Das Köttsten, das man in den letzten Wochen auf ausgedehnten Feldern in Gräben angepflanzt hatte, gedieh unerwartet gut. Offenbar war die karge Erde dieses Landstriches für den Pilz ein noch besserer Nährboden, als der Fels ihrer alten Heimat unter dem Berg. Schon bald würden sie einen Überfluss an dem Nahrungsmittel haben, das sie gewohnt waren. So gesehen war ihre Zukunft hier gesichert, doch nicht nur die Ungewissheit über die Vorgänge im Rest des Jarltums und Norselunds stellten eine Bedrohung dar. Immer öfter kam es zu Begegnungen mit Tieren, die von der geheimnisvollen Verderbnis entstellt waren. Bereits ein Dutzend verwachsener, aggressiver Hirsche war getötet worden, nachdem sie in die Stadt eingedrungen waren. Am Steinbruch nahe dem Skogbekk war ein Mann tatsächlich von einem Bock angefallen worden und hatte ihn mit einem Steinhammer erschlagen.
Die Veränderungen der Natur bedrohten die Vannbarn nicht direkt. Für sie war alles hier gleichermaßen neu und fremdartig. Das galt für die gesunde Umwelt ebenso wie für die verderbten Teile davon. Jedes Tier und jede Pflanze dieser Welt war für sie gewöhnungsbedürftig und bis zu einem gewissen Maß verstörend. Alles, was sie ihr Leben lang gekannt hatten, war der Muttersee, der warme Stein ihrer Heimat und die Tunnelratten. Und natürlich die Schattenfresser, die jetzt blutige Herrschaft über die Grotte unter dem Berg hielten. Da sie kein Fleisch aßen, spielte es für die Vannbarn keine große Rolle, ob die Fauna um sie herum intakt war oder nicht. Und doch war jede Bedrohung für das Jarltum auch eine für sie.
Nemunadej und Vestrgadda existierten nur durch das Wohlwollen des Jarls. Obgleich Chatikka noch immer unfähig war, die unfassbare Größe dieser Welt zu begreifen, war sie sich sehr wohl darüber im Klaren, wie viele verschiedene Kräfte in ihr herrschten. Ebenso war sie sich dessen bewusst, wie eng das Schicksal ihres Volkes mit dem der anderen Norselunder verbunden war. Das galt besonders jetzt nach der völligen Vernichtung ihrer Heimat. Zuvor war ihre Welt zwar langsam verblasst und gestorben, aber sie hatten dennoch über einen letzten Zufluchtsort verfügt. Der war ihnen nun genommen. Dieses Lehen war alles, was den Vannbarn geblieben war. Sie befanden sich in der gleichen Situation wie alle Norselunder. Entweder sie kämpften da, wo sie standen, oder sie vergingen im Strom der Zeit. Es gab nichts, wohin sie zurückweichen konnten, egal vor welcher Art der Bedrohung.
Sie spürte einen intensiven Blick auf sich ruhen wie die flüchtige Berührung einer Hand und drehte den Kopf. Noch immer halb in Gedanken versunken sah sie, wie Garawan sie aufmerksam musterte, und verzog die vollen Lippen zu einem schiefen Lächeln. Sie stieß sich leicht von dem Baumstumpf, auf den sie einen Fuß gestellt hatte, ab und wandte sich ihm zu. In dem Moment, in dem sie den Mund öffnete, erklang ein langgezogener Schrei in dem zu gleichen Teilen Schmerz und Schrecken zu liegen schien. Sie fuhr in die Richtung herum, aus der das Geräusch gekommen war und sah, wie am fünfzig Schritte entfernten Rand des Waldes ein Mann zwischen zwei Bäumen hervorkam. Er bewegte sich in einem leichten Trab, taumelte aber und schien unsicher auf den Beinen. Für einen Wimpernschlag wusste Chatikka nicht, was sie an diesem Anblick so stark irritierte. Es war offensichtlich, dass der Mann verletzt war, denn seine rechte Seite war blutüberströmt, aber sie hatte schon viele Verletzte in ihrem Leben gesehen. Dann, bevor sie loslief, drang in ihr Bewusstsein, was mit dem Körper des Mannes nicht stimmte und warum seine Art zu laufen so merkwürdig wirkte. Sein rechter Arm fehlte.
Garawan bemerkte die furchtbare Verletzung des Mannes im gleichen Moment, in dem er sah, dass Chatikka sich in Bewegung setzte. Es entstand Unruhe zwischen den Männern und Frauen, die über den abgeholzten Platz verteilt Holzreste gesammelt hatten. Sie liefen zu kleinen Gruppen zusammen, Äxte wurden gehoben und zwei Männer, die Garawan als Mitglieder der Seegarde erkannte, bewegten sich mit gezogenen Schwertern auf den schwerverletzten Mann zu. Der Unglückliche war so mit seinem eigenen Blut verschmiert, dass er kaum zu erkennen war, aber es handelte sich offensichtlich um einen der Holzfäller. Garawan folgte der Lady von Vestrgadda, so schnell es sein greiser Körper ihm gestattete.
Der Mann sah nicht so aus, als ob irgendeine Macht dieser Welt ihm noch zu helfen vermochte. Sobald er ihn erreichte, würde er ihm aber zumindest den Schrecken nehmen können und ihm so einige ruhige letzte Augenblicke ermöglichen. Sein Blick heftete sich einen Moment lang an die schreckliche Wunde in seinem Rumpf. Es sah aus, als wäre der Arm regelrecht aus dem Körper gerissen worden. Während er sich fragte, wie eine solche Verletzung zustande gekommen sein sollte, ertönte ein weiterer Schrei. Er kam aus der Richtung, aus welcher der Verletzte zwischen den Bäumen hervorgekommen war, und hatte nichts Menschliches. Es war Garawan auch unmöglich, irgendeine Emotion herauszuhören. Das urtümliche, unartikulierte Brüllen einer Bestie.
Der massige Körper, der zwischen zwei dicht zusammenstehenden Tannen hervorbrach, wirkte so abstoßend, dass der alte Druide beinahe stolperte. In den Schultern so hoch wie die Brust eines Vannbarn, war seine Masse durch das lange, zottige Fell kaum zu schätzen. Er mochte so viel wie fünf oder wie zehn Männer wiegen. Während das blutüberströmte Opfer zusammenbrach, hielt das Geschöpf, das es verfolgt hatte, inne und sah sich um. Je länger es dort stand, umsomehr Einzelheiten seines Äußeren drangen in Garawans Bewusstsein und seine Abscheu wuchs mit jedem Augenblick. Es war, zumindest früher einmal, ein Bär gewesen. Ein großer, alter Patriarch der Wälder, einer der riesigen norselunder Graubären, die in den nördlichen Gebieten von Vestrgadda und an den noch weiter im Norden liegenden Rändern von Ulfrskógr lebten. Nur war in seinen letzten Jahren die Verderbnis über ihn gekommen und hatte das einst ebenso majestätische wie mächtige Raubtier in etwas verwandelt, das aussah, wie ein lebendig gewordener Alptraum.
Die beiden Gardisten kamen kurz vor dem Geschöpf zum Stehen, während Chatikka sie beinahe erreicht hatte. Auch die anderen Vannbarn näherten sich ihm, aber langsamer und zögerlicher. Garawan konnte es ihnen nicht verdenken. Das Fell des Bären war gut eine große Spanne lang, wies aber unregelmäßig kahle Stellen auf, an denen gräuliches Fleisch durchschimmerte. Der Gang des Tieres war schwankend, weil seine Beine verformt waren. Keines von ihnen schien gleichlang zu sein und eines der Hinterbeine war so verwachsen, dass die Pfote beinahe nach hinten zeigte. Der Kopf sah verdreht aus, als habe jemand den Schädel halb zerdrückt.
Als er jetzt das Maul aufriss und erneut ein durchdringendes Brüllen ausstieß, sah Garawan mehrere Reihen Zähne. Bevor der Rachen sich schloss, glaubte er eine zweite Zunge gesehen zu haben, aber vielleicht war die vorhandene auch gespalten, wie die einer Schlange. Am abstoßendsten aber waren die Augen des Wesens. Sie lagen so weit unten und seitlich im Schädel, dass sie beinahe die Winkel des aufgerissenen Mauls berührten. Auf der Stirn, fast schon auf der Wurzel der Schnauze, befand sich eine Geschwulst, die rot und eitrig erschien. Das ganze Wesen wirkte deformiert und unwirklich, tatsächlich wie ein Monster aus einem bösen Traum, das es irgendwie in die richtige Welt geschafft hatte.
Das Bärending hob sich auf die missgestalteten Hinterbeine und öffnete das Maul zu einem neuen Schrei. Es bekam nur ein Schnaufen zustande und dann fiel es auf die Seite wie ein Betrunkener. Seine Glieder waren so verformt, dass das Tier die Fähigkeit, sich auf zwei Beine zu erheben, verloren hatte. Die Szene war mitleiderregend und abstoßend zugleich, als würde man den leprakranken Gauklern einer Jahrmarkttruppe aus der Hölle bei akrobatischen Übungen zuschauen.
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