I. Tame - Antiheld

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Luca ist ein sanfter mitfühlender Mensch. Seine Fähigkeiten als Heiler ebnen ihm einen neuen beruflichen Weg. Das ist jedoch nicht ganz einfach, wenn man einen skrupellosen Manager an seiner Seite hat. Luca fühlt sich ausgebrannt und haut in einer spontanen Nacht- und Nebel-Aktion ab. Nachdem er einige Stunden ziellos über die Autobahn fährt, entscheidet er sich spontan für die Kleinstadt Loewenherz, um sich dort für eine Weile zu verkriechen.
Hier lernt er Jackson kennen. Der hat gerade ein Zimmer zu vermieten und Luca packt die Gelegenheit beim Schopf.
Jackson führt ein eigenwilliges Leben. Er fährt Motorrad und spielt für sein Leben gern Gitarre. Auf einen festen Job pfeift er, denn mit Geld kann er nicht viel anfangen. Alles was er braucht, organisiert er sich – frei nach dem Prinzip: Eine Hand wäscht die andere.
Sein Motto: Jeder sollte nur das machen, was ihn wirklich von ganzem Herzen erfüllt.
Zwischen Luca und Jackson funkt es heftig. Und obwohl es scheint, dass sie so gar nicht zueinander passen, wollen sie es miteinander versuchen.
Ob das klappt? Ihre Chancen stehen 50:50.

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„Sorry, ich … das kann ich nicht!“, murmelt er entschuldigend, dreht sich um und verlässt das Wohnzimmer. Jacksons bedauernden Blick bekommt Luca nicht mehr mit. Schnell betritt er sein Zimmer und schließt sorgfältig die Türe.

Sein Herz rast. Oh, mein Gott. Warum bringt mich das dermaßen aus der Fassung? Das war doch nur ein Kuss! Ein ziemlich überraschender … klar … aber, mein Gott. Dass Jackson auch schwul ist, hab‘ ich doch vom ersten Moment an quasi gerochen. Also darf mich so ein kleines Intermezzo eigentlich nicht überraschen .

Luca lässt sich ratlos auf die Bettkante sinken. Er beugt tief ausatmend den Kopf auf die Brust. Seine langen Haare bilden einen schützenden Vorhang. Verlegen knetet er seine kalten Finger. Er weiß genau, warum er sich so überrumpelt fühlt. Der Grund ist ganz einfach. Seit gefühlten Ewigkeiten hat Luca keine Beziehung mehr gehabt und zwar im allumfassendsten Sinne. Keine One-Night-Stands, keine Freundschaften und schon mal gar keinen erfüllenden Sex mit jemandem, den er wenigstens mag. Da war nichts in den letzten paar Jahren, gar nichts. Er war immer nur mit seiner Arbeit beschäftigt, jeden Tag. Und nach zwölf Stunden, in denen er unzählige fremde Körper anfassen musste, war ihm noch nicht einmal mehr danach, sich unter der Dusche einen runterzuholen.

Seufzend streicht sich Luca seine Mähne aus dem Gesicht. Er denkt an Joey. Wie erniedrigend, wie unglaublich ekelhaft empfindet er im Nachhinein die Momente, in denen ihm Joey einen runtergeholt hatte. Joey, der Heteromann aus dem Bilderbuch. Aber auch Joey, der Manager, der für sein goldenes Kalb alles tut. Dafür holte er Luca – ganz unpersönlich – auch mal einen runter. Das gehört eben zum Geschäft. Kein großes Ding. Wenn seine Quelle dann wieder erfolgreich sprudelt … dann immer her mit den unbefriedigten Schwänzen.

Luca schnaubt genervt. Im Nachhinein kann er selbst nicht glauben, dass er so tief gesunken ist. Er greift nach seinem Handy und schaltet es ein. Seit gestern tummeln sich dreißig Nachrichten auf der Mailbox und fünfzig SMSe. Bis auf eines stammen sämtliche Lebenszeichen von Joey. Während Luca mit hart zusammengepressten Lippen Joeys immer verzweifelter klingende Kurzmitteilungen durchblättert, wird ihm bewusst, wie lange er sich nicht mehr bei seinen Eltern gemeldet hat. Beschämend! So was passt überhaupt nicht zu ihm. Er ist ein Familienmensch, schon immer gewesen. Er ist halber Italiener – porco dio – da kann man gar nicht anders … eigentlich. Wie gerne hört er die Stimme seiner Mutter auf der Mailbox, doch er hat noch keine Energie, sie zurückzurufen.

Ich bin innerlich tot. Keine Emotionen, kein Verlangen, keine Freude. Mann, bin ich ausgebrannt. Joey kann mich mal am Arsch lecken. Er und seine nervige Art. Ich kann einfach nicht mehr .

Eine unbedeutende – aus Geilheit geborene – Berührung hat Luca aus der Fassung gebracht. Immer noch spürt er Jacksons flache Hand, wie sie tastend, leise streichelnd zu seinem Nacken hochgekrochen kam. Und erst sein Mund, seine vollen Lippen. Wenn er an die forsche Zunge denkt, die sich kurz in seinen Mund gedrängt hatte … Phhh … Tief atmet er aus. Ich bin 28, verdammt. Und mein Gefühlsleben schwankt zwischen mausetot und unerfahrenem Teenager. Das ist so erbärmlich .

Mit einem genervten Stöhnen sinkt Luca auf sein Bett. Leises Lachen aus dem Nachbarzimmer scheint ihn zu verhöhnen. „Na, komm schon! Beug‘ dich vor!“ Das war Jacksons vor Geilheit belegte Stimme. Nicht lange und rhythmisches Stoßen – gepaart mit halblauten Schreien – lässt Jacksons Bett gegen die Trennwand rumpeln.

Das hätte er vielleicht auch mit mir gemacht …, denkt Luca traurig. Sehnsüchtig streicht er über seinen halbharten Schwanz und stellt sich dabei vor, an Absinths Stelle zu sein.

Am nächsten Morgen wird Luca von ungewohnten Tönen geweckt; einem Wimmern nicht unähnlich. Erstaunt blickt er auf sein Handy. Neun Uhr. Eigentlich hatte er damit gerechnet, dass Jackson bestimmt bis mittags schläft. Mal wieder ein Buch nach seinem Umschlag beurteilt , denkt er, während er sich Shirt und Jogginghose vom Leib reißt. Er schwitzt wie die Hölle. In Klamotten zu pennen ist eigentlich überhaupt nicht seine Art.

Lediglich in Shorts tappt Luca in den Flur und linst in Jacksons Zimmer. Der liegt – ebenfalls nur in Shorts – auf seinem Bett; den Rücken gegen die Wand gelehnt. Er hat seine Lucy an einen kleinen Verstärker angeschlossen und zupft verträumt auf ihr herum.

Als er Luca bemerkt, grinst er. „Hey, guten Morgen. Gut geschlafen? Komm doch rein.“

Verlegen reckt sich der Angesprochene und fährt sich durch die Haare, während er den Raum betritt.

Die Blicke seines Zimmernachbarn streichen wohlwollend über Lucas fast nackten Körper. Völlig unbefangen spricht Jackson über den gestrigen Abend.

„Ich wollte nichts tun, was du nicht willst“, redet er ganz selbstverständlich über seinen Kuss, während er sich über Lucy beugt und ihr weiterhin zirpende Geräusche entlockt. „Ich find‘ dich geil und dachte, du hättest gegen ein wenig unverbindlichen Spaß nichts einzuwenden. Absinth hat mir deswegen schon die Rübe gewaschen.“ Lächelnd blickt er in Lucas Richtung. „Aber das tut er nicht aus Selbstlosigkeit. Er hat mich gerne für sich allein.“

‚Meeaauuooowww‘ jault ein kräftiger Ton auf, bevor Jackson die Gitarre beiseite legt und vom Bett springt. Innerhalb einer Sekunde steht er vor dem verdutzten Gast. Fast berühren sich ihre Nasenspitzen und automatisch atmet Luca tiefer.

„Ich dachte, du stehst auch auf Männer“, flüstert Jackson, während er versonnen auf Lucas Mund starrt.

„Tu ich – räusper – tu ich auch“.

Wie auf Kommando strahlen Jacksons verwunschene Augen.

„Du hast mich nur ein wenig überrumpelt. Ich bin es nicht gewohnt, so … direkt angebaggert zu werden.“

Jetzt runzelt sein Vermieter die Stirn. „Ach, komm! Hör‘ doch auf! Ein Typ wie du?! Hast du schon mal in den Spiegel geguckt? Jetzt mal ohne Scheiß, Mann! Ich bin nicht der große Wortakrobat, aber du … bist … die Versuchung pur … echt!!“

Kichernd dreht Luca den Kopf beiseite. „Hör‘ auf! Hört sich ja an, als wäre ich irgendein Dessert.“

Gott sei Dank fällt Jackson lachend in Lucas Gekicher ein. Die ganze Situation lockert sich auf. Gleichzeitig tritt er einen Schritt zurück. „Vielleicht ein anderes Mal?“, lächelt er Luca an.

Der zuckt verlegen mit einer Schulter und grinst. „Ja, mal seh’n.“

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Luca beschließt, einige Nahrungsmittel einzukaufen. So bewundernswert er Jacksons Lebenseinstellung auch findet, für ihn ist das nichts. Am liebsten futtert er sich zu jeder Tageszeit durch einen Berg von Obst. Äpfel, Birnen, Bananen. Das sind seine Favoriten. Gefolgt von Trauben, Orangen und Ananas. Und je nach Jahreszeit natürlich Erdbeeren. Auch für Himbeeren lässt er jedes Steak liegen. Von Obst kann er nie genug bekommen.

Die gestrige Pizza und das üppige Frühstück davor liegen ihm heute immer noch schwer im Magen, da Luca selten so fett und so viel isst. Sein bevorzugter Speiseplan liest sich wie das Who-is-Who der Gemüse- und Obstwelt. Jeder Ernährungsberater würde ihm jubelnd zustimmen. Oft hat Luca den Eindruck, sich für seine Vorliebe – das gesunde Essen – entschuldigen zu müssen. Das wirkt so streberhaft, so … unglaubwürdig. Jeder halbwegs normale Mensch um ihn herum denkt, dass man ja wohl Nudeln mit Sahnesauce lieben muss. Und knusprig gebratener Speck gehört auf jeden Fall in einen bunten Salat. Nicht für Luca.

Da er sonst so wenig Zeit hat, freut er sich jetzt umso mehr darauf, endlich einmal einige Lebensmittel auf Vorrat zu kaufen; und zwar nur das, was er wirklich haben will. Er kreuzt mit seinem Wagen ein wenig durch die Stadt. Das ist hier wirklich ziemlich übersichtlich. Zu seiner großen Freude findet er auf Anhieb einen türkischen Obst- und Gemüsehändler. Wunderbar.

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