"Da haben Sie wirklich Recht, Herr Dr. Heumann", antwortete Schober höflich, "wir dürfen aber diese Nähe nicht übertreiben. Ich habe vor, bei der Gewährung von freien Tagen zum Gleitzeitausgleich strengere Maßstäbe anzulegen. Nach meinem Gefühl wurde das bisher viel zu großzügig gehandhabt, um nicht zu sagen: lasch. Wenn ein Mitarbeiter jeden Monat einen kompleten Tag zuhause bleibt und zudem freitags ziemlich früh geht, scheint mir das zu weit zu gehen!"
Heumann strahlte: "Genau was ich schon immer sage, diese Regeln, die mit dem Betriebsrat vereinbart wurden, sie gehen einfach zu weit! Das gefällt mit, Schober, bleiben Sie dran! Lassen Sie sich aber nicht hinreißen, offen gegen die Vereinbarung zu agieren, das geht schief, da fällt Ihnen der Standortchef in den Rücken! Aber man darf durchaus den Interpretationsspielraum nutzen und restriktiver vorgehen. Ich finde, das macht keinen guten Eindruck, wenn freitags am Nachmittag das Labor leer steht. Selbst unter der Woche finde ich bei meinem Rundgang nach fünf Uhr niemanden!"
Schober ging, gestärkt durch den gefühlten Rückenwind von Heumann, umgehend in sein Labor und erklärte seinen Mitarbeitern die neue Interpretation der Gleitzeitregeln.
"Unser oberster Chef wünscht sich mehr Anwesenheit im Labor", verkündete er, "ich stimme ihm dabei in vollem Umfang zu. Es sieht einfach sehr schlecht aus, wenn man am Freitag ab 13 Uhr nur noch leere Laborräume vorfindet."
Frau Seifried verstand die Konsequenz als erste. Sie sagte: "Wenn wir freitags länger bleiben müssen, dann haben wir am Monatsende noch mehr Stunden auf dem Konto. Dürfen wir dann jeden Monat einen Gleittag zum Zeitausgleich nehmen?"
Dies hatte Schober nicht bedacht. Er war irritiert und antwortete spontan: "Nein, natürlich nicht. Die Anzahl der Gleittage soll nicht steigen. Sie sollten am Morgen später kommen."
Frau Seifried gab nicht klein bei: "Das verstehe ich nicht. Die Gleitzeitregelung erlaubt es doch früh zu kommen. Wenn die Uhr am Morgen ab 6 Uhr unsere Zeit zählt, dann darf ich doch schon anwesend sein, oder? Und meine Arbeitszeit von 40 Stunden pro Woche, das sind acht pro Tag, ist selbst mit der Frühstücks- und der Mittagspause schon um viertel vor drei erreicht. Ich gehe meistens um halb vier, das ergibt jeden Tag eine dreiviertel Stunde mehr, als erforderlich. Um die Versuchsprogramme zügig durchzuführen, ist das auch sinnvoll."
Schober musste zugeben, das mit dem Versuchsprogramm, das war nicht falsch. Natürlich war es auch nicht richtig früh zu gehen, wenn der oberste Chef das anders sah, konnte es nicht korrekt sein! Er änderte seine Argumentation: "Aber bedenken Sie doch den schlechten Eindruck, den es macht, wenn ab 16 Uhr in den Laboratorien niemand mehr arbeitet! Und freitags ist es besonders schlimm. Der Dr. Heumann läuft mit Besuchern durch ein totes Gebäude. Wie wirkt denn das!?"
Frau Seifried blieb so praktisch, wie sie begonnen hatte: "Wenn er uns treffen möchte, sollte er vielleicht ins Labor kommen, bevor er mit seinen Gästen um eins für Stunden im Kasino verschwindet. Zum Beispiel um zwölf?" Das letzte war schon etwas schnippisch formuliert, dachte Schober. Ihm gefiel die Richtung überhaupt nicht, in die das Gespräch kippte. Seine Autorität war in Gefahr!
Jetzt setzte der ruhige Habermehl, der sich die ganze Zeit herausgehalten hatte, auch noch ein Argument drauf: "Diese Regelung ist doch zwischen dem Standortchef und dem Betriebsrat vereinbart worden. Gilt die jetzt für die Forschung nicht?"
Schober dachte, das geht überhaupt nicht, wie komme ich aus dieser Geschichte wieder raus, ohne Gesichtsverlust? Er beschloss das Gespräch zu beenden. Er verlies das Labor mit der Bemerkung: "Ich rede mal mit unserem Chef, dem Dr. Bauer."
Er stürzte in Bauers Büro und forderte Änderungen bei der Gewährung von Gleitzeit. Er betonte den Wunsch des Chefs: "Der Dr. Heumann ist auch sehr unzufrieden mit der Anwesenheit des Personals, besonders an Freitagen. Da muss sich dringend etwas ändern!"
Bauer hörte sich Schobers bericht an und sagte trocken: "Da geht es dem Herrn Heumann genau so, wie allen anderen. Er und Sie und ich können es nicht ändern. Es ist so, wie es ist! Das ist ein Beschluss für den gesamten Standort, unterzeichnet für den Arbeitgeber und gegengezeichnet durch den Betriebsrat. Wer das ändern möchte, muss den Standortchef dazu bringen, darüber mit dem Betriebsrat zu verhandeln. Wie einfach das wird, überlass ich Ihrer Phantasie."
"Aber es ist nicht schön, beim Rundgang ein leeres Labor vorzufinden, wenn man am Nachmittag noch 'ne Idee hat ..." begann Schober.
"Dann setzen Sie Ihre Idee doch am kommenden Morgen um." Bauer blieb gelassen. Schober zog unbefriedigt ab.
Am Abend beklagte er sich bei Elsbeth: "Stell Dir vor, der Heumann hat eine klare Vorstellung über die Präsenz der Mitarbeiter im Labor. Ich sollte das umsetzen. Den Mund hab ich mir fusselig geredet und die Laboranten sagen einfach 'nein, warum?' Ich finde das unmöglich, wie steh ich jetzt da?"
Elsbeth lies sich die Situation schildern und meinte dann: "Der Heumann hat Dich da ganz schön reingelegt. Du solltest etwas ändern, was ihm nicht passt, aber nur von einer viel höheren Stelle aus überhaupt entschieden werden könnte."
"Wieso?", Schober hatte es noch nicht verstanden, seine Rückfrage klang aufgebracht.
"Ach, Karlchen", Elsbeth blieb ruhig, "das kenn ich doch noch von der Uni, der Professor Palm hat auch immer gemeint, er bestimmt alle Regel in seinem Institut. Zum Beispiel, wer wann Urlaub machen darf. Das stimmte aber nicht. Der Personalrat hat ihm da schon einige Male seine Grenzen gezeigt. Das muss Dein Heumann auch verstehen. Er ist der Chef der Forschung, aber nicht der vom Standort."
Jetzt fiel der Groschen auch bei Schober. Er sagte zu Elsbeth: "Du hast Recht! Der Heumann hat mich, Absicht oder nicht, einfach mal vorgeschickt und ich hab gedacht, ich tu ihm und mir einen Gefallen, wenn ich seine Ideen umsetze. Das soll mir nicht nochmal passieren!"
Schober unterzeichnete künftig Anträge auf freie Tage ohne Murren und sagte nichts, wenn sein Labor an Freitagen nach zwölf leer stand. Die Laboranten zogen ihre Programme durch und zu mehr als vierzig Arbeitsstunden waren sie nicht verpflichtet. Der Zeitausgleich stand ihnen zu. Andererseits, aus Heumanns Sicht war die Forderung nicht falsch. Es ist es doch das Recht des Chefs von seinen Mitarbeitern Leistung zu fordern und sie Dinge erledigen zu lassen. Funktioniert es, ist es gut; klappt es nicht, dann trägt nicht der Chef Verantwortung, sondern der Mitarbeiter Schuld am Versagen. Schober sah sich bestätigt in seinem Wunsch, bald in der Hierarchie aufzusteigen, das würde alles leichter machen!
Telefonisch meldete sich Heumann bei Schober: "Unser Patent ist doch sicher inzwischen beim Patentamt eingereicht und registriert?" Schober bestätigte dies.
Heumann fuhr fort: "Dann müssen wir bald mit unserer Produktion reden. So eine tolle Verbesserung muss rasch in die praktische Anwendung. Ich werde Sie mal mit dem Obermeier von der Produktion zusammenbringen. Sprechen Sie mit dem Obermeier und erklären Sie ihm, was er verändern muss, um besser zu werden."
Diese Diskussion ergab keine gravierenden Probleme bei der Umsetzung der Ideen in der vorhandenen Anlage. "Was wissen Sie über den Einfluss auf die Produktqualität?", wurde Schober gefragt. Darüber hatte er mit einer gewissen Absicht keine detaillierten Daten verfügbar, warum unnütze Bremsklötze einbauen, also versicherte er Obermeier: "Die bleibt nahezu unbeeinflusst, unsere Idee sorgt schließlich nur dafür, dass mehr Katalysator in der Lösung ist und deshalb der Umsatz pro Zeiteinheit steigt!"
Controlling erstellte eine gut aussehende Kostenrechnung. Das war kein Wunder, denn die Daten, auf denen die Berechnung basierte, waren die Daten aus Schobers Patent. Vorausgesetzt, der Durchsatz ließ sich tatsächlich steigern und die Kaufleute könnten die höheren Mengen auch verkaufen, würde man Investitionskosten für eine Anlagenerweiterung sparen.
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