Vielleicht ein paar der Regenboglinge, die an der Oberfläche des Sees nach Fliegen schnappten, versuchte Anima sich zu beruhigen. Ihr war kalt. Plötzlich hörte sie ein Klappern, regelmäßig und gedämpft. Sie sprang auf, zwängte sich durch die Bürstenbäume hindurch und sah, wie ein Cerquus auf sie zugaloppierte. Das Geweih leuchtete bläulich im Mondlicht und das Fell war gescheckt.
„Vario, du lebst!“, rief Anima da und stürmte ihrem Zehnender entgegen.
Das Cerquus röhrte sanft, als ob es die Wiedersehensfreude teilte. Es senkte sein Geweih, und Anima kraulte es zwischen den großen ruhigen Augen.
Wieder drang ein Rumpeln und Klappern an ihr Ohr, lauter diesmal und unruhiger. Als würden ganze Reihen von Steinen den Felsabhang hinunterrollen. Und dann sah sie die Umrisse von Reitern! Wie ein schwarzgraues Bergmassiv kamen sie auf sie zu. Das mussten Reiter der Palastbrigade sein! Anima wollte rufen, aber ihre Kehle war wie zugeschnürt.
Der zehn Mann starke Trupp blieb vor ihnen stehen. Hauptmann Teinucro sprang mit einem kraftvollen Satz aus dem Sattel seines Cerquus´.
„Prinzessin Anima, welch ein Glück Euch wohlbehalten wiederzusehen.“ Der Schweiß rann ihm von den Schläfen, als er zu ihr trat.
„Ja, Mutter Erde sei Dank! Aber warum haben Sie nur so lange gebraucht?“
„Seit Anbruch der Dunkelheit durchkämmen alle verfügbaren Verteidiger den Baumberg auf der Suche nach Euch und Eurem Bruder“, sagte der Hauptmann hastig. „Doch keiner hätte Euch jenseits der Baumgrenze vermutet. Wären wir nicht zufällig auf Euer Cerquus gestoßen, hätten wir Euch nie gefunden. Wo ist König Perscpiù? Er ist doch bei Euch, oder?“, fragte er.
„Kommt!“, sagte Anima und lief los. „Er braucht die Hilfe des HofMedopifexius. Er ist dem Roten Drachen gefolgt...“
„Dem Roten Drachen? Dann stimmt es also doch“, unterbrach der Hauptmann.
Anima blieb stehen und blickte ihn aus kleinen Augen an. „Ihr wusstet davon?“
Hauptmann Teinucro nickte. „Ein Späher hat ihn heute Morgen gesichtet. Aber wir waren nicht sicher, ob er sich nicht doch getäuscht hat.“
Deshalb die vielen Männer auf dem Übungsplatz! Anima seufzte.
Sie ging weiter und trat zwischen den Bürstenbäumen hindurch, Hauptmann Teinucro dicht hinter ihr. Perscpiù lag noch genauso da, wie sie ihn verlassen hatte. Diese absonderliche Drehung des Körpers, das fahlgrüne Gesicht mit der purpurrot durchgebluteten Binde. Anima kniete sich neben ihn.
„Perscpiù, sie sind da.“
Perscpiù rührte sich nicht.
Hauptmann Teinucro war nun beinahe so bleich wie Perscpiù. Er machte auf dem Absatz kehrt. Gleich darauf kam er mit zwei seiner Männer und mit einer Trage zurück.
„Hebt den König vorsichtig hinauf. Und haltet ihn um alles in der Welt gerade dabei!“
Daraufhin hoben die beiden Perscpiù vorsichtig auf die Trage. Er stöhnte.
Anima nahm seine Hand. „Es wird alles gut!“
„Mein Blättersack“, presste Perscpiù plötzlich hervor.
„Blättersack?“ Anima schüttelte den Kopf. „Jetzt ist nur wichtig, dass du rasch nach Hause kommst.“
„Nicht ohne... meinen Blättersack!“
Als Anima erwachte, drang helles Tageslicht durch das Halbrundfenster ihres Zimmers. Die jungen Blatttriebe des Federbaums, mit denen die Decke ihres Bettes gefüllt war, dufteten frisch und fühlten sich warm und weich an. Die Prinzessin drehte sich auf die andere Seite. Da durchzuckte ein brennender Schmerz sie und sie zog scharf die Luft ein und fasste sich an die Wange. Ein gelb durchtränkter Verband hing lose herab. Sie löste ihn und warf ihn achtlos auf den Boden.
Plötzlich fiel ihr alles wieder ein: der Rote Drache, der Ritt zu den steinernen Baumriesen, der Schrei und dann Perscpiùs seltsam verrenkter Körper und das Blut, das in gleichmäßigen Schüben aus der Wunde an seinem Kopf sickerte.
„Perscpiù!“, stieß sie hervor und richtete sich auf.
„Prinzessin Anima! Ihr seid wach!“ Famlua war sofort an ihrer Seite. Aus den erdbraunen Zöpfen hatten sich einige Haarsträhnen gelöst und ihre Schürze war zerknittert, ganz so als hätte sie auf einem Stuhl in Animas Zimmer geschlafen.
„Keine Sorge, Ihr seid zuhause und Euer Bruder, der König, ist in den besten Händen. Der HofMedopifexius kümmert sich um ihn.“
„Gut!“ Anima atmete auf. „Wie spät ist es?“
„Die Sonnenuhr zeigt die fünfte Stunde nach Mittag.“
Anima schlug die Decke zurück und wollte mit fliegendem Nachtgewand ihr Zimmer verlassen. Aber die Zofe trat der Prinzessin mit ausgebreiteten Armen in den Weg.
„Prinzessin, ich bitte Euch! Ihr könnt doch Eure Gemächer nicht im Nachtgewand verlassen! Außerdem hat Eure Frau Mutter mir aufgetragen, Euch sofort zu Ihr zu bringen, sobald Ihr in einem ansehnlichen Zustand seid. Euer Bad wartet bereits.“
Anima kniff die Lippen zusammen. Nein, sie wollte erst nach Perscpiù sehen.
Anima schlüpfte unter Famluas Armen hindurch und rannte los, die Stufen der Wendeltreppe hinauf bis in die Empfangshalle des Regierungsgeschosses. Dort mäßigte sie ihren Schritt, um wieder zu Atem zu kommen.
„Prinzessin Anima“, grüßten die Wachposten, die vor der zweiflügligen Tür zu Perscpiùs Gemächern standen.
Anima nickte kurz und ging auf das kunstvolle Abbild des Baumpalastes zu, das in die Flügeltür geschnitzt war.
„Prinzessin Anima, Ihr solltet jetzt nicht...“
Doch Anima schob bereits mit aller Kraft die Türflügel auf und betrat das Königszimmer.
„Perscpiù, geht es dir besser?", fragte Anima und trat zögernd näher.
Durch die zugezogenen Vorhänge drang das Licht nur gedämpft in den Raum. Im Halbdunkel neben Perscpiùs Bett zeichnete sich die unverkennbar wulstig weiche Gestalt des HofMedopifexius Culentubus ab und neben ihm die seiner beiden ebenso dicken Helfer. An einer der Holzranken, die von jedem Eck des Bettes aufragten und den hölzernen Blatthimmel darüber trugen, stand Königin Nirega, schmal und zerbrechlich.
Anima holte tief Atem.
„Mutter, ich kann dir alles erklären“, setzte sie an. „Es war gewiss nicht meine Schuld...“
Die Königin schüttelte müde den Kopf und winkte sie zu sich heran.
„Anima, mein Kind, ich bin froh und unendlich dankbar, dass dir nichts passiert ist.“
Die Königin zog Anima in ihre Arme und küsste sie auf die Stirn. Als Nirega sie wieder losließ, beute sich HofMedopifexius Culentubus gerade über Perscpiù und legte ihm zwei Finger an die Innenseite des Handgelenks. Dann sah er die Königin an. Vage schüttelte er den Kopf.
„Der König ist immer noch bewusstlos“, sagte er und seine Hängebacken bebten.
Die Königin schwieg.
HofMedopifexius Culentubus schluckte.
„Wir müssen abwarten.“
Königin Nirega senkte den Blick.
Animas Kehle war auf einmal ganz ausgetrocknet.
„Was ist mit Perscpiù?“, presste Anima hervor.
Die Königin seufzte.
„Mutter, ich bin vierzehn! Ich will wissen, was los ist! Vater hat mich nie behandelt wie...“
„... ein kleines Kind. Ich weiß“, sagte Königin Nirega leise.
Sie sah ihrer Tochter in die Augen. Sie blickte in den wilden Strahlenring der leuchtend grünen Iris, in Augen, die funkelten wie die ihres verstorbenen Mannes, nur ein wenig heller und frischer. Dann nahm sie Animas Hände in die ihren.
„Medopifexius Culentubus“, begann sie. Ein kurzer Blick, ein bestätigendes Nicken und dann fuhr sie fort: „Medopifexius Culentubus hält es für möglich, dass Perscpiù...“, die Königin schluckte, „dass er gelähmt ist...“
Anima starrte von einem zum anderen.
„Nein!“, hauchte sie schließlich und schüttelte die Hände ihrer Mutter ab. „Das kann nicht sein! Medopifexius Culentubus wird ihn heilen! Er kann alles heilen!“
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