Kurz bevor Luca in eine ohnmachtsähnliche Bewusstlosigkeit fällt, schmunzelt er. Auf der E-Gitarre stand mit schwarzem Edding dick und fett ‚Lucy‘.
Stunden später erwacht Luca aus einem erholsamen Schlaf. Sofort ist er hellwach. Das war bei ihm schon immer so. Er benötigt keine Aufwachphase; keine Zeit, um sich verschlafen durch die im Weg stehenden Möbel zu rempeln. Luca schlägt die Augen auf und ist da. Er streckt sich genüsslich. Seine innere Batterie hat er durch den tiefen Schlaf bestimmt um achtzig Prozent aufgeladen. Er hört ein schmauchendes, leise knatterndes Geräusch und lächelt. Kaffeemaschine .
Während er sich mit beiden Händen durch die zerzausten Haare fährt, tappt er barfuß Richtung Küche. „Hallo“, begrüßt er Jackson ein wenig verlegen. „Entschuldige, dass ich einfach eingepennt bin, aber ich …“
Jackson sitzt am Küchentisch und beugt sich konzentriert über seine Hände. Jetzt blickt er Luca an. „Dafür musst du dich doch nicht entschuldigen! Kaffee?“, unterbricht er einfach Lucas Rede.
„Ja, super gerne!“
„Kannst du den mal eben einschenken? Ich kann grad‘ schlecht.“, bittet ihn Jackson und beugt sich bereits wieder über seine Hände. Jetzt bemerkt Luca, was sein Gegenüber da gerade macht. Er lackiert sich die Fingernägel. Schwarz. Luca kann nicht anders. Er starrt. Dabei wollte er das doch auf jeden Fall vermeiden. Aber es geht nicht. Ein Typ wie Jackson und dann … lackiert er seine Nägel. Jackson wiederum bemerkt, dass sein neuer Untermieter sich nicht regt. Grinsend blickt er kurz in dessen Richtung.
„Das macht Nuno Bettencourt auch. Und das sieht einfach scharf aus, wenn ich mit den Fingern über Lucys Hals fahre.“
„Hals“, wiederholt Luca tonlos und starrt weiter fasziniert auf den pinselnden Kerl am Küchentisch.
„Ja!“, bestätigt Jackson und demonstriert kurz, was er meint, indem er mit der linken Hand eine Luftgitarre packt. Seine Finger greifen und verbiegen sich als würde er spielen. „Siehst du?! Das sieht total geil aus!“
Jetzt lächelt Luca. „Stimmt!“, murmelt er beifällig, löst sich aus seiner Starre und holt den Kaffee.
„Tassen sind immer da oben im Schrank und ein paar Becher baumeln an der Leiste da drüben.“, erklärt Jackson nebenbei.
„Mhm“, brummt Luca.
Als er sich an den Tisch setzt, fragt er nach. „Nuno …?“
Jacksons Miene erhellt sich erneut. „Nuno Bettencourt. Ein Wahnsinns-Gitarrist. Da bin ich Welten von entfernt, aber es kann ja auch nicht jeder perfekt sein. Der Typ ist echt der Hammer. Wenn du willst, zeig ich ihn dir mal auf YouTube.“
Luca nickt zustimmend. „Klar! Gerne!“
Mit geneigtem Kopf blickt der Blauschopf Luca abschätzend an.
„Der hat genauso ‘ne Mähne wie du. Deine Haare sind nur was kürzer. Aber auch geil! Steh‘ ich total drauf. Das macht Typen wie dich echt animalisch.“
Ein kleines ungläubiges Lachen entfährt Luca. Nicht, weil er nicht schon oft mit Schmeicheleien bedacht worden wäre. Seit seiner Kindheit bekommt er gesagt wie toll, wie hübsch, wie außerordentlich er aussieht. Aber ‚animalisch‘? Das ist mal neu. Und es gefällt ihm. Luca weiß selbst, dass er eigentlich immer viel zu ruhig, zu scheu und zu schüchtern ist. Daher nehmen ihn viele Leute oft nicht ernst; wie Joey zum Beispiel. Ja, Luca ist klar, dass er sich viel zu viel gefallen lässt. Seine Höflichkeit lässt ihn schwach erscheinen. Und dann sitzt da dieser … Exot und schmeißt mal eben den Begriff ‚animalisch‘ in den Raum.
„Waas!!“, hakt Jackson jetzt grinsend nach. „Jetzt behaupte nicht, das hätte dir noch keiner gesagt?!“
„Hör‘ auf!“, wiegelt Luca ab. „Ich bin vieles, aber bestimmt nicht ‚animalisch‘.“
Vorsichtig greift Jackson mit frisch lackierten Nägeln nach seinem Kaffeebecher. „Ich mein‘ ja auch nur, dass du so aussiehst. Mehr kann ich zum heutigen Zeitpunkt noch nicht sagen.“
Luca schmunzelt in sich hinein.
„Du musst mir noch sagen, was du für das Zimmer haben willst!“, lenkt er vom Thema ab.
„Aach“ Ratlos zuckt Jackson mit den Achseln. „Weiß auch nicht. Hab‘ das bisher noch nie gemacht. Eigentlich wohne ich hier recht billig. Das Haus gehört meiner Großmutter. Die ist super, meine Oma. Unterstützt mich, wo sie kann. Daher zahle ich keine Miete, nur die Nebenkosten. Auf die Idee mit dem Zimmer hat mich mein Kumpel Abs gebracht. Ich hab‘ ja keinen festen Job, so dass die Kohle immer nur sporadisch reinkommt.“
Er pustet über sein heißes Getränk, bevor er sich den nächsten Schluck genehmigt.
„Machst du mir mal ‘ne Kippe an?“, fragt er sehnsüchtig und deutet mit dem Kinn auf eine Packung Zigaretten.
Luca fummelt einen Glimmstengel aus der Packung, zündet ihn an und pustet mit spitzen Lippen ein wenig Rauch aus.
Jackson lacht. „Du rauchst wohl nicht.“
„Nee“, bestätigt Luca grinsend. „Das unterdrückt meine … also, dass bekommt mir nicht!“, ändert er schnell den Satz ab. Vorsichtig schiebt er Jackson die entzündete Zigarette zwischen die Lippen. Kaum merklich berühren seine Fingerspitzen die weiche Haut. Sein Vermieter zuckt kurz zusammen.
„Wow, ich glaub‘ ich hab‘ gerade einen kleinen Schlag gekriegt.“
Schnell zieht Luca seine Hand zurück. „Oh, sorry! Bin wohl etwas aufgeladen. Dabei hab‘ ich meine … hmm … Haare doch gar nicht … geföhnt.“, stottert er verlegen.
Jackson zieht genüsslich an seiner Kippe. „Du musst aufpassen, dass die Leute dich nicht auf den Arm nehmen!“, erklärt er mit zusammengekniffenen Augen. „Du entschuldigst dich andauernd. Und meistens für Dinge, für die du nichts kannst.“ Er zieht scherzend eine Augenbraue hoch. „Der erste Schritt auf dem Weg, animalisch zu werden: hör‘ auf dich zu entschuldigen.“
„Ja, sorry!“, erwidert Luca und beide lachen über seine Bemerkung.
„Ich geb‘ dir einfach erst mal vierhundert Euro, oder?“, setzt Luca das Gespräch über seine Miete fort.
„Vierhundert?!“, fährt Jackson entsetzt auf. „Für einen Monat? Bist du wahnsinnig, Mann? Das ist viel zu viel! Wenn, dann für zwei Monate.“
Luca kichert in sich hinein. „Du bist der erste Mensch, den ich kennenlerne, der weniger Kohle haben will als ich anbiete. Du weißt schon, dass du mich gerade runterhandelst, oder?“
Verliebt betrachtet Jackson seine inzwischen trockenen Fingernägel. „Kohle geht mir am Arsch vorbei. Ich will nur das, was ich zum Leben brauche. Mehr belastet mich nur.“
Beeindruckt verzieht Luca seinen Mund. „Ich hab‘ von Leuten wie dir gehört, aber in freier Wildbahn ist mir noch keiner begegnet.“
Und wieder erscheinen die Grübchen in Jacksons Gesicht. „Soll ich mich jetzt etwa entschuldigen?“, ärgert er Luca zurück.
Sie plaudern und plaudern. Lachen, ärgern sich gegenseitig, erzählen tausend Dinge aus ihrem Leben und merken dabei nicht, wie die Zeit vergeht.
Irgendwann musste natürlich die Frage kommen: „Was machst du eigentlich hier?“
Eine ganze Weile starrt Luca nachdenklich auf die Tischplatte; bis ein Ruck durch seinen Körper geht und er sich entschlossen aufsetzt. Er entscheidet sich, die Wahrheit zu sagen. Zumindest die halbe Wahrheit.
„Ich bin auf der Flucht; bin abgehauen. Ich hab‘ mein ganzes Leben momentan so satt. Und da ging’s auf einmal nicht mehr. Ich hab‘ ein paar Klamotten gepackt und bin weg. Einfach ins Auto und ab.“ Sein starrender Blick wird immer trauriger, seine Schultern sacken nach unten.
„Und was ist so schlimm an deinem Leben?“, fragt Jackson behutsam nach.
Luca presst die Lippen aufeinander und zuckt kurz mit den Achseln. Doch eine Antwort bleibt er schuldig.
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