Das Essen, der Teller und der Krug flogen durch die Luft. Der Krug knallte gegen die Wand und zerplatzte mit einem lauten Knall, der Blechnapf schlug gegen die Stäbe der Nachbarzelle und die Suppe ergoss sich in den Staub.
Nat ließ sich nach hinten fallen und strampelte vor Wut wie ein kleines Kind mit den Füßen. Seine geballten Fäuste schlugen auf den staubigen Zellenboden, so dass Wolken aufstiegen und in der Luft tanzten.
Dann beruhigte er sich, dass Adrenalin strömte langsamer in seinen Adern und sein vor Wut verkniffenes Gesicht entspannte sich zögerlich.
Im Schlepptau des versiegenden Adrenalins machten sich die Schmerzen auf den Weg in Nats Hirn. Er holte zischend Luft, als er das heftige Pochen in seinem Zeh spürte. Er hob den Oberkörper und schob sich rückwärts, bis er mit der Schulter an die Pritsche stieß. Mühsam drückte er sich hoch und ließ sich schwer darauf fallen.
Der Wutausbruch forderte seinen Tribut, die Anspannung fiel von ihm ab und innerhalb kürzester Zeit fiel Nat in einen unruhigen Schlaf.
Als er wieder aufwachte, spürte er einen nagenden Hunger und vom Durst war seine Kehle rau wie ein Reibeisen. Er drehte sich und sah selbstmitleidig zu dem zerbrochenen Tonkrug und dem verbeulten Blechteller, die auf dem Gang lagen. Wie sehnte er sich jetzt nach einem Schluck Wasser. Verdammt, wie lange wollte man ihn denn noch hier festhalten.
Nat schaute hoch zum Fenster, die Strahlen der Sonne, schienen kaum hindurch, obwohl draußen gleißende Helligkeit herrschte. Demnach musste die Sonne hoch am Himmel stehen und es etwa um die Mittagszeit sein.
Automatisch dachte Nat an die kleine Taverne, in der er meistens seine Mittagsmahlzeit nahm. Dachte an saftigen Lammbraten, warmes frisches Brot und ein kaltes, würziges Bier.
Seine Eingeweide schienen sich vor Hunger zusammenzuziehen.
Er musste sich irgendwie bemerkbar machen. Es konnte doch nicht angehen, dass er hier noch lange bleiben sollte. Er hatte doch gar keinen Spaß gehabt, dafür konnte man ihn doch nicht solange leiden lassen.
Nat stand kurz davor, vor lauter Selbstmitleid in Tränen auszubrechen.
Was ihn davon abhielt, war seine Wut, ja sein Hass auf Luptus, der dafür gesorgt hatte, dass er jetzt in dieser Situation steckte. Was hatte der sich nur dabei gedacht, was hatte ihm das Ganze gebracht.
Nat hörte wieder das Scharren der Tür und es kamen Schritte die Treppe herunter.
Mit leisen, schleichenden Schritten trat Luptus um die Ecke und näherte sich breit grinsend der Zelle.
„Na, du Verlierer. Wie ist es hier in der Zelle, wo das Einzige was man hört die Zimmerleute sind, die deinen Galgen bauen?“
Ein leises Kichern erklang.
„Ich kenne dich. Du bist einer dieser faulen Dreckskerle, die glauben ein schönes Leben führen zu können, nur weil sie einen reichen Vater oder Onkel oder sonstwas haben. Typen wie dich hab’ ich noch nie ertragen können.“
Sein breites dreckiges Grinsen ließ Nats Wut fast überkochen. Das Blut rauschte in seinen Ohren und sein Sichtfeld engte sich ein, bis er nur noch die grinsende Fratze dieses geckenhaften Kotzbrockens sah.
„Es ist mir immer wieder ein Vergnügen solchen Fatzkes wie dir einen auszuwischen. Und das du mir gleich so dämlich auf den Leim gehst ist ja noch viel netter.“
Wieder kicherte der Kammerjäger und drehte sich halb zur Treppe.
„Ich werd’ dich jetzt mal alleine lassen. Du solltest deine letzten Stunden auf dieser Welt ausnutzen, um über all das nachzudenken, was du in dieser Welt verpasst.“
Nat war mit einem Sprung am Gitter der Zelle und griff nach Luptus. Der bunt gekleidete Mann wich grinsend aus und drückte sich an die gegenüberliegende Wand.
„Mein Onkel wird mich hier herausholen. Und dann werde ich dir jeden Knochen im Leib brechen, und danach werde ich …!“
Nat versagte die Stimme vor lauter Wut.
Leise lachend wich Luptus weiter in Richtung Treppe zurück.
„Sie werden dich niemals auf freien Fuß lassen. Wenn du nicht hängst, dann kommst du ins Straflager, bis du schwarz wirst.“
Er setzte seinen Fuß auf die unterste Treppenstufe.
„Also überleg dir schon mal, wie du dir da Freunde machen kannst. Das sollte einem so hübschen Jungen wie dir doch nicht so schwer fallen.“
Lachend stieg er die Treppe hinauf und verschwand.
Nat kochte vor Wut, brüllend tobte er durch die Zelle, auf der Suche nach etwas, das er zerstören konnte.
Aber genauso schnell verrauchte seine Wut wieder und sein Verstand begann sich genüsslich auszumalen, was er alles mit Luptus anstellen würde, wenn er hier heraus kam.
Wobei erwürgen und zerstückeln noch als harmlos einzuordnen waren.
Zumindest floss in seiner Vorstellung viel Blut und es erklangen laute Schmerzensschreie.
Doch die Ruhe für diese tröstlichen Gedanken währte nicht lange.
Wieder öffnete sich die Tür und Nat erwartete schon fast sehnsüchtig wieder die dreckige grinsende Fratze des Kammerjägers zu sehen.
Auf den unteren Treppenstufen erschien jedoch der vierschrötige Gefängniswärter (was sollte er sonst sein) und mit ihm drei Soldaten.
Der Wärter trug ein dickes Schlüsselbund in der Hand und blieb vor der Zelle stehen.
„Hey, du da.“ Einer der Wachleute schob sich vor, bis er dicht an den Stäben der Zelle stand. „Stell dich hin und dreh dich mit dem Gesicht zum Fenster!“
Nat tat wie ihm geheißen, froh, dass er offensichtlich endlich hier herauskam.
Der Gefängniswärter suchte einen Schlüssel an dem Bund heraus und öffnete die Tür. Die drei Wachleute drängten sich in die Zelle und packten Nat. Zwei Mann hielten ihn fest, währen der Dritte mit hartem Griff Nats Hände auf den Rücken fesselte. Dann drehten sie ihn um und stießen ihn aus der Zelle heraus.
Einer der Männer ging voraus, die anderen beiden links und rechts hinter Nat. Alle drei Männer hatten die Hände am Schwertgriff, jederzeit bereit Nat an einer Flucht zu hindern.
Ohne ein weiteres Wort gingen sie die Treppe hinauf und traten auf den sonnenüberfluteten Schlosshof.
Nat kniff die Augen zusammen und stockte. Sofort bekam er einen derben Stoß in den Rücken und stolperte weiter. Die Männer führten ihn über den Hof und hinein in einen anderen schattigen Gang.
Nat versuchte sich umzusehen.
Der Gang war etwa vier Schritt breit und an den Wänden hingen mehrere Bilder und Wandbehänge. Die darauf abgebildeten Szenen zeigten die unterschiedlichsten Arten von Bestrafungen, vom Auspeitschen über das Aufhängen bis hin zum Vierteilen.
Nat schluckte und schien in sich zusammen zu schrumpfen, das war wohl genau der Effekt, der mit diesen Bildern erreicht werden sollte.
Er stolperte auf eine massive Holztür zu.
Die Tür öffnete sich und Nat wurde in einen Raum geschoben. Dieser erschien Nat riesig, bestimmt fünfzehn Schritte breit und dreißig Schritte lang. Im vorderen Bereich, durch den er jetzt geführt wurde, waren Zuschauerbänke aufgebaut, auf denen aber nur einige wenige Gestalten saßen. Dann kam ein freier Bereich in dem links und rechts starke Holzbänke und schwere Tische aufgebaut waren.
An der anderen Stirnseite des Raumes stand ein hoher Richtertisch, an dem bis zu fünf Richter sitzen konnten. Wenn ein Mann vor diese Richtertisch trat, würde sein Kopf etwa in Höhe der Tischplatte sein. Somit war deutlich, wer in diesem Raum das Sagen hatte.
Auf der einen Seite des freien Bereichs vor dem Richtertisch stand ein hart aussehender, falkengesichtiger Mann, der Nat mitleidslos anschaute. Auf der anderen Seite stand ein dicklicher kleiner Mann mit einer knubbeligen, blaugeäderten Säufernase.
Beide Männer trugen lange schwarze Roben und alberne weiß gepuderte Perücken. Doch während das den Eindruck von Härte bei dem großen Mann verstärkte, ließ es den kleinen Mann nur noch seltsamer erscheinen.
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