„Was glaubst du, warum die da noch nie jemand gesehen hat? Da gibt es Festungsmauern und Wachen, wahrscheinlich auch noch Hunde und Schlimmeres. Da kommt keiner rein.“
Nat schüttelte den Kopf. „Du bist ja noch hohler, als ich dachte!“
Spook spuckte wieder in die Richtung des Spucknapfes. Er traf einen Betrunkenen, der gerade zur Tür wankte.
„Darum meine ich ja, vielleicht hätte dir die beiden Kerle helfen können. Du hättest dann ein gutes Wort für sie eingelegt, dass sie hier die Kneipe rein gelassen werden und dafür …. Aber wenn du nicht willst …!“
„Ey, Moment mal. Das habe ich ja nicht gesagt.“
Nat sprang auf, wodurch er den Tisch fast zum Wackeln brachte. Sein Becher kippte um, die Flüssigkeit lief zäh fließend über die Tischplatte.
„Wie stellst du Dir das vor, wie wir den Beiden helfen könnten?“
Natürlich war es eine blöde Idee, voller Gefahren und Unwägbarkeiten. Aber er hatte schon oft von dem paradiesischen Garten gehört, in dem angeblich die schönsten Frauen des Landes täglich lustwandelten.
Sie zu stören, sich ihnen nur zu nähern war unter schwere Strafe gestellt, hatte er gehört.
Andererseits, was sollte ihm schon passieren? Man würde ihn schon nicht hinrichten, nur weil er einen Blick auf ein paar schöne Frauen geworfen hatte. Und außerdem würde ihn ja niemand bemerken, wenn er die entsprechende Unterstützung durch Leute aus dem Schloss hätte.
Und wenn er doch aufgegriffen werden würde, könnte sein Oheim ihn raushauen, dessen Stimme hatte viel Gewicht. Er war nicht nur ein erfolgreicher Kaufmann, sondern auch noch Mitglied im Stadtrat.
Vielmehr konnte diese Sache eine Menge Spaß bedeuten und einen Ausbruch aus diesem eintönigen, langweiligen Dasein.
Nat zog Spook vom Stuhl hoch und schob ihn in Richtung der Tür.
„Wir können ja zumindest mal hören, ob die beiden armen Kerle nicht Hilfe brauchen.“
„Ey Jungs.“ Emelie lehnte sich über den Tresen, wodurch ihr Busen hoch gedrückt wurde und ihr Dekollete zu sprengen schien. „War’s das schon, ihr habt ja noch fast nichts getrunken?“
„Wir sind morgen wieder da, Süße.“ Nat winkte ab.
„Wir haben bloß grade zwei Freunde von uns gesehen. Dein Bär an der Tür hat sie nicht rein gelassen, deshalb müssen wir mit ihnen woanders hingehen.“
Emelie lehnte sich noch weiter vor. Spook traten fast die Augen aus den Höhlen, in seinem linken Mundwinkel bildete sich ein Speichelfaden.
„Das waren eure Freunde? Warum habt ihr nichts gesagt? In dem Fall könnt ihr sie mit rein nehmen. Aber wenn ich den Eindruck habe, die wollen hier spionieren, fliegt ihr alle vier raus.“
Nat nickte. Seit Umläufen wurden die Kneipen und Kaschemmen in der Stadt immer wieder von Männern der Wache oder aus dem Schloss besucht.
Es ging das Gerücht, dass Spione in Sylthana unterwegs waren. Was es hier zu spionieren gab und wer sie geschickt hatte war völlig unklar. Wahrscheinlich fürchtete der paranoide König mal wieder eine Revolution.
Die Überprüfungen waren aber sehr schädlich für das Geschäft, denn wer wollte schon über den König schimpfen, wenn er vermuten musste, dass der Mann am Nebentisch ein Lauscher des Königs war.
Nat eilte zur Tür, schob sich an dem hünenhaften Türsteher vorbei und ging nach draußen.
Vor der Taverne herrschte Zwielicht, das Licht der Gaslaternen an der Hauptstraße reichte nicht, um die dunkle Gasse vollständig zu erhellen.
Das war auch besser so, denn die stinkende, schäbige Gasse sah am hellen Tag noch schlimmer aus, während die Dunkelheit den Eindruck der verfallenden Häuser und des Drecks an den Gassenrändern abmilderte.
Nur der Gestank war allgegenwärtig. Das typische Gemisch aus gekochtem Kohl, faulenden Früchten, Schweiß und Dreck. Das neue Abwassersystem, dass in den Hauptstraßen für mehr Sauberkeit sorgte und die Gefahr von Krankheiten verringern sollte, war noch nicht in allen Nebenstraßen und Gassen eingeführt worden.
Die beiden Männer aus dem Schloss bemühten sich gerade, sich von den Auswirkungen des Rauswurfs zu erholen.
Der magere bunt gekleidete Kammerjäger stand auf seinen Beinen, hielt sich aber mit beiden Händen den Kopf und stöhnte. Der Andere hockte auf den Knien und schien zu überlegen, ob er sein Abendessen in die Gasse verteilen sollte.
„Hey“, sagte Nat leise.
Der Papagei zuckte zusammen und drehte schnell den Kopf. Das war offensichtlich ein Fehler, denn er stöhnte auf, fasste sich wieder an den Kopf und drohte umzufallen.
Nat war mit einem schnellen Satz bei ihm und stützte den schwankenden Mann.
Hinter ihm quietschte die Tür und Spook trat in die Dunkelheit der Gasse. Die Lichtbahn aus der Kneipe erlosch, als die Tür wieder zuschlug.
„Alles klar“, fragte Nat und schaute dem hageren Mann, dessen Arm er umklammert hielt, ins Gesicht. „Geht’s wieder?“
Der Mann riss sich los, begann sofort wieder zu schwanken und griff schnell wieder nach Nats Arm.
„Klar, alles bestens! Außer dass dieser Mistkerl da drinnen…“. Er wollte ein Bewegung mit dem Kopf zur Tür machen, überlegte es sich aber klugerweise im gleichen Moment anders. „… uns fast die Köpfe eingeschlagen hat! Ich werde dafür sorgen, dass er aufgehängt wird! Am besten an den …!“
„Es hat doch einen Grund, dass ihr in die „Süße Maus“ wolltet.“ Nat unterbrach die Schimpftirade des Mannes. „Wenn ihr jetzt den Türsteher aufhängen lasst, werdet ihr dort sicherlich keinen Zugang finden.“
„Und außerdem …“ Nats Stimme wurde leiser „… weiß ich nicht, wie begeistert man im Schloss darüber wäre, dass ihr euch hier herumtreibt.“
Der Kammerjäger sah Nat misstrauisch an.
„Woher weißt du, dass wir aus dem Schloss kommen?“
„Mein Onkel macht häufig Geschäfte mit dem Schloss und ich liefere manchmal Sachen für ihn aus. Da habe ich euch beide schon häufiger gesehen.“
Das war zwar gelogen, aber so wie Nat Spook kannte, hatte der Gründe für den Aufenthalt im Schloss, die man besser für sich behielt.
Spook war um die beiden Männer herumgegangen und half dem Anderen auf der Straße sich aufzurichten. Auch der schwankte und seine Augen drehten sich.
„Ich glaube, dein Freund hier braucht Hilfe!“ Spook hielt den Mann aus dem Schloss am Arm und spuckte geräuschvoll auf die Straße.
Nat drehte sich leicht in Richtung der „Süßen Maus“.
„Ihr könnt mit uns reinkommen, ich habe ein gutes Wort bei der Wirtin für euch eingelegt.“
„Nein Danke.“ Der Papagei versuchte sich aus Nats Griff zu lösen. „Für heute ist mir der Appetit auf billigen Fusel und dreckige Spelunken vergangen!“
Nat überlegte fieberhaft, wie er die Männer dazu bewegen konnte weiter mit ihm zu sprechen, bis er ihr Vertrauen gewonnen hatte.
Er ließ den Kammerjäger los und näherte sich Spook, der den Wachmann immer noch mit beiden Händen stützen musste.
„Ich glaube, dein Freund hier könnte einen guten Schluck und einen bequemen Stuhl vertragen. Warum kommt ihr nicht mit zu mir? Ich wohne hier in der Nähe und habe einen leckeren Branntwein von der Fernen Insel im Haus.“
Der hagere Mann leckte sich über die Lippen. Die Lust auf einen guten Tropfen kämpfte mit seinem Misstrauen, den beiden Männern gegenüber, die ihnen hier anscheinend grundlos beistanden.
Der Wachmann gab schließlich den Ausschlag.
„Ich könnte wirklich gut ein paar Minuten Ruhe brauchen und ein Branntwein von der Fernen Insel ist etwas, das man nicht so oft angeboten bekommt.“
Er versuchte mit den Händen den klebrigen Staub und Dreck der Gasse von seiner Kleidung zu wischen.
„Außerdem habe ich keine Lust auf das Gelächter, wenn ich so dreckig am Tor ankomme.“ Er schaute Nat ins Gesicht. „Vielleicht kann ich mich bei unserem neuen Freund auch ein bisschen säubern!?!“
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