Es kam nicht dazu. Mauro stand schon hinter ihm. Mit geschicktem Griff machte er Feren bewegungsunfähig und zog ihn zugleich aus der Angriffslinie. Serghey sprang ins Leere.
Ohne den Immobilisierungsgriff zu lockern, ließ Mauro Feren langsam vor sich auf den Boden gleiten. „Wer von Euch hat diesen Kampf begonnen?“
Die Frage beantwortete sich von selbst, denn Feren war alleine und die anderen zu dritt. Serghey fiel sofort vor dem König auf die Knie und stellte sich seiner Verantwortung.
„Schick mir Deinen Vorgesetzten. Narghey hat wohl seine Truppe nicht im Griff“, schnauzte Mauro den jungen Mann an.
Serghey wollte die Schuld auf sich nehmen, aber Mauro wies ihn mit einer ungeduldigen Geste fort. Zu Feren sagte er: „Alles in Ordnung?“
Feren nickte. Langsam löste Mauro seinen Griff. „Es ist wie früher“, sagte Mauro. „Sie provozieren Dich, bis es Dir reicht. Du kämpfst. Du zeigst Ihnen, dass Du besser bist. In der Wahl Deiner Mittel schießt Du immer noch übers Ziel hinaus. Willkommen daheim, Feren.“
Mauro bedeutete ihm, aufzustehen. Feren war kein zarter Junge mehr, sondern ein kräftiger Mann mit breiten Schultern. Er war gerade groß genug, um nicht als klein zu gelten. Jetzt stand er vor seinem König mit dem typischen ratlosen Blick, der sich im Nichts verlor. Feren wirkte mit einem Mal hilflos und schutzbedürftig.
Mauro musste insgeheim lachen. Der kleine Junge aus Orod Ithryn brauchte einen, der ihm die Welt erklärte – und Mauros Beschützerinstinkt sprang sofort darauf an. Allerdings war aus diesem Jungen mittlerweile ein ausgezeichneter Kombat-Zauberer und wahrscheinlich sogar ein mit allen Wassern gewaschener Schwarzmagier geworden. Feren wurde immer noch unterschätzt.
Mauro verlangte, dass Feren ihm ins Gesicht sah. Er war überrascht, in sein Spiegelbild zu blicken. Feren hatte dasselbe breitflächige Gesicht mit dem energischen Kinn und den hohen Backenknochen wie er selbst. Dann fiel Mauro ein, dass die Tolegos Verwandte seines Vaters Curon waren. Da konnte durchaus eine Familienähnlichkeit bestehen.
Mauro sah hinüber zu dem jungen Alicando, dessen Hals mittlerweile dick angeschwollen war. Er röchelte erbärmlich. „Wird er sterben?“ fragte er Feren.
Feren zuckte die Schultern: „Ich habe kein Gift verwendet. Nur einen Fluch.“
„Aha. Einen Fluch. Nur. Bring das in Ordnung“, verlangte Mauro.
Feren ging zu dem Jungen hin und legte ihm die Hand auf die Wunde. Mauro beobachtete, wie er sich erdete und die Fremdenergie in den Boden abfließen ließ. Feren bewegte sich ebenso knapp und präzise, wie er zu sprechen pflegte. Dieser Minimalismus ermöglichte seine enorme Geschwindigkeit.
Bald ging es den Jungen besser. Mauro blickte wohlwollend auf Feren: „Es ist gut, dass Du zu mir gekommen bist. Ab sofort stehst Du unter meinem Schutz. Wie früher in Orod Ithryn. Halte Dich künftig an die da, das sind die Netten.“ Mauro wies auf seine jungen Ithryn, die rund um ihn standen. „Du bleibst bei Ingram, doch Du giltst ab sofort als Ithryn des Königs. Auf Lebenszeit, mit allen Rechten und Pflichten, wie Sedh und Liu. Ab jetzt bist Du unantastbar. Zweikämpfe bedürfen der Genehmigung. Wenn sie stattfinden, dann unter regulären Wettkampfbedingungen. Die Ithryn müssen Vorbilder sein. Prügeleien in der Stallgasse will ich nie wieder sehen. Klar?“
Feren nickte.
Mauro legte ihm die Hand auf die Schulter: „Komm mit. Wir schauen uns die Gesellenprüfung der Nachwuchszauberer an.“
Feren ging an Mauros Seite hinüber zum Hauptgebäude. Er war erleichtert. Die Entscheidung, zum König zu gehen, war richtig gewesen. In Mauros Schatten fühlte er sich wohl. Wie früher in Orod Ithryn.
Im großen Saal hatte man schon auf den König gewartet. Barad, der Altmeister von Orod Ithryn, kam ihm sogleich entgegen. Mauro stellte Feren vor: „Das ist der junge Mann, der mich meinen Abschluss in Orod Ithryn gekostet hat. Ich übernahm die Verantwortung für seinen schwarzmagischen Übergriff auf einen Mitschüler und wurde von der Schule gewiesen.“
Feren sah Mauro überrascht an. Er hatte davon nichts gewusst.
Barad schüttelte Ferens Hand. „Ich bin froh, dass Ihr hier seid, Feren. Einen wie Euch hat man besser neben als gegen sich!“ Er warf einen Blick auf Ferens Zauberzeichen.
Mauro folgte Barads Blick: „Feren ist so gut geworden, wie Ihr es vorhergesehen habt. Grenzüberschreitungen und schwarzmagische Praktiken honoriert der Wolf von Orod Ithryn nicht. Wir sprachen kürzlich darüber. Eure ethischen Anforderungen lassen einen Schwarzmagier wie einen Anfänger aussehen. Großmeister Barren wäre nach Eurer Lesart wahrscheinlich ein Geselle niedrigen Ranges. Der Eispalast ist da nicht so zimperlich.“
Barad widersprach. Er erkannte ebenso wie Narghey, dass Ferens Entwicklung blockiert war, weil er sich einem wichtigen Lernschritt verweigerte.
Gildemeister Malfarin kam dazu und berichtete über den Stand der Prüfungen: „Die Masse derer, die mit Mühe die Gesellenprüfung schaffen, wollten wir Euch ersparen. Jetzt kommt die Abschlussprüfung im Kombat-Zaubern, zu der nur die wirklich talentierten Nachwuchszauberer antreten. Jeder von denen hat das Zeug zum Meister.“
„Es sind diesmal besonders viele“, erläuterte Hohepriester Keor, der die Oberhoheit über die Schule hatte. „Im letzten Frühjahr gab es keine Abschlussprüfung. Wir behielten die Jungs ein Jahr länger. Dadurch konnten wir sie auf Eure Anforderungen besser vorbereiten. Nun prüfen wir zwei Jahrgänge auf einmal.“
„Wir haben auch Mädchen in der Endauswahl – falls Fräulein Jorid Verstärkung braucht.“ Barad zwinkerte Jorid zu, doch sie stellte sich taub.
Mauro hingegen fand die Idee interessant: „Ich hätte gerne Kombat-Zauberinnen als persönliche Eskorte für meine Gattin. Achtet darauf, dass die Mädels gut reiten können. Die Eraindi möchte gerne das Umland erkunden“
Barad ging im Geiste die einzelnen Bewerberinnen durch. „Ein halbes Dutzend kann ich sofort aufbieten. Für mehr müssen wir den nächsten Jahrgang abwarten!“
Mauro war einverstanden: „Ich nehme das halbe Dutzend. Danke.“
„Hauptmann Rüdiger, für Euch haben wir nach speziellen Talenten gespürt. Mittlerweile habe ich begriffen, was die Ithryn des Königs können müssen. Wir haben den Ausbildungsplan angepasst. Seht Euch die beiden an.“ Malfarin deutete auf zwei junge Männer: „Die sind wie für Euch geschnitzt. Modus Beobachten, ein Gedächtnis wie ein Elephant und herausragende kombinatorische Fähigkeiten. Sie sind fit in Rhetorik und Fragetechnik, Heeres- und Landeskunde sowie sämtlichen Verhörmethoden. Sie können sich unsichtbar machen und über imaginierte Brücken gehen. Auch in Telepathie und Gedankenspionage haben wir sie unterwiesen. Die könnt Ihr sofort einsetzen.“
Rüdiger schaute verdutzt. Malfarins Worte klangen befremdlich an. Im Grunde hatte er die Anforderungen jedoch treffend beschrieben.
„Die beiden sehen nicht wie große Krieger aus“, bemerkte Ingram. „Der eine bewegt sich träge wie ein Bär. Der andere ist so hibbelig, dass man vom Zusehen schwindlig wird. Beim Reden schneidet er Grimassen. Kann mir nicht vorstellen, dass die im Kampf viel taugen.“
„Das sind keine Kombat-Zauberer“, bestätigte Malfarin. „Ihre Fähigkeiten sitzen im Kopf. Die beiden memorieren Euch eine komplette Konferenz.“
„Nicht uninteressant“, überlegte Rüdiger.
„Übernehmt sie, wenn Ihr wollt“, schlug Mauro Rüdiger vor. „Das Privileg >Ithryn des Königs< vergebe ich allerdings nur noch an ausgewählte Leute, wie heute an Feren. Die Neuen gehören formell meiner Garde an. Ihr könnt sie austauschen, falls ihr bessere findet.“
„Über die beiden seltsamen Figuren wird Bodir sich gewiss freuen!“ spottete Ingram.
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