Das Gesicht Roberts lächelte ihm immer noch entgegen.
„Was kann ich für dich tun?“, fragte er.
„Ich hatte Probleme mit der Probandin Friedlinde Trockenbroth. War sie nicht richtig aufgeklärt worden?“ meldete Hano.
Robert antwortete sofort, ohne irgendwo nachzuschauen: „Eine Testperson Friedlinde Trockenbroth ist hier nicht bekannt. Wir haben eine Frau Luzie Schmick ins Café geschickt. Termin war vor 35 Minuten. Ist sie nicht erschienen?“
„Wie sieht sie denn aus?“, wollte Hano wissen, und sofort erschien das Bild einer stark geschminkten Frau auf dem Monitor.
Hano erkannte sie sofort. Das war die unangenehm übertrieben riechende Person, die der Kellner Oskar an den Tisch des Fettklopses geführt hatte.
„Die habe ich gesehen“, bestätigte Hano. „Da muss Oskar wohl etwas verwechselt haben.“ Jetzt verstand er auch, warum die Trockenbrodt von dem „Zweiten Glück“ gesprochen hatte. Das war eine Partnervermittlung.
„Was machen wir jetzt mit der Friedlinde Trockenbroth?“, wollte Robert wissen.
„Nichts!“, entschied Hano. Sollte die sich doch selbst mit der Partnervermittlung herumschlagen. Der Fettklops hätte ohnehin nicht zu ihr gepasst. Insofern hatte er ihr wahrscheinlich sogar einen Gefallen getan.
„Ich habe noch ein anderes Problem“, fuhr Hano fort.
Robert hob interessiert eine Augenbraue an. In dieser Hinsicht war er fast menschlich. „Ein Problem?“, fragte er.
„Die Trockenbrodt hatte keinerlei Geruch! Nicht den geringsten!“
„Das gibt es nicht!“, stellte Robert fest.
„Es war aber so!“, behauptete Hano. „Sie hat mich zwar kaum an sich rangelassen, doch irgendetwas hätte ich trotzdem riechen müssen. Kann es sein, dass man mir eine DIP untergeschoben hat?“
„Eine DIP?“, überlegte Robert. „Eine Digitale Person? Das wäre möglich. Das müsste dann aber die Partnervermittlung gemacht haben. Vielleicht ist das ein Trick von denen, um schwierige Kunden bei der Stange zu halten.“ Er lächelte verschmitzt. „Ich selber habe ja auch keinen Geruch.“
„Gilt das für alle DIPs?“, wollte Hano wissen.
„Das kommt auf den Einsatzort an“, erklärte Robert. „DIPs, welche mit anderen Menschen zu tun haben, erhalten allgemein auch einen Geruch. Sie werden zwar nicht nach Schweiß stinken, aber mit entsprechenden Duftstoffen können sie sogar ihre Umwelt beeinflussen. Das ist wie mit den Pheromonen bei Schmetterlingen. Die kann man gezielt einsetzen.“
„Dann wird Friedlinde Trockenbrodt ein DIP ohne Duftstoffe gewesen sein“, stellte Hano fest.
Robert war noch nicht überzeugt. „Kann es nicht sein, dass es an dir liegt?“, fragte er.
„An mir?“, wehrte Hano ab. „Ich kann hervorragend schnüffeln! Wenige Minuten vorher habe ich noch das aufdringliche Parfüm der Luzie Schmick gerochen. Ich habe den Geruch noch immer in der Nase!“
„Im Gehirn!“, korrigierte Robert. „Die Gerüche werden im Gehirn gespeichert! Aber wir können einen Test machen. Dann sind wir sicher. Nimm doch mal die Vergleichstests in die Hand!“
Hano holte aus einer Schublade eine Batterie von kleinen Flaschen mit Schraubverschlüssen hervor und schnüffelte daran. Sie waren absolut geruchsfrei. So sollte es auch sein! Die Verschlüsse ließen nichts hindurch.
Unter der Aufsicht Roberts öffnete er ein Fläschchen mit einer codierten Aufschrift. Mit dem Verschluss zog er einen Teststreifen heraus, der mit der Flüssigkeit getränkt war.
„Ich rieche nichts!“, stellte er fest und zeigte Robert die Codierung.
„Das ist Baldrian!“, stellte Robert fest. „Ziemlich stark!“
Jetzt fiel Hano auf, dass er sich die ganze Zeit irgendwie leer gefühlt hatte. Er konnte sich dieses Gefühl aber nicht erklären. Nun wurde ihm klar, dass er keinerlei Umweltgerüche mehr wahrnahm. Seine Nase war völlig nutzlos.
Voller Panik begann er, ein Fläschchen nach dem anderen zu öffnen. Das Ergebnis war katastrophal: Er hatte seinen Geruchssinn verloren und damit auch seine Erwerbsgrundlage.
„Ich kann nicht mehr riechen“, gab er auch Robert gegenüber zu. „Wie soll es jetzt weitergehen?“
„Ohne Geruchssinn bist du für INTESCO wertlos!“
Von einem Moment auf den anderen verschwand Robert vom Monitor, stattdessen leuchte das Logo INTESCO auf. Am rechten Rand war ein Stundenglas zu sehen mit dem Schriftzug „Bitte warten!“
Hano wartete geduldig. Was würde jetzt passieren? Würde man ihn entlassen? Das konnten sie doch nicht tun!
Nach kurzer Zeit – Hano kam es aber sehr lange vor – erschien Robert wieder mit seinem unverbindlichen Lächeln auf dem Bildschirm.
„Herzlichen Glückwunsch!“, sagte er. „Du hast soeben an einem Experiment teilgenommen und bestanden!“
„Wollt ihr mich verarschen?“, brauste Hano auf. „Habt ihr mir meinen Geruchssinn geklaut?“
„Gewissermaßen ja“, gab Robert zu. „Aber der Hintergrund lag auf einer ganz anderen Ebene. Ich wurde soeben befugt, dich darüber aufzuklären. Da das ganze Projekt jedoch streng geheim ist, musst du vorher noch eine Verschwiegenheitserklärung unterschreiben. Tust du das nicht oder verstößt gegen die Geheimhaltungsvorschriften, ist dein Arbeitsverhältnis sofort beendet. Bist du damit einverstanden?“
„Ja“, sagte Hano zögerlich. Was kam da auf ihn zu? Aber arbeitslos wollte er auf keinen Fall werden.
Ein Blatt Papier schob sich aus dem Kommunikator, und er las sich die Bedingungen sorgfältig durch. Es schien kein Haken daran zu sein. Er bestätigte mit seiner Unterschrift, und der Automat zog das Papier wieder ein.
„Ich möchte eine Kopie!“, forderte er von Robert.
„Das geht nicht! Die ist ebenfalls geheim. Was ist, wenn sie jemand bei dir findet?“
Dann begann Robert zu erklären:
„INTESCO ist gerade dabei, Wirkstoffe zu entwickeln, welche unmittelbar auf das Gehirn einwirken, ohne dass der Betroffene etwas davon bemerkt. Die ersten Substanzen konnten schon gewonnen werden. Über die Wirkung darf ich keine Auskunft geben. Das Problem ist jedoch die Art der Beibringung. Man kann die Stoffe injizieren oder Speisen beimischen oder auf die Haut sprühen, doch alles ist zu auffällig. Es soll ja dadurch eine Werbebotschaft untergeschoben werden. Aber wer lässt sich schon eine Spritze geben, damit er anschließend ein bestimmtes Waschmittel benutzt? Da kam ich auf die Idee“, Robert reckte stolz den Kopf nach oben, „dich mit deiner fantastischen Spürnase einzusetzen. Das musste natürlich ohne dein Wissen geschehen. Also schickten wir dir Luzie Schmick auf den Hals, die von uns vorher mit dem Wirkstoff eingesprüht wurde. Das war mit einem ganz billigen Parfüm kaschiert, was ihr gar nicht gefiel. Aber schließlich bekam sie ja Geld dafür.“
„Ich sollte also die Testperson sein!“, brauste Hano auf.
„Das ist richtig“, bestätigte Robert. „Inzwischen haben unsere Überwachungskameras allerdings bewiesen, dass Luzie sich kurz vor Erreichen des Cafés mit einem anderen Parfüm eingesprüht hat. Wahrscheinlich um das andere zu überdecken. Das war ihr ausdrücklich verboten. Da steht ihr noch gehöriger Ärger ins Haus.“
„Sie war doch gar nicht bei mir!“, wandte Hano ein.
„Aber du hast sie – nach deinen eigenen Angaben – am Eingang des Cafés mit deiner Nase wahrgenommen. Du hast die Aufdringlichkeit ihres Parfüms bemerkt. Das reichte offensichtlich schon aus.“
„Ihr wolltet also bewusst meinen Geruchssinn zerstören?“, empörte sich Hano.
„Nein!“, widersprach Robert. „Dein Geruchssinn ist für uns viel zu kostbar. Wir wollten etwas anderes bewirken. Wir wollten dir ein absolutes Gehör verpassen. Deine Ohren wären bestens geeignet gewesen. Doch in dieser Hinsicht ist das Experiment misslungen. Die Gründe haben unsere Wissenschaftler noch nicht realisiert. Möglichweise hängt das mit der Verfälschung durch Luzie zusammen. Aber auch das wären wertvolle Erkenntnisse.“
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