Als ich mit dem Ausbau von Hannes Dachboden anfing, bestand er am Abend darauf, mich im ‚Dorfkrug’ auf ein Bier einzuladen. Wir hatten den ganzen Nachmittag zusammen unter dem brütend heißen Dach verbracht, und Hannes hatte es immer wieder geschafft, mich, trotz der anstrengenden Arbeit, zum Lachen zu bringen. Ich hatte gute Laune, und deshalb kam mir in dem Moment die Vorstellung, mich wieder unter Leute zu begeben, gar nicht so schrecklich vor und willigte ein.
Erst als wir uns der Wirtschaft näherten, wurde mir auf einmal mulmig, und ich war mir nicht mehr sicher, ob dieser Schritt richtig war. Ich atmete tief durch und zwang mich, mir nichts anmerken zu lassen.
Der ‚Dorfkrug’ lag im Erdgeschoss eines alten Hauses, das wahrscheinlich schon beide Weltkriege überstanden hatte. Die Fassade war zwar irgendwann einmal neu verputzt worden, aber inzwischen bröckelte sie wieder unübersehbar ab. Die Fenster bestanden aus getönten, undurchsichtigen Butzenscheiben, wie es typisch für Gaststätten war.
Zwei Stufen führten zu einer schweren, dunkelbraunen Holztür, die dem Öffnen einen erheblichen Widerstand entgegensetzte. Es roch nach Bier, Essensdünsten und kaltem Zigarettenrauch. Das Gesetz zum Rauchverbot in Gaststätten war hier noch nicht angekommen. Im Schankraum reichte eine lang gezogene Theke aus Esche fast über die gesamte linke Seite. Sie war blank gewienert und drei verchromte Zapfhähne versprachen den durstigen Kehlen rasche Linderung. Im Regal dahinter standen fein säuberlich aufgereiht Dutzende Flaschen mit hochprozentigem Alkohol. Da keine Staubschicht auf ihnen zu erkennen war, vermutete ich, dass sie nie lange dort unberührt blieben, sondern rasch aufgebraucht wurden. Mein Verdacht bestätigte sich bald, als die Gäste neben Bier auch fleißig Schnaps orderten.
Gegenüber der Theke standen zehn Tische im Raum verteilt, vier davon länglich, der Rest maß nur einen Meter im Quadrat. Natürlich durfte in einer ordentlichen deutschen Wirtschaft eines nicht fehlen: Auf dem größten Tisch stand ein merkwürdiges Holzgestell, in das der Schriftzug ‚Stammtisch’ eingeritzt war. Mir kam es vor wie das Symbol für Spießigkeit schlechthin.
Als Hannes und ich eintraten, geschah, was ich befürchtet hatte: Die Gespräche verstummten schlagartig und alle gafften mich an. Wenn Hannes nicht dabei gewesen wäre, hätte ich auf dem Absatz kehrt gemacht. Doch er legte mir jovial die Hand auf die Schulter und drückte mich mit sanfter Gewalt zur Theke. Dort bestellte er zwei Bier in einer Lautstärke, die man wahrscheinlich im gesamten Dorf hatte hören können: Für seinen Freund und sich. Als wäre es das Stichwort gewesen, wandten sich alle wieder ihren Tischgenossen zu und redeten weiter. Mir war bewusst, dass sich die nun deutlich leiseren Gespräche um mich drehten, aber wenigstens wurde ich danach von den bereits Anwesenden kaum noch angestarrt, höchstens flüchtig gemustert.
Es war so etwas wie eine Aufnahmezeremonie gewesen und Hannes war mein Gewährsmann. Selbstverständlich gehörte ich dadurch noch längst nicht der Dorfgemeinschaft an, darüber machte ich mir keine Illusionen. Wer nicht hier geboren war, würde immer einer von außerhalb bleiben. Die Frage war nur, wieweit man sich einem Zugezogenen gegenüber öffnen würde.
Die Gäste trafen meistens einzeln ein. Weit hatte es hier niemand bis zum ‚Dorfkrug’, und viele kamen direkt von der Arbeit. Jeder, der eintrat, musterte mich mit kritischem Blick, doch Hannes grüßte alle mit Vornamen und seine unbekümmerte Art nahm der beklemmenden Situation ihre Härte.
Einer der ersten Gäste, der kurz nach uns mit klobigen Wanderschuhen in die Wirtschaft gestapft kam, war ein Mann mit auffallend roter Gesichtsfarbe und stoppeligem Bart. Ich hatte ihn schon einige Male auf einem Traktor gesehen, aber erst jetzt erfuhr ich von Hannes, dass er Josef Schuster hieß.
„Jupp ist der Einzige, der sich bereit erklärt hat, für uns den Bürgermeister zu spielen und seitdem quälen wir ihn mit unseren Anliegen“, erklärte er grinsend.
Ein Lächeln schiefer, gelber Zähne blitzte auf, als Schuster mich ansah. „Dabei mache ich den Mist sogar ehrenamtlich. Eine so kleine Gemeinde kann sich kein Gehalt für den Bürgermeister leisten.“
„Und selbst damit ist er noch überbezahlt“, lachte Hannes lauthals.
„Das glaube ich nicht“, erwiderte ich. „So ein Amt dürfte eher Bürde als reine Freude sein.“
Schuster sah mich erstaunt an. Dann reichte er mir die Hand. Sie fühlte sich schwielig an. „Freut mich, Sie persönlich kennen zu lernen, Herr Junker!“
Ich war überrascht, dass er meinen Namen kannte, da Hannes ihn nicht erwähnt hatte. Wir sahen uns in die Augen und für einen Moment schien so etwas wie Vertrautheit zwischen uns zu bestehen. Dann setzte Schuster sich rasch an den Stammtisch und widmete sich seinem ersten Glas Bier.
Es war eine der vielen Lektionen, die ich an dem Abend im ‚Dorfkrug’ lernen musste. Über mich, den Zugezogenen, wurden eifrig Information zusammengetragen und ausgetauscht. Ich hingegen wusste so gut wie nichts über sie. Wenn nicht Hannes einen Narren an mir gefressen hätte, wäre dies vermutlich auch so geblieben.
Andererseits war es mir bis zu einem gewissen Grad auch ganz recht, denn so blieben mir allzu neugierige Fragen nach meiner Vergangenheit erspart – und das war schließlich der Grund gewesen, warum ich in ein kleines, einsames Dorf gezogen war.
Erneut orderte Hannes zwei Bier bei der resoluten Wirtin, die mir als Doris Barweiler vorgestellt worden war. Sie mochte Mitte vierzig sein und verfügte über kräftige Schulter, wie sie durch die harte Arbeit in der Gastronomie entstanden. Ihre strähnigen, dunkelblonden Haare strich sie regelmäßig aus dem Gesicht. Als junge Frau war sie bestimmt einmal recht hübsch gewesen, doch die Jahre waren nicht spurlos an ihr vorüber gegangen. Doris Barweiler hatte eine direkte, manchmal sogar etwas ruppige Art, mit den Gästen umzugehen. Sie verstellte sich nicht, sondern sagte offen, was sie dachte – ein Wesenszug, den ich sympathisch an ihr fand.
„Wollt ihr auch etwas essen?“, fragte sie, kaum dass sie die beiden Bier vor uns abgestellt hatte.
„Wir sind eigentlich nur wegen deiner berühmten Schnitzel mit Bratkartoffeln hier“, erklärte Hannes. „Bring mal zwei ordentliche Portionen! Marcus hier“, er deutete mit dem Daumen auf mich, „muss doch endlich deine Spezialität kennen lernen.“
Sie blickte mich an und ein Lächeln erschien auf dem Gesicht. „Dann will ich euch mal nicht enttäuschen.“
Die Wirtin ging zu einer Tür auf der ‚Privat’ stand und öffnete sie. Dahinter erschien eine steile Treppe, die sie nun hinauf blickte und lautstark nach ihrem Mann rief.
Über der Wirtschaft lag die Wohnung der Barweilers, in der sie mit ihrer erwachsenen Tochter Sonja lebten. Ein ungehaltenes Brummen kam von oben zur Antwort. Doris Barweiler erklärte ihrem Gatten gebieterisch, dass er unverzüglich hinter der Theke zu erscheinen hätte, da sie in die Küche müsste.
Wenig später schlurfte Oliver Barweiler mit einem blau-weiß-gestreiften Hemd und ausgeleierter Jeans herein. Er begrüßte die meisten Gäste kurz, was mit einem Nicken oder einem gemurmelten Wort erwidert wurde. Als Barweilers Blick auf mich fiel, stutzte er und sah dann fragend Hannes an. Der tat so, als würde er es gar nicht merken. Barweiler zögerte noch einen Moment, dann nickte er auch mir knapp zu und trollte sich hinter die Theke.
„So sind sie, die Halsterbacher“, sagte Hannes beinahe verlegen. „Sie haben ein großes Herz, aber gegenüber Leuten, die sie nicht kennen, sind sie vorsichtig.“
„Warum?“
Hannes musste über die Frage erst nachdenken. „Es kommen nur selten Menschen hierher, und wenn, dann wollen sie meistens etwas von uns haben – nämlich Geld. Früher waren es Steuereintreiber, heute eher Vertreter, die uns Sachen andrehen wollen, die wir nicht brauchen.“
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