Vestrgadda, Osten von Ulfrskógr
Der Wind, der unablässig von Norden heranstob, zerrte an Garawan ith Ciaras Kleidung. Er war in mehrere Lagen Wolle gehüllt und trug einen dicken, gefütterten Kapuzenmantel. Dennoch fror er, obwohl das Klabauterfell die größte Kälte noch eine Weile von seinem ausgemergelten, verdorrten Körper fernhielt und er die Kapuze bis tief in die Stirn gezogen hatte. Kaum etwas von seiner runzligen Haut war der Luft ungeschützt ausgesetzt. Frieren tat er trotzdem ständig, selbst in seinem geheizten Haus. Vermutlich kam die Kälte von innen, verlosch sein Körper langsam, wie der Muttersee unter dem Berg es tat. Alt, verbraucht und ausgebrannt. Der schwindenden Kraft zum Trotz kostete es ihn keine Überwindung, sich der zunehmend eisigen Witterung auszusetzen.
Sein Körper mochte verbraucht sein, sein Geist war es nicht und würde es wohl auch nie sein. Die Neugier auf das Unbekannte und die Faszination des Neuen trieb ihn an wie eh und je. Das galt für Nemunadej, die neue Heimat der Vannbarn, und das galt erst recht für den alten Wald, an dessen Rand er sich jetzt befand. Der Bau der Siedlung war nahezu abgeschlossen. Keinen Tag zu früh, denn wie sie vor Kurzem erfahren hatten, war sie alles, was ihrem Volk geblieben war. Trotz der Bestürzung über die Katastrophe, welche die Welt unter dem Berg ereilt hatte, in der er so viele Jahre verbracht hatte, konnte er sich an dem Neuen erfreuen. Mehr als die Stadt selbst aber zog ihn der Wald an.
Die uralten, mächtigen Bäume des Vestrgadda erhoben sich vor ihm gen Himmel wie eine lebendige Wand. Das kühle Dunkelgrün der Nadelhölzer wurde immer wieder durch die kahlen Stämme und Äste der Eiseneichen unterbrochen. Kiefern und Tannen gab es in dem großen, alten Wald überall. Tiefer im Waldesinneren im Osten gab es Flächen, die von Birken dominiert wurden, weiter im Süden ersetzen Buchen die Eichen, die hier als Laubbaum vorherrschend waren. Über ihnen zerwühlte der Wind stahlgraue Wolkenmeere, die tief über dem Land flossen und dem Firmament so ein wenig von der Weite nahmen, welche für die Vannbarn so ungewohnt war.
Für Garawan waren die Bäume ein noch größeres Wunder, als sie es für die Angehörigen seines Volkes ohnehin schon darstellten. Die Vannbarn, die jetzt hier lebten, hatten nie etwas anderes gekannt, als die Welt unter dem Berg. Ihre Generation und die beiden davor hatten die Oberwelt der nördlichen Berge bereits nicht einmal mehr für kurze Zeit betreten. Das Grau hatte auf das Leben der Vannbarn kaum eine Auswirkung gehabt. Die Verhältnisse an der Oberfläche des Eisgebirges hatten sich von lebensfeindlich zu tödlich gewandelt. Selbst die spärlichen Überlebenden der Flora, vereinzelte Kiefern, die ihre Wurzeln verzweifelt in den dünnen, eisigen Boden krallten, hatten für diese Generation nur in den Geschichten der Alten existiert. Wie so vieles aus dieser Welt.
Garawan sah die Bäume jedoch mit gänzlich anderen Augen, als es die meisten seiner Brüder und Schwestern taten. Das galt für jeden Baum, aber besonders für diese alten Majestäten, die seit Jahrhunderten hier lebten, davon Jahrzehnte völlig unbehelligt von menschlicher Hand. Das war selbst vor dem Grau nicht viel anders gewesen. Die Witterung hier war seit jeher rau und unwirtlich, und entsprechend dünn hatten die Menschen das Land besiedelt. Nur wenige Norselunder nannten diesen Landstrich je ihre Heimat, bevor auch die Letzten schließlich verhungerten oder aufgaben und nach Westen zogen.
Der alte Druide, der sich mit der Linken auf seinen Stab stützte, legte die rechte Hand auf die Schnittfläche eines großen, niedrigen Baumstumpfes. Sie befanden sich am Rand eines der drei Holzfällerlager, in denen die Vannbarn seit einigen Wochen Bauholz für die Errichtung von Nemunadej gewonnen hatten.
Inzwischen waren zwei der Lager aufgegeben worden, und dieses war eines davon. An die drei Dutzend Männer und Frauen arbeiteten hier noch, doch sie sammelten nur die letzten Reste an Holz ein, die man als Brennmaterial nutzen konnte. Das Leben unter dem Berg lehrte einen, nichts zu vergeuden. Auch war die Ehrfurcht der Vannbarn vor dem Leben dieser neuen Welt zu groß, um verschwenderisch mit seinen Gaben umzugehen. Garawan hoffte, dass dieser Respekt mit der Zeit nicht verblasste. Er für seinen Teil würde dafür tun, was er konnte. Die neue Situation war in gewisser Weise schrecklich, aber die war auch eine Chance für einen Neuanfang.
Obwohl der alte Druide dicke Fäustlinge trug, konnte er die dünne Spur von Leben fühlen, die noch immer in dem Holz des Stumpfes floss. Es war nur ein sterbender Hauch, der Baum war längst gefällt und die Wurzeln verrotteten. Und doch war noch ein Funken von dem vorhanden, das diesen Ort so überreichlich erfüllte. Er war der älteste Angehörige seines Volkes, hatte beinahe dreihundert Zyklen gelebt, und doch war er ebenso unter dem Berg in einer Welt aus Stein geboren worden, wie jeder andere Vannbarn. Die Druiden der Kinder des Sees hatten in ihrer über hundert Generationen dauernden Geschichte gelernt, ihre Kraft aus dem Stein zu ziehen.
Als er das erste Mal allein am Rand des alten Waldes gestanden hatte, war er von so großer Ergriffenheit erfasst worden, dass es ihn beinahe zerrissen hätte. Die Kraft, die durch die Bäume floss, sprach zu der in seinen Adern, ohne dass er irgendetwas dagegen tun konnte. Es war unmöglich, sich vor diesen Gefühlen, diesem uralten Band abzuschirmen. Er hatte vor Rührung geweint wie ein alter Narr, und es war ihm nur allmählich und mit Mühe gelungen, sich wieder fassen. Als einer der mächtigsten Druiden seines Volkes hatte er sein ganzes, langes Leben über eine tiefe Verbundenheit zu dem Stein seiner Heimat empfunden. Diese Verbindung war ein essenzieller Teil seines innersten Selbst. Seiner Seele, wenn es sie denn gab.
Hier hatte er erkannt, dass all das nur ein kümmerlicher Ersatz für das war, was die seinen vor vielen hundert Jahren verloren hatten, als sie Nemues Ruf unter den Berg folgten. Es hatte sich angefühlt wie ein Nachhausekommen an einen Ort, von dem man nicht gewusst hatte, dass er existiert. Die meisten alten Druiden wären an dieser Erkenntnis zerbrochen. Ihn jedoch hatte das geschützt, was ihn schon immer von den meisten Menschen abgegrenzt hatte, nämlich der unbändige Durst nach neuen Erfahrungen. Weder der Untergang seiner Welt, noch die Bedrohung der Existenz seines Volkes hatten diese Triebkraft in ihm abtöten können. Auch die Gebrechen des Alters und der Zerfall des Körpers vermochten es nicht. Allein dem Tod würden sein Wissensdurst und seine Neugier sich zu beugen haben, wie alle lebenden Dinge es taten.
Er dankte im Stillen dem verstorbenen Nemuto, dem Herrn über die große Grotte, während der Blick seiner wässrigen Augen über den wundervollen Wald schweifte. Er wusste nicht, ob es Zufall oder Voraussicht war, dass unter den Siedlern der letzten Gruppe, die der Erzdruide vor seinem Tod auf den Weg geschickt hatte, verhältnismäßig viele junge Druiden gewesen waren. Es war nur eine Handvoll, kaum vier Dutzend, aber sie standen mit wenigen Ausnahmen am Anfang ihrer Ausbildung. Sie waren noch formbar genug, um den Weg der Bäume anzunehmen, und er würde tun, was immer in seiner Macht stand, damit sie ihren Weg erfolgreich beschritten. Er hoffte nur, dass Nemue ihm noch genügend Jahre schenkte, um diese Aufgabe zu vollenden.
Er zweifelte keine Sekunde daran, dass diese Magie die ursprüngliche, die einzig Wahre für seinesgleichen darstellte. All die Jahrhunderte des Druidentums des Steins konnten angesichts der Reinheit und Pracht der Lebenskraft der Bäume nichts als einen Ersatz dargestellt haben. Wenn dies gelang, würde die neue Welt vielleicht eines Tages die Verluste wert sein, die sein Volk erlitten hatte. Die Verluste, die so viel grauenvoller gewesen waren, als sie gedacht hatten. Und die so viel schneller über sie gekommen waren, als irgendjemand hatte erwarten können.
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