1 ...7 8 9 11 12 13 ...16 Sie packte einen der größten Äste und bog ihn zur Seite. Stachliges dürres Gestrüpp, wohin man auch sah. Halt, in einem Busch über ihr flatterte etwas an einem Zweig: ein weißes Stück Stoff. Es war ein Zipfel ihres Umhangs! Der Rest hing zu einem dicken Klumpen geballt tiefer im Gestrüpp. Anima sprang hoch bis sie den Zipfel zu fassen bekam. Sie zerrte und zog. Doch die dürren Äste hatten sich in den Stoff gekrallt, als wollten sie ihn festhalten. Ein kräftiger Ruck, der Stoff riss los und Anima landete rücklings wieder in der Sandkuhle.
Der Umhang traf sie so hart, als wäre er um einen Stein gewickelt. Und irgendetwas klebte ihr an der Nase, etwas Lebendiges! Sie fuhr hastig mit dem Finger darüber.
„Iiiiih!“
Sie versuchte es wegzuschlagen. Doch es hing daran, als wäre es festgewachsen. Schließlich pflückte sie sich das zappelnde Ding mit langen Fingern vom Nasenrücken und schleuderte es von sich.
Anima tat einen tiefen Atemzug, erst dann wagte sie es, das windende Ding im Sand näher zu betrachten. Es war ein großer, fetter Wurm! Fast eine Elle lang und mindestens drei Finger dick. Er hatte eine kugelige Verdickung am Ende wie ein kahler, fleischiger Schädel. Zwei runde Ohren standen davon ab. Auf der kurzen Nase über dem Mundloch saß ein Horngestell mit zwei Gläsern. Dahinter quollen kugelige Glupschaugen aus den Höhlen. Die Ärmchen, die aus einer dunklen Weste über den schmäleren Gliedern unterhalb des Kopfes ragten, hielt das Wesen hochgerissen.
„HofGerismat Remisverbil!“, rief Anima verblüfft und stieß gleich darauf einen Seufzer der Erleichterung aus. Sie nahm ihren Lehrer hoch und setzte ihn sich auf die Hand. Der röhrenförmige Körper war völlig starr, der Schlund weit aufgerissen.
Plötzlich klappte das Mundloch zu und alle Spannung wich aus dem Körper.
„P... P... Prinzessin“, wisperte der HofGerismat.
Der Schwanz, der gerade noch steif wie ein dürrer Ast über Animas Handteller hinausgeragt hatte, baumelte nun kraftlos hin und her. Schließlich zog er ein Taschentuch aus der Westentasche und tupfte sich den Schweiß vom kahlen Kopf.
„Dem Buchbinder sei Dank, dass Ihr es seid und nicht ein würmerfressendes Federtier oder Schlimmeres“, sagte er und seufzte.
Ohne seinen schwarzen Gelehrtenhut mit Quaste sah er nur halb so gebildet aus, dachte Anima.
„Was suchen Sie denn hier?“, fragte sie und setzte den Herrn Gerismat auf den Boden.
„Ich? Ihr fragt mich , was ich hier suche?“ Er schüttelte den Kopf und schob den Körper zu einer hochstehenden Schlaufe zusammen, dann streckte er sich wieder - wie er es immer tat, wenn er sich vorwärts bewegte - und verschwand unter Animas Umhang.
Mit einem kräftigen Ruck zog Anima den Umhang zu sich heran und zum Vorschein kam Animas Tasche. Der Verschluss war aufgesprungen und der Atlas lag aufgeschlagen im Sand. Gerismat Remisverbil erklomm gerade die offene Seite.
„ Ihr habt mich doch hierher geschleift, eingeklemmt zwischen den Seiten dieses Atlanten. Einzig und allein diesem, meinem treuen Schreibutensil und Lesezeichen ist es zu verdanken, dass ich nicht dem Erstickungstod zum Opfer gefallen bin“, anklagend hielt er ihr den spitzen Kohlestift hin, der für gewöhnlich hinter einem seiner kleinen abstehenden Ohren steckte. „Zumindest für die Schatztruhen des Wissens, wenn schon nicht für meine Person, hatte ich gehofft, Euch eine gewisse Achtung vermittelt zu haben.“ Er schüttelte langsam den Kopf und steckte sich den Kohlestift, wie gewohnt, hinter das Ohr.
„Nun ja, wie dem auch sei.“ Er tupfte sich die Stirn trocken, holte den Gelehrtenhut aus der Tasche hervor und setzte ihn sich auf zum Schutz gegen die stechende Sonne. „Viel dringender ist jetzt die Frage, wo wir hier sind.“
„Im Gewitterkessel.“
Die Augen des HofGerismat weiteten sich.
„Ach du kratzende Schreibfeder, liegt das nicht weit südlich vom Baumberg? Wie sind wir denn hierhergekommen?“
Anima berichtete von Trinquallitas und dem nächtlichen Gewitter.
„Und wohin sollte Euch der weiße Drache bringen?“, fragte der Herr Gerismat.
„Nach Westen“, antwortete Anima.
„Und was wollt Ihr im Westen? Was wollt Ihr überhaupt außerhalb des Baumbergs, noch dazu allein?“
Anima erzählte vom GroßMedopifexius, der sich ans Ende der Welt zurückgezogen haben sollte, davon, dass sie ihn suchen wollte, damit er Perscpiù heilte, und dass niemand davon erfahren durfte, um den Baumberg nicht in Gefahr zu bringen.
„So eine verrückte Idee!“ Der Herr Gerismat schüttelte den Kopf und stieß ein gekünsteltes Lachen aus. „Wir sollten sehen, dass wir wieder nach Hause kommen.“
Anima schluckte, dann warf sie die Locken zurück und erwiderte fest: „Sie können gerne hier sitzen bleiben und Ihre Nase in Ihrem Atlas versenken! Ich gehe nach Westen! Und ich werde den GroßMedopifexius finden!“
Der lautschluckende Berg
Die Hitze war drückend. Dabei sollte die Luft nach einem so heftigen Gewitter wie in der vergangenen Nacht doch gereinigt sein und frisch. Schon sammelten sich wieder neue Wolken am Himmel. Wie ein bauschiger Hut hingen sie über den drei Bergspitzen – das einzige, das Anima über die kargen Büsche hinweg erkennen konnte.
Selbst von den Wassermassen der letzten Nacht gab es keine Spur mehr. Keine feuchte Stelle auf dem Boden. Nichts.
Der Herr Gerismat hatte sich gegen das Sitzenbleiben entschieden. Anima hatte ihn verächtlich schnaubend in ihre Gürteltasche gesetzt, die Reisetasche gegriffen und war losmarschiert. Lange hatte sie nach Trinquallitas gerufen. Doch der weiße Drache blieb verschwunden.
Mühsam bahnte Anima sich einen Weg durch die Sträucher. Oft waren sie so hoch, dass sie sie nicht darüber schauen konnte. So folgte sie einfach den winzigen Sandlawinen unter ihren Tritten bergab. Schritt für Schritt, von Strauch zu Strauch. Plötzlich versanken ihr die Füße tiefer im Sand. Der körnige Untergrund geriet in Bewegung. Sie wollte zurück. Doch je rascher sie einen Fuß hinter den anderen setzte, desto mehr Sand rieselte unter ihnen hindurch. Dann rutschten ihr die Füße ganz weg. Anima schrie auf. Da erfasste eine Flutwelle aus Sand sie und riss sie mit sich.
Anima ließ ihre Tasche los und wollte sich irgendwo festhalten, doch der Sand riss alles mit sich, was ihm in den Weg kam. Sie ruderte mit den Armen, um an der Oberfläche des Stroms zu bleiben. Sie schrie um Hilfe, aber ihr Schreien ging unter in dem Knirschen des Sandes und in dem Spreißeln von trockenem Holz.
Und dann wurde der Strom der goldgelben Körner langsamer. Schließlich lief er sich aus in einer Senke, wo er Anima ausspie wie einen unverdaulichen Kern.
„Gerismat Remisverbil! Sind Sie noch da?“, krächzte sie unter Prusten und Spucken. Sie steckte mit den Beinen im Sand fest. Die feinen Körner hatten ihr die Haut wund gescheuert und das Haar so steif gemacht, dass ihr die zerzausten Locken in alle Richtungen vom Kopf abstanden. Außerdem brannten die Körner in den Augen. Anima versuchte sie herauszureiben, blinzelte, und lugte durch schmale Schlitze.
Um sie herum schien alles goldgelb. Verschwommen sah sie einen flachen Berghang. Überall Sand. Dort, wo er nicht lose lag, schien er zu Stein verbacken. Weiter links ragte er sogar als bröckelige Felswand auf. Etwas tiefer glaubte Anima ein wildes Gestrüpp von trockenen Sträuchern zu erkennen. Ein mannsgroßer, glitzernder Sandbrocken versperrte ihr die Sicht darauf.
„Gerismat Remisverbil?“ Anima fuhr sich mit dem Handrücken über den Mund und grub sich die Beine frei. Sie tastete nach ihrer Gürteltasche. „Sind Sie in Ordnung?“ Sie spürte seine weichen Glieder unter den Fingern. Wieder blinzelte sie, dann sah sie klarer.
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