Er verkniff sich vorerst den Gedanken daran.
Rechts von ihm zappelte ein etwa sechsjähriger Knabe neben seiner Mutter herum. Diese saß am Gang. Leider wurde Hano dadurch zum Opfer der Zappelei. Auf der linken Seite saßen die beiden Ordensschwestern. Er wollte sie nicht schon wieder hochscheuchen.
In diesem Moment wurde er von einer Lautsprecherdurchsage abgelenkt. Der Flugkapitän teilte mit, dass das Flugzeug jetzt starten würde.
Die Nonnen bekreuzigten sich und umklammerten das Kreuz, das sie an einer Kette um den Hals trugen.
Vom Start war nicht viel zu merken. Der Andruck verstärkte sich für eine kurze Zeit, dann war die Maschine auch schon in der Luft. Sofort holten die Schwestern kleine Gebetbücher aus ihren Taschen und begannen zu lesen. Hano überlegte, wie das möglich war, denn auch die Nonnen durften ja keine persönlichen Gegenstände mitnehmen. Das konnten also nur digitalisierte Kreuze und Gebetbücher sein. Ob diese dann auch die gleiche religiöse Wirkung hatten? Welche Wirkung eigentlich? Die Zwiesprache mit Gott? Die war auch ohne Gebetbuch möglich. Vielleicht dienten sie auch nur der Beruhigung. Vielleicht hatten sie ja auch Flugangst. Warum aber? Je höher sie kamen, desto näher waren sie doch bei Gott – oder im Himmel!
Plötzlich schämte sich Hano über seine makabren Gedanken. Aber was fiel einem auch alles ein in diesem Moment.
Außerdem hatte er ganz andere Sorgen. Sein Problem wurde immer „dringlicher“. Er wandte sich an den Knaben: „Hallo Kleiner“, sagte er, „ich müsste mal aufstehen! Kannst du mich durchlassen?“
„Wo willst du denn hin?“, fragte der Kleine zurück.
„Der Herr muss mal Pipi machen, Heiner!“, erklärte die Mutter. Sie stand selber auf und zog den Knaben aus der Sitzreihe.
„Ich muss auch Pipi machen!“, verkündete Heiner lautstark und rannte den Gang entlang nach hinten, gefolgt von seiner Mutter, diese wiederum gefolgt von Hano. Einige Passagiere beobachteten erstaunt diesen Wettlauf. Eine Flugbegleiterin stellte sich ihnen allerdings in den Weg und erklärte, dass Rennen im Flugzeug nicht erlaubt wäre. Das störte Heiner nicht. Er duckte sich an ihr vorbei und schlüpfte in die Toilettenkabine. Noch ehe die Mutter reagieren konnte, hatte er schon von innen verriegelt.
Nun stand Hano mit ihr vor der Tür und trat von einem Bein auf das andere. Lange konnte er das nicht mehr aushalten. Die Mutter rüttelte an dem Türgriff und rief: „Mach sofort auf, Heiner!“
Wer weiß, wie lange Heiner dieses Spiel noch fortgesetzt hätte, wenn nicht die Flugbegleiterin mit einem Spezialschlüssel aufgeschlossen hätte. Schnell schlüpfte die Mutter hinein und verriegelte ihrerseits von innen. Das konnte noch ewig dauern!
Die Toilette auf der anderen Gangseite wurde frei. Eine gewaltige Dame schob ihre Leibesmassen heraus. Hano rannte erleichtert hinüber, doch ein Mann kam ihm zuvor. „Wir gehören zusammen!“, verkündete er und verschwand in der Kabine. Wieder nichts mit der Erleichterung! Hano eilte zurück auf die andere Seite, wo sich nun aber eine andere Frau aufgestellt hatte. „Hinten anstellen!“, fauchte sie ihn an. In diesem Moment steckte Heiner seinen Kopf durch den Türschlitz und wurde von seiner Mutter herausgeschoben.
„Wir gehören zusammen!“, rief Hano verzweifelt und drängte nun seinerseits hinein. Das tat gut!
So schnell wollte er aber diesen Ort nicht wieder aufgeben. Sollte doch die Frau, die ihn so angefaucht hatte, noch eine Weile schmoren!
Hano wollte in Ruhe wieder seine Ohrstöpsel einsetzen, denn in der Eile des Aufbruchs hatte er nur den Stecker der Ohrhörer aus der Buchse gezogen. Nun hingen ihm die Kabel zu beiden Seiten aus den Ohren heraus. Das sah lächerlich aus. Er entfernte sie und fummelte die Stöpsel aus der Reverstasche, um sie einzusetzen. Das klappte beim ersten, doch dabei entglitt ihm der zweite und fiel in die Toilettenschüssel. Dort lag er in der blauen Flüssigkeit, die sich nach dem Spülen wieder angesammelt hatte. Erschrocken starrte Hano hinein, ebenso erschrocken über das, was sich in seinem Kopf abspielte. Ein Ohr war bereits durch den Stöpsel gedämpft, das andere den Umweltgeräuschen vollkommen preisgegeben. Es war ein fürchterliches Gedöns im Kopf. Das konnte er unmöglich lange aushalten!
Zum Glück hatte Hano schon gespült. Deshalb hatte er jetzt keine Bedenken, herzhaft hineinzugreifen, um seinen Stöpsel zu retten.
Das hätte er lieber nicht getan – zumindest nicht mit der rechten Hand! Ein heftiger Schmerz zuckte unter die Haut zwischen Daumen und Zeigefinger, genau dort, wo sein ID-Chip eingepflanzt war.
Erschrocken zog er die Hand zurück, hatte den Stöpsel aber schon ergriffen. Sorgfältig spülte er ihn unter dem Wasserhahn ab, gleichzeitig auch seine Hand. Die Schmerzen ließen etwas nach und wurden erträglicher. Mit einem Papiertuch trocknete er den Stöpsel ab und setzte ihn wieder ins Ohr. Jetzt fühlte er sich besser, und im wahrsten Sinne des Wortes „erleichtert“ schlenderte er zu seinem Platz zurück.
Heiner zappelte schon wieder auf seinem Platz herum. Diesmal bekam die Nonne einige Püffe ab. Warum sitzt Heiner jetzt neben der Nonne?, fragte sich Hano, doch sein Erstaunen wurde noch größer, als er bemerkte, dass sein Sitz nicht mehr vorhanden war. Die ganze Reihe bestand nur noch aus vier Plätzen: zwei für die Nonnen und zwei für Heiner mit Mutter. Der Mittelplatz fehlte! Verwirrt stand Hano im Gang und wusste nicht, wo er sich hinsetzen sollte.
Eine Flugbegleiterin – die gleiche, welche die Toilettentür aufgeschlossen hatte – kam auf ihn zu und fragte: „Kann ich Ihnen helfen?“
„Mein Platz ist verschwunden“, sagte Hano.
„Wo haben Sie denn gesessen?“, hakte die Stewardess nach.
„Na hier!“, behauptete Hano! „Auf dem Mittelplatz zwischen den beiden Ordensschwestern und dem Knaben.“
„Hier gibt es keinen Mittelplatz!“, stellte die Dame klar. „Sie müssen sich irren! Das kann ja mal vorkommen!“ Sie wandte sich an die beiden Nonnen. „Haben sie den Herrn schon mal gesehen?“
Die beiden schüttelten den Kopf.
„Aber Heiner muss mich erkennen!“, behauptete Hano. „Wir haben doch beide Pipi gemacht!“
Heiner hob empört den Kopf. „Ich kann schon alleine Pipi machen!“, und die Mutter zog ihn an sich heran. „Was erlauben Sie sich?“
Die Flugbegleiterin zog eine Bordchipkarte aus ihrer Uniformtasche und hielt sie Hano hin. „Das ist alles kein Problem“, lächelte sie freundlich. „Ihren Platz werden wir sofort haben!“
Hano hielt ihr seine rechte Hand hin, und sie strich mit der Karte darüber.
„Merkwürdig“, sagte sie, „ich kann Sie nicht finden. Sie sind gar nicht in dieser Maschine! Genauer gesagt gibt es Sie auch gar nicht!“
„Sie sehen mich doch aber mit eigenen Augen!“, protestierte Hano.
„Das mit dem Sehen ist so eine Sache“, widersprach die Dame, „nicht alles, was man sieht, gibt es auch.“
„Aber Gott sieht man auch nicht, und trotzdem gibt es ihn!“, mischte sich eine der Nonnen ein.
„Das ist ganz was anderes!“, wehrte die Stewardess ab. „Das ist eine Frage des Glaubens, doch hier ist es genau umgekehrt. Der Herr glaubt, dass er einen Platz zwischen Ihnen hatte, doch er sieht ihn nicht!“
Die Nonne bekreuzigte sich und murmelte etwas von Exorzismus. Sie glaubte natürlich, Hano würde sie nicht hören, doch sein übernatürlicher Sinn verstand jedes Wort. Er begann, die Zusammenhänge zu begreifen. Hätte er nur nicht mit seiner ID-Chip-Hand in die blaue Brühe gefasst. Dabei war vermutlich sein Chip zerstört worden, und ohne Chip gab es ihn auch nicht mehr.
Hano ahnte nicht, dass er der Wahrheit erstaunlich nah gekommen war. Doch nicht ganz!
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