I. Tame - Antiheld

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Luca ist ein sanfter mitfühlender Mensch. Seine Fähigkeiten als Heiler ebnen ihm einen neuen beruflichen Weg. Das ist jedoch nicht ganz einfach, wenn man einen skrupellosen Manager an seiner Seite hat. Luca fühlt sich ausgebrannt und haut in einer spontanen Nacht- und Nebel-Aktion ab. Nachdem er einige Stunden ziellos über die Autobahn fährt, entscheidet er sich spontan für die Kleinstadt Loewenherz, um sich dort für eine Weile zu verkriechen.
Hier lernt er Jackson kennen. Der hat gerade ein Zimmer zu vermieten und Luca packt die Gelegenheit beim Schopf.
Jackson führt ein eigenwilliges Leben. Er fährt Motorrad und spielt für sein Leben gern Gitarre. Auf einen festen Job pfeift er, denn mit Geld kann er nicht viel anfangen. Alles was er braucht, organisiert er sich – frei nach dem Prinzip: Eine Hand wäscht die andere.
Sein Motto: Jeder sollte nur das machen, was ihn wirklich von ganzem Herzen erfüllt.
Zwischen Luca und Jackson funkt es heftig. Und obwohl es scheint, dass sie so gar nicht zueinander passen, wollen sie es miteinander versuchen.
Ob das klappt? Ihre Chancen stehen 50:50.

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Aufgeregt beugt sich Jackson vor. „Kannst du besser hören?“, fragt er neugierig.

„Ich weiß nicht!“, erwidert Absinth gequält. „Alles erscheint mir lauter, intensiver … aber nicht unbedingt angenehm.“ Kläglich blickt er seinen Freund an. „Das war beängstigend, sag‘ ich dir. Kaum hatte der seine Hände auf meine Ohren gelegt, als mein ganzer Kopf anfing zu kribbeln und dann wurden meine Ohren so heiß, als ob ich den Schädel auf die Heizung gelegt hätte. Warum hab‘ ich das nur zugelassen?! Der hat mich total hypnotisiert mit seinen schwarzen Augen.“

Jackson mustert den zierlichen Punk, der durch seine jammernde Erzählung und sein Mißempfinden noch zerbrechlicher als üblich wirkt.

„Jetzt beruhige dich erstmal. Hier! Nimm einen Schluck!“

Auffordernd schiebt er sein Glas in Absinths Richtung. Dieser nimmt es dankbar entgegen.

„Wenn er tatsächlich was an deinem Gehör verbessert hat, dann ist es doch eigentlich logisch, dass du erst einmal alle Geräusche als zu laut empfindest, oder? Ich meine, du hast dich doch an das Scheppern und das schlechte Hören mit der Zeit gewöhnt. Am besten gehst du morgen zum HNO und lässt alles abchecken. Vielleicht ist ja was dran und er hat dir einen unglaublichen Gefallen getan. Auf jeden Fall kann ich mir nicht vorstellen, dass er dir schaden wollte.“

Nachdenklich starrt Abs vor sich hin, bevor er schließlich zustimmend nickt; wenn auch nur zögerlich.

„Du hast wohl recht. Mal abwarten.“ Nicht auszudenken, ich könnte ohne Geschepper mein Saxophon spielen , denkt er sehnsüchtig.

картинка 6

In der Zwischenzeit hat Luca seine Vorräte verstaut und einiges an Gemüse vorbereitet, um später daraus eine Gemüsepfanne zuzubereiten. Während er einen der appetitlichen Äpfel verspeist, die er ebenfalls erstanden hat, sitzt er nachdenklich auf der Wohnzimmercouch. Absinths plötzlichen Abgang hat er erst einmal verdrängt. Ungewöhnliche Reaktionen ist Luca gewohnt. Nicht jeder kommt damit klar, wenn sich von jetzt auf gleich seine Beschwerden bessern oder gar verschwinden. Irgendeine Reaktion erzielt Luca immer. Er weiß nicht genau wie es funktioniert. Er weiß nicht genau was in dem Moment der Heilung passiert. Und er ist sich nicht sicher, wie tiefgreifend die Heilung jeweils ist. Doch eines steht fest: noch niemals hat jemand vor ihm gesessen oder gelegen, der in diesem Moment keinen physischen Effekt verspürt hätte.

Noch erstaunlicher reagieren Tiere auf ihn. Als wüssten sie, dass ihnen geholfen wird; als spürten sie auf einer anderen Ebene, dass Luca Heilung bringt. Hunde schmeißen sich ihm vor die Füße. Katzen drängeln sich reibend und schnurrend gegen seine Beine. Und selbst ein Graupapagei ließ sich von ihm behandeln; sprang wie selbstverständlich auf Lucas Arm, den er ihm vor die geöffnete Käfigtüre hielt. Die Besitzerin war alleine von dieser Szene dermaßen beeindruckt, dass sie sich während der gesamten Sitzung nicht mehr beruhigen konnte. Noch nie hatte ihr Papagei einem fremden Menschen gestattet, ihn anzufassen. Und dann saß er geduckt auf Lucas Unterarm, fast angekuschelt und ließ zu, dass dieser Mann die andere Hand auf seinen kahlgerupften Körper legte.

Und ja, natürlich macht Luca mit seinen Sitzungen eine Menge Geld. Sonst wäre doch ein Typ wie Joey nicht so dermaßen darauf erpicht, Lucas Zeit bis auf die Minute zu verplanen.

Die Menschen bekommen erklärt, dass sie unentgeltlich behandelt werden. Niemand wird gezwungen, eine Gebühr oder ähnliches zu entrichten. Freiwillig können sie ein ‚Geschenk‘ in beliebiger Höhe geben. Keine Spende, keine Gebühr. Wie Joey das mit dem Finanzamt regelt, will Luca gar nicht so genau wissen.

Man sollte meinen, dass die Leute jemanden wie Luca ausnutzen und übers Ohr hauen würden. Doch das Gegenteil ist der Fall. Kaum einer verlässt ihn, ohne ein Geschenk zu hinterlassen. Und sollte seine Heilsitzung bei einem Menschen einen durchschlagenden Erfolg haben, zum Beispiel eine Krebsheilung oder ähnliches, setzt schon mal im Nachhinein ein Geldsegen ein, der seinesgleichen sucht. Aber das meiste Geld verdienen sie, indem Luca so viele kranke Menschen wie möglich behandelt. Joey hatte ihn schon sehr oft bearbeitet, dass sie gezielt betuchte Kundschaft ansprechen sollten, doch bisher war er damit bei seinem Goldesel auf taube Ohren gestoßen. Jedesmal, wenn Luca ‚Nein‘ sagt, jammert Joey genervt herum. Er hat sehr gute Verbindungen in die Upper Class der Gesellschaft und stirbt bei Lucas Weigerung fast den Heldentod, weil er keine eigenen Termine machen darf. Luca besteht weiterhin auf der Praxis der ‚offenen Türe‘. Wer zuerst kommt, wird zuerst behandelt.

Jetzt seufzt er, während er lustlos an seinem Apfelrest knabbert. Also los! Bring’s hinter dich , befiehlt er sich selbst in Gedanken. Er zieht sein Handy hervor, schaltet es ein und wählt wie von selbst Joeys Nummer. Hat es überhaupt geklingelt? Luca kommt es vor als hätte Joey abgenommen, bevor die Leitung überhaupt steht.

„Luca?! Luca, wo bist du!! Du kannst doch nicht einfach abhauen! Du machst dir keine Vorstellung davon, was hier los ist! Die Leute sind sowas von enttäuscht und einige auch ganz schön sauer. Hier drängeln sich die Menschen vor der Türe und ich muss sie alle wegschicken. Wo bist du denn nur? Warum haust du bei Nacht und Nebel ab?“

Bewusst langsam atmet der Angesprochene ein und aus, während er sich in die Polster zurücklehnt. Typisch Joey. Nicht EINE Frage nach seinem Befinden.

„Ich kann nicht mehr!“, setzt Luca leise an. „Ich kann einfach nicht mehr, Joey.“

Jetzt hält sich sein Manager doch zurück. Man merkt wie schwer es ihm fällt. Ein mitfühlendes langgezogenes Geräusch entfährt ihm. Doch handelt es sich dabei tatsächlich um Mitgefühl? Es könnte auch Joeys genervte Anspannung zum Ausdruck bringen. Er seufzt herzzerreißend.

„Jetzt hör‘ mal, Luca! Ich weiß, dass die letzte Zeit anstrengend für dich war. Doch wir haben auch richtig gut Geld verdient. Wir wollten doch über einen Hauskauf nachdenken; da ist gerade ein schöner alter Landsitz am Stadtrand auf dem Markt, in dem man unten helle Praxisräume einrichten könnte. Das wolltest du doch auch. Wir könnten wie die Könige wohnen und hätten ein adäquates Umfeld für deine Heilungen. Doch das erfordert harte Arbeit und da kannst du nicht einfach von heute auf morgen alles hinschmeißen. Guck mal, ich könnte doch vielleicht einige separate Termine machen. Da haben wir schon so oft drüber gesprochen. Das sind Leute, die sich ihre Gesundheit wirklich was kosten lassen. Und wenn sich das in dieser Gesellschaftsschicht rumspricht, dann glaub‘ mir, Luca … dann sind wir bald Millionäre. Dann kannst du auch kürzer treten. Du arbeitest weniger, die Leute reißen sich um dich und überbieten sich geradezu, dich zu treffen. Wenn die Frauen dich sehen …“ Er gibt ein bewunderndes Geräusch von sich. „Die flippen aus, von einem Typen wie dir behandelt zu werden.“

Luca reibt sich über seine schmerzende Stirn. So oft hat Joey ihn bereits belabert. So oft Bilder einer berauschenden Zukunft gemalt; quasi sorgenfrei. Doch wenn Luca länger darüber nachdenkt, sieht er sich immer mehr als Scharlatan. Als jemand, der vielleicht am Ende nur noch wie ein reizendes Accessoire unter den oberen Zehntausend herumgereicht wird. Das stößt ihn ab. So will er nicht sein. Doch die Aussicht auf weniger Arbeit mit mehr Verdienst … wer könnte da auf Dauer abgeneigt sein?

„Joey, ich mach‘ jetzt erst mal eine Zeit lang Urlaub. Ich bin völlig fertig. Ich ertrage das alles gerade nicht, verstehst du das? Jeden Tag dermaßen viele Menschen. Ich werd‘ nur noch mit Leid konfrontiert. Und die ganzen Hoffnungen, die Erwartungen … Ich bin so dermaßen ausgepowert.“ Seufzend bricht er ab und wischt sich mit dem Handrücken über die feuchten Augen. „Es tut mir wirklich leid, dich zu enttäuschen, Joey … wirklich.“

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