Anima prustete und spuckte und versuchte sich den Matsch aus dem Gesicht zu wischen. Als sie die Stirn berührte, zuckte sie zusammen vor Schmerz. Eine faustgroße Beule wölbte sich darauf.
„Fuß, Hugo, Fuß!”, rief eine rauchig sanfte Stimme. “Gut g´macht! Hast se prima aus dem See gefischt!“
Sie hörte schmatzende Schritte, ein Tätscheln und dann ergoss sich ein Schauer über Anima, dass ihr der Matsch in kleinen Rinnsalen die Schläfen herunterlief.
Anima lugte durch halbgeöffnete Lider. Die Schnauze, die Tellerohren, der Löffelschwanz! Das Tier neben ihr sah aus wie das, das im Wasser auf sie zugeschossen war, nur das Fell war deutlich heller.
„Weg mit dir!“, presste sie zwischen den Zähnen hervor.
Das Tier hoppelte auf zwei langen Hinterläufen und zwei kurzen Vorderläufen hinter einen mageren, hochgeschossenen Jungen.
„Ja Hugo, hast´e Worte?“, sagte der. „Dankbarkeit kennt die wohl nich. Die will dich nich! Die schickt dich wech!“
Anima sah, dass ihre Gürteltasche neben ihr im Schlick lag. Die Schnalle des Gürtels war offen und hatte sich in einer Schlaufe ihres Kleides verhakt. Der Überwurf der Tasche hing schlapp nach hinten. Die ganze Tasche war voller Schlamm. Anima verzog das Gesicht. Doch im nächsten Augenblick wurde ihr bewusst, dass der Herr Gerismat von dieser Schlammlawine erdrückt worden sein musste. Lebendig begraben. Elendig erstickt.
Da flogen plötzlich kleine Matschklümpchen aus der Tasche und ein feingliedriger Schwanz streckte seine Spitze heraus. Anima griff zu und zog, und schon hielt sie den Herrn Gerismat in den Fingern. Er baumelte ihr kopfüber vor der Nase herum, hob die Ärmchen und grinste verlegen.
„Ich dachte, Sie wären tot“, keuchte Anima empört. Dann öffnete sie die Finger und ließ Gerismat Remisverbil fallen.
Blitzschnell schoss die Hand des Jungen vor und fing den Bücherwurm auf. Der Junge hockte sich auf einen kleinen Felsbrocken und setzte Gerismat Remisverbil behutsam neben sich.
„Getreuen Dank“, sagte der Herr Gerismat und verneigte sich steif.
Anima schüttelte den Kopf. Die Sonne schien vom Himmel und das Gesicht begann ihr unter dem trocknenden Lehm zu jucken. Sie erhob sich, das Kleid schwer von Dreck, und wusch sich notdürftig im seichten Uferwasser. Vom See selbst war nichts mehr zu sehen. Das hohe Schilf versperrte die Sicht wie eine Wand. Schließlich ging sie aus dem Wasser heraus, ließ sich auf ein trockenes Fleckchen Gras fallen und blickte sich um. Das kniehohe, grüngelbe Gras, in dem sie saß, zog sich ein gutes Stück den Hang hinter ihr hinauf und verschwand dann in einem Wald von Büschen.
„Bist du ein Grauhäuter?“, fragte sie und blickte den Jungen argwöhnisch an. Obwohl er das Mannesalter noch nicht erreicht hatte, war sein Rücken bereits gebeugt, als wäre das Leben eine schwere Last, die ihn ständig niederdrückte. Seine Kleidung, die nur aus einem schmutzigen, fellartigen Überwurf bestand, hing lose um seine magere Gestalt.
„Jou“, antwortete er.
Sein Gesicht lief zum Kinn hin spitz zu. Es wirkte gräulich und ein paar Matschspritzer waren auf den hohlen Wangen getrocknet. Er hatte eine schmale Nase und seine Augen waren sonderbar grau und braun.
„Und warum wirfst du dann nicht mit Steinen nach mir, wie deine Artgenossen?“, fragte Anima und verengte die Augen.
Der Junge schaute zu ihr herüber. „Die halt´n dich für nen Goldkörper“, meinte er.
„Und du tust das nicht?“
Animas Magen knurrte laut und der Junge grinste.
„Na Hugo, hamm wer auch für die was zum Beißen?“
Hugo, der sich hinter einen Busch zurückgezogen hatte, keine Armlänge von seinem Herrn entfernt, stellte seinen nackten löffelförmigen Schwanz in die Höhe, hob sein Hinterteil leicht an und ließ ein Ei hervorkullern. Animas Augen weiteten sich.
„Guter Kerl“, lobte der Junge. Dann nahm er das Ei vorsichtig auf, rieb es bis die dunkelgrau, gesprenkelte Schale glänzte und drehte es prüfend zwischen Daumen und Mittelfinger, bevor er es ihr gab. Anima zögerte.
„Na was is? Magst´e nich?“, fragte er.
„Doch, doch“, beeilte sie sich zu versichern. Hilflos drehte und wendete sie das Ei.
Der Junge schüttelte schnaubend den Kopf, nahm das Ei wieder an sich und holte mit der freien Hand einen spitzen Stein unter seinem Überwurf hervor. Dann ließ er sich neben Anima im Gras nieder und drehte den Stein solange auf der Eioberfläche bis ein kleines Loch aufbrach. Er setzte es an seine schmalen grauen Lippen und saugte. Schließlich hielt er es Anima hin. Sie runzelte unentschlossen die Stirn. Dann stieß sie einen Seufzer aus, nahm das Ei, kniff die Augen zusammen und saugte den glibberigen Inhalt aus, bis auf den letzten Tropfen. Es schmeckte gut, fast wie Weißdistelgelee. Und es füllte das Loch in ihrem Magen, ein wenig.
„Chmchm“, machte Gerismat Remisverbil. „Sie denken also nicht, dass wir – ich zitiere: `raffgierige Goldkörper` sind?“
„Goldkörper? Ihr? Nee! Sonst hätt´n Hugo und ich euch bestimmt nich geholfen, was Hugo?“
„Der Geschichtsschreiber in mir“, dabei rückte Gerismat Remisverbil seine Fliege zurecht, „vermutet eine alte Fehde zwischen dem Volk der Goldkörper und der Grauhäuter als Ursache für den beidseitigen Hass. Liege ich richtig?“
„Fehde? Von ner Fehde weeß ich nix“, antwortete der Junge. Dabei schob er die Unterlippe vor und zuckte mit den knochigen Schultern.
„Aber irgendeinen Grund muss es doch geben, warum ihr die Goldkörper hasst?“, meinte Anima.
„Na sicher doch. Musst ´e doch nur ansehn, ich meeen, so fett wie die sin. Und wie die schon redn. Und was die essen...“ Der Junge schüttelte angewidert den Kopf. „Na, und dann das ganze affige Getue um ihr Gold.“
„Heißt das etwa, ihr seid gar nicht hinter ihrem Gold her?“, wollte Anima wissen.
„Hamm die das gesacht?“ Er blickte Anima an und schnaubte. „Klar hamm ´se. Sach ich doch: affiges Getue. Klar, die verstehn was vom Baun, Berchbau und Hausbau un so. Und klar, hätt ´n wir gern so Häuser wie die. Ich meen, wer hätt nich gern en Dach überm Kopf, wenn´s gewittert. Das könn wer halt nich. Aber dafür kenn wer uns mit Tiern aus un hamm unsren Ovalaclanasus. Ne, Hugo? Ihr gebt uns alles, was wir zum Leben brauchen: was zum Anziehn un och was zum Beißen. Und wir kümmern uns um euch. Ihr seid unser Goldschatz! Und glaub ma nich, dass da auch nur en Goldkörper seine Finger ran kricht, ne!“, sagte er und tätschelte Hugo.
„Denken Sie denn, die Goldkörper möchten Ihren Ovalaclanasus stehlen?“, hakte Gerismat Remisverbil nach.
„Na da kannst´e drauf wettn, dass die auf unsre Ovalaclanasusse scharf sin! Ich men, jeden Tach Teigpampe, da wird jeder zum Dieb für en paar Eier oder nen Eimer Milch von unsrem Ovalaclanasus.“
„Euer, euer „Tier“ gibt auch Milch?“ Anima wollte nicht glauben, dass sie das glibberige Ei ausgelutscht hatte, wo sie doch köstliche, warme Milch hätte kriegen können.
„Und warum sind Sie im Gegensatz zu Ihren Artgenossen nicht überzeugt davon, dass wir zu den Goldkörpern gehören?“, fragte Gerismat Remisverbil.
„Die da hat zwar ne ziemlich große Klappe, doch von men Hugo will sie nix wissen, das is klar. Außerdem sieht sie nich aus wie ene von denen. Sie is viel zu dünn, mit grünen Augn und ner Haut die schimmert wie das Wasser unsres Sees, wo nen Haufen Algen wachsen.“
„Schön, dass wenigstens einer Augen hat für diese Unterschiedlichkeit. Den anderen Grauhäutern ist das nicht aufgefallen!“, sagte Anima.
„Das denk ich mir. Die hamm nich mehr als en komisches Schwimmding auf ´m Wasser gesehn un dass sich was Helles drin bewecht. Mehr können die gar nich sehn, wegen der grauen Haut über ´n Augen.“
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