1 ...6 7 8 10 11 12 ...16 Anima machte einen Schritt zur Seite und zog ihn an seinem hängenden Ohr.
„Komm zu dir! Wir müssen los!“
Trinquallitas hob schwerfällig die Lider. Seine Augen waren hellbraun und blickten friedlich und freundlich wie immer.
„Du musst mich ans Ende der Welt bringen, und das auf schnellstem Weg!“
In dieser Nacht erwiesen sich die Wolken als treue Verbündete. Unter ihrer schützenden Decke verbargen sie Anima und Trinquallitas vor dem verräterischen Mondenlicht. Anima hatte entschieden über die östliche Steilwand zu fliegen, dann nach Süden zu schwenken, um schließlich ihre Reise Richtung Westen fortzusetzen. Die Gegend, die sie dabei überflogen, war so gut wie unbewohnt. So würden sie von niemandem bemerkt werden.
Trinquallitas hatte die zarten Schwingen mit der durchscheinenden Flughaut gespannt, die dünner war als jedes Schreibblatt, das die baumbergschen Papierschöpfer zustande brachten, und trug sie im wogenden Auf und Nieder seines Körpers weiter fort vom Baumpalast.
Bald verschluckte die Nacht den letzten flackernden Schein vom Palasthof, und nur die dunklen Schemen des Königsbaumwaldes blieben zurück, wie Schattenrisse aus geschwärztem Papier auf nachtblauem Tuch. Wenig später verschmolzen die Schemen mit den Umrissen des Federwaldes und der alten Färberei im höher gelegenen Hintergrund. Und schließlich konnte Anima selbst den großen See nur noch als tiefschwarzen Fleck auf einem dunklen Landschaftsteppich ausmachen.
Auf Wiedersehen, Kohlbläuling, dachte sie und blickte in die Richtung, wo sie die kopfstehende Eiche vermutete. Das Schlüpfen deiner Kinder werde ich wohl verpassen. Aber bis zum Frühling bin ich zurück und dann sehe ihnen zu, wie sie flügge werden, mit Perscpiù! Das verspreche ich.
Es dauerte nicht lange, da zogen unter ihnen die ersten Ausläufer des Geröllwaldes vorbei. Anima erkannte die dunklen Umrisse der immergrünen Weichnadler, deren Äste bis auf den Boden hingen. Und da war auch die Kante, an der der Baumbewuchs abbrach; und dahinter... der Geröllhang!
Steil und dunkel fiel der Hang ab, der nur aus Steinen und Felsbrocken bestand. Die gleichmäßig schwarze Fläche weiter unten musste die senkrechte Felswand sein, die von der weiten Ebene der truscanischen Felder aufragte bis zum Grashochland, und die so aussah, als hätte sie sich vor Urzeiten in das untere Drittel der östlichen Flanke des Baumbergs gebohrt und den Erdrutsch ausgelöst, der als Geröllhang die Zeit überdauerte. Die vielen schäumenden weißen Stellen in der Tiefe waren Schaumkronen auf dem schwarzen Band des Finis, hervorgerufen durch das Wasser, das gegen die Steine und Felsbrocken klatschte, die dort zum Liegen gekommen waren.
Der Finis entsprang aus den Musdor-Bergen nordöstlich des Baumbergs. Von dort bahnte er sich den Weg durch das weite Grashochland bis an den Rand der felsigen Steilwand, mit der das Hochland unvermittelt endete. Doch statt sich über die Felskante in die Tiefe zu stürzen, floss er in einem steinernen Flussbett daran entlang bis er auf den Baumberg stieß. Dann machte er einen Knick nach Südosten und umrundete den Berg, traf nach unzähligen kleineren und größeren Wassertreppen auf das untere Ende der Steilwand, machte wieder einen Knick und floss an den Feldern der Truscani nach Norden weg.
Trinquallitas glitt über die Abbruchkante des Geröllhangs hinaus, drehte nach Süden ab und trug sie weiter über das Grashochland, das sich südöstlich des Flusses vor ihnen ausdehnte.
Animas Lider wurden schwer. Sie fröstelte, zog den Umhang enger und verkroch sich tief im Fell des weißen Drachen.
Die ersten Sonnenstrahlen des Tages kitzelten Anima wach. Ein wohliger Schauer lief ihr über den Rücken, als die Wärme ihr die nächtliche Starre aus den langen Gliedern schmolz. Sie streckte den Kopf aus Trinquallitas dichtem Fell und blickte einem Sonnenaufgang entgegen, der den Himmel vor ihr und das Land unter ihr rosarot strahlen ließ. Der Zauber des Lichts schwand, und zurück blieb ein weites, eintöniges Grasland; lange, grüngelbe Gräser, die im Wind wogten, soweit das Auge reichte. Anima sank in Trinquallitas Fell zurück und döste wieder ein. Einmal riss das Krähen eines Xincors sie aus dem Schlaf. Seine großen schwarzen Flügel verschwanden bald in der Ferne und es war wieder still.
Als sie das nächste Mal aufwachte war es wärmer geworden. Die Sonne stand tief, die langen Gräser wirkten bräunlich und ab und zu entdeckte Anima dazwischen Flecken ausgetrockneten, nackten Bodens. Sie aß ein paar Bissen von ihrem letzten Abendbrot aus ihrer Tasche und nickte wieder ein.
Irgendwann schreckte ein tiefes Grollen sie aus dem Dämmerschlaf.
„Trinquallitas! Was war das?“, fragte sie und streckte den Kopf aus seinem Fell. Da zerplatzte ein dicker Regentropfen auf ihrer Nase. Sie verzog das Gesicht und wischte ihn weg.
Plötzlich - nicht einmal einen Lidschlag lang – war es taghell. Vor Anima türmte sich ein düsteres Wolkengebirge auf. Dann donnerte es wieder. Unwillkürlich duckte sie sich.
„Nur keine Sorge“, brummte Trinquallitas.
„Aber so ein Gewitter ist nicht ungefährlich!“, rief Anima ihm gegen den auffrischenden Wind ins Ohr.
„Es kommt alles wie es kommen soll“, rief der Drache gleichmütig zurück. „Und ich kenne den Gewitterkessel.“
„Den Gewitterkessel?“
„Er liegt südlich vom Baumberg. Und da sollte ich doch erst mal hinfliegen, bevor wir nach Westen abdrehen, oder nicht?“
Wieder zuckte ein Blitz über den Himmel wie das grell leuchtende Gerippe eines sich verzweigenden Geästs. Wieder wurde die Nacht zum Tag. Aus der Einöde unter ihr, umringt von wild tanzenden Windhosen, erhoben sich drei Berge. Schon war es wieder dunkel und ein ohrenbetäubender Donner rollte über sie hinweg. Anima grub die Finger fester in Trinquallitas´ Fell.
„Trinquallitas, ich befehle dir umzudrehen!“, rief sie.
Der Wind steigerte sich zu unberechenbaren Sturmböen. Mal riss er ihr Haar zurück, mal peitschte er ihr die Strähnen in die Augen.
„Jetzt umzudrehen, würde nichts nützen. Wir stecken schon viel zu tief in der Gewitterfront“, brüllte der weiße Drache.
Ein Schwall Regentropfen peitschte Anima mitten ins Gesicht. Der nächste Blitz fuhr auf den höchsten der drei Gipfel herab wie ein gleißender Peitschenhieb. Vor Animas Augen schwirrten bunte Flecken. Jäh wurde es unerträglich heiß, so als fegte ein glühender Wüstensturm über sie hinweg. Dann zerriss ein so gewaltiger Donner die Luft, dass Anima sich die Hände gegen die Ohren presste. Als würde sie von einer gigantischen Welle erfasst, wurde sie im nächsten Augenblick vom Himmel gefegt.
Als sie wieder zu sich kam, strahlte der Himmel blau und die Sonne stach auf sie herunter. Das Blut pochte ihr hinter den Schläfen. Sie hing kopfüber in einem Busch. Vorsichtig befreite sie sich aus den Zweigen, ließ sich auf die Erde gleiten und wälzte sich stöhnend auf den Bauch.
Wo war sie? Was war passiert?
Langsam kam die Erinnerung.
Das Gewitter. Der Absturz. Trinquallitas. Wo war Trinquallitas?
Sie wollte nach ihm rufen. Doch ihr Hals fühlte sich trocken an und rau und sie brachte nur ein heiseres Keuchen hervor. Zwischen den Zähnen knirschte es, als würden sie geschmirgelt. Sie fuhr sich mit der Hand über die schweißnasse Stirn und blickte sich um.
Sie lag in einer Sandkuhle. Alles schien gelb, golden oder ockerfarben. Um sie herum reckten zahlreiche trockene Sträucher ihre dürren Äste aus dem körnigen Grund. Vorsichtig richtete sie sich auf und bewegte zaghaft ihre Arme und Beine. Sie taten ihren Dienst. Fast ein Wunder nach einem solchen Sturz. Sand rieselte aus ihrem Kleid. Der blaubeerfarbene Stoff war zerrissen und hell von Staub. Anima schüttelte den Sand aus ihrer Gürteltasche. Ihren Umhang hatte sie offensichtlich verloren. Sie reckte sich, doch sie sah nur mannshohe vertrocknete Sträucher. Alles hier schien trocken und das nach einem solchen Wolkenbruch wie in der vergangenen Nacht.
Читать дальше