Er fand sie schließlich im Badezimmer im Medizinschrank. Noch bevor er sie einsetzen konnte, warf ihn ein infernalischer Glockenklang fast an die Wand. Der Westminsterschlag! Die elektronische Türglocke! Jemand stand an der Wohnungstür!
Das bestellte Taxi fiel ihm ein. Schnell setzte Hano die Ohrenstöpsel ein und öffnete vorsichtig die Tür.
„Das Taxi ist da!“, brüllte der Mann ihn an. Jedenfalls kam es ihm – trotz der Stöpsel – so vor.
Hano ließ die Reste des Frühstücks auf dem Tisch liegen und folgte dem Taxifahrer nach unten. Der Straßenlärm erschlug ihn fast. Innerhalb des geschlossenen Wagens wurde es besser. Der Magnetantrieb machte fast keine Geräusche und die Scheiben waren gut isoliert. Er legte seine Hand auf den Sensor, und schon war der Taxifahrer über das Ziel informiert – genauer gesagt, fuhr der Wagen vollautomatisch, und der Fahrer wird wohl auch eine DIP gewesen sein.
Hano konnte sich etwas entspannen. Ihm fiel auf, dass er trotz der Stöpsel und isolierten Scheiben immer noch die Umweltgeräusche außerhalb hörte. Besonders Stimmen erkannte er. Sein Gehirn begann, sich darauf einzustellen und einzelne Stimmen herauszufiltern. Sobald Hano sich auf eine Person konzentrierte, hörte er sie deutlich sprechen, wenn sie es gerade tat. Er versuchte zwei Frauen gleichzeitig zu erfassen, die am Straßenrand standen und tratschten. Auch das klappte.
„Haben Sie gestern die schamlose Person gesehen, die bei Schidlowski geklingelt hat?“, fragte die eine.
„Was hat sie denn gemacht?“, hechelte die andere.
„Wie soll ich das wissen?“, antwortete die erste wieder. „Aber man denkt sich so seinen Teil …“
In diesem Moment verlor Hano sie aus seinem Blickfeld. Das war ganz schön spannend.
Während der weiteren Fahrt konnte er sich an anderen Stimmen üben. Meist hörte er nur Bruchstücke eines Gesprächs, mit denen er nichts anfangen konnte. Ein Fahrradkurier fuhr eine Zeit lang vor ihnen her. Der trällerte ein Liedchen „Juppheidi und juppheida, Schnaps ist gut für Cholera! … Aus dem Weg du Schleicher! … Scheißprämie! … Das schaff ich wieder nicht!“
Er schlängelte sich zwischen den anderen Fahrzeugen hindurch und war bald außer Sichtweite.
Je länger die Fahrt zum Terminal dauerte, desto besser gelang es Hano, die Hintergrundgeräusche zu verdrängen und sich auf die Selektion der Stimmen zu konzentrieren. Sein Gehirn kam erstaunlich schnell damit zurecht. Trotzdem ärgerte er sich, dass INTESCO ihn einfach so umprogrammiert hatte. Sie hätten ihn wenigstens vorher fragen können.
Andererseits hatte das neue Hörempfinden auch seine Reize. Abgesehen von den mehr oder weniger interessanten Gesprächen ließ sich das sicherlich auch kommerziell auswerten. Vielleicht hatte ja INTESCO schon Pläne mit ihm.
Am Terminal des Northern Germany Central Airport angekommen, legte er erneut seine Hand auf den Sensor. Der Taxifahrer erwartete noch nicht mal ein Trinkgeld – offensichtlich war er tatsächlich eine DIP.
In der großen Halle nahm Hano die Ohrenstöpsel heraus. Sofort überflutete ihn unerträglicher Lärm. Schnell setzte er sie wieder ein. Die Stöpsel schienen die Lösung zu sein: Mit ihnen schloss er den Umweltlärm aus, konnte aber trotzdem alle Stimmen hören, sobald er sich darauf konzentrierte.
Am Abfertigungsschalter der EasyAir legte er wieder die Hand auf die Sensorplatte. Seine Buchung wurde sofort erkannt. Er benötigte noch nicht einmal das ausgedruckte Ticket. Ein Laufband brachte ihn zur zentralen Sicherheitskontrolle. Die war völlig unproblematisch. Er betrat eine Personenschleuse, in der alle persönlichen Gegenstände – sogar die Kleidung – entfernt und digitalisiert wurden. Stattdessen erhielt er eine digitale Kopie seiner Kleidung. Alles andere wurde online an den Bestimmungsort transferiert. Niemals befanden sich die Originale persönlicher Gegenstände in der gleichen Maschine. So waren Terroranschläge jeglicher Art von vornherein ausgeschlossen, und es gab keine langen Wartezeiten bei der Sicherheitskontrolle.
Natürlich wurden nur Gegenstände am Körper erfasst. Körperfremde Objekte innerhalb des Körpers, wie zum Beispiel Endoprothesen und Herzschrittmacher oder der ID-Chip, waren ausgenommen. Zu Hanos Überraschung ließ man ihm sogar seine Ohrenstöpsel. Offensichtlich steckten diese weit genug im Gehörgang.
Bis zum Boarding waren noch einige Minuten Zeit. Er setzte sich in einen der bequemen Sessel und beobachtete die Anzeigetafel. Ab und zu brüllte ein Lautsprecher die nächste Gruppe von Flugreisenden an, die sich dann brav zum Einchecken anstellten. Hano schreckte jedes Mal zusammen. Eine Lautsprecherstimme wirkte anders als die eines Menschen.
Neugierig konzentrierte er sich auf andere Reisende, um deren Gespräche zu belauschen. Das vertrieb die Langeweile und war lustiger, als in den ausgelegten Prospekten zu blättern.
In einer entfernten Ecke steckten zwei Männer die Köpfe zusammen. Sie sahen aus, als hätten sie etwas zu verbergen. Was Hano hörte, ließ seine innerlichen Alarmglocken schrillen.
„Bist du bereit?“, fragte der eine, ein junger Mann mit rotem Bart und fanatischem Blick.
Der andere – er trug einen dünnen Fusselbart – klopfte sich auf den Bauch. „So bereit wie nie! Allahu Akbar!“
Die letzte Bemerkung machte Hano besonders hellhörig. Das waren ohne Zweifel Islamisten, doch wozu war der Fusselbart bereit?
Der Rothaarige beantwortete die Frage selbst. „Hoffentlich haben wir alles gut berechnet!“
„Das war schon eine Tortur, den ganzen Sprengstoff zu schlucken!“, sagte der Fusselbart. „Das möchte ich nicht noch einmal tun!“
„Brauchst du auch nicht!“, versicherte Rotbart diabolisch grinsend. „Das war mit Sicherheit das einzige und letzte Mal. Sieh zu, dass du auch wirklich auf dem gebuchten Fensterplatz sitzt. Dann reißt es ein Loch in die Außenwand. An dieser Stelle liegen auch die hydraulischen Leitungen für das Höhenleitwerk. Dann kann kein Pilot der Welt die Maschine mehr in der Luft halten!“
„Das haben wir doch schon Hunderte Male durchgekaut!“, winkte der Fusselbart genervt ab. „Hoffentlich verspätet sich der Abflug nicht. Ich habe die Zündkapsel erst im letzten Moment geschluckt. Nach 90 Minuten hat sie sich aufgelöst. Dann haben wir gerade die Reisehöhe erreicht. Wenn wir hier aufgehalten werden, fliege ich schon am Boden in die Luft.“
„Bisher läuft alles planmäßig“, beruhigte der Rotbärtige. „Ich setz mich dann schon mal ab!“
„Ich dachte, du kommst mit!“, protestierte Fusselbart.
„Ich hab Wichtigeres zu tun, als mit dir abzustürzen!“, erwiderte der andere und stand auf.
„Du bist schon im Sicherheitsbereich!“, rief der Fusselbart hinter ihm her.
„Raus komme ich immer!“, rief der andere zurück.
Nach dem ersten Schock begann Hano zu überlegen. Wie sollte er sich jetzt verhalten? Offensichtlich planten die beiden tatsächlich einen Sprengstoffanschlag. Möglicherweise sogar in seiner Maschine. Das konnte er nicht zulassen!
Er stand auf und schaute sich nach einem Sicherheitsmann um. Am Eingang des Wartebereichs stand ein Uniformierter mit dem Rücken zu ihm. Die Buchstaben auf seinem Rücken wiesen ihn als „Security“ aus. Möglichst unauffällig ging Hano auf ihn zu und sprach ihn von hinten an: „Ich möchte Ihnen einen geplanten Anschlag melden!“
Der Security blickte ihn ungläubig an. „Was haben Sie gesagt?“
„Ich habe gehört, dass zwei Männer ein Flugzeug in die Luft sprengen wollen. Einer hat große Mengen Sprengstoff geschluckt und soll am Fenster sitzen, damit die Hydraulik zerstört wird – und er hat Allahu Akbar gerufen, aber ganz leise!“, stotterte Hano.
„Er hat ganz leise gerufen?“, fragte der Uniformierte und betrachtete Hano wie ein Schaf mit zwei Köpfen.
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