Die Entfernung von ihrem Lager war noch viel zu gering, als dass sie sich die geringste Hoffnung machen konnte, bereits Anzeichen eines unterirdischen Wasserlaufes zu entdecken. Dennoch durchforstete ihr Blick den vor ihr liegenden Boden mit voller Konzentration. Die Tücke der heutigen Wegstrecke lag in ihrer Eintönigkeit. Diese Strecken wurden mit jedem Dürrejahr länger.
Am zweiten Tag erreichte sie den Punkt, der vom Lager aus nicht mehr zu sehen war. Er lag jenseits des Horizontes für die Hüttenbewohner.
Auch wenn Shana nach dem letzten Marsch vermutet hatte, bei ihrem nächsten Gang die leicht hügeligen, sandigen Ebenen zu verlassen, so hatte sie dennoch nicht angenommen, die sich nun vor ihr erstreckende Landschaft schon dieses Mal zu erreichen.
Sie erblickte die Sandberge. Überwältigt schaute sie auf jene Landschaft, deren leuchtende Farben, rotgoldene, sanfte Hügel vor ewigem Blau, wie eine Verheißung erschienen und die doch lebensfeindlicher war als die meisten anderen Orte. Die Dünen stellten an einen Searcher ganz andere Herausforderungen als die weite Ebene.
Hohe, weit geschwungene Sandberge und tiefe Schluchten, in sich stetig langsam verändernder Form, eine gewaltige Landschaft, die auf eigene Art Respekt einflößte. In ihrer Nähe war der Mensch selbst nur wenig mehr als ein Sandkorn. Nichts an der glatten Sandwand einer Düne verriet, was sich hinter dem scharfen Kamm verbarg. Mal war dort nichts als Sand, Sand und nochmals Sand. Mal begegnete man einem spärlichen Bewuchs, eine erwünschte Unterbrechung der Eintönigkeit. Pflanzen waren immer ein ersehnter Hoffnungsschimmer. Wo sie waren, musste Wasser nah genug unter die Oberfläche kommen.
Ein solcher Hinweis auf Wasser würde auf ihrem Weg hilfreich sein. Wenn es auch nicht dem entsprach, was sie finden musste. Allenfalls könnte sie graben bis der Sand feucht wurde, dann noch tiefer und schließlich könnte sie mit Mühe ihre Schläuche auffüllen und damit ihren Suchradius vergrößern.
Würde sie aber eine solche Stelle, die sich zwischen den Dünen verbarg, ihrer Sippe zeigen wollen, so wäre sie wahrscheinlich kaum mehr auffindbar, selbst wenn sie mit ihrem Bruder genau den gleichen Punkt wiederfinden würde. In der Zwischenzeit hätte die Düne den Zugang bestimmt wieder mit einer viel zu dicken Schicht Sand überlagert. Diese Bewegung machte die Dünen faszinierend und gefährlich zugleich.
Dennoch gab ihr jetzt der Anblick dieser riesigen rötlich-braunen Wellen neuen Mut. Tief aus ihrem Inneren drang ein Jubelschrei …
Hier war schon eindeutig Hathaigebiet. Aber Angehörige des Stammes der Hathai waren selten im Sandland unterwegs. Auch störten sie sich nicht an Angehörigen des freien Volkes, die sich in ihrem Gebiet aufhielten. Die beiden Völker ließen sich gegenseitig in Ruhe. Obwohl die Hathai dieses Gebiet als ihr Territorium beanspruchten, lebten sie hauptsächlich in ihren östlicher gelegenen Oasen, ihre Jagdgebiete erstreckten sich in der gleichen Richtung, dort, wo die großen Karawanenstraßen ihre Gebiete kreuzten.
Shana wusste nicht wirklich viel über Gebietsgrenzen. Sie hatte gelernt, sich sowohl von den sesshaften Arkani als auch von den Hathai möglichst fernzuhalten. Auch wenn beide Völker keine wirkliche Bedrohung für die Freien waren, für eine Hellhäutige war es immer besser, unentdeckt zu bleiben. Das jedenfalls hatten Yambi und ihr Vater ihr immer wieder und wieder gesagt.
Aus Shanas Sicht, war das gesamte westliche Sandland die Heimat, in der ein Searcher nach Wasser suchen konnte - unabhängig von Stammesgrenzen.
In ihrem bisherigen Searcherdasein war sie selten zwischen Sanddünen gewandert. Die zum Teil steilen Anstiege forderten Kraft und Aufmerksamkeit. Feste Sandfelder wechselten mit kaum vorhersehbaren Stellen, an denen der Sand bei der leichtesten Berührung ins Rutschen kam, in die Tiefe floss, als wäre er Wasser.
Wenn der Wind nur ein wenig stärker wurde, führte er die obersten Sandschichten mit sich. Der Boden wurde dann von einer feinen Schicht sandigen Nebels verdeckt. Jeder Schritt musste mit doppelt großer Sorgfalt und Bedacht gesetzt werden und gleich tausend feiner Stiche bohrten sich winzige Sandkörner zwischen die Falten des Stoffes, fanden jeden noch so kleinen Spalt, prasselten auf die Haut.
So gefährlich und kräftezehrend diese Gegend war, das Bild, das sich ihr bot, betörte Shanas Herz. Sie verspürte eine Art Glück und Geborgenheit wie an kaum einem anderen Ort. Dies hatte nichts von der Trostlosigkeit einer endlos erscheinenden Ebene, vielmehr durchströmte ein Gefühl der Erhabenheit ihren Geist. Trügerisches Paradies. Die Tatsache, dass die Dünen einen Menschen und vieles andere wie ein Geheimnis verbergen, sogar verschlingen konnten, machten zum Teil ihren Reiz aus.
Shana sog die Luft mit geschlossenen Augen ein und beschloss, ihre Richtung ein wenig zu ändern. Sie wollte den Weg am Saum der Dünen entlang nehmen, entgegen der Zugrichtung der Sandberge. So würde sie am schnellsten auf deren Rückseite kommen und vielleicht geschähe das Wunder, vielleicht fand sie eine neue Wasserstelle für die ihren.
Um sich eine kurze Weile zu sammeln, hockte sie sich hin. Wurde beinah unsichtbar. So sehr verschmolzen ihre Konturen in den Farben des Sandes.
Ein paar Augenblicke später huschte am Rande ihres seitlichen Blickfeldes ein Schatten durch den Sand. Ohne zu denken, schoss sie in einer fließenden Bewegung auf den Punkt und erfasste eine Maus. An dem Tier war nicht viel dran, aber es würde ihre Vorräte aufstocken. Ein fester Griff und sie hatte dem kleinen Wesen das Genick gebrochen. Danach befestigte sie es an ihrer Tasche.
Eingestimmt auf die bevorstehende Aufgabe, erhob sie sich bedachtsam. Die ersten Schritte gingen leicht bergab. Fast war sie versucht, sich herunterrollen zu lassen. Doch dafür kannte sie die Düne nicht gut genug. Hinter der nächsten Kuppe veränderte sich der Geruch der Luft. Jedes der folgenden Sandtäler hatte seine Eigenheiten. Außer in der Zeit des Sonnenzenits gab es sogar schattige Stellen.
Am späten Tag überschritt sie einen relativ kleinen Hügel. Was sie auf der anderen Seite sah, ließ sie vor Freude fast aufschreien. Im hinteren, leicht östlich gelegenen Teil verwandelte sich der Boden an einer Stelle zu festerem Geröll. Dazwischen reckten sich ein paar Pflanzen der feindlichen Umwelt entgegen. Eines war sicher, dieser Platz würde heute ihr Nachtlager werden.
Sie betrachtete die Färbung des Bodens auf das Genaueste, dann wusste sie, wo sie graben musste.
Mit Hilfe ihrer Schale arbeitete sie sich armtief in den Boden. Ab Ellbogentiefe spürte sie die Feuchtigkeit. Kurze Zeit später sammelte sich Flüssigkeit am Grund des gegrabenen Loches. Noch zwei Schalen und sie würde das Versprechen auf Leben ans Tageslicht holen. Dieses Gefühl übertraf, wie jedes Mal, alles - alles, was sie sich vorstellen konnte.
Sie tauchte die Schale ein, ließ sie auf dem Grund liegen und rollte sich selbst ein wenig zur Seite, die Augen gerade in die unendliche Höhe des ewigen Himmels gerichtet. Zweimal zehn tiefe Atemzüge verharrte sie, dann hob sie die Schale heraus. Da ihre Wasservorräte noch reichlich waren, hatte sie keine Eile. Sie ließ die Schale stehen, wartete bis sich der Sand abgesetzt hatte und die Flüssigkeit sich klärte.
Und dieser Ort versprach noch mehr für heute Nacht. Ganz in ihrer Nähe entdeckte sie einen längeren, trockenen Ast. Es war nicht ersichtlich, wo er herkam. Aber an solchen Plätzen war es möglich, alte Überreste von längst abgestorbenen Bäumen zu finden, die der Sand viele Jahre bedeckt hatte und die dann vom Wind eines Tages wieder freigelegt wurden. Das Holz reichte für ein kurzes, kleines Feuer. Gerade genug, einen einzelnen Brotfladen zu backen. Solch ein Glück war ihr nun mehrere Suchen nicht widerfahren.
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