Nik Schyra - Der Giraffengockel
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Da die alte Bäuerin keine Nachfahren mehr hatte, konnte die Polizei das Haus für ihre Zwecke einrichten. Es wurde verkabelt und wie üblich mit Wanzen und Mikros, Fluchtwegen und Beobachtungsstände für alle in Frage kommenden Eventualitäten ausgestattet. Mit der hiesigen Presse wurde eine stille Vereinbarung getroffen, dem Mörder einen verdeckten Hinweis auf das geheime Rezept zu zuspielen. Er würde, nein müsste auf diese Falle herein fallen.
Die Presse schrieb wunschgemäß, dass eine alte Bäuerin in Spielbach über dieses Geheimrezept des Quittengelees Bescheid wüsste. Aber weitere Fragen des Reporters, wurden nur mit einem schweigenden Lächeln beantwortet.
Die Mausefalle war gut bestückt und weit geöffnet. Das angespannte Warten begann.
Bella Donna sollte als Lockvogel fungieren, ihre Begeisterung für diese Aufgabe war sehr, sehr mäßig, eher saumäßig. Missmutig zog sie die Kittelschürze an, band sich das Kopftuch um und schlupfte in die alten ausgetretenen Filzpantoffeln. Alle Anwesenden, die um sie herum standen grinsten breit und sagten mit spitzer Zunge, ja Frau Bäuerin, Karl Lagerfeld hätte an ihnen seine helle Freude…? Worauf Bella Donna mit den Zähnen knirschte und murmelte, „Euch zeig ich`s noch, aber allen“! Buzi frotzelte: „Na hat der Gockel schon das Ei gelegt, Frau Bäuerin?“ Bella Donna erwiderte nur gelassen „Nein wieso, ist denn heute schon Weihnachten?“
Bella Donna machte es sich auf dem Sofa bequem, von dem aus sie den ganzen Hof und die Hofeinfahrt überblicken konnte. Einer der uniformierten Kollegen war sprungbereit in der Speisekammer, ein anderer hatte es sich im Wohnzimmer bequem gemacht. Das Warten begann. Die ersten beiden Tage vergingen, ohne dass sich etwas überhaupt nur geregt hatte. Kommissarin Buzi telefonierte per Handy mehrmals am Tag um zu hören ob sich schon etwas getan hatte. Bella Donnas Antwort fiel immer nur mit den Worten aus “Nee nix“.
Derweilen machte sich Buzi eine Vorstellung wie der Täter aussehe möge. Klar war bis dahin, dass man es mit einem kleinwüchsigen Mann zu tun hatte, dem Mörder mit den Schraubenstockhänden. Tatsache war auch, dass die Katze Kleopatra ihn unterschätzt hatte, denn nur so konnte es ihm gelungen sein, sie von hinten zu erwürgen. Wahrscheinlich war er feige und suchte deshalb für sich die perfekte Tarnung aus. Er trat vielleicht als netter Biedermann auf, als ein Ewiglächler, der seine Mitmenschen durch seine Freundlichkeit meisterhaft blenden konnte. Gerade diese Haltung machte ihn ja fast unsichtbar, denn keiner vermutete auch nur im Geringsten, daß er ein Mörder war. Buzi kam Charlie Chaplin in den Sinn, wie er als Diktator mit der aufgeblasenen Weltkugel durch den Saal tanzte. So stellte sie sich ihn vor! Wie er in seinem Größenwahn selbstverliebt in seinem Wohnzimmer herum hüpfte. Mit hoher Wahrscheinlichkeit litt dieser Mörder auch noch unter dem Napoleon-Komplex, denn der könnte ihn vielleicht ja zu dieser Tat getrieben haben. Kleiner Mann ganz groß, er sah sich sicher schon als den mächtigsten Weltenherrscher, den reichsten Mann aller Zeiten. Seine Geldgier, seine Gewinnsucht ließen ihn alles darüber vergessen, nur noch Geld, Geld, Geld. Wer ihm zu nahe kam und vor allen auch noch größer als er war, bekam seine hinterfotzige, gemeine Art drastisch zu spüren. Er wollte es schon allen zeigen, wie man mit ihm umzugehen hatte, mit ihm, dem mächtigsten Herrscher der Welt. Sein Dünkel schien ins Unermessliche zu steigen, er stolzierte sicher durch die Stadt, grüßte jeden freundlich und in hündischer Ergebenheit, um allen zu zeigen, was er für ein freundlicher und umgänglicher Zeitgenosse war. Sein Blendwerk war nahezu perfekt. Niemand würde in ihm den Mörder der Katze Kleopatra vermuten. Niemand wäre so schlau und so gerissen wie er, so intelligent. Einfach ausgedrückt, er hielt sich für ein Genie, dem niemand das Wasser reichen konnte. Aber das Krokodil lag schon auf der Lauer, scheinbar unsichtbar und regungslos, und mit der sicheren Gewissheit, er wird kommen!
Die örtliche Presse begann sich mittlerweile in Absprache mit der Staatsanwaltschaft, das Maul über die schlafenden Polizei-Beamten zu verreißen, die bis jetzt noch nicht einen Boden breit vorangekommen seinen. Besorgte Anrufe bei der Polizei, Leserbriefe in der Zeitung, von gescheiten Mitbürgern, die eh immer alles besser wussten, zu jedem Thema ihren Senf dazugaben. Die Meldungen und Berichte brachten schon eine gewaltige Unruhe in die Bevölkerung. Mütter begleiteten ihre Kinder zur Schule und holten sie auch wieder ab. Der Polizeichef erklärte, es werde alles getan um den Mörder zu finden und die Bevölkerung solle Ruhe bewahren und nicht in Panik ausbrechen. Dieses Gemisch von Angst, falscher Information, Unwissenheit und totaler Unsicherheit ließ eine gewaltige dicke Brühe zum Kochen bringen. Ohne diese Nebenwirkungen so dachte Kommissarin Buzi, käme man dem Täter nicht auf die Spur, beziehungsweise könne ihn nicht fassen. Wenn die Kommissarin nach Schrozberg-Spielbach fuhr, sah sie oft nur die angstverzerrten Gesichter der Dorfbewohner, mit dem fragenden Blick, ihr habt ihn also immer noch nicht? Manch einer nahm sein Beil und seine Mistgabel abends mit ins Haus um gewappnet zu sein. Buzi dachte nur, wohl dem der noch eine Mistgabel hat. Aber man war ja auf dem Land und da gehörte diese zum Hausrat.
Nun waren schon fast zwei Tage verstrichen und die endlose Warterei wollte kein Ende nehmen. Der Umstand, dass alles auf dem Hof nach Normalität auszusehen hatte, machte die Sache nicht gerade einfacher. Langsam stiegen Bella Donna Zweifel auf, ob der Mörder in die Falle tappen und ob er das Geheimnis des Quittengelees je verraten würde. Zweifel die immer größer wurden und nicht nur bei ihr. Sie träumte von ihrem warmen, weichen Bett, von Robertas herrlichen Schokoladenpudding, von ihrem Pfeifchen, von einem heißen Vollbad und, und, und….
Stattdessen saß sie hier in dieser Kittelschürze in dieser alten Küche und musste warten, auch noch auf einen Mörder, welch grandiose, mörderische Aussichten. Im Nachbarzimmer hörte sie ab und zu das leise Schnarchen ihres Bewachers. Gedanken kamen und wenn`s dann wirklich ernst wird? Die Lage wurde immer ungemütlicher. Sie hegte schon langsam aggressive Zweifel an dieser Vorgehensweise, wusste aber ehrlich gesagt, auch keine bessere Lösung, wie man dem“ Kerle“, wie ihn die Bevölkerung mittlerweile abfällig bezeichnete, beikommen könnte. Es brannte ihr die Frage im Kopf: wer ist denn jetzt der Jäger? Wer der Gejagte? Manchmal, so dachte sie, spielt man in einem Spiel mit und kennt weder die Spielregeln noch hat man Einfluss auf sie, aber man spielt mit. Achselzuckend verwarf sie ihre Gedanken und konzentrierte sich wieder auf ihr Lauschen in die Stille.
Der vierte Tag. Nachdem sich aber auch überhaupt nichts gezeigt hatte auf dem Hof, noch nicht einmal die Sonne, beschloss Kommissarin Buzi den Einsatz abzubrechen. Niemand war darüber mehr erfreut als Polizeiobermeister Willi Rottweiler, der sein Quartier in der nicht gerade gemütlichen Speisekammer aufschlagen hatte.
Willi Rottweiler war ein großer stämmiger Hund, der eigentlich von Hause aus Maler und Lackierermeister war und erst recht spät in den Polizeiberuf gefunden hatte. Wie er da hineingekommen war wusste er selber auch nicht mehr so recht. Er war da und das war für sein Schrozberger Revier das Beste, was sich die Landbevölkerung nur wünschen konnte. Irgendwie waren Kommissarin Buzi, Bella Donna und Willi Rottweiler miteinander verwandt. Der Ur-urgroßvater von allen dreien war mit jungen Jahren nach Amerika ausgewandert und hatte dort mit einer Greyhoundhündin ein Verhältnis angefangen, aus dem 17 Welpen hervor gingen, bis die Greyhoundhündin sich ein Italienisches Windspiel nahm und mit diesem nach Kalifornien abhaute. So erzählten sich die Leute in Schrozberg. Einer der Söhne aus dieser Ehe ging jedoch wieder nach Schrozberg zurück, heiratete die reiche Landwirtstochter Elli Senghaas-Rottweil und sie gebar nur einen Sohn, den Willi. Willi hatte ein leidenschaftliches Hobby. Er kochte sehr gut, sehr gerne und in besonders großen Töpfen. Seine Familie bestand aus seiner Frau Emilie und seine beiden wunderschönen Töchtern Christine und Melanie. Beide waren total engagierte Feuerwehrfrauen, die in jedem Einsatz ihren Mann standen. Willi war mächtig stolz auf seine beiden Töchter. Waren sie doch auch die begehrtesten jungen Frauen weit und breit. Willi und seine Ehefrau hofften auf eine baldige Hochzeit. Aber die Mädels hatten es nicht eilig unter die Haube zu kommen. Immer wenn Willi kochte verlor er bei seinem Gekoche den Überblick, für wie viele Personen er denn sein Gericht ausgelegt hatte. Seine Berechnungen von vier auf zwölf oder auch mehr Personen, erfreute jedes Mal die ganze Nachbarschaft. Denn wenn Willi sagte, er hätte ein bisschen zu viel gekocht, dann wusste jeder Nachbar man musste mit einem großen Topf kommen, denn sonst wurde Willi ärgerlich und sagte laut, „ich habe dir doch gesagt du sollst ein großes Dibbe mit bringen und kein Dibbsche“.
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