Langsam kam ich innerlich wieder zur Ruhe. Hatte ich mich in den Monaten vor meinem Umzug permanent angespannt und ausgebrannt gefühlt, verspürte ich mittlerweile eine gewisse Ausgeglichenheit. Die Tage verliefen beschaulich. Ich konzentrierte mich auf die Reparaturen an meinem Haus und versuchte, mir einen bestimmten Tagesrythmus anzueignen.
Ich genoss die Stille. Nur hin und wieder hörte ich in der Ferne die Kühe oder das Rattern eines Traktors. Ich musste keinen Menschen sehen, wenn ich nicht wollte, kein Telefon klingelte. Manchmal ließ ich das Werkzeug einfach fallen und durchstreifte stundenlang den Wald. Es hatte etwas Meditatives. Ich hätte nie gedacht, dass ich einmal jemand werden würde, der sich für die Natur begeistern könnte. Es erfüllte mich mit einem bisher unbekannten Gefühl von Frieden.
Diverse Gerüchte kursierten über mich in Halsterbach, wie ich von Hannes erfuhr. Manche waren amüsant, wie etwa, ich wäre ein abgedrehter Künstler auf der Suche nach Inspiration. Anderen erschien ich eher verdächtig, und sie behaupteten, ich würde mich vor Gläubigern verstecken.
Es war mir gleichgültig, ich hatte von vorneherein beabsichtigt, meine Berührungspunkte mit den Dörflern auf ein notwendiges Minimum zu beschränken. Meine Introvertiertheit kam den Einwohnern entgegen, denn sie hegten die gleiche Absicht mir gegenüber. Wenn ich während der ersten Wochen durch den Ort ging, folgten mir häufig neugierige Augenpaare. Manche heimlich hinter den Gardinen, andere ganz offen auf der Straße. Nur ein Gespräch wollte niemand mit mir beginnen. Mir was das recht so. Lediglich beim Bäcker und in dem winzigen Laden, der sich hochtrabend ‚Supermarkt’ nannte, war ich gezwungen, Konversation zu betreiben. Man begegnete mir dort höflich, aber wortkarg.
Trotzdem interessierte alle brennend, wer ich war und was ich machte. Die einzige verlässliche Informationsquelle für sie war Hannes, und der äußerte sich lobend über mich. Nur die Frage, warum ich nach Halsterbach gezogen war, konnte auch er nicht zufrieden stellend beantworten. Ich hatte ihm erzählt, dass ich einfach ein ruhiges Plätzchen gesucht hätte, aber Fragen nach meinem früheren Leben wich ich aus. Ich erklärte lediglich vage, dass ich mich beruflich neu orientieren wolle, allerdings noch keine konkrete Vorstellung darüber hätte.
Hannes kam manchmal unangekündigt vorbei, um zu plauschen. Er unterschied sich von den übrigen Halsterbachern darin, dass er offen, kontaktfreudig und eine Frohnatur war. Zunächst wusste ich nicht, was ich von ihm halten sollte, gewöhnte mich aber schließlich an ihn. Manchmal legten wir uns in zwei Liegestühlen in den Garten, wie ich optimistisch die verwilderte Wiese hinter meinem Haus bezeichnete, und tranken ein paar Bier zusammen. Er erzählte mir von seinem Leben, seiner Familie und den Sorgen über die Zukunft, denn seinem Betrieb ging es, wie fast allen in Halsterbach, nicht gut. Meistens beschränkte ich mich auf das Zuhören und stellte nur manchmal aus Höflichkeit ein paar Fragen.
Eines Tages, während ich gerade den Fußboden meines Wohnzimmers mit Holzbohlen auslegte, fragte Hannes mich unverhofft, ob ich ihm helfen könne. „Du scheinst ein fähiger Handwerker zu sein. Hättest du nicht Lust, meinen Dachboden auszubauen? Ich bezahl dich natürlich dafür.“
Ich zögerte zunächst und sagte, ich müsse erst mein Haus fertig stellen. In Wahrheit war es nur eine Ausrede, weil ich mir nicht sicher war, ob ich engeren Umgang mit jemandem haben wollte. Ich war in den zwei Monaten, seit ich ihn kannte, noch nie bei ihm zuhause gewesen, trotz einiger Einladungen. Bisher hatte ich immer irgendwelche Gründe vorgeschoben.
Erst am nächsten Morgen wurde mir klar, dass ich den riesigen Kerl mit dem herzlichen Lachen eigentlich ganz sympathisch fand und mich gerne mit ihm unterhielt. Ich kam mir auf einmal lächerlich vor, das Angebot ausschlagen zu wollen, nur weil ich Angst vor einer neuen Freundschaft hatte. Spontan zog ich meine zerschlissene Lederjacke an und lief durch den Regen zu Hannes’ Hof. Als er öffnete, war ich völlig durchnässt, und das Wasser lief mir in Strömen durch die Haare in den Kragen. Ich teilte ihm nur knapp mit, dass ich seinen Dachboden ausbauen würde, wenn er noch wolle.
Hannes war so verblüfft über meinen Anblick, dass er mich zunächst entgeistert anstarrte. „Nur deshalb hast du dich komplett durchweichen lassen? Ich habe auch ein Telefon“, sagte er schließlich und musste dann fürchterlich lachen.
Neben Hannes gab es kurz nach meinem Eintreffen in Halsterbach noch eine weitere Person, die wenigstens vorübergehend den Kontakt mit mir suchte – den Pfarrer.
Etwa zwei Wochen nach meiner Ankunft, sprach er mich an, als ich gerade die Kirche passierte. Das Pfarrhaus, das gleichzeitig seine Wohnung beherbergte, lag direkt nebenan. Auch wenn ich ihn noch nie gesehen hatte, signalisierte der weiße, steife Kragen unmissverständlich, dass es sich bei seinem Träger um einen Geistlichen handelte.
„Ah, unser neues Gemeindemitglied!“, rief er, kaum dass er mich sah und eilte mir strammen Schrittes entgegen.
Er stellte sich vor und reichte mir die Hand. Sie war kalt und feucht. Sein Name war Herbert Bäumler und er wirkte aalglatt auf mich. Dabei war er keine ungepflegte Erscheinung, wenn auch seine dicken Lippen mich irgendwie an einen Fisch erinnerten. Er ging auf die Fünfzig zu, und seine grauen Haare waren an der Stirn weit nach oben zurückgewichen. Die blauen Augen wirkten kühl und berechnend.
Seine Mimik wirkte aufgesetzt und in seinem Gesicht war kein Funken echter Freundlichkeit zu erkennen. Ich misstraute Menschen, die nicht ehrlich lächeln konnten. Ich wäre nie auf die Idee gekommen, ausgerechnet bei ihm zu beichten, selbst wenn ich gläubig gewesen wäre.
Um nicht unhöflich zu erscheinen, ließ ich mich auf ein Gespräch ein. Nach ein paar kurzen Floskeln über das Wetter und meine Hausrenovierung leitete Bäumler direkt zu seinem Lieblingsthema über: Seiner harten Arbeit für die Gemeinde. Wie ich später erfuhr, ließ er kaum eine Gelegenheit aus, um seine aufopfernde Rolle für das Werk Gottes zu betonen.
„Das Leben ist nicht einfach hier “, erklärte er mir in leidendem Tonfall. „Aber ich arbeite seit fünfzehn Jahren daran, dass es jeden Tag ein kleines Stück besser wird. Und die Menschen in Halsterbach sind fleißig und gottesfürchtig, wie sie sicher schon gemerkt haben.“
Ich ahnte, worauf er hinaus wollte und versuchte, dem Thema auszuweichen, doch Bäumler nagelte mich fest. „Ich habe Sie leider bis heute noch nicht in unserer Kirche begrüßen können, Herr Junker“, kam er auf den Punkt.
„Ich fürchte, ich bin ein schwarzes Schaf, Herr Pfarrer, und es hat keinen Zweck, mich zur Herde zurückführen zu wollen!“
Hatte Bäumler bis dahin noch versucht, den aufopfernden Seelsorger zu spielen, trat nun eine steile Falte zwischen seine Augen und seine Stimme wurde um eine Nuance schroffer. „Es ist ein Fehler, den Weg zu Gott nicht zu suchen!“
Sein missionarischer Ton gefiel mir nicht. „Vielleicht will ich ihn gar nicht finden.“
Er blickte, als wäre er gegen eine Wand gelaufen. Da ich die Sache nicht eskalieren lassen wollte, erklärte ich rasch, dass ich noch viel zu tun hätte und verabschiedete mich kurz angebunden.
Eines stand fest, mit Bäumler würde ich wohl nicht warm miteinander werden. Vielleicht war es nicht klug gewesen, den Pfarrer der Gemeinde gleich beim ersten Treffen so harsch angegangen zu sein, aber ich hasste es, zu irgendetwas gedrängt zu werden.
Ich hielt mich aus dem sozialen Leben des Dorfes heraus, auch wenn ich mich deshalb manchmal selbst als feige empfand. Früher hatte ich menschliche Gesellschaft sogar ausgesprochen genossen. Ich hatte eine Menge Leute in Köln gekannt und mich gerne und oft mit ihnen getroffen. Doch dann hatte ich schmerzlich erfahren müssen, wie schnell man von Menschen, die man für Freunde gehalten hatte, fallen gelassen werden konnte. Seitdem mied ich neue Bekanntschaften. Ich gestehe, dass ich Angst hatte, erneut bitter enttäuscht zu werden und suchte deshalb die Einsamkeit. Misstrauen ist eine furchtbare Saat.
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