„Von mir sollten die Halsterbacher eigentlich wissen, dass ich ihnen nichts wegnehmen will, ich lebe schließlich auch hier.“
Er kratzte sich verlegen hinter dem Ohr. „Sicher“, brummte er schließlich. „Aber sie brauchen halt Zeit, das zu begreifen und, um dich kennen zu lernen.“
Ich blickte in die Runde. Niemand schenkte mir mehr Beachtung. „Eilig haben sie es offensichtlich damit nicht.“
Hannes wechselte das Thema und deutete mit dem Kinn auf einen etwa vierzigjährigen Mann, der soeben die Wirtschaft betreten hatte, weder links noch rechts grüßte, sondern direkt auf den Stammtisch zusteuerte. Er trug einen Schnurrbart und mir fiel ein goldenes Kreuz an einer Halskette auf, das nicht zu seinem Erscheinungsbild passte. Den grünen Pullover hatte er in seine Jeans gestopft, die von einer Gürtelschnalle in Form eines Adlers mit ausgebreiteten Schwingen gehalten wurde. Seine Haare waren über der Stirn kurz geschnitten, im Nacken dafür deutlich länger, als es geschmacklich akzeptabel gewesen wäre. Das Gesicht mit den heruntergezogenen Mundwinkeln wirkte bullig, humorlos und abweisend. Er setzte sich dem Bürgermeister gegenüber, nickte ihm kurz zu und schwieg.
„Das ist Eddie Broich“, erklärte mir Hannes mit gedämpfter Stimme. „Er hat eine kleine Autowerkstatt. Schmeißt den Laden alleine, einen Lehrling kann er sich nicht leisten. Es geht hier halt allen nicht so toll.“
„Scheint eine echte Stimmungskanone zu sein.“
„Sehr gesprächig war Eddie noch nie, aber das muss er ja auch nicht sein.“
Wenig später kam Doris Barweiler mit dem Essen aus der Küche, und wir verlagerten unseren Standort an einen der kleinen Tische. Hannes hatte nicht zuviel versprochen, die Schnitzel waren fast größer als die Teller und schmeckten hervorragend.
Langsam wurde es voll. Für die meisten Dorfbewohner schien der Besuch der Wirtschaft zum allabendlichen Ritual zu gehören. Auch jetzt noch bemerkte ich bei jedem, der eintrat, den gleichen kritischen Blick in meine Richtung. Es stand die unausgesprochene Frage im Raum: Was will der hier?
Ich könnte nicht behaupten, dass ich mich daran gewöhnte, aber schließlich wich mein Ärger der trotzigen Einstellung, jetzt erst recht hier zu bleiben.
Als wir gerade mit dem Essen fertig waren, kam eine stattliche Erscheinung durch die Tür. Der Mann maß etwas über einen Meter achtzig und wog sicher hundertzwanzig Kilo. Über seinen fleischigen Wangen saßen zwei kleine Augen, die hinter einer blau getönten Brille mit Goldrand wachsam die Umgebung peilten. Seine Haare hatte er mit viel Gel auf den Schädel gekleistert. Ein mächtiger Bauch spannte sein himmelblaues Hemd, auf dem dunkle Schweißflecken unter den Achseln zu sehen waren. Am Finger trug er einen protzigen Ring und am Handgelenk eine Rolex. Ob die Uhr echt war, konnte ich auf die Entfernung zwar nicht beurteilen, aber der Mann versuchte mehr als deutlich zu demonstrieren, dass er Geld besaß.
„Da kommt gerade unsere Ausnahme: Boris Thielmeyer“, erklärte Hannes.
„Ausnahme?“
„Er hat es als einziger hier im Dorf zu Reichtum gebracht. Schon sein Vater handelte mit Landmaschinen, und er hat den Laden dann vor zehn Jahren übernommen. Mittlerweile verkauft er seine Traktoren in der gesamten Eifel und sogar bis drüben nach Belgien.“
Ich kannte das große, umzäunte Gelände mit den nagelneuen Traktoren und Mähdreschern etwa einen Kilometer außerhalb des Dorfes vom Vorbeifahren. Die landwirtschaftlichen Fahrzeuge standen dort zu Dutzenden fein säuberlich aufgereiht. Tatsächlich war es das Einzige, was an Fortschritt in der Gemeinde Halsterbach zu erkennen war.
„Das Blöde ist nur, dass Boris seinen Erfolg ständig raushängen lässt. Er muss das größte Haus haben, das dickste Auto, die teuerste Uhr, die beste Flinte. Nur was sein Gemächt angeht ...“, Hannes grinste breit und zeigte mit Daumen und Zeigefinger eine winzige Spanne an, „So klein.“ Dann schüttete er sich aus vor Lachen. Die Männer am Nachbartisch sahen irritiert zu uns herüber.
„Was ist so lustig, Hannes?“, erkundigte sich Thielmeyer, der sich auf einen Stuhl am Kopfende des Stammtischs hatte fallen lassen. Er lispelte leicht und hatte für seine Körperfülle eine erstaunlich hohe Stimme.
„Nichts, Boris, schon gut!“, winkte er ab und bestellte im gleichen Atemzug bei Barweiler noch zwei Bier.
In der Wirtschaft waren inzwischen gut fünfzig Leute versammelt, was etwa einem Viertel der Einwohnerzahl Halsterbachs entsprach. Einige der Leute hatte ich in den fast zwei Monaten, die ich bereits im Dorf wohnte, noch nie gesehen. Hannes klärte mich eifrig über jeden einzelnen flüsternd auf. Mit zunehmendem Bierkonsum wurde er zwar lauter, aber der ebenfalls anschwellende Geräuschpegel im Raum glich das wieder aus.
An einem der Nebentische hatten sich Henning Dittscheid und seine Frau Dorothe niedergelassen. Sie waren die Einzigen, die mich ohne zu zögern höflich, wenn auch nicht gerade überschwänglich grüßten, schließlich kaufte ich einmal in der Woche in ihrem winzigen Supermarkt ein.
Es war schwer, ihr Alter einzuschätzen, da beide ungesund mager wirkten, ich vermutete aber, dass sie Mitte Fünfzig waren. Wenig später gesellte sich auch ihre erwachsene Tochter dazu, die das gleiche hagere Erscheinungsbild bot. Ich kannte ihren Namen nicht, wusste aber, dass sie im elterlichen Laden arbeitete. Hannes beeilte sich, mir zu verraten, dass sie Ines hieß und der blasse Kerl in ihrem Schlepptau ihr Mann Martin war. An seiner Hand hing ihre gemeinsame fünfjährige Tochter Laura. Das kleine blonde Mädchen packte Buntstifte aus einem kleinen Köfferchen und begann auf einem Zeichenblock zu malen. Es sah aus, wie bei einem Familienausflug. Ihre Eltern und Großeltern unterhielten sich ausdauernd über den Supermarkt. Offensichtlich kannten sie kein anderes Thema als ihren Betrieb.
An der Theke standen die Leute dicht gedrängt, die wenigen Barhocker waren längst besetzt. Auch um die Tische drängelten sich die Gäste. Nur an unserem wollte sich keiner niederlassen, obwohl noch ein Stuhl frei war.
Schließlich tauchte Sonja auf, die Tochter des Wirtsehepaars. Ich hatte sie schon öfters in der Bäckerei Kesseling gesehen, wo sie als Verkäuferin arbeitete. Es gab in einem Dorf wie Halsterbach für Jugendliche nicht viele Möglichkeiten, einen Job zu bekommen.
Sonja wirkte meist kühl und unnahbar, was ich jedoch auf ihre Unsicherheit zurückführte. Eine Verhaltensweise, die sicher auf viele junge Frauen zutraf.
Wenn es im ‚Dorfkrug’ abends voll wurde, half Sonja oft, Essen und Getränke an die Tische zu tragen, während ihr Vater im Akkord Bier zapfte und ihre Mutter in der Küche arbeitete. An manchen Wochenenden kam aber auch Sonja kaum noch mit den Bestellungen hinterher. Deshalb hatte sie sich an jenem Abend eine Freundin zur Verstärkung mitgebracht.
Es war das erste Mal, dass ich Melanie Köhler sah. Sie war, wie Sonja, ebenfalls zwanzig Jahre alt und mit ihr seit frühester Kindheit befreundet, wie ich später erfuhr. Sowohl Sonja als auch Melanie waren sehr hübsch, wenn auch von ihrem Äußeren völlig unterschiedlich.
Jemand wie Melanie konnte sich in einem Provinzkaff wie Halsterbach nicht wohl fühlen. Sie hatte sich die Haare schwarz gefärbt, wild frisiert und dunklen Lidschatten aufgelegt, in ihren beiden Ohren steckten insgesamt sieben Ringe, der Größe nach aufgereiht. In ihrer linken Augenbraue funkelte ein Piercing, das T-Shirt und die weite Hose mit aufgesetzten Taschen und Nietengürtel waren farblich angepasst: alles schwarz.
Ihr Aussehen musste bei den meisten Einwohnern Halsterbachs auf Befremden stoßen. Es war eine klare Auflehnung gegen die Werte des Spießbürgertums. Dennoch strahlte Melanie eine ansteckende Fröhlichkeit aus. Sie lachte viel und scherzte mit den Gästen, während sie das Tablett mit den Gläsern schleppte.
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