Summend steht Luca am Waschbecken und entkernt die von ihm erstandenen Paprika. Sicherheitshalber hatte er ebenfalls einige Küchenmesser gekauft. Das stellte sich nach seiner Heimkehr als weise Entscheidung heraus.
Ich tu‘ so, als ob ich hier für immer bleiben würde , sinniert er über seine Situation. Dabei weiß ich doch selbst ganz genau, dass ich nicht drum herum komme, mich wenigstens kurz bei Joey zu melden . Sofort sinkt seine gute Laune. Luca hat sowas von keinen Bock auf die Auseinandersetzung mit seinem ehrgeizigen Manager. ICH mach‘ jetzt erst mal Urlaub. Nach dem Essen werde ich Joey anrufen und ihm genau das mitteilen. Punkt . Sein Entschluss steht fest. Sofort geht es ihm besser.
Grinsend schnippelt er weiter an der Paprika herum. Der flippt aus !
Es klingelt und als Luca öffnet, fragt er lächelnd.
„Na, Absinth? Kannst du auch rohe Paprika riechen?“
Jacksons Freund lacht mit ihm. „Danke, dass du aufmachst.“
Er schlendert in die Küche und lässt sich mit einem tiefen Seufzer auf die Bank fallen.
„Das ist ja geil!“, bemerkt er erfreut. „Da hat Jackson sich jemand ins Haus geholt, der freiwillig den Kühlschrank füllt! Sehr gut! Da müssen wir wohl erst mal nichts organisieren gehen … natürlich nur, wenn du mit uns teilst!“ Er senkt den Kopf und blinzelt Luca von unten herauf hoffnungsfroh an.
Luca schmunzelt. „Natürlich teile ich mit euch. Kann euch doch nicht verhungern lassen.“
„Yeah!“ Absinth ballt die Siegerfaust.
Luca setzt sich zu ihm an den Tisch und beginnt die bunten Paprika in mundgerechte Stücke zu schneiden.
„Wie macht ihr das eigentlich genau mit eurem ‚organisieren‘?“, fragt er stirnrunzelnd.
„Na ja.“ Abs lehnt sich zurück und kramt ein Päckchen Tabak aus seiner Hosentasche. Fachmännisch dreht er sich eine Zigarette. „Wenn ich ehrlich bin, ist Jacks auf diesem Gebiet weitaus erfolgreicher als ich. Ich profitiere davon; hänge mich an seine Hacken.“
Wer hätte das gedacht , denkt Luca ironisch. Doch Absinths Ehrlichkeit gefällt ihm trotzdem.
„Wenn wir organisieren“, redet dieser unbefangen weiter, „dann klappern wir halt einige Stellen ab, wo wir immer was kriegen. Wir haben … also Jackson hat voll gute Connections zu diversen Restaurants. Aber auch Bars, Kneipen und Cafés. Da schauen wir dann vorbei. Irgendwas fällt immer ab. Die Pizza gestern zum Beispiel. Dir ist das vielleicht nicht aufgefallen, doch bei ‚Salvatore‘ machen die uns immer ‘ne Größere als bestellt.“ Er zuckt mit den Schultern. „So Dinge eben. Von einer größeren Pizza können wir dann im Zweifelsfall am nächsten Tag noch essen.“
„Geht ihr auch zum ‚Café Bohne‘?“, fragt Luca neugierig.
„Ja klar!“, erwidert Absinth begeistert. „Da arbeitet die Uschi in der Küche. Die ist so super geil drauf. Da kriegen wir zur Not immer was.“
Jetzt hält Luca in seiner Tätigkeit inne. Stirnrunzelnd blickt er den blassen Absinth an, der gerade gierig den ersten Zug von seiner Zigarette nimmt.
„Ja, aber … sei nicht sauer … aber das ist doch alles Schlaucherei. Ist ja nichts dabei, aber ‚organisieren‘ ist da wohl nur eine Umschreibung für ‚betteln‘, oder?“
„Hmm …“ Abs klaut sich ein Paprikastück. „Jackson und ich … wir revanchieren uns. Wenn Mika zum Beispiel mal was erledigen muss und spontan jemanden für ein-zwei Stunden braucht, der den Laden schmeißt, dann ruft er Jackson an und der steht auf der Matte … oder ich. Oder wir erledigen irgendwelche Botengänge. Jacks putzt in Rekordgeschwindigkeit einen ganzen Laden durch; das müsstest du mal sehen. Dabei helf‘ ich ihm auch … manchmal“, schiebt er ein wenig verschämt hinterher. „Jackson macht viel mehr als ich. Doch geteilt wird trotzdem.“
„Und wie revanchierst du dich bei Jackson?“ Oh! Diese Frage war natürlich anzüglich und gemein. Luca beißt sich verlegen auf die Unterlippe. Das geht ihn doch wohl gar nichts an.
„Sorry, so war’s nicht gemeint“, murmelt er nach einem schnellen Blick in Absinths gerötetes Gesicht.
Der überspielt seine Scham, indem er aufsteht und geschäftig an der Kaffeemaschine herumhantiert. Als das alte Teil zischend und schmauchend läuft, lässt er sich mit seiner üblichen Gelassenheit wieder auf der Bank nieder.
„Jacks und ich sind ein eingespieltes Team. Doch du kennst ihn nicht. Er würde niemals irgendetwas tun, wenn er darauf keinen Bock hat. Wir sind seit der Schulzeit befreundet. Doch wenn ich ihm auf den Sack gehen würde … mit meiner Anwesenheit … meiner Schlaucherei … womit auch immer … dann könnte ich der Erfinder des Blow-Jobs sein …“ Er schüttelt wissend den Kopf. „Er würde mir trotzdem niemals wieder die Türe öffnen.“
„Du bist in ihn verknallt“, stellt Luca fest. Und schon wieder könnte er sich ohrfeigen, weil sein Mundwerk schneller arbeitet als gewollt.
Absinth presst die Lippen aufeinander und tippt einige Tabakkrümel mit dem Finger von der Tischplatte. „Wohl ein bisschen mehr“, murmelt er und räuspert sich anschließend. „Ich bin vielleicht ein wenig taub, doch ich bin nicht blind. Er fährt voll auf dich ab.“ Ein ratloses Schulterzucken. „Wenn sich da was zwischen euch anbahnt … dann … werde ich wohl damit leben müssen. Denn gegen dich …“ Er sieht Luca vorwurfsvoll in die Augen. „… hab‘ ich sowas von keine Chance.“
Bevor Luca verlegen widersprechen kann, setzt sich Abs entschlossen auf. Seine Stimme schaltet von niedergeschlagen auf forsch.
„Aber jetzt sag‘ mir doch mal … Luca Denero, von Beruf …“ Er macht eine wirkungsvolle Pause, bevor er das folgende Wort ironisch ergänzt. „… Heiler … was führt dich eigentlich in unser kleines verschlafenes Städtchen?“
Wie vom Donner gerührt schließt Luca kurz die Augen. Vor Schreck scheint sämtliches Blut erst einmal in seine Beine zu sacken. Er weiß es! Natürlich weiß er es. Jeder, der halbwegs schlau ist, gibt meinen Namen bei Google ein. Irgendein Artikel über mich wird schon auftauchen. Bin zwar kein Promi, doch einige alternative Medien sind schon auf mich aufmerksam geworden. So eine Scheiße! Porca miseria!
„Woher kennst du meinen Nachnamen?“, fragt er mit belegter Stimme zurück.
„Woher wohl?! Von Mika und Jacks natürlich. Ist doch egal. Warum bist du hier?“, bohrt Abs weiter.
Mit zittrigen Fingern legt Luca das Küchenmesser beiseite. „Ich … ähm … brauche ein wenig Abstand zu meinem … hm … Leben. Das ist mir gerade alles irgendwie zu viel. Ich wäre fast zusammen gebrochen. Da bin ich halt abgehauen.“
„Du verdienst doch damit bestimmt ‘ne Menge Kohle, oder?“, fragt Abs recht gleichgültig hinterher. Lucas Misere scheint ihn nicht sehr zu beeindrucken.
Luca zuckt mit den Achseln. War ja klar, dass ein Typ wie Absinth direkt nach Geld fragt. Wie lautet seine übliche Antwort in solchen Fällen?
„Geld ist nicht alles!“, wehrt Luca ab, wie er es sich angewöhnt hat. „So was machst du aus Überzeugung.“
„Aha!“ Abs lehnt sich zurück. „Deshalb bist du auch abgehauen, oder was? Muss dich ja enorm überzeugen, dein Beruf“, frotzelt er und grinst ein wenig gemein.
„Das ist für mich kein normaler Beruf!“, entfährt es Luca aufbrausend. „Wenn du so was … machst, dann fragt dich irgendwann keiner mehr, ob du Feierabend machen willst; ob es DIR gut geht; ob DU Bock drauf hast?! Da stehen Dutzende von Menschen, die deine Hilfe wollen. Und zwar Hilfe, die über das Spendieren einer Pizza hinausgeht. Existentielle Hilfe. Viele versprechen sich sogar lebensrettende Hilfe.
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