I. Tame - Antiheld

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Luca ist ein sanfter mitfühlender Mensch. Seine Fähigkeiten als Heiler ebnen ihm einen neuen beruflichen Weg. Das ist jedoch nicht ganz einfach, wenn man einen skrupellosen Manager an seiner Seite hat. Luca fühlt sich ausgebrannt und haut in einer spontanen Nacht- und Nebel-Aktion ab. Nachdem er einige Stunden ziellos über die Autobahn fährt, entscheidet er sich spontan für die Kleinstadt Loewenherz, um sich dort für eine Weile zu verkriechen.
Hier lernt er Jackson kennen. Der hat gerade ein Zimmer zu vermieten und Luca packt die Gelegenheit beim Schopf.
Jackson führt ein eigenwilliges Leben. Er fährt Motorrad und spielt für sein Leben gern Gitarre. Auf einen festen Job pfeift er, denn mit Geld kann er nicht viel anfangen. Alles was er braucht, organisiert er sich – frei nach dem Prinzip: Eine Hand wäscht die andere.
Sein Motto: Jeder sollte nur das machen, was ihn wirklich von ganzem Herzen erfüllt.
Zwischen Luca und Jackson funkt es heftig. Und obwohl es scheint, dass sie so gar nicht zueinander passen, wollen sie es miteinander versuchen.
Ob das klappt? Ihre Chancen stehen 50:50.

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Wenn da eine Zwanzigjährige heulend vor dir sitzt und dir erzählt, dass ihr zweijähriges Kind Blutkrebs hat und du ihre letzte Hoffnung bist. Was machst du dann? Hmm? Stehst du dann auf und sagst „Sorry, ey. Bin grad nicht so gut drauf. Ich muss mal eben weg. Komm doch bei Gelegenheit mal wieder vorbei?“ Luca redet sich in Rage. Sein Solar Plexus beginnt zu flattern. Er will sich eigentlich gar nicht so dermaßen in dieses Thema hineinsteigern. Warum nur hat er immer das Gefühl, sich entschuldigen zu müssen? So ein verdammter Scheiß!!

Er holt tief Luft. „Nein!“, redet er mit brüchiger Stimme weiter. „Du machst mehr als in einem normalen Beruf. Du machst immer weiter und weiter und weiter. Du wirst zum Roboter. Deine Gefühle zu alltäglichen Dingen stumpfen ab.“ Und deine verdammte Libido , fügt er in Gedanken hinzu.

„Ja, ist ja schon gut!“ Abwehrend hält Absinth seine Hände hoch. „Beruhige dich, Mann! Konnte ja nicht wissen, dass du dermaßen ausgebrannt bist. Wie funktioniert das denn eigentlich? Murmelst du irgendwelche indianischen Sprüche? Könnte ich mir bei dir gut vorstellen.“ In der Hoffnung, ihn ein wenig aufzumuntern, grinst er sein Gegenüber breit an. „Musst ja ein mächtiger Zauberer sein, wenn du sogar Blutkrebs heilen kannst.“

Luca legt seufzend den Kopf schief. „Willst du mich nur verarschen oder meinst du diese klischeehaften Fragen tatsächlich ernst?“

„Nein, keine Verarsche!“, beteuert Abs eilig. Doch sein schiefes Grinsen bleibt.

Luca sieht ihm tief in die Augen. So tief, dass Absinth ein wenig mulmig zumute wird. Wow, hat der Typ dunkle Augen. Hypnotisch .

„Ich würde nicht unbedingt behaupten, dass ich alleine den Blutkrebs heile. Doch meine Gabe unterstützt zumindest die ärztliche Behandlung. Ich weiß nie so genau wie intensiv es wirkt. Das kommt auf die Person an, die Heilung sucht. Bist du unvoreingenommen? Bist du offen für eine Alternative zur Schulmedizin? Hast du Vertrauen? Die Antworten auf solche Fragen spielen eine große Rolle. Du willst wissen wie das abläuft?“

Abs zieht ratlos die Schultern hoch.

Die letzte Frage war rein rhetorisch. Luca ignoriert Absinths Geste.

„Also, ich konzentriere mich … so wie jetzt“, erklärt Luca mit beängstigender Ruhe. „Dann atme ich mehrmals tief ein und aus. Dadurch werde ich noch ruhiger und konzentrierter.“ Tiefe Atemzüge heben und senken Lucas Brustkorb. „Und dann …“ Er beugt sich über die Tischplatte und winkt kurz mit seinen flachen Händen. Automatisch beugt sich Absinth ebenfalls vor.

„Dann berühre ich meinen Patienten – oft an der Körperstelle, an der er Heilung benötigt … und Energie fließt …“

Sanft, fast unmerklich legt Luca seine flachen Hände auf Abs‘ Ohren. Kaum berührt er sein Gegenüber, reißt dieser seine Augen überrascht auf.

„Das … das kribbelt … verdammt … ey … mach‘ bloß keinen Scheiß!“

„Ich könnte dir niemals Schaden zufügen.“ Luca redet langsam, wie in Trance. „Wenn du dich entspannst und keine Angst hast, wirkt es noch besser.“

Zwar zittert Absinth ein wenig, doch er scheint sich gefangen zu haben. Laut atmet er durch den geöffneten Mund. „Das wird ganz heiß“, keucht er erstaunt.

„Gut. Das ist gut“, murmelt Luca. Eine Minute später streichelt er einmal kurz mit den Daumen über Absinths Ohren. Dann zieht er die Hände zurück.

Ein fast erotisches Seufzen entfährt ihm. Er schließt die Augen, bevor er aufsteht und seine Hände unter kaltem Wasser abwäscht.

„Das war jetzt wirklich nur ein kleiner Bruchteil der üblichen Behandlungszeit“, murmelt er mehr zu sich selbst.

Schließlich dreht er sich um. „Merkst du was?“, fragt er den leichenblassen Punk mit den knallroten Ohren.

Doch Jacksons Freund ist noch nicht in der Lage zu antworten. Er starrt Luca an wie das achte Weltwunder. Was er empfindet kann er nicht in Worte kleiden. Da passiert gerade zu viel in seinem Körper, in seinem Kopf. Gedanken, Emotionen, rationale Erklärungen schwirren durcheinander.

Ruckartig steht er auf, schnappt seinen Tabak und verlässt die Küche. Die zuschlagende Haustüre wirkt wie ein Ausrufungszeichen hinter der wortlosen Aussage: Ich muss weg.

Die ‚Nachtbar‘ liegt eine gute Viertelstunde zu Fuß von Absinths und Jacksons Wohnhaus entfernt. Abs marschiert wie ein aufgezogener Zinnsoldat. Er atmet laut keuchend durch seinen geöffneten Mund. Ab und zu schüttelt er den Kopf als hätte er Wasser in den Ohren. Was genau mit seinem Körper passiert, könnte er gar nicht exakt in Worte fassen. Er ist zu überrascht. Der Typ hat mich voll überrumpelt. Was ist das nur?

Und wieder reibt er sich mit den Handballen kurz über seine Ohren. Irgendwie klingen die Straßengeräusche ziemlich intensiv. Vorbeifahrende Autos rauschen lauter. Anders als üblich. Sein durch zu laute Musik verletztes Gehör scheppert üblicherweise bei Belastung. Das hat sich irgendwie gewandelt. Der Lärm scheint ungefiltert in seinen Kopf einzudringen. Langsam stellen sich leichte Kopfschmerzen ein.

Da drüben liegt die ‚Nachtbar‘. Da hilft Jackson heute dem dicken Barry beim Umräumen seines Lagerraumes. Irgendein Notausgang musste freigeräumt werden. Diese Gelegenheit nutzt Barry, um sein gesamtes Lager umzuorganisieren. Sein kleiner Kellner kann ihm nicht helfen, weil dessen Hand gebrochen ist und so hatte Barry sich an Jackson gewandt.

Schwungvoll betritt Abs den Schankraum. Gott sei Dank! Jacks sitzt schwitzend an einem der Tische, ein Glas Cola in der Hand. Er lächelt.

„Hey, Abs! Du kommst zu spät. Wir sind schon fertig.“

Sein Shirt klebt verschwitzt an der Brust und Jacksons dunkelblaue Haare glänzen durch den Schweiß wie mit Lack besprüht. Absinth findet seinen Freund einfach nur schön; da kann er noch so verschwitzt und fertig aussehen. Jetzt lächelt er ebenfalls, während er sich einen Stuhl heranzieht.

„Ich muss dir dringend was erzählen … über deinen Mitbewohner“, setzt er aufgeregt an.

„Ja?“ Anzüglich zieht Jackson eine Augenbraue hoch. „Dann leg‘ mal los. Bin auf alles gespannt.“

Abs presst leicht angepisst die Lippen aufeinander. Der ist sowas von scharf auf den Typen. Mist!

Doch dann konzentriert er sich wieder auf die unglaubliche Geschichte, die er Jackson zu erzählen hat.

„Weißt du eigentlich was der so macht? Und warum er sozusagen auf der Flucht ist?“

Jackson verzieht ratlos den Mund und zuckt einmal mit den Schultern.

„Nee, wollte er nicht drüber reden.“

Absinth reibt einmal sein rechtes Ohr gegen die Schulter.

„Dann pass mal auf! Ich hab‘ heute seinen Namen gegoogelt. Luca Denero. Und weißt du was ich da rausgefunden hab‘?“

„Spuck’s endlich aus, Abs!“, erwidert Jackson, während er sich mit beiden Händen die nassgeschwitzten Haare aus der Stirn kämmt.

„Der ist Heiler! So einer, der den Leuten die Hände auflegt und angeblich schwerste Krankheiten heilt. Einfach so. Manchmal von jetzt auf gleich. Da wurden Leute zitiert, die geradezu ehrfurchtsvoll über ihn sprachen. Wenn du mich fragst, hat der einfach nur einen geilen Weg gefunden, den Idioten die Kohle aus der Tasche zu ziehen.“

Er hält inne; seine Erzählung stockt. „Aber trotzdem …“, setzt er langsamer an und blickt Jackson mit gerunzelter Stirn in die Augen. „Irgendwas stimmt mit dem nicht. Denn … eben war ich unten bei dir; hab‘ ein bisschen mit ihm geplaudert und ihm erzählt, was ich über ihn rausgefunden hab‘. Als ich ihn gefragt hab‘, wie er das denn so macht – seine Heilungen – da hat er mir die Hände auf die Ohren gelegt und jetzt … jetzt … irgendwas ist anders.“

Erneut schüttelt er leicht den Kopf und steckt sich anschließend pulend den kleinen Finger in einen Gehörgang.

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