Es roch nach Feuer. Der Boden war trocken und steinig. Überall rieselte Sand. Niedrige Krater sprenkelten die Senke und in einigen davon hingen ähnliche Trichterpfannen wie die von Samsa. Sie hingen an Metallketten über dem offenen Feuer. Die Luft darüber flimmerte und es schwebte ein feiner, goldglitzernder Staub darin. Jeweils vier, fünf oder mehr Goldkörper arbeiteten in einem Krater: einer schürte das Feuer; ein anderer rührte in der zähflüssigen Goldsuppe herum, die in der Pfanne schwamm; zwei weitere waren damit beschäftigt, etwas aus dem Trichterabfluss in eine Form zu füllen; und wieder einer durchforstete augenscheinlich eine Vielzahl von Gießformen, die sich auf einem großen Steintisch türmten. Auf den goldglänzenden Oberkörpern perlte der Schweiß.
In einem anderen Sandkrater kneteten Frauen mit Kopftuch und Schürze einen blassen Teig, walkten ihn aus und formten daraus kleine Bällchen.
In dem dürren Gestrüpp drumherum hingen Hosen, Schürzen und Tücher wie zum Trocknen. Ein Kind schnappte sich eine aufgehängte Schürze, band sie sich um die Schultern und balancierte auf dicken Beinchen über einen Kraterrand zum anderen. Eine Horde kleiner Kinder folgte ihm, bis vor die Felswand, die die Senke zum Berg hin abschloss.
Die Wand blitzte und blinkte. Und da erkannte Anima, dass die Wand aus Sandstein die Fassade eines Schlosses war: aus dem Stein gekratzt, wölbten sich zahlreiche Türme und Erker hervor, viele davon mit Mustern verziert und mit Gold überzogen.
„Ich glaube, ich träume“, entfuhr es Anima.
„Nein, ich sehe es auch“, klang es aus der Gürteltasche. „Unglaublich diese goldenen Kugelspitzen auf den Rundtürmen, die gebogenen Vordächer, die geschwungenen Fenster! Keine einzige Kante, Ecke oder Spitze! Alles ist fließend oder rund. Grandios! Unsere Borra Tectichari hätten ihre wahre Freude an solcher Baukunst!“
Die Schwadron marschierte mit ihrer Gefangenen quer durch die Senke. An jedem Krater, an dem Anima vorbeigeschubst wurde, hielten sie mit der Arbeit inne und starrten sie an. Und mit jedem Schritt, den sie machten, verließen mehr Leute ihre Arbeit und folgten ihnen. Schließlich erreichten sie als langer Zug das Schloss im Fels.
Der Mann mit der gekreuzten Schärpe über der Brust schritt die breiten Stufen zum Schlosshof hinauf und Animas Wächter stießen sie hinterher.
Auf dem Hof standen nebeneinander zwei wuchtige Sessel, die aussahen wie große Raubvögel aus Sandstein; die hohen Lehnen waren zu einem Kopf mit gebogenen Schnabel geformt und die Seiten zu mächtige Vogelschwingen, und in den Sesseln saßen ein Goldkörpermann und eine Goldkörperfrau. Mit den goldstaubbepuderten Gesichtern und golddurchwirkten Gewändern glichen die beiden massigen Gestalten blankpolierten, goldenen Statuen. Nur das gelegentliche Blinzeln der Äuglein und ein leichtes Zucken um die schmalen Lippen des Mannes verrieten, dass es sich um lebende Wesen handelte. Um den Kopf trugen sie einen goldenen Turban. Die plumpen Füße waren mit goldenen Sandalen beschuht und ruhten auf den langen Sandsteinkrallen ihrer Sessel.
Die Wächter versetzten Anima noch einen Stoß und blieben dann neben ihr stehen. Der Mann mit der gekreuzten Schärpe trat vor das Paar und beugte schwerfällig das Knie. Dann blickte er auf und verkündete mit kratziger Fistelstimme: „Sivgar, der Schwere, teuer geschätzter König der Goldkörper, wir bringen Euch einen gefangenen Grauhäuter. Ihm wird vorgeworfen, Gold gestohlen zu haben.“
In der Menge, die vor den Stufen zum Schlosshof verharrte, breitete sich Unruhe aus. Eine Mutter schob ihr Kind hinter sich, ein besonders fetter Goldkörper ließ seine Armreifen verstohlen in die Hosentasche gleiten, einige tuschelten und zeigten mit dem Finger auf Anima.
„Ich habe überhaupt nichts gestohlen!" Animas Stimme zitterte. „Und ein Grauhäuter bin ich auch nicht!“
Sivgar der Schwere sah Anima nur gleichmütig an.
„Nun, was sollen wir mit diesem jämmerlichen Grauhäuter anstellen?“, sprach er hoch und schrill.
„Er soll verschwinden!“, kreischte ein Goldkörper.
„Ja, wir wollen keine anderen hier“, fistelte die Frau neben ihm. „Weg mit ihm, bevor er doch noch an unser Gold kommt!“ „Aber euer Gold interessiert mich doch überhaupt nicht. Ich habe selbst genug Gold“, sagte Anima eifrig und zog wieder ihre Münzen aus dem Gürtel.
Sofort schwollen Sivgars Äuglein an und ein pfeifendes Tuscheln ging durch die Zuschauer.
„Woher hat der Grauhäuter das Gold?“, fragte er schrill und seine Mundwinkel zuckten noch heftiger.
„Ich besitze eine ganze Schatulle voller Münzen. Sie - ist - in - meiner Tasche. Die Tasche, die ich verloren habe.“ Anima betonte jedes einzelne Wort, damit sie sie auch wirklich verstanden. „Ich will auf den schnellsten Weg nach Westen, zum GroßMedopifexius.“ Etwas ziepte an Animas Haar. „Dafür habe ich das ganze Gold mitgenommen. Ich habe genug davon. Schließlich bin ich... Autsch!“
Jetzt zog Gerismat Remisverbil mit aller Kraft an der Haarsträhne. Dann flüsterte er: „Prinzessin, sagtet Ihr nicht, niemand dürfte den Grund Eurer Reise erfahren? Wenn Ihr preisgebt wer Ihr seid, wird das einige Fragen aufwerfen, die Ihr nicht beantworten wollt.“
Während Gerismat Remisverbil sprach, starrte König Sivgar unentwegt auf die Münzen in Animas Hand. Da schnellte der Arm der Königin nach vorn und sie entriss Anima das Gold. Anima wollte etwas sagen, doch der Herr Gerismat sprach bereits weiter.
„Wenn Ihr mich fragt, habt Ihr schon zu viel gesagt. Äußerste Vorsicht scheint mir angebracht und im Zweifelsfall hartnäckiges Schweigen!“
Anima ließ die Schultern hängen. Wie konnte sie nur so unvorsichtig sein?
„Ja, na ja, aber nun ist sie ja weg, die Tasche, meine ich, und das Gold“, sprach sie stockend. Der HofGerismat richtete sich wieder auf und Anima fuhr fort. „Und ich muss zum GroßMedopifexius. Nicht, dass ich krank wäre. Aber, man weiß ja nie und deshalb ist es gut sich vorher schlau zu machen. Ja, ja ich will Heilerin werden. Und der GroßMedopifexius wird mich lehren zu heilen.“
Doch das Königspaar schien ihr gar nicht zuzuhören. Es hatte nur Augen für das glänzende Metall.
Da trat ein Mädchen aus der Menge heraus.
Goldengelchen!
Sie schleppte etwas die Stufen zur Königin hoch.
„Meine Tasche! Du hast sie gefunden!“, rief Anima.
Die Königin beugte sich aus dem sandigen Throngefieder hervor und nahm die Tasche entgegen. Goldengelchen sagte etwas, aber in dem allgemeinen Gemurmel konnte Anima kein Wort verstehen. Die Königin nickte, öffnete die Tasche, zog die Schatulle hervor und klappte den Deckel auf. Sie erstarrte. Ein gieriges Funkeln trat in ihre Augen.
„Was ist, meine Liebe? Was hast du denn da?“, fragte König Sivgar, und um seine Mundwinkel zuckte es wieder.
Schweigend hielt sie ihm die Schatulle hin. Er starrte hinein. Dann stemmte er den goldstaubenden Leib aus dem Thron und versenkte die Hände in der Schatulle. Ein Goldstück nach dem anderen ließ er durch die speckigen Finger gleiten.
Die Untertanen gafften.
„Ein Grauhäuter, der eine solche Menge Gold gestohlen hat...“, fistelte die Königin und funkelte Anima böse an.
„... muss in das Loch!“, vollendete der König den Satz mit drohend hochgezogenen Brauen und spitzem Mund.
Im Inneren der Felswand mit der Schlossfassade war es kühl und düster. Nur der flackernde Schein der Fackeln, die Animas Wächter trugen, erhellte die Gänge, tanzte über sandige Risse und felsige Vorsprüngen und ließ die unzähligen feinen Adern aus Gold darin glitzern. Sie bogen von einem Gang in den nächsten. Anima hatte längst die Orientierung verloren, als einer der Gänge breiter wurde und sie in eine Art Kammer gelangten. Sie blieben stehen.
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