I. Tame - Antiheld

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Luca ist ein sanfter mitfühlender Mensch. Seine Fähigkeiten als Heiler ebnen ihm einen neuen beruflichen Weg. Das ist jedoch nicht ganz einfach, wenn man einen skrupellosen Manager an seiner Seite hat. Luca fühlt sich ausgebrannt und haut in einer spontanen Nacht- und Nebel-Aktion ab. Nachdem er einige Stunden ziellos über die Autobahn fährt, entscheidet er sich spontan für die Kleinstadt Loewenherz, um sich dort für eine Weile zu verkriechen.
Hier lernt er Jackson kennen. Der hat gerade ein Zimmer zu vermieten und Luca packt die Gelegenheit beim Schopf.
Jackson führt ein eigenwilliges Leben. Er fährt Motorrad und spielt für sein Leben gern Gitarre. Auf einen festen Job pfeift er, denn mit Geld kann er nicht viel anfangen. Alles was er braucht, organisiert er sich – frei nach dem Prinzip: Eine Hand wäscht die andere.
Sein Motto: Jeder sollte nur das machen, was ihn wirklich von ganzem Herzen erfüllt.
Zwischen Luca und Jackson funkt es heftig. Und obwohl es scheint, dass sie so gar nicht zueinander passen, wollen sie es miteinander versuchen.
Ob das klappt? Ihre Chancen stehen 50:50.

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„So!! Sorry, dass du warten musstest. Ich bin auf dem Sprung und musste mich noch anziehen!“

Jetzt erscheint die zur Stimme gehörende Person. Lucas Augen weiten sich kurz, kaum merklich. Jemanden mit einem solch exotischen Äußeren sieht er selten.

Vor ihm steht ein Typ, den Luca auf Mitte Zwanzig schätzt. Er ist so groß wie er selbst, doch damit erschöpfen sich auch schon die Gemeinsamkeiten. Er ist sehr hellhäutig und hat breite Wangenknochen; viel herbere Gesichtszüge als Luca. Volle Lippen pressen sich momentan verbissen aufeinander. Und er hat … blaue Haare. Dunkelblaue Haare, um genau zu sein. Sie strubbeln um seinen Kopf herum als hätte er nach dem Aufstehen noch keine Zeit gehabt, sich zu kämmen. Wenn das gewollt ist, hat er seinen Out-Of-Bed-Look gut hinbekommen. Doch instinktiv ist sich Luca sicher: das ist dem Typen scheißegal. Er trägt eine enge Lederhose und ein Shirt. Jetzt hüpft er gerade auf einem Bein herum, weil er mit einem klobigen Motorradstiefel kämpft. Endlich – an einem unterdrückten Ächzen zu erkennen – scheint sein Fuß den Kampf gegen das enge Leder gewonnen zu haben. Tief atmend stampft er noch einmal mit dem Fuß auf und stemmt dann die Hände in die Hüften. Im diffusen Licht und dem Flair dieser Altbauwohnung wirkt seine Erscheinung sehr fremdartig.

„Hi! Ich bin Jackson. Und du bist Luca …?“

„Luca Denero! Hallo!“, ergänzt der Besucher.

„Schön!“, erwidert Jackson und wirkt dabei ein wenig abgelenkt. „Und du willst das Zimmer? Sieh‘s dir an. Ist direkt neben meinem.“

Er deutet auf die übernächste Türe. Zurückhaltend geht Luca in die angedeutete Richtung. Ein Blick in den Raum und er ist mehr als zufrieden. Groß, hell, luftig. Ein schönes Einssechziger Bett mit Metallrahmen, ein gemütlicher Sessel in einer Ecke, ein kleiner Tisch, eine Kommode und ein schmaler Schrank. Trotzdem bleibt genügend Platz, um sich zu bewegen.

„Toll“, kommentiert er strahlend. „Ich würde es sofort nehmen.“

„Wieso ‚würde‘?“, fragt sein Vermieter, während er Reißverschlüsse und Schnallen seines schweren Schuhwerks schließt.

„Ääh …“ Luca weiß nicht so recht was er antworten soll. Jetzt tritt Jackson zu ihm in das Zimmer.

„Du willst es doch, oder?“, fragt er nach.

„Mhmm!“, bestätigt Luca.

Jackson grinst breit. „Na, dann ist ja alles klar.“

Endlich sehen sie sich in die Augen und Luca kann es nicht verhindern. Er starrt Jackson an. Fast bleibt ihm der Mund offen stehen. Was ist das denn? Faszinierend .

Sein zukünftiger Mitbewohner scheint davon nichts mitzubekommen. Er schaut sich noch einmal im Zimmer um. „Prima … Luca! Dann ist alles klar, oder?“, wiederholt er sich. Ist er nervös? Seine Finger zupfen ständig an seinem Shirt herum.

Luca nickt.

„Okay! Dann auf gutes Zusammenwohnen oder wie sagt man? Wegen der Kohle sprechen wir später, ja? Ich muss jetzt weg.“

„Oh, ich wollte dich nicht von einem Termin abhalten!“ Luca hebt beschwichtigend die Hände. „Ich kann auch später wiederkommen …“

„Was denn?“, fragt Jackson während er in den Flur schlendert. „Ist doch alles klar. Und du hältst mich von keinem Termin ab. Aber wenn ich jetzt nicht bald eine Runde auf meinem Bock drehe, flipp‘ ich aus. Richte dich doch einfach schon mal ein. Wir können ja später noch in Ruhe reden. Ein Zweitschlüssel hängt vorne am Haken. Bis gleich.“

Er wirft sich eine dicke Lederjacke über und greift nach seinem Helm, der in einer Ecke vorne an der Haustüre liegt.

Luca kann es nicht fassen. „Du lässt einfach einen Fremden alleine in deiner Wohnung zurück?“

Jetzt zieren sexy Grübchen das kräftige und offene Gesicht des Vermieters. Sein Lachen ist ansteckend. Im Türrahmen dreht er sich nochmals um.

„Wenn du irgendwas findest, für das du mehr als zehn Euro in der Pfandleihe bekommst, sag‘ mir Bescheid. Ich hab‘ nämlich schon versucht, sämtlichen Scheiß von mir zu versetzen. Alles was ich besitze, wollte sonst niemand haben. Viel Glück!“

Er klimpert mit seinem Schlüssel, winkt kurz und verlässt die Wohnung. Bevor er jedoch die Türe vollends zuzieht streckt er noch einmal den Kopf durch den Spalt. „Aber Finger weg von Lucy!“ Ein weiteres Grinsen und er ist endgültig weg.

Von jetzt auf gleich steht Luca alleine in der fremden Wohnung. Er zweifelt immer noch an dem, was er gerade erlebt hat. Wie ist dieser Typ nur drauf? Und wer ist Lucy? Eine Katze? Und dann seine Augen. Während Luca an den kurzen Moment zurückdenkt, in dem Jackson ihn angesehen hatte, läuft ihm ein Schauer über den Rücken. Unterschiedliche Augenfarben. Dunkelblau und Hellblau. Ich dachte, mir starrt irgendein Fabelwesen entgegen. Das war … befremdlich. Ob der Kontaktlinsen trägt? Bestimmt! Viele machen das ja aus Modegründen. Das nächste Mal muss ich mich echt zusammenreißen. Der hält mich sonst noch für total zurückgeblieben.

Jetzt hört Luca ein startendes Motorrad. Es wird Gas gegeben. Nicht lange und das knatternde Geräusch entfernt sich, bis nichts mehr zu hören ist.

Was er nicht ahnt: Jackson hatte einen Moment gebraucht, um sich daran zu erinnern, wie er seine Maschine starten muss; so dermaßen hatte ihn Lucas Anblick aus dem Konzept gebracht. Verdammt, sieht der gut aus ! Sein Herz raste wie verrückt, als er losfuhr.

Aah! Ich bin sowas von geschafft . Luca hat sich nach einer schönen heißen Dusche eine alte Jogginghose und ein Shirt übergezogen. Seine langen Haare sind noch klamm, doch er hat keinen Bock, nach seinem Fön zu suchen oder sich einfach durch fremde Sachen im Bad zu wühlen. Die trocknen auch so . Sein gemarterter Körper sehnt sich nach Ruhe. Ausstrecken! Ja!! Das tut gut! Seit gestern Morgen ist er auf den Beinen. Er hatte den ganzen Tag gearbeitet, seine kleine Krise bekommen und war daraufhin so gegen 8:00 Uhr – nach einer durchwachten Nacht – abgehauen. Ein paar Klamotten in zwei Reisetaschen geschmissen, seine Papiere gegriffen und dann auf und davon. Zwei Stunden lang war Luca einfach drauf los gefahren. Nur weg! Weg von dem Stress! Weg von den ganzen Menschen, der Bedrängnis. Luca bekam irgendwann einfach keine Luft mehr. Und Joey interessiert es doch nicht wirklich, wie es ihm geht. Hauptsache, sein Goldesel schuftet klaglos und brav vor sich hin. Unermüdlich. Wie eine Maschine, ein Roboter.

Ich bin aber keine Maschine , denkt er traurig, während er einen Unterarm über seine brennenden Augen legt. Ich muss mich ausruhen. Mein Kopf tut weh und ich bekomme keinen klaren Gedanken zu fassen. Schlafen! Ich muss dringend schlafen .

Vorhin hatte sich Luca ein wenig in der fremden Wohnung umgesehen. Behutsam war er durch die Räume geschlichen. Als könnte jederzeit ein Alarm losgehen und sich eine bewaffnete Polizeibrigade auf den Eindringling stürzen. Er fühlt sich natürlich noch sehr fremd.

Das Wohnzimmer ist recht gemütlich. Zwei kleine Sofas, ein Sessel, ein alter riesiger Holzkoffer als Tisch. Einige Regale mit Büchern und das war’s. Kein Fernseher, eigenartig.

Das Bad mit seinen alten schwarz-weißen Bodenfliesen reicht gerade aus, um Dusche, Badewanne, WC und Waschbecken unterzubringen. Nicht zu groß und nicht zu klein.

Die Küche: ein großer Holztisch, zwei Stühle und an der Wand eine grobe lange Holzbank. Die Kücheneinrichtung ist ziemlich alt. Die Verkleidungen der Hängeschränke bestehen aus dunklerem Holz. Ansonsten sind keine Besonderheiten zu sehen. Bis auf den Boden, der aus kleinen schwarz-weißen Fliesen besteht, ähnlich wie im Bad. Luca hätte wetten können, dass die noch original aus der Gründerzeit sind. Die Küche ist definitiv der gemütlichste Ort der Wohnung.

Einen kurzen Blick wagte er natürlich auch in Jacksons Zimmer. Da kommt man auch kaum dran vorbei, da es keine Türe hat. Ob das gewollt ist? Auf jeden Fall ist es ähnlich eingerichtet wie Lucas. Keine großartigen Besonderheiten. Es wirkt clean, fast unpersönlich. Ein paar Klamotten lagen auf dem Bett. In einer Ecke des Raumes standen zwei Gitarren an die Wand gelehnt. Eine alte zerkratzte blau-schwarze E-Gitarre und eine ebenfalls in die Jahre gekommene zwölfsaitige Westerngitarre.

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