber ungebildete Frau über einen "zwölfwissenden Malâ"(24) lustig und spielt ihrem Gatten übel mit.
Die Erzählung "Der Malâ und die Wespen" handelt von einem kurdischen Stamm, der Religion nur als Tradition auffasst und nicht als Herzensangelegenheit. Ein Schäfer, der einzig auf das Wohl seiner Schafe bedacht ist, macht sich Gedanken, ob der Gebetsruf seinen Schafen Schaden bringen könnte. Der Stamm zeigt großen Eifer für die neue Religion, was wohl seinen Grund in der kurdischen Eigenart hat, an Neuem regen Anteil zu nehmen. Zu guter Letzt kann sich der Malâ nicht mehr retten und er entledigt sich der "Gläubigen" durch eine List.
"Meister Pîrots letztes Abenteuer" zeigt, wie die charaktervolle Frau des Kaufmannes mit Klugheit und Diplomatie die Freundschaft zwischen ihrem Gatten und "Meister Pîrot" erhält und gleichzeitig treu bleibt, während sie dem losen Vogel eine Lehre erteilt.
Den Märchen vergleichbar enthalten manche Volkserzählungen Lebensweisheiten, die zu Sprichwörtern wurden. So die Erzählung: "Worte sind keine Steine, die man einfach wirft". Bei dieser Erzählung stehen die Ratschläge eines alten, erfahrenen Mannes im Mittelpunkt. Er gibt seinen Rat, aber nur gegen das schwerverdiente und erarbeitete Vermögen des Beratenen. Er verlangt dies, um den Wert seines Rates ins richtige Licht zu stellen. Durch die guten Ratschläge bleibt dieser vor dem Erfrierungstod, vor irrtümlichen Beschuldigungen und sogar vor dem Mord an einem Unschuldigen bewahrt.
"Ein Dach, aber zwei Wetter" ist heute noch als Sprichwort gebräuchlich. Es stellt die mögliche Verschiedenartigkeit der Auslegung eines Gesetzes gegenüber verschiedenen Personen dar.
"Gott ist größer als Sultân Mahmûd" zeigt das Hervorgehen eines Sprichwortes aus einer offenbar sehr beliebten Erzählung. Fromme Gottergebenheit und Zuversicht stehen gegen Skepsis und die Vergeblichkeit der Behauptung des Schwachen gegen die Willkür eines Tyrannen. Zu guter Letzt zeigt die Erzählung die Allmacht Gottes, der den anscheinend unüberwindlichen Sultan sterben lässt und damit dem armen Tischler das Leben rettet.
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