„Klar, kein Problem.“ Nat bemühte sich nicht zu begeistert zu klingen.
Die beiden Männer sollten nicht sofort merken, welche Hintergedanken er hegte.
Spook war inzwischen einen Schritt zurück getreten und macht einen Schritt die Gasse hinunter.
„Ey, wo willst du hin?“ Nat rief ihm nach. „Die Einladung gilt auch für Dich.“
„Nee, lass man gut sein. Ich muss morgen früh wieder raus.“
Stirn runzelnd schaute Nat seinem Saufkumpan hinterher, der im Zwielicht der Gasse verschwand.
Dann drehte er sich zu seinen Begleitern um und zeigte in Richtung der Hauptstraße.
„Folgt mir, Freunde. Es ist nicht weit.“
Ihm entging das fiese Grinsen, das kurz über das Gesicht des Kammerjägers huschte.
Zwei Stunden später schien keiner der Männer mehr in der Lage einen kontrollierten Satz zu sprechen oder den Einsatz von Hand und Auge zu koordinieren.
Am Boden in Nats Zimmer lagen drei leere Flaschen Branntwein. In den Wassergläsern der Männer befanden sich nur noch letzte Reste.
Nat machte sich keine Gedanken darüber, wie er seinem Onkel das Fehlen von drei Flaschen Branntwein aus seinem Lagerbestand erklären sollte. Er führte ja selber die Listen, da würde ihm schon was einfallen.
Er hatte nur halb so viel getrunken, wie die anderen beiden Männer. Die andere Hälfte schwappte in seinem Stiefel, der neben ihm an der Wand stand. Er brauchte schließlich einen möglichst klaren Kopf. Trotzdem merkte er deutlich die Wirkung des scharfen Schnapses.
„Für welch’n Bereich bissu nommal zuschtändich?“ Nat musste sich nicht besonders anstrengen, um eine überzeugende Vorstellung als Betrunkener abzuliefern.
„Ichbinnuramnordtor … unsonsnix…!“ Der Kopf des Wachmannes fiel immer wieder nach vorne.
Wenn Nat den Mann nicht bald los wurde, würde der hier noch tief und fest einschlafen. Vielleicht würde er dann aber aus dem Kammerjäger etwas rauskriegen
Der schien nicht abgeneigt, vom Schloss und seinen Bewohnern zu berichten, aber jedes Mal hatte sein Begleiter ihn unterbrochen und gesagt, dass sie über das Schloss und das Leben dort nichts erzählen dürften. Dafür seien sie nicht hier.
Nat überlegte fieberhaft, wie er die beiden Männern für seine Pläne gewinnen konnte. Aber in den vergangenen Stunden war ihm nichts eingefallen, dass nicht sofort das Misstrauen der Männer geweckt hätte.
Aber da stand ihm das Glück zur Seite.
Der hagere Kammerjäger lehnte sich auf seinem Stuhl zurück und schaute links und rechts an Nat vorbei – und zwar gleichzeitig. Der Schnaps schien auch bei ihm deutliche Wirkung zu zeigen.
„Die Tore sin’ doch so was von egal. Da kannsu’ nur ins Schloss rein oder raus. Viel besser is’ doch das, was es im Schloss zu seh’n gibt.“ Er stieß ein wieherndes Lachen aus, dass gut zu seinem hageren Pferdegesicht passte, griff nach seinem Glas und schüttete den Rest der scharfen Flüssigkeit in sich hinein.
„Der Gart’n, da mussu ma’ hin. Der is’n Paradies. Und wenn dann noch die Weiber da sin’ …!“
Nat schluckte. Jetzt war’s so weit. Dies war die Gelegenheit, auf die er schon die ganze Zeit gewartet hatte. Scheinbar gelangweilt guckte er den Buntgekleideten an. „Was’n für’n Garten? Ich dachte, dass is’ nur `n Ammenmärchen.“
„Quatsch!“ Speicheltropfen flogen in Nats Richtung.
Der Kammerjäger schüttelte so heftig den Kopf, dass er fast vom Stuhl gefallen wurde. Er konnte sich anscheinend nur nicht entscheiden, zu welcher Seite.
„Den gib’s wirklich. Ich hab ma’ über die Mauer geguckt, aber dann musste ich abhau’n, weil die Streife kam. Hatte nieman’ der für mich Schmiere stand.“
„Un’, wie issas da?“ Nat bemühte sich, seine Euphorie zu verbergen und spielte den nur mäßig Interessierten.
„Das Paradies, Mann. Ächt das Paradies. Ich würde zu gern’ ma’ da reinkommen un’ am besten wenn die Königin un’ ihre Hofdamen un’ die Prinzessin da sin’. Aba da brauchs’e jemanden, der drauß’n aufpasst unnich auffälld.“ Wieder lachte er wiehernd und holte dabei schnaubend Luft.
„Ich kann das auch nich’ riskier’n, dafür bin ich im Schloss einfach su bekannd. Wenn mich einer sieht bin ich fällich. Ich wär’ schon froh, wenn mir jeman’ erzähl’n würde, wie’s da is’. Wie’s riecht und sich anfühlt un’ so. Hab gedacht, als Kammerjäger komms’u überall hin, aber pffft …! Kanns’u vergessen, Im inner’n Schloss machen die alles alleine. … Weiss’u was, hätt’st nicht Lust auch ma’ zu guck’n?“
Nat jubelte innerlich. So einfach hatte er sich das wirklich nicht vorgestellt. Jetzt bloß den Fisch nicht von der Angel lassen.
„Würd’ ich ja glatt ma mach’n, aba wenn du dich schon nich’ trau’n kanns’, wie sollte ich das denn mach’n?“ Nat schüttelte bedauernd den Kopf. „Ich bräucht’ jeman’ aus’m Schloss, der mich reinlässt, `ne Leiter hält un’ für mich Schmiere steht. Wo soll ich den denn find’n?“
Der Kammerjäger lehnte sich wieder vor und versuchte Nat eingehend zu mustern. Sein Augen drehten jedoch immer wieder weg, so dass es ihm nicht gelang den Blick zu fixieren.
„Morg’n Nachmittag nach dem Mittagsgebet sin’ sie wieder im Gart’n. Das weiß ich von’m Freund. Wenn du dann bei der Ostmauer des Schlossgar`ns bis’, dann warte ich da mit `ner Leiter auf Dich.“
Wieder bemühte er sich um einen eindringlichen Blick.
„Aber komm’ nich’ auf dumme Gedank’n. Rüberklettern, gucken und ganz still wieder raus, mehr is’ nich’ drin.“
Nat konnte ein breites Grinsen nicht unterdrücken.
„Geht klar, ich bin dann da und versprech’ Dir, ich will nur guck’n nich’ anfassen!“
Noch einmal stießen die beiden „Verschwörer“ miteinander an, dann schob der Kammerjäger seinen Becher weg.
„Genuch für … boorps!“ ein lang gezogener Rülpser brach aus ihm heraus. „Wir müss’n los.“
Die beiden Männer standen schwankend auf. Nat war weiterhin bemüht, sich betrunkener zu benehmen, als er wirklich war. „Komm, wir schaff’n dein’n Freund hier raus:“
Jeder schob einen Arm unter die Arme des betrunkenen Wachmannes und sie schoben und zerrten ihn durch die Tür nach draußen.
Bei ihrem schwankenden Gang brauchten Sie fast zwanzig Minuten bis zum Schlosstor, dann ließen sie den Wachmann an der Mauer zu Boden sinken. Stöhnend und schwitzend lehnten sie sich gegen die raue Steinwand.
„Morgen ab Mittag hat unser Freund hier wieder Dienst, dann lässt er Dich hier durch.“
Die kalte Nachtluft und die Anstrengung der letzten Minuten hatte den Buntgekleideten offensichtlich wieder nüchterner gemacht.
„Wir sehen uns nach dem Mittagsgebet!“
Er packte den schlafenden Mann unter den Armen und zog ihn zum Tor. Sein Klopfen dröhnte durch die Nacht.
Nat drehte sich um und eilte zurück in die schlafende Stadt. Das breite Grinsen, mit dem der Kammerjäger ihm nachsah bemerkte er nicht mehr.
Um halb zwei stand Nat am Tor und versuchte zu den Wachleuten vorzudringen. Vor ihm stand eine Gruppe Wanderer, die die Architektur des Schlosses bewunderten und sich gerade über die massiven Mauern ergingen.
Nat schob sich unauffällig an ihnen vorbei. Dann stand er vor einem jungen Wachmann, der ihn von oben bis unten musterte.
„Was ist euer Begehr ..?“ Eine klobige Hand legte sich auf die Schulter des jungen Mannes und schob ihn leicht zur Seite.
„Schon gut, der Mann kann eintreten.“
Die letzte Nacht war dem Wachmann offensichtlich nicht so gut bekommen. Die Augen waren rotgerändert, wie entzündet, und der Blick war immer noch glasig und unstet.
Zudem schien ihm der Lärm der Wanderergruppe regelrecht körperlich weh zu tun.
„Komm’ rein und kein lautes Wort.“ Die Stimme des Mannes klang gepresst und seine sauren Ausdünstungen umgaben ihn wie eine Aura.
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